Mal so, mal so. Aber immer: ich!

08 / 2013 von:  Heiko Ernst
 

Ein Mitbegründer der modernen Psychologie als Wissenschaft, der amerikanische Philosoph William James, schrieb 1890: „Der Charakter des Menschen ist spätestens mit dreißig so erstarrt wie Gips, und er wird nie wieder weich werden.“ Wir bekräftigen diese Ansicht jedes Mal, wenn wir etwa sagen: „Typisch Leonie!“ Oder: „Was konnte man von Rolf schon anderes erwarten!“ Aber sind wir tatsächlich das Ensemble von mehr oder weniger „erstarrten“ Eigenschaften und Reaktionsweisen? Ist da wirklich nichts mehr zu machen? Diese Frage treibt die Psychologie seit ihrem Bestehen um: Gibt es überhaupt so etwas wie einen fixen Charakter oder ein stabiles Selbst? Ist der einzelne Mensch eher festgelegt und definiert (= begrenzt), oder ist er im Wesentlichen fluide, flexibel und anpassungsfähig? 

Das Ideal der Authentizität steht heute hoch im Kurs, und alle Welt gibt vor, sich nach echten Charakteren, nach „Typen“ zu sehnen, auch wenn sie unbequem sind, „mit Ecken und Kanten“. Diese Sehnsucht wächst, weil seit längerem schon das Schreckensbild vom stromlinienförmigen, überangepassten und „charakterlosen“ Menschen durch die Feuilletons und Seminare geistert. Soziologen wie Richard Sennett beschreiben den „flexiblen Menschen“ als den vorherrschenden Sozialcharakter unserer Zeit: die im Wortsinne biegsame und entkernte Persönlichkeit, die sich immer stärker an äußere Anforderungen anpasst. Karl Marx hatte es seinerzeit so ausgedrückt: „Der Mensch ist das Ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse.“ Und dass Individualität und Echtheit ohnehin nur Illusionen seien, behauptete T. W. Adorno: „Bei manchen Menschen ist es schon eine Unverschämtheit, wenn sie ,Ich‘ sagen.“

Auch deshalb hat der Begriff Flexibilität oft einen bitteren Beigeschmack. Er riecht nach Anpassung und Selbstaufgabe. Die psychologische Realität ist jedoch eine andere. Im Alltag entpuppt sich der vermeintliche Charakter als Schmalspurpersönlichkeit. Und wir alle haben uns angewöhnt – gerade unter dem Druck der Verhältnisse –, auf Autopilot-Modus zu leben, in einem Gefängnis von Verhaltensgewohnheiten. Das wird immer dann spürbar, wenn das dumme Gefühl auftaucht, wieder einmal nicht angemessen aufgetreten zu sein: zu laut oder zu leise, zu ängstlich oder zu leichtsinnig, zu engagiert oder zu gleichgültig. Nur wenige Menschen sind so selbstzufrieden, dass sie sich nicht wünschten, auch mal ganz anders sein zu können. 

Ein neuer Ansatz der Persönlichkeitspsychologie geht davon aus, dass wir über sehr viel mehr Spielräume in unserem Verhalten verfügen, als wir glauben (S. 20). Wir haben uns meist zu sehr in unseren Gewohnheiten eingerichtet, halten sie für unser Wesen und sind der festen Überzeugung: Ich kann nicht anders! Aber wir können doch anders. Das zeigt schon die Tatsache, dass wir uns – wenn auch selten – selbst überraschen: Der allzeit Sachliche ist plötzlich charmant und gesprächig, das vermeintliche Mauerblümchen dreht auf, und der Schüchterne geht mutig voran. Diese Flexibilität bedeutet: Ich erweitere mein Verhaltensrepertoire – wenn es die Situation verlangt. Nicht, um mich an alle und jedes anzupassen, sondern um bestimmten Lebenslagen besser gewachsen zu sein, um freier zu werden. 

Es gibt eine Anpassungsbereitschaft, die nicht mit Selbstverleugnung oder Verstellung verwechselt werden sollte. Sie gleicht eher dem Ausbruch aus dem Gefängnis der Gewohnheiten. Man sollte die Charakterfrage also anders stellen: Wie viel Spielraum gewähren wir uns selbst im Umgang mit anderen? Statt forcierter Authentizität, statt einer bequemen Ich bin halt so ich kann nicht anders-Attitüde dürfen wir flexibel sein. Es kommt im Leben häufig darauf an, wie wir uns im Umgang mit anderen verhalten – das heißt: wie zurückhaltend oder nachdrücklich, wie engagiert und wie entspannt wir sind, wenn das die jeweils angemessene, „richtige“ Verhaltensweise ist. Charakter zeigt sich manchmal auch daran, wie sehr wir uns selbst überwinden und überraschen können.

 

Diesen Artikel:

Aboservice

Jahres-, Studenten- oder Geschenkabo: Sie wählen Ihr Abonnement – wir bieten interessante Prämien! Zum Abo-Shop.

 

 

Neu im Shop

Wolfgang Schmidbauer: Raubbau an der Seele

Psychogramm einer überforderten Gesellschaft
gebunden, 256 Seiten, oekom Verlag, 2017

22,00 €inkl. 7% MwSt.