Mein gutes Recht

05 / 2013 von:  Heiko Ernst
 

Eine der meistgebrauchten Phrasen unserer Zeit ist die Rede von der „Augenhöhe“, auf der sich alle begegnen wollen. Darin scheint der Wunsch auf, es möge – bei allen Unterschieden – doch respektvoll und gleichberechtigt zugehen: zwischen Männern und Frauen, Alten und Jungen, zwischen Chefs und ihren Angestellten, Migranten und „Inländern“, Firmen und Kunden, zwischen Kollegen, Konkurrenten oder Nachbarn. Vermutlich müssten wir die „Augenhöhe“ nicht ständig beschwören, wenn sie selbstverständlich wäre und wir tatsächlich von Gleich zu Gleich miteinander umgingen. Aber das gefühlte soziale Klima ist eher rauer und der Umgangston oft rüde bis feindselig geworden. So sehr, dass man sich heute über unverhoffte Höflichkeit, Fairness oder gar Freundlichkeit wie über einen Glücksfall freut.

Der Kampf um die eigenen Interessen und um kleinste Vorteile wird verbissen geführt, mit versteckten Taktiken wie Mobbing und Manipulation, aber auch mit Dreistigkeit und Überrumpelung. Häufig ist das eine Art Vorwärtsverteidigung: Das Gefühl, immer wieder mal über den Tisch gezogen zu werden, ist weit verbreitet. Und die Streitbereitschaft, etwa zwischen Nachbarn, ist enorm. Der Jurist und Bestsellerautor Bernhard Schlink beschreibt eine zunehmende Verrechtlichung der Beziehungen: Statt einvernehmliche Lösungen für Streitfälle zu suchen, stellt man sich, wie es im Juristendeutsch heißt, erst mal „strittig“. Entfernen wir uns vom Ideal der egalitären, zivilisierten Bürgergesellschaft?

Mitte der 1970er Jahre entwarf Jürgen Habermas seine Theorie des kommunikativen Handelns. Das Ziel von Sprache und von diskursiven Prozessen in der demokratischen Gesellschaft müsse die „Verständigung“ zwischen den Menschen sein: Aufgeklärte und selbstbewusste Bürger sprechen miteinander – nicht taktisch und erfolgsorientiert, sondern fair, vernünftig und gerecht. Um den „herrschaftsfreien Diskurs“ führen zu können, braucht es aber Interaktionskompetenz. Erst wer diese Fähigkeit erworben hat, kann die „ideale Sprechsituation“ erreichen, in der die Sprechenden „dem zwanglosen Zwang des besseren, weil einleuchtenderen Arguments“ folgen können. Fast zeitgleich erschien in den USA ein Klassiker der Kommunikationspsychologie. Robert Alberti und Michael Emmons schrieben mit Your Perfect Right (auf Deutsch etwa: Dein gutes Recht) eine praktische Anleitung, wie sich die Ideale von Gleichheit und Respekt im Alltag verwirklichen lassen. Alberti und Emmons sind die Gründerväter des sogenannten „assertiven Trainings“. Ihr Credo: Nur selbstsichere Menschen sind in der Lage, ihre Interessen und Rechte auf zivilisierte und respektvolle Weise zu wahren (Seite 20). 

Vierzig Jahre später, in der neunten Ausgabe ihrer millionenfach verkauften Selbstbehauptungsbibel, fragen sich die beiden Autoren: „Haben wir möglicherweise ein Monster erschaffen?“ Manche Menschen haben das gute Recht auf Selbstbehauptung umgemünzt in nervige Rechthaberei, kleinliches Nörgeln oder barsche Zurechtweisung. Sie verkürzen die komplexe Idee der assertiveness auf ein „Lass dir bloß nichts gefallen!“. Jeder von uns hat schon solch überschießende Selbstbehauptung erlebt – meist schöne Anlässe zum Fremdschämen: Wenn ein sonst eher schüchterner Freund plötzlich aufdreht und einen Kellner wegen einer Kleinigkeit runterputzt oder wenn ein Hotelgast in gut hörbarer Selbstgerechtigkeit einen Preisnachlass wegen eines tropfenden Wasserhahns verlangt. 

Die eigentliche Botschaft von Alberti und Emmons verdient es, immer wieder neu gehört zu werden: Es geht nicht primär um die Durchsetzung von Interessen, sondern um einen Verhaltensstil, der diese Interessen erst auf Dauer wahren kann – weil er den Respekt für das Gegenüber nicht vergisst. Die Ausdrucksformen der Selbstsicherheit sind nicht gleichgültig. Sein „gutes Recht“ sollte man nur zivilisiert (und das heißt meist: affektkontrolliert) einklagen. Und damit der sanfte „Zwang des einleuchtenderen Arguments“ wirken kann, müssen wir überhaupt erst bereit sein, gute Gründe zu liefern. Um es im Psychojargon zu sagen: Wo der Geist der Verhandlungsmoral herrschen soll, müssen wir auch Beziehungsarbeit investieren. Selbst wenn wir im Recht sind. 

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