Mildernde Umstände

07 / 2013 von:  Heiko Ernst
 

Ein schade is guot, der zwêne frumen gewinnet.
(Der Schaden ist gut, der zwei Vorteile bringt.)
Walter von der Vogelweide

Alexandre Deschapelles war einer der berühmtesten Schachmeister in den Salons und Cafés des 19. Jahrhunderts. Der frühere General war eigentlich ein Dilettant, und seine wahre Spielstärke war immer umstritten. In Erinnerung blieb er wegen einer Marotte: Jede Partie begann er mit einem Handicap – der Gegner durfte, nein: musste einen Bauern seiner Wahl noch vor dem ersten Zug „schlagen“. Deschapelles, ein notorisch schlechter Verlierer, bezweckte mit diesem Handicap Folgendes: Wenn er verlor, dann wegen diesem. Wenn er gewann, zählte der Sieg umso mehr, denn er wurde trotz des Handicaps erzielt. Man könnte auch sagen: Er verschob die Verantwortung für Sieg oder Niederlage auf die Umstände.

Der Tennisspieler, der gerade einen Matchball versemmelt hat, nestelt an der Bespannung seines Schlägers herum: blödes Racket! Die Promotion wird und wird nicht fertig – aus guten Gründen, versteht sich. Der letzte Schritt zu einem großen Erfolg wird auf „schicksalhafte Weise“ verstolpert: „Ich hätte die Prüfung ohne weiteres bestanden – aber ich musste mich in der letzten Zeit um einen kranken Freund kümmern.“ – Der menschliche Einfallsreichtum ist groß, wenn es darum geht, mildernde Umstände für sich selbst zu erwirken. Meistens sind es Leistungs- oder Bewährungssituationen, in denen wir nach Entlastung oder einer guten Ausrede suchen. Und manchmal helfen wir auf paradox erscheinende Weise nach: Wir sabotieren, schädigen oder behindern uns selbst – bevor es ein anderer tut. Denn wir sind alle höchst sensibel, wenn es um unser Selbstwertgefühl geht. Es gerät immer dann in Gefahr, wenn plötzlich ein Schlaglicht auf unsere Ansprüche und Fähigkeiten fällt – ein Licht, das uns zu sehr ausleuchten könnte. 

Der psychologische Gewinn, der aus solchen selbst verursachten Niederlagen gezogen wird, bleibt für Außenstehende meist rätselhaft. Nicht Selbstbestrafung ist das Ziel solcher Patzer, wie Sigmund Freud in seiner Theorie der „Fehlleistungen“ glaubte. Genau das Gegenteil ist der Fall: Das Selbstwertgefühl wird auf mitunter bizarre Weise vor zu viel Selbstzweifel oder Angst geschützt. Mit der Psychologie der Selbstsabotage lassen sich einige rätselhafte Verhaltensweisen erklären. Und es gibt erstaunlich viele Arten, unter seinen Möglichkeiten zu bleiben. So sabotieren sich viele Menschen etwa aus Furcht vor dem Erfolg. Eine Beförderung brächte neue Verantwortung, der sie sich nicht gewachsen fühlen. Also lassen sie es gar nicht erst zur Bewährungsprobe kommen – und können trotzdem behaupten: Ich bin kein Versager, ich habe mich ja angestrengt. Aber die Umstände! 

Besonders bei Jugendlichen fanden Psychologen eine Reihe von „selbstlimitierenden Stilen“. Viele Drifter, Nichtentscheider, Dilettanten, Perfektionisten, Aufschieber fürchten sich davor, den Herausforderungen nicht gewachsen zu sein oder die hohen Erwartungen von Eltern und Lehrern nicht zu erfüllen. Und unter Hochtalentierten und High Potentials finden sich bemerkenswert viele Underachiever, Minderleister aus Kalkül. Sie verharren in der Mittelmäßigkeit, weil das in ihrer Psycho-Logik immer noch besser ist, als sich eventuell total zu blamieren.

In der Leistungsgesellschaft von heute tarnt sich das Selbsthandicap oft hinter akzeptierten, „ehrenhaften“ Methoden. Weil eine offene Leistungsverweigerung nicht jedermanns Sache ist, bürden sich manche zu viel Arbeit auf – und werden krank. Flucht in die Krankheit kann eine Selbstsabotage sein, um ein größeres Übel abzuwehren: Man entkommt wenigstens für eine Weile dem Rattenrennen, ohne als Versager zu gelten oder an sich selbst zweifeln zu müssen. Burnout, Erschöpfung, Stress bieten eine geeignete, weil selbstschützende cover story für das Nicht-mehr-Können. Es ist gut, wenn wir gnädig mit uns selbst sind. Das geht aber auch ohne Selbstschädigung, wie unsere Titelgeschichte (S. 20) zeigt. 

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