Muss alles raus?

07 / 2014 von:  Heiko Ernst
 

Es gibt Geheimnisse: Das Rezept für die beste Salatsauce. Ein etwas peinliches, aber harmloses Laster. Das erotische Faible für eine unerreichbare Person. Und es gibt richtige Geheimnisse: Eine verborgene sexuelle Neigung nebst Doppelleben, ein Kuckuckskind, ein Verhältnis, die monatelang verheimlichte Arbeitslosigkeit, ein unentdecktes Vergehen oder Verbrechen. Geheimnisse dieser Art sind emotional stark aufgeladen. Sie verstören und quälen, denn wenn sie entdeckt werden, sind Stellung, Ansehen und das Zusammenleben mit anderen gefährdet. 

Solche dunklen Geheimnisse stellen ihre Träger vor eine schwierige Entscheidung. Ist es besser, weiterhin Angst, Unruhe oder Schuldgefühle zu ertragen und die Schwäche, den vermeintlichen Makel, die unentdeckte Verfehlung verborgen zu halten? Oder ist die Flucht ins Offene eine Erlösung? Für die muss man jedoch einen Preis bezahlen (manchmal ganz im pekuniären Sinne – die Tarife für Selbstanzeigen nach Steuerhinterziehungen steigen). Vertrauen wird erschüttert oder geht möglicherweise völlig verloren. Und was ist, wenn das Geheimnis durch einen dummen Zufall entdeckt, wenn man geoutet oder denunziert wird? Wie gut könnten wir – und die Mitbetroffenen – Strafen, Verachtung, Ausgrenzung, Würde- oder Liebesverlust ertragen? 

Sigmund Freud meinte, wir schleppten alle etwas mit uns herum, das wir um jeden Preis vor den anderen verbergen wollen, oft sogar vor uns selbst. Die freudsche Therapie ist im Grunde eine gelungene Geheimnisenthüllung. In seinem Aufsatz Bruchstück einer Hysterie-Analyse (1905) schildert Freud den Fall eines Mädchens, das er über mehrere Jahre behandelte und das unter Atemnot, Migräne, unerklärlichen Hustenkrämpfen und Depressionen litt. Freud witterte eine Verdrängung erotischer Wünsche, genauer: der Verliebtheit des Mädchens in den erwachsenen Freund der Familie. Wie hat sich das Mädchen „verraten“? Nun, es spielte während der Sitzungen mit einer kleinen Geldbörse herum, steckte den Finger hinein, zog ihn wieder heraus. Freud erkannte darin das Zeichen des unterdrückten Begehrens: „Wer Augen hat zu sehen und Ohren zu hören, überzeugt sich, dass die Sterblichen kein Geheimnis verbergen können. Wessen Lippen schweigen, der schwätzt mit den Fingerspitzen, aus allen Poren dringt ihm der Verrat.“

Wie immer man diesen Befund bewertet – richtig ist: Es ist psychisch (und körperlich!) extrem anstrengend, ein Geheimnis für sich zu behalten. Je gefährlicher es ist, desto größeren mentalen und emotionalen Aufwand muss man treiben, um es zu bändigen. Es ist, als lebte man mit einem wachsenden Raubtier in einer engen Wohnung. Kein Wunder, dass Freud in vielen neurotischen Symptomen den Kampf mit einem (sexuellen) Geheimnis sah. Heute wissen wir durch eine Fülle von neuropsychologischen Untersuchungen, dass Geheimnisse enorme Gehirnkapazitäten beanspruchen. Die fehlen uns für andere Aufgaben. Auch die negativen körperlichen Auswirkungen dieser Kontrollarbeit sind nachgewiesen – es gibt einen deutlichen Zusammenhang zwischen der Intensität, mit der Gedanken unterdrückt werden, und Infektions- oder chronischen Erkrankungen. Allerdings haben die Forscher auch eine kleine Gruppe von Menschen identifiziert, die gute „Repressoren“, also geborene Verdränger sind und es ohne Mühe schaffen, etwas für sich zu behalten. 

Offenbarung ist also gesund, zumindest physiologisch betrachtet. Der Psychologe James Pennebaker hat in zahlreichen Studien gezeigt, dass auch das Schreiben eine Form des „Rauslassens“ sein kann, die hilft. Selbst dann, wenn das Geschriebene, etwa in einem Tagebuch, geheim bleibt (siehe S. 38). Aus all diesen Einsichten in die innere Dynamik von Geheimnissen lässt sich dennoch keine Norm ableiten. Und wer darüber nachdenkt, ein Geheimnis wirklich zu lüften, sollte es nicht nur aus selbsttherapeutischen Motiven tun. Er muss sich klarmachen, dass er sich und anderen mühsame Aufräumarbeiten aufbürdet (Seite 20). Deshalb ist abzuwägen: Was folgt aus dem Geständnis? Wem schade ich? Wie kann ich, wie können die Mitbetroffenen mit den Folgen leben? Manchmal ist es besser, ein Geheimnis mit ins Grab zu nehmen.

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