Nehmen Sie nicht den Publikumsjoker!

09 / 2014 von:  Heiko Ernst
 

„Meer oder Berge. Manchmal ist die beste Wahl, nicht zu wählen.“ So wirbt die Provinz Asturien für Ferien an der bergigen Küste Nordspaniens. – Die große Freiheit unserer Epoche heißt: Du hast freie Auswahl! Du darfst! Die Kehrseite: Du musst dich entscheiden, immer wieder! Die Wahlfreiheit wird zunehmend als Wahlzwang empfunden. Weshalb die slowenische Philosophin Renata Salecl in ihrem gleichnamigen Buch von der Tyrannei der Freiheit spricht und der Psychologe Barry Schwartz behauptet: Wirklich autonom ist nur der Mensch, der sich entscheidet, nicht zu entscheiden. Solche klugen Bonmots über die Paradoxien des Lebens erhellen unsere Lage, helfen aber nicht unbedingt weiter. 

Die Freiheit, zwischen hundert Zahnpastasorten und tausend Urlaubszielen wählen zu können, ist ein Wohlstandsphänomen, das mitunter lästig sein kann. Die Qual der Wahl spüren wir erst dann so richtig, wenn es um lebensprägende Dinge geht – etwa bei der Berufs- und Partnerwahl oder in Geld- und Gesundheitsfragen. Dann ertappen wir uns nicht selten dabei, dass wir das Schicksal, den Zufall oder eine Laune entscheiden lassen – um die Verantwortung für eine Entscheidung ein bisschen wegzuschieben. Oder wir sind insgeheim froh, wenn jemand für uns denkt und einen Vorschlag macht, den wir nicht ablehnen können. Daraus wird schnell eine politische Frage: Wer kann oder soll uns wann welche Entscheidungen abnehmen? Eine wohlwollende Bevormundung („libertärer Paternalismus“) erscheint manchen in Wissenschaft und Verwaltung bereits als sinnvolles Politikmodell: Die Menschen in den Demokratien seien oft nicht mehr fähig, Entscheidungen so zu treffen, dass sie sich nicht selbst oder dem Gemeinwesen schaden. Deshalb müsse man nachhelfen – durch sanftes Schubsen oder Lenken in Richtung vernünftiger Optionen. Wie sonst kriegt man die Leute dazu, sich gesünder zu ernähren, mehr Energie zu sparen, bereitwilliger Organe zu spenden? Oder beim Radfahren einen Helm aufzusetzen? 

Begründet wird diese Bevormundung nicht zuletzt mit einer Fülle von psychologischen Forschungsbefunden: Immer deutlicher zeigte sich in den letzten Jahrzehnten, dass wir bei weitem nicht die rationalen Wesen sind, für die wir uns halten. Wir überschätzen unsere Fähigkeit zum klaren Denken enorm. Aber selbst „aus dem Bauch heraus“ sind wir meist keine guten Entscheider. Nicht nur zahllose Denkfehler machen uns zu schaffen, wir sind auch leichte Beute unserer Emotionen und lassen uns von Vorurteilen, Glaubenssätzen, Ideologien leiten (Seite 20). 

Wie lösen wir das Dilemma, bei derart beschränkten Fähigkeiten und angesichts unübersichtlicher Optionen doch hinreichend gute Entscheidungen in eigener Sache zu treffen? Und wie wehren wir uns gegen die systematischen Irreführungen, Überwältigungen oder Verführungen, denen wir als Bürger, Konsumenten oder „Ich-AGs“ ausgesetzt sind? Vielleicht müssen wir tatsächlich einen Schritt zurücktreten – und erst mal nicht entscheiden. Die präsentierten Optionen sind nicht immer die einzigen, auch wenn uns manches – etwa in der Politik – als „alternativlos“ verkauft wird. Allzu oft versuchen wir, möglichst gute Entscheidungen innerhalb des Systems zu finden, und wir lassen außer Acht, welche psychischen und gesellschaftlichen Faktoren uns beeinflussen und manipulieren. 

Unser Ich ist auch die Summe der Wahlen, die wir im Laufe des Lebens treffen. Je besser wir erkennen, wie unsere Entscheidungen zustande kommen, und je distanzierter und autonomer wir wenigstens in den wichtigen Dingen wählen können, desto besser für uns. Der Schriftsteller Isaac Bashevis Singer brachte es so auf den Punkt: „Wir müssen an den freien Willen glauben, wir haben gar keine andere Wahl!“

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