Präkrastination: Der Zwang zum Soforterledigen

06 / 2014
 

Manche Menschen verschieben unangenehme Aufgaben gerne auf später. Für die Prüfung lernen? Klar, irgendwann müssten sie das angehen, das wissen sie. Jetzt aber lieber nicht. Bekannt ist dieses Verhalten als Prokrastination oder Aufschieberitis.

Dass auch das entgegengesetzte Verhalten weit verbreitet ist, war bislang kaum geläufig. Doch genau das hat der Psychologe David Rosenbaum nun herausgefunden. Demnach erscheint es oft verlockend, unangenehme Aufgaben so schnell wie möglich anzupacken – selbst dann, wenn das auf den ersten Blick keinerlei Vorteile mit sich bringt. Um im Beispiel zu bleiben: Studenten, die schon für die Prüfung lernen, bevor der Professor die Themen bekanntgegeben hat, prägen sich Stoff ein, den sie gar nicht benötigen.

Rosenbaum verwendet für solche Handlungsweisen den Begriff Präkrastination. Man könnte auch von Erledigeritis sprechen.

Doch warum sollte jemand freiwillig zu früh mit einer unangenehmen Tätigkeit beginnen? Rosenbaum, der an der Staatlichen Universität von Pennsylvania forscht, sagt: "Zu wissen, dass wir noch etwas erledigen müssen, stresst uns oft." Die Gedanken daran gehen uns nicht aus dem Kopf. Der Wunsch, diese unangenehmen Erinnerungen aus dem Arbeitsgedächtnis zu entfernen, könne dann zu übertriebenen Anstrengungen und unnötigen Risiken führen.

Das Experiment: zwei Eimer mit Münzen

Rosenbaum und seine Mitstreiter Lanyung Gong und Cory Adam Potts stießen durch Zufall auf diese kontraintuitive Verhaltensweise. Eigentlich wollten sie eine andere Fragestellung untersuchen. Bei einem Vorabtest bemerkten sie jedoch: Viele Teilnehmer waren bereit, größere Anstrengungen auf sich zu nehmen – wenn sie nur früher loslegen durften.

Fasziniert von dieser Beobachtung, widmeten sich die Wissenschaftler der Präkrastination genauer. Im Mittelpunkt der neun Versuche standen zwei Eimer. Diese waren entweder leer oder mit mehreren Kilogramm Münzen gefüllt. Die Forscher platzierten die Gefäße an zwei Stellen eines Weges. Den 257 Teilnehmern sagten Rosenbaum und Kollegen: Gehe den Weg entlang ohne anzuhalten, greif dir einen Eimer und bring ihn ins Ziel. Ein Eimer befand sich jeweils näher am Ziel als der andere.

Es wäre vernünftig gewesen, dieses zweite Gefäß zu schleppen.

Doch genau gegen diese Option entschieden sich die meisten Probanden. Mit großer Mehrheit griffen sie den Eimer, den sie zuerst erreichten. Die Folge war: Sie mussten ihn einige Extrameter weit tragen. Mit weiteren Tests konnten die Forscher andere Erklärungen ausschließen. Es lag wohl weder an motorischen Problemen noch daran, dass die Teilnehmer den zweiten Eimer schlicht übersehen hatten.

Gefragt, warum sie sich so und nicht anders verhalten hatten, antworteten viele Teilnehmer: "Wir wollten die Aufgabe so schnell wie möglich erledigen." Rosenbaum hält das für eine plausible Erklärung. "So konnten sie die unerledigte Aufgabe schneller auf ihrer geistigen To-do-Liste abhaken." Dabei sei den Probanden durchaus bewusst gewesen, dass ihre Präkrastination die körperliche Belastung verlängerte. Doch der Wunsch, die geistige Last zu verringern, wog schwerer.

Rosenbaum und seine Kollegen glauben, dass noch viele Fragen zur Präkrastination offen sind. In Zukunft müsse etwa geklärt werden, wie genau Aufschieberitis und Erledigeritis miteinander in Verbindung stehen. Schließen sie einander aus? Oder könnte ein und derselbe Mensch sowohl Aufschieber als auch Soforterlediger sein?

Johannes Künzel

Quelle:
David Rosenbaum u. a.: Pre-crastination. Hastening subgoal completion at the expense of extra physical effort. Psychological Science, 2014. DOI: 10.1177/0956797614532657 (Abstract)
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