Richtig lesen im Gesichtsbuch

03 / 2013 von:  Heiko Ernst
 

Für den ersten Eindruck gibt es keine zweite Chance. In diesem Satz stecken Wahrheit und Ungerechtigkeit zugleich. Der allererste Eindruck, den ein Mensch bei uns hinterlässt, ist sein Gesicht. Es beeinflusst uns oft mit ungerechter, aber umso nachhaltigerer Wirkung. Ist man für sein Gesicht verantwortlich? Jein. Die Architektur unseres Kopfes ist eine Mitgift, für die wir wirklich nichts können. Ein Gesicht erzählt aber auch die Geschichte seines Inhabers, berichtet von seinen Taten, seinem Temperament, seinen Gefühlen. Vorausgesetzt, man liest es richtig.

„Sagt uns die Vernunft nicht, dass jedes Ding in der Welt eine äußere und innere Seite habe, welche in einer genauen Beziehung zueinander stehen?“, schrieb 1775 der Schweizer Philosoph und Theologe Johann Caspar Lavater in seinen Physiognomischen Fragmenten zur Beförderung der Menschenkenntnis und Menschenliebe. Das vierbändige Werk sollte eine Wissenschaft begründen, die es ermöglicht, aus dem Gesicht eines Menschen seinen Charakter zu erkennen. Georg Christoph Lichtenberg spottete über Lavaters Pseudowissenschaft, Goethe und Humboldt fanden sie immerhin interessant, und im 18. und 19. Jahrhundert war Physiognomie ein beliebtes Gesellschaftsspiel: Man ließ sich in Schattenrissen und Scherenschnitten porträtieren und amüsierte sich bei der Deutung von Adler-, Knubbel- oder Stupsnasen. Eine frühmoderne Art von Facebook. Die Physiognomik, die für Lavater „eine würkliche, keine eingebildete Wissenschaft“ war, schaffte es nicht zur Universitätsreife. Neuerdings fasziniert das Gesichterlesen jedoch die Psychologen. Dabei geht es weniger um vermeintliche Wahrheiten, die sich hinter Backenknochen und Augenbrauen, Tränensäcken und Lachfalten verbergen, als vor allem um die Wirkung, die Gesichter auf uns haben (S. 20).

Schon die relative Breite eines Gesichtes, so zeigt die Forschung, lässt uns unbewusst auf Aggressivität und geringere Vertrauenswürdigkeit schließen. Jedenfalls sitzen Eishockeyspieler mit breiten Köpfen wesentlich häufiger auf der Strafbank als ihre Kollegen mit schmaleren Gesichtern. Und Banker bewerten die Kreditwürdigkeit ihrer Kunden ebenfalls nach der Gesichtsform der Antragsteller – die Inhaber breiterer, also „nicht vertrauenswürdiger“ Gesichter müssen im Durchschnitt zwei Prozent mehr Zinsen bezahlen. Tun wir Menschen Unrecht, wenn wir sie aufgrund ihrer Gesichtsform als aggressiv oder wenig vertrauenswürdig einschätzen?

Ungerecht ist auf jeden Fall dieses Faktum: Ein nach landläufigen Kriterien schönes Gesicht bringt fast nur Vorteile – auch finanzielle. Das bloße Aussehen des Gegenübers ist in Vertrauenssituationen immer ein starkes Entscheidungskriterium: Die Schweizer Ökonominnen Donja Darai und Silvia Grätz haben kürzlich herausgefunden, dass gutaussehende Versuchspersonen ihr Gegenüber deutlich öfter dazu bringen, zu ihren Gunsten zu entscheiden – und etwa einen Spielgewinn fair zu teilen. Wir sitzen immer wieder dem Stereotyp auf, dass gutaussehende Menschen auch rundum netter sind – und also auch unser Vertrauen verdienen.

Dass Gesichter uns oft zu falschen Schlüssen verleiten und wir eine Reihe primitiver Stereotype schon für Menschenkenntnis halten, ist eine gut dokumentierte Tatsache. Eine der vielen Castingshows im deutschen Fernsehen namens The Voice of Germany ist deshalb so konstruiert, dass anfangs Gesichtsfairness herrscht: Die Juroren sitzen mit dem Rücken zu den Möchtegern-Stars. Den Sängerinnen und Sängern sollen keine Vor- oder Nachteile durch das Aussehen entstehen. Es kommt ja nur auf die Stimme an …

Das Dumme an Stereotypen ist: Manchmal stimmen sie und erleichtern oder retten uns gar das Leben, und manchmal stimmen sie nicht, und wir liegen gewaltig daneben. Manchmal müssen wir schnell des Pudels Kern erfassen. Wir verlassen uns dann auf Intuition und Instinkt, und die Urteile werden nicht präziser oder „gerechter“, wenn man länger drüber nachdenkt. In sehr vielen Fällen jedoch ist es besser, dem ersten Eindruck doch eine zweite oder gar dritte Chance zu geben.

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