Experimente im Streichelzoo

05 / 2012 von:  Heiko Ernst
 

„Das Leben ist kein Ponyhof!“ Der Volksmund findet anhaltenden Spaß an solchen Weisheiten, jedenfalls ist der Spruch erstaunlich oft zu hören. Meistens soll er den eigenen ironischen Realismus ausdrücken. Und er frotzelt den Adressaten, indem man ihm Illusionen über den Ernst des Lebens unterstellt. Die Metapher vom Ponyhof hat viele Varianten: Das Leben sei auch „kein Wunschkonzert“ und „kein Streichelzoo“, eher schon „eine Baustelle“ oder „wie eine Hühnerleiter (kurz und besch...)“. Die Kernaussage all dieser Redensarten ist dieselbe: „Kapier doch endlich – das Leben ist schwieriger, als du denkst! Man kann nicht alles haben!“

Dass heute so viele Sprüche im Schwange sind, die das Realitätsprinzip intonieren, verweist auf eine Zwiespältigkeit. Sie widersprechen nämlich dem ebenfalls zeittypischen „Alles easy“-Wunschbild, in relativ sorglosen, sicheren und bequemen Verhältnissen zu leben. Tatsächlich ist der Alltag auch in der sogenannten Postmoderne nicht wirklich bequemer oder einfacher geworden, im Gegenteil. Es gibt in unserem Alltag immer öfter Probleme, für die uns erst mal keine Lösung einfällt, und weder Rezepte noch Ratschläge helfen uns weiter. Der Soziologe Ulrich Beck, bekannt geworden als Theoretiker der „Risikogesellschaft“, sieht es so: „Das eigene Leben ist ein experimentelles Leben. Überlieferte Lebensrezepturen und Rollenstereotypen versagen. Zukunft kann nicht aus Herkunft abgeleitet werden. Die Lebensführung ist historisch vorbildlos.“

„Experimentelles Leben“ – das heißt alltagssprachlich: Manchmal hilft nur Durchwursteln. Manchmal gibt es keine einfachen oder schnellen Lösungen für die Aufgaben, die das Leben uns stellt. Weil es trotzdem irgendwie weitergehen muss, improvisieren wir und finden Kompromisse und Zwischenlösungen: Wir sollen Beruf und Familie unter einen Hut bringen, finanzielle Engpässe überbrücken, ungelöste Konflikte aushalten, unsere Zeit zwischen Wünschen und Pflichten aufteilen. Dabei tasten wir uns vor nach dem Prinzip „Versuch und Irrtum“ (Seite 20 und 26).

Manche Menschen tun sich dabei leichter als andere, sie haben schon verinnerlicht, dass sie Bastler und Bricoleure ihrer Lebenskonstruktion sein müssen. Anderen fehlt diese Gelassenheit. Denn noch immer wirkt die Verheißung der Moderne, der Mythos vom geradlinigen Lebensplan, vom allzeit glücklichen Ehe- und Familienleben, vom planbaren Aufstieg und sicheren Erfolg. Und so streben viele Menschen immer wieder nach dem Maximum oder dem Optimum. Dabei übernehmen sie sich regelmäßig, weil „gut genug“ für sie keine akzeptable Qualitätsstufe ist.

Dieser unzeitgemäße Perfektionismus ist beispielsweise in den Erziehungsbemühungen vieler Eltern zu besichtigen. Eltern wollen das Beste für ihre Kinder, wollen alles richtig machen. Sie sind aber heute schwer verunsichert und fühlen sich oft hilflos, etwa angesichts der heimlichen Miterzieher in Medien und Peergroups. Der Dauererfolg von Erziehungsratgebern beweist, wie „experimentell“ es in den Kinderstuben inzwischen zugeht. Der große englische Entwicklungspsychologe Donald Winnicott hat schon vor Jahrzehnten das Erziehungsideal der good enough mother propagiert. Es reicht, wenn eine Mutter (und der Vater kann sich einbeziehen) die Grundversorgung von Liebe und Zuwendung garantiert. Darüber hinaus muss sie keineswegs alles „richtig“ machen, das Kind gedeiht trotzdem. Solche Fehlerfreundlichkeit geht den Super- und Tigermüttern von heute ab.

Probleme lösen heißt aber nicht nur in der Erziehung, über Mittel und Wege und deren Kosten sorgfältiger nachzudenken. Es bedeutet, grundsätzlich in allen Lebensbereichen Fehler machen und experimentieren zu dürfen. Langfristig entstehen nur so wirklich gute Lösungen. „Alles Leben ist Problemlösen“, meinte der Philosoph des kritischen Rationalismus, Sir Karl Popper. Versuch und Irrtum sind keine Universalmethode. Aber sie sind erfahrungsgemäß fast immer besser als kompromissloses Beharren auf dem einzig „richtigen“ Weg.

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