Sechs Richtige

04 / 2012 von:  Heiko Ernst
 

„Zuerst hatten wir kein Glück, und dann kam auch noch Pech dazu.“ Der Fußballprofi Jürgen Wegmann hat sich mit dieser Spielanalyse unsterblich gemacht, und es ist viel über sie gelacht worden. Dabei hat Wegmann fein beobachtet: Das Ausbleiben von Glück bedeutet nicht automatisch, dass man auch Pech haben muss. Der Zufall hat zwei Gesichter. Zwar spielt das Können eine überragende Rolle, aber das Kicken bleibt ein Glücksspiel – wenn der Zufall sich völlig zurückhielte, gingen noch mehr Spiele 0:0 aus, wie langweilig! Ein tröstliches Fußball-Axiom behauptet übrigens, Glück und Pech glichen sich im Laufe einer Saison aus.

Im wahren Leben scheint das anders zu sein: Manche Menschen haben ein Abonnement auf glückliche Zufälle, anderen klebt das Pech zuverlässig an den Fersen. Dass dies jedoch fast immer eine Frage der subjektiven Wahrnehmung ist, erklärt der Psychologe Richard Wiseman in diesem Heft (Seite 20). Außer Carl Gustav Jung hat sich vor Wiseman kaum ein Psychologe ernsthaft mit der Rolle des Zufalls im menschlichen Leben beschäftigt. Dabei gibt es kaum existenziellere Fragen als diese: Warum passiert das gerade mir? Was muss ich dem Zufall überlassen – und wo kann ich versuchen, ihm auf die Sprünge zu helfen? Und wie geht das überhaupt? Der Mathematiker und Begründer der modernen Wahrscheinlichkeitsrechnung, Pierre-Simon Laplace, versuchte schon im 18. Jahrhundert, den Gesetzen des Zufalls auf die Spur zu kommen. Er schrieb: „Die wichtigsten Fragen des Lebens sind vorwiegend Probleme der Wahrscheinlichkeit.“

Weil das so ist, trachten Wissenschafts- und Statistikgläubige heute danach, den Zufall weitestgehend auszuschalten. Der Internet-Partnermarkt (siehe auch Heft 3/2012) ist ein Beispiel dafür, dass man sogar das Glück in der Liebe wie mit einem Systemlottoschein erzwingen will. Der Autor Rufus Griscom schrieb in der Zeitschrift Wired: „Der Glaube an den Zufall ist das Markenzeichen ineffizienter Märkte. Das gilt erst recht für den Heiratsmarkt. In zwanzig Jahren wird der Versuch, einen Partner ohne das Internet zu finden, albern erscheinen – wie der Versuch, das richtige Buch in einer Bibliothek zu finden, ohne den Katalog zu konsultieren.“

Auch im Wirtschaftsleben und an der Börse glaubt man lieber an den Eigenanteil am Erfolg, ganz nach Seneca: „Glück ist, wenn Vorbereitung auf Gelegenheit trifft.“ Dass dieser Glaube mindestens so fragwürdig ist wie der an ein vorbestimmtes Schicksal, zeigt die genaue Analyse unternehmerischer Erfolgsgeschichten. Die meisten dieser Geschichten würden von „Narren des Glücks“ erzählt, schreibt der Philosoph und Mathematiker Nassim Taleb: Sie verwechseln die Voraussetzungen des Erfolgs mit dessen Ursache. Die Tatsache, dass viele Millionäre schwer gearbeitet haben und risikofreudig waren (sofern sie nicht geerbt oder in großem Stil betrogen haben), macht aus Schwerarbeitern und Abenteurern noch keine Millionäre. Unverzichtbar sind günstige Umstände, die fortune. Zur Riege der lucky fools zählt Taleb auch Regierungschefs, die behaupten, sie hätten Arbeitsplätze „geschaffen“ oder die Konjunktur „angekurbelt“. Er wies in detaillierten Studien nach: In den meisten Fällen hatten sie einfach nur Glück.

Wer den Zufall nicht beherrschen oder gar ausschalten will, sondern ihn als Tatsache akzeptiert, der kann ihn sich zum Freund machen und seine kreative Kraft nutzen. Diese Erkenntnis ist etwa in den Wissenschaften fast vergessen worden – obwohl deren Geschichte überreich an Zufallsfunden und -entdeckungen ist. Der Philologe Peter-André Alt erinnert uns daran: „Das eben ist das Geheimnis erfolgreicher Grundlagenforschung: dass sie Spielräume für produktive Irrtümer, Assoziationen und Korrekturen bietet. Es kommt darauf an, das Prinzip des Zufalls wieder als integralen Bestandteil des Forschungsprozesses anzuerkennen.“

Nicht nur für die Wissenschaften gilt: Geben wir dem Zufall ab und zu eine Chance. Ein durch und durch kalkuliertes Leben auf „effizienten Märkten“ gleicht allzu sehr einem faden 0 : 0.

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