Sei nett zu deinem Selbst!

09 / 2011 von:  Heiko Ernst
 

Vor etwa 50 000 Jahren hat sich das menschliche Gehirn in einem großen Sprung nach vorn entwickelt. Der Homo sapiens war plötzlich fähig, sich Gedanken darüber zu machen, wie er von anderen gesehen wird. Diese Phase der menschlichen Entwicklung nennt der amerikanische Archäologe Richard Klein eine „Verhaltensrevolution“: Der Mensch erfand die Kunst, den Schmuck, Begräbnisriten und vieles mehr, er konnte nun auf symbolische Distanz zu sich selbst gehen. Und er begann, verstärkt über sich selbst nachzudenken. Und zwar so regelmäßig und intensiv, dass er sich eine Art geistigen Zwilling erschuf – ein inneres Bild, das er von sich selbst hat.

Diesen inneren Zwilling nennen wir heute das Selbst. Mit seiner Hilfe können wir uns an andere Orte und in andere Zeiten versetzen, wir können uns mit den Augen anderer betrachten oder uns selbst neu entwerfen und verändern. Dieses Vorstellungsvermögen hat unsere Möglichkeiten dramatisch erweitert. Mit dem Selbst lässt sich langfristig planen, wir können die Konsequenzen des eigenen Handelns abwägen, bestimmte neue Aktionen mental einüben – und uns allerdings auch den eigenen Tod vorstellen.

Dieses neue Ding, das Selbstbewusstsein, war von Anfang an eine zweischneidige Sache. Denn bei allen positiven Wirkungen kann das verschärfte Nachdenken über sich selbst auch negative Folgen zeitigen: Plötzlich war Trübsinn wegen Ansehensverlust oder nicht realisierter Chancen möglich oder tiefe Verunsicherung über den eigenen Stellenwert in einem sozialen Verband. Nagende Selbstkritik und Sinnkrisen zählen ebenso zu den Errungenschaften dieses Fortschritts.

Mit dem Selbstbewusstsein entwickelten sich die sozialen Emotionen. Erst das Empfindenkönnen von Scham und Schuld, Stolz und Schüchternheit machte uns zu dem Zoon politikon, von dem Aristoteles sprach, zum sozialen Tier. Anders als die einfacher gestrickten „Basisemotionen“ wie Wut, Angst oder Freude, werden soziale Emotionen durch Gedanken ausgelöst. Und diese kreisen vor allem um unsere Stellung in der Welt, um unsere Reputation und unsere Zukunft, um unseren Selbstwert. Die sozialen Emotionen beeinflussen und regulieren heute unser Verhalten weit mehr als die Basisgefühle.

Aber etwas ist aus dem Ruder gelaufen. Psychologen sprechen heute vom „erweiterten Selbst“: All sein Planen, Sorgen, Vergleichen findet in einem weit größeren Maßstab statt als in der Frühzeit. Vor allem hat sich die Zahl der Beziehungen und Bezugsgruppen vervielfacht. Wir bewegen uns nicht mehr in überschaubaren Kleingruppen, sondern müssen uns an vielen Schauplätzen immer wieder neu präsentieren und positionieren, müssen unsere Identität festigen, den eigenen Wert immer neu taxieren und behaupten. Wir zerbrechen uns heute mehr denn je den Kopf darüber, was andere über uns denken könnten. Deshalb reicht manchmal schon eine hochgezogene Augenbraue aus, um uns in Unsicherheit oder gar Panik zu stürzen.

Die großartige Errungenschaft der Selbstreflexion wird so immer häufiger zur Bürde des modernen Menschen. Viele Studien zeigen: Je mehr wir uns selbst beäugen, desto negativer sind die damit verbundenen Emotionen. Als Gegengift gegen die schleichende Verunsicherung, gegen Hyperreflexion, Selbstzweifel und Selbstkritik haben Psychologen das Selbstmitgefühl entdeckt (Seite 20). Wichtigste These: Wir müssen uns selbst mindestens so viel Nachsicht und Einfühlung entgegenbringen wie einem guten Freund. Sonst leidet auf Dauer unsere seelische Gesundheit. – Wenn wir schon Selbstkritik üben, dann wenigstens im Geiste Wilhelm Buschs – als raffinierte Vorwärtsverteidigung und als fishing for compliments:

Die Selbstkritik hat viel für sich.
Gesetzt den Fall, ich tadle mich,
So hab’ ich erstens den Gewinn,
dass ich so hübsch bescheiden bin;

Zum zweiten denken sich die Leut,
Der Mann ist lauter Redlichkeit;
Auch schnapp’ ich drittens diesen Bissen
Vorweg den andern Kritiküssen; 

Und viertens hoff’ ich außerdem
Auf Widerspruch, der mir genehm.
So kommt es denn zuletzt heraus,
Dass ich ein ganz famoses Haus.

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