So habe ich das nicht gemeint!

12 / 2013 von:  Heiko Ernst
 

Paartherapeuten geht es manchmal so wie jener Hamburger Dame, die gerade im Schauspielhaus Schillers Kabale und Liebe gesehen hat. Noch völlig mitgenommen vom tragischen Geschehen auf der Bühne, fasst sie ihre Eindrücke beim Verlassen des Theaters mit diesem Seufzer zusammen: „Gott, was Missverständnisse!“ – Auch ohne Intrigen und Bosheit sind Missverständnisse alltäglich und allgegenwärtig, selbst zwischen wohlmeinenden Menschen. Denn zu komplex sind all die Faktoren, die unser Reden und Verstehen beeinflussen. Jeder Mensch wendet unbewusst früh verinnerlichte Kommunikationsregeln an. Beispielsweise die, dass Diskussion immer Streit bedeutet – und wer streitet, liebt sich nicht. Oder jemand hat gelernt, dass man ständig auf der Beziehungslauer liegen muss – und interpretiert alles Mögliche in das Gehörte hinein. 

Ein kleiner Satz, dem Anschein nach in bester Absicht gesagt, enthält in der „Tiefe“ jede Menge Zunder: „Schön, dass du heute mal wieder mein Lieblingsgericht gekocht hast!“ Er kann mindestens vier verschiedene Botschaften transportieren: Eine sachliche: „Mir schmeckt es gut!“ Eine Selbstoffenbarung: „Ich habe mein Leibgericht lange vermisst!“ Einen Beziehungshinweis: „Du hast wohl vergessen, wie gerne ich das esse!“ Und einen Wunsch: „Das solltest du ruhig öfter machen!“ Der Empfänger kann sich aussuchen, was er hören will. Nur im Idealfalle (wovon nur sehr selten ausgegangen werden kann), kennt der Hörer oder die Hörerin die richtige Bedeutung dieses Satzes, der als Lob daherkommt. 

Missverständnisse sind nahezu unvermeidlich. Aber gerade deshalb können sie der Anreiz zu besserem Hinhören und Verstehen sein. Der dänische Wissenschaftsautor Tor Nørretranders meint: Das Interessante im Leben ist nicht die Oberfläche, sondern die Tiefe dahinter oder darunter. Auf die menschliche Kommunikation angewandt, bedeutet das: Was gesagt wird, ist nur die Oberfläche. Sie ist das hörbare Resultat einer Reihe verborgener Überlegungen und Erfahrungen, Meinungen und Haltungen. Die „Unordnung“ unter der Oberfläche ist die Exformation: das, was jemand weglässt, wenn er zu uns spricht. Und das interessiert uns fast immer mehr als die Information: Was meint der andere wirklich? Warum sagt er das gerade jetzt – und in diesem Ton?

Menschliche Kommunikation enthält meist dieses Spannungsmoment. Wie lässt es sich produktiv nutzen? Die wichtigste Möglichkeit ist Metakommunikation: darüber reden, wie man miteinander redet; sich darüber verständigen, was man gerade verstanden hat. Zum Beispiel indem man fragt, ob eine Botschaft richtig angekommen ist. Oder indem man erläutert, wie die eigenen Worte gemeint waren. Metakommunikation geht dem Beziehungsaspekt auf den Grund. Denn als „wahr“ gilt erst einmal das, was der Empfänger verstanden – und nicht, was der Sprecher gesagt hat. Gelingende Kommunikation besteht letztlich darin, die eigenen Wirklichkeiten durch eine gemeinsame Wirklichkeit zu ersetzen.

Hermeneutik ist die Kunst, das wirklich Gemeinte aus den Worten oder hinter den Worten zu deuten und zu verstehen – in der Kunst, in der Philosophie, im Leben. Der wichtigste Hermeneutiker unserer Zeit war der Heidelberger Philosoph Hans-Georg Gadamer. Er schrieb: „Ein Gespräch führen verlangt, den anderen nicht niederzuargumentieren, sondern im Gegenteil das sachliche Gewicht der anderen Meinung wirklich zu erwägen.“ Und eine, vielleicht die beste Methode dazu: „Wer die Kunst des Fragens besitzt, … wird selber nach allem suchen, was für eine Meinung spricht. Dialektik besteht darin, dass man das Gesagte nicht in seiner Schwäche zu treffen versucht, sondern es erst selbst zu seiner wahren Stärke bringt.“ Soll heißen: Wer den anderen richtig verstehen will und dabei seine eigenen Vorurteile und Befangenheiten abstreifen kann, gewinnt in jedem Fall.

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