Sorgfaltig

03 / 2011 von:  Heiko Ernst
 

Ein Manager hatte in seiner knappen Freizeit einen kleinen Teich im Garten seines Hauses angelegt und mitten in den Teich eine Seerose gepflanzt. Deren Blütezeit nahte nun heran. In jeder freien Minute schaute er nach, ob sich die üppige Knospe schon geöffnet und zur vollen Pracht entfaltet hatte. Dann musste er für ein langes Wochenende zu einer Konferenz verreisen. Schon Tage vorher war er beunruhigt: Was, wenn die Seerose ausgerechnet an diesem Wochenende erblühte? Würde ihm ein hämisches Schicksal das ersehnte Erlebnis verweigern? Dieser Gedanke ließ ihn kaum noch schlafen, und selbst bei der Tagung dachte er immer wieder an die Seerose. Und es kam, was er befürchtet hatte: Nach der Heimkehr trieben ein paar weiße Blätter im Teich, die Seerose hatte geblüht und war, nach Art der Seerosen, schnell verblüht.

Vielleicht ist dies das psychologische Gesetz unserer Zeit: Wer noch keine Sorgen hat, macht sich welche. Und: Die Zahl der Sorgen bleibt offenbar gleich – egal wie gut es uns geht. Eines der vielen Etikette, mit denen unsere Epoche auf den Begriff gebracht wird, ist das der „reflexiven Moderne“. Anthony Giddens, ein englischer Soziologe, erklärt deren Wesen so: Der Einzelne, der heute nicht mehr von Traditionen und Bindungen geleitet wird, hat viele, vielleicht zu viele Freiheiten und muss deshalb ständig Entscheidungen treffen, zwischen Alternativen wählen und über seine Lage nachdenken. Die meisten Menschen sind inzwischen tatsächlich Dauerüberleger. Es gibt so vieles zu bedenken und abzuwägen – viel mehr, als es Menschen zuvor jemals tun mussten. Und es geht ja meistens nicht um Seerosen, sondern um existenzielle Themen wie Familie, Beruf, Gesundheit, Daseinsvorsorge und Lebensgestaltung. Vielleicht wäre es längst richtiger, von der „hyperreflexiven Moderne“ zu sprechen. Denn irgendwann schlägt das Nachdenken um in ein Sorgen und Grübeln, das uns den Schlaf raubt und allmählich zermürbt. 

Um von quälenden Gedankenkarussells herunterzukommen, sind Alkohol und/oder übermäßiges Fernsehen die greifbarsten Mittel der Wahl. Besonders Frauen geraten schnell in eine „Grübelfalle“, hat die Psychologin Susan Nolen-Hoeksema beobachtet: Weil sie Stress und Probleme eher „innen“ verarbeiten, anstatt äußere Umstände zu ändern, drohe ihnen ein „toxisches Dreieck“ aus Grübeln, Alkohol, Essen. Und sie erkranken zudem häufiger an Depressionen als Männer. Aber die holen stark auf, auch wenn sie bei sich lieber Burnout diagnostizieren lassen. Elf Prozent der Erwachsenen in Deutschland leiden an körperlichen Beschwerden, die psychische Ursachen haben, gab zu Jahresbeginn die Deutsche Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie bekannt: „Häufige Symptome sind Angstzustände, Schlafstörungen, Essstörungen, Erschöpfungszustände oder Rücken- und Spannungskopfschmerzen“, die zurückzuführen seien auf einen „Anstieg von psychosozialen Krisen aufgrund gesellschaftlicher Belastungen“. Kurz: Wir machen uns jede Menge Sorgen. Was tun?

Den sorgengepeinigten Geist, der nicht zur Ruhe kommen kann, in seinen Gedankenketten zu unterbrechen ist das Ziel einer neuen psychologischen Methode. Sie gründet auf einer uralten „Metakognition“, die bei Buddhisten wie Stoikern nie aus der Mode kam: Gedanken sind erst einmal nur Gedanken, ihnen muss keine Wirklichkeit entsprechen. Deshalb können wir lernen, sie einfach gelassen zu akzeptieren: Sie sind wie schlechtes Wetter, unvermeidlich, aber sie gehen auch wieder vorbei. So betrachtet, können sie keine Macht über uns gewinnen.

Diese sogenannte Akzeptanzmethode hat ihren eigenen Charme – und sie kann beim Ausstieg aus dem Karussell helfen (siehe Seite 20) und eine gewisse Distanz zu den Grübel-anlässen herstellen. Wie jede therapeutische Maßnahme bleibt sie, im Wortsinne, ein Notbehelf. Sie alle beseitigen nicht die Ursache des Übels. Sie können den Widerstand gegen Lebensverhältnisse nicht ersetzen, die uns immer wieder zu Grüblern machen – oder sogar zu Depressiven und Ausgebrannten. Das Grübeln und Sorgen findet im Kopf jedes Einzelnen statt, aber es ist ein gesellschaftlich bedingtes Problem.

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