Überstimmt

11 / 2013 von:  Heiko Ernst
 

Die Helden Homers kannten noch kein „Ich“. Sie lebten mit einer Art Zwei-Kammern-Geist – einer befehlenden und einer ausführenden Instanz. Wann immer sie etwas entscheiden oder ihre Handlungen begründen mussten, halluzinierten sie die Stimmen der Götter herbei. Es war also keine faule Ausrede, wenn Agamemnon, um eine Schandtat zu rechtfertigen, vorbrachte: „Es tut ja alles die Göttin!“ Erst mit dem Aufkommen der Schrift und durch den Bedeutungsverlust der Götter zerbrach diese archaische Befehlsstruktur, und ein echtes Selbst entstand: Ich habe das gedacht und getan! Das reflexive Bewusstsein ist also erst zweieinhalbtausend Jahre alt. – Mit diesen Thesen verstörte der amerikanische Psychologe Julian Jaynes 1976 nicht nur seine Fachkollegen. Sein Buch Der Ursprung des Bewusstseins durch den Zusammenbruch der bikameralen Psyche (1988) faszinierte weltweit eine breite Öffentlichkeit. 

Da Jaynes seine Theorie nie wirklich untermauern konnte, geriet sie in Vergessenheit. Achilles und Odysseus standen für eine Befragung nicht zur Verfügung. Aber die Vorstellung von den „inneren Stimmen“ lebte weiter – als Metapher für das, was sich im Kopf heutiger Menschen abspielt, wenn sie entscheiden und handeln. Wir kennen die Stimme der Vernunft, des Gewissens, des Herzens, der Natur. Darüber hinaus „hören“ wir aber noch weit mehr Stimmen. In ihnen sprechen all die Meinungen, Regeln, Lebensweisheiten, Erfahrungen und Wissenspartikel zu uns, die wir im Laufe unseres Lebens verinnerlicht haben. So viele Stimmen sind es in der postmodernen Mediengesellschaft geworden, dass der Sozialpsychologe Kenneth Gergen uns eine Multiphrenie bescheinigt: Ein ganzer „Chor“ kommentiere und kontrolliere unser Handeln unablässig.

Das Bild eines „Chores“ ist etwas schief – denn die Stimmen sind oft dissonant, sie widersprechen sich oder versuchen einander zu übertönen. Wir betrachten sie dennoch alle als unsere Stimmen, als unsere inneren Widersprüche. Sie sind uns nicht fremd, sondern gehören zu unserem heutigen Lebensgefühl. Der britische Psychologe Michael Billig fand in umfangreichen Befragungen heraus, dass „der innere Konflikt ein Dauerzustand ist“: Zu jeder Meinung, die ein Mensch hat, hat er auch ein gutes Gegenargument, zu jedem Urteil „hört“ er ein Sondervotum, jeder Wert, der uns leiten soll, wird durch einen anderen relativiert: „Toleranz, ja, klar. Aber was ist mit den Burkas?“ – „Eifersucht ist blöd. Trotzdem will ich mich aufregen dürfen!“ – „Mit einer Fortbildung komm ich voran. Du Karrierist!“ Und so weiter. 

Manche Stimmen sind hartnäckiger und durchsetzungsfähiger als andere. Wir hören nur widerstrebend zu – weil sie so streng sind wie ein übelgelaunter homerischer Gott: „Lass das, du darfst dich nicht so wichtig nehmen!“ Eine andere Stimme wagt, dagegen anzureden: „Stell dein Licht nicht unter den Scheffel! Nur Mut!“ Worauf hören wir am Ende? Im Bild vom „inneren Team“ hat der Kommunikationspsychologe Friedemann Schulz von Thun versucht, die Bedeutung (und vor allem die Herkunft) der Stimmen für unser Denken und Tun zu entwirren. Jede Stimme soll gehört werden, jede hat eine wichtige Botschaft. Aber wir brauchen einen „inneren Teamchef“, der Ordnung, Klarheit und Kohärenz herstellen kann (Seite 20). 

Denn letztlich müssen wir doch „mit einer Stimme“ sprechen. Trotz der Vielfalt konkurrierender und widersprüchlicher innerer Stimmen brauchen wir ein halbwegs kohärentes Ich: die unverwechselbare Person, die wir für andere darstellen. Der Philosoph Daniel C. Dennett hat eine neue Metapher für das Selbst erfunden – er sieht es als den „narrativen Schwerpunkt“ eines Menschen. So wie jeder Körper einen Schwerpunkt hat, in dem er ruht und Stabilität gewinnt, so suchen sich auch die inneren Stimmen und psychischen Kräfte einen Schwerpunkt. Er ist der große Organisator und stiftet Einheit zwischen all den Stimmen, Meinungen, Äußerungen, Handlungen, Beschwerden, Versprechungen. Und er verbindet unsere inneren Stimmen zu der Erzählung, die uns als Selbst einzigartig macht – egal, wie viele Stimmen unseren Kopf bevölkern mögen.

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