Unordnung und spätes Leid

05 / 2014 von:  Heiko Ernst
 

In seiner stark autobiografisch gefärbten Novelle Unordnung und frühes Leid lässt Thomas Mann den Vater eines kleinen Mädchens über „die Kürze des kindlichen Gedächtnisses“ räsonieren. Er vertraue darauf, dass es ein aufwühlendes, leidvolles Erlebnis bald wieder vergessen werde. Nur zu gerne wollen wir das alle glauben und hoffen: Nicht jedes frühe Leid, das uns selbst und unseren Kindern widerfährt, hinterlässt eine hässliche Spur. Die Zeit heilt alle Wunden.

Tut sie nicht. Zwar sind nicht alle Verletzungen einzeln in das kindliche Gedächtnis eingeschrieben. Aber unvergesslich, mehr noch: prägend ist das grundlegende Erlebnismuster der frühen Kindheit. Das emotionale Klima, in dem wir aufwachsen, wird von vielen kleinen Begebenheiten und Gewohnheiten in der Eltern-Kind-Beziehung bestimmt. Weitgehend unbemerkt und nicht immer dramatisch entscheidet sie darüber, wie viel Sicherheit, Resonanz und Zuwendung ein Kind in der ersten Lebensphase erlebt. Welches Maß an Vernachlässigung, Unsicherheit oder Gefühlskälte muss es verkraften? Vieles, vielleicht das Wesentliche in unseren erwachsenen Verhaltensmustern hängt im Guten wie im Schlechten von diesen Erfahrungen ab. Thomas Mann und die Seinen bieten hier, fast lehrbuchhaft, reichhaltige Fallgeschichten. 

1952 erregte der englische Psychoanalytiker John Bowlby mit einem Dokumentarfilm Aufsehen: A two-year-old goes to hospital. Wie erlebt ein kleines Mädchen die abrupte Trennung von Mutter und Familie? Er stellte verstörende Fragen: Warum hat bis dahin niemand die emotionale Not von Kindern, die sich plötzlich allein gelassen fühlen, wirklich ernst genommen? Warum empfanden Erwachsene die kindliche Angst, die Trauer, die resignierte Anpassung als etwas Normales? Bowlby erkannte nach und nach die Verbindungslinien solcher Erfahrungen zu bestimmten Störungsmustern im Erwachsenenverhalten: das „Klammern“ oder das beflissene Meiden von Nähe, „unerklärliche“ Panikattacken bei Trennungen, permanente Gefühlsunterdrückung, Narzissmus und vieles mehr – all das sind die Auswirkungen von defizitären oder verstörenden Bindungserfahrungen. Die von Bowlby begründete Bindungsforschung vereint heute entwicklungspsychologische, biologische, endokrinologische, systemtheoretische und seit kurzem auch medizinische Erkenntnisse (S. 26). Sie ist damit die umfassendste und tragfähigste Theorie in der modernen Psychologie. Bindungsforscher haben nicht weniger als eine Grammatik der frühen Beziehungen und ihrer Langzeitwirkung auf die Persönlichkeit erarbeitet. Den Stand des Bindungsparadigmas verdeutlicht der deutsche Kinder- und Jugendpsychiater Karl Heinz Brisch (Seite 20). 

Diese Arbeit kann in ihrer Bedeutung kaum überschätzt werden. Denn so aufgeklärt und fortgeschritten, wie wir glauben, ist unser Umgang mit Kindern nicht: Die emotionalen Bedürfnisse der Kinder kommen gerade heute häufig zu kurz. Kinder erhalten in ihren ersten, prägenden Lebensjahren nicht immer das ausreichende Maß an sicherer Orientierung und personaler Kontinuität. Viele Eltern sind so sehr mit sich selbst oder, paradoxerweise, mit dem „Projekt Kind“ beschäftigt, dass sie es an der zentralen Elternkompetenz fehlen lassen: an „Feinfühligkeit“. Die Bindungsforscher benennen damit das jeweils richtige Maß an Zuwendung und emotionaler Kommunikation, ganz besonders in Trennungs- und Krisensituationen. 

Zwar meinen es die meisten Eltern gut mit ihren Kindern, sie sind bemüht und fürsorglich. Und doch ist oft vieles gut gemeint, aber schlecht gemacht. Wichtiger als etwa eine kognitive Frühförderung und besser als Überbehütung durch Helikopter-Eltern ist eine entspannte, „hinreichend liebevolle“ Haltung. Das klingt einfach, es muss aber in unseren komplizierten Zeiten erst (wieder) gelernt werden. Damit Eltern ihren Kindern sichere Bindungen bieten können und damit auch die Fähigkeit zur selbstbewussten Welterfahrung, muss Basiswissen über Bindung (wieder) vermittelt werden. Das ist das Aufklärungsprogramm der Bindungsforschung. 

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