Unser persönliches Paralleluniversum

07 / 2011 von:  Heiko Ernst
 

Das wohl verbreitetste Gedankenspiel ist das vom Gewinn des Lotto-Jackpots: Welchen Wunsch würde ich mir als ersten erfüllen? Die Villa am Meer, die Stadtwohnung in Paris, das Traumauto? Würde ich eine Weltreise machen? Wer kriegt was vom Geld ab? Ist es ratsam, anderen vom Gewinn zu erzählen? Soll ich den Job hinschmeißen – oder erst mal ganz normal weitermachen? Wer seine Wünsche so spazieren führt, befindet sich in einem geistigen Modus, den wir in seiner Häufigkeit und Bedeutsamkeit immer noch gewaltig unterschätzen: in einem Tagtraum. Bei diesen Ausflügen in die Fantasie begegnen wir uns selbst: Sag mir, was du dir wünschst, und ich sage dir, wer du bist!

Diese Abschweifungen sind uns manchmal angenehm, manchmal tröstlich, manchmal peinlich. Fast immer gelten sie aber als kleine Fluchten vor der Realität, mindestens jedoch als Unkonzentriertheit. Wir messen ihnen keine allzu große Bedeutung bei. Sicher, sie können uns langweilige

Zeiten verkürzen oder beim Einschlafen helfen. Aber sonst? Die Maxime unserer Zeit heißt: „Pass gut auf, konzentriere dich. Träum nicht!“

Tagträume sind die meistunterschätzte geistige Aktivität. Sie spiegeln nicht nur in der Jackpotfantasie wider, was wir eigentlich vom Leben erhoffen und erwarten. Sie rühren an unsere tiefsten Wünsche und Sehnsüchte. Wenn wir tagträumen, nähern wir uns dem Glutkern unseres Selbst. Mehr noch als die nächtlichen Träume sind die Träume mit offenen Augen ein Königsweg zu dem, was uns im Innersten zusammenhält. Und im Grunde meinen wir diese Aufenthalte in der Innenwelt, wenn wir sagen, dass wir so selten „zu uns selbst kommen“. Es geht eben nicht um Freizeit, Hobbys, Wellness oder Geselligkeit, sondern um einen Besuch in unserem Innersten: in der Parallelwelt der Reflexionen, Bilder, Erinnerungen, Vorstellungen, Wünsche. Wir sind ganz bei uns, wenn wir tagträumen und fantasieren.

Nachdem der Tagtraum lange Zeit auch für die Wissenschaft eine eher banale Randerscheinung war, haben nun Psychologen, Neurowissenschaftler, Therapeuten und Künstler vieles über diese geistige Aktivität herausgefunden. Sie haben sie vom Verdacht der Realitätsverweigerung oder der bloßen Langeweilebewältigung befreit. Tagträume sind nicht das Reservat von realitätsuntüchtigen Romantikern, Fantasten oder Losern. Wir wissen heute, wie ungeheuer wichtig diese Ausflüge in die Innenwelt für die Persönlichkeitsentwicklung und die geistige Gesundheit sind. Tagträume stellen beispielsweise eine äußerst wirksame Form des Gefühlsmanagements dar. Weil sie uns innerlich beruhigen, trösten oder erfreuen können, wenn die Außenwelt uns ärgert, kränkt oder langweilt, sorgen sie für eine emotionale Balance – und ersparen uns das oftmals riskante Ausagieren von Gefühlen und Impulsen in der Realität. Wir regulieren mithilfe der Fantasien unsere emotionale Temperatur.

Wir sollten uns das Recht und die Zeit zum Tagträumen nehmen, denn es ist alles andere als Zeitverschwendung oder Müßiggang. Wir brauchen die Rückzugsmöglichkeiten in die Innenwelt heute mehr denn je. Denn alles, was uns als Person ausmacht, wird mehr und mehr von der Außenwelt, von der sogenannten Realität aufgebraucht. Zwei mächtige Trends ziehen uns in eine immer stärkere Externalisierung des Lebens: Zum einen wird unsere Aufmerksamkeit durch Medien und Ablenkungsindustrie immer mehr absorbiert, zum anderen breitet sich der Körper-, Fassaden- und Eindruckskult mächtig aus. Die Vielfalt der inneren Verarbeitungsprozesse, das Sinnieren, Reflektieren und Fantasieren, wird ersetzt durch eine permanente Oberflächen- und Außenorientierung. Der außengeleitete Mensch (David Riesman) ist in ständige soziale Vergleiche und Statuskämpfe ver-

wickelt, er richtet sein Leben an vorgegebenen Erfolgs- und Glücksmaßstäben aus, und er erschöpft sich in der Jagd nach Anerkennung und neuen Reizen. Der Tagtraum ist das Gegenprogramm zu dieser Veräußerung. Er ist die erste Verteidigungslinie unserer Innenwelt. Wir brauchen dieses Paralleluniversum, um unser Selbst zu bewahren.

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