Vom Muss zur Muße: Gute Erholung!

08 / 2014 von:  Heiko Ernst
 

Normalerweise erholt sich unser Organismus nach einer körperlichen oder geistigen Anstrengung fast von selbst. Wir müssen ihm nur ausreichend Gelegenheit geben, sich zu regenerieren. Aber was heißt „nur“, wie viel ist „ausreichend“? Und „normalerweise“ war gestern! Wir ächzen unter Dauermüdigkeit und fühlen uns selbst nach einem längeren Urlaub erschöpft. Auch das neue Mantra von der Work-Life-Balance hilft nicht weiter. Es gibt nur eine Erklärung: Wir wissen schlicht nicht mehr, wie man sich erholt. Ein wissenschaftlich fundierter „Erholungstest“ der AOK, den 48 000 Teilnehmer ausfüllten, bestätigt diesen Verdacht: Die meisten Berufstätigen in Deutschland (63 Prozent) sind offenbar unfähig, sich richtig zu erholen. Nur jeder Zehnte weiß, was ihm wirklich guttut. Fast zwei Drittel aber bleiben in einem ständigen Erholungsdefizit. 

Vieles spricht dafür, dass es uns Deutschen besonders schlecht gelingt, abzuschalten, runterzukommen oder auszuspannen. Eigentlich paradox, denn nach Stundenzahlen arbeiten wir deutlich weniger als die meisten anderen Europäer oder gar die Amerikaner oder Asiaten. Fühlen wir uns müder, weil wir vielleicht intensiver arbeiten, ist der psychische Druck größer als anderswo? Hat die hohe Produktivität einen hohen Preis? Oder ist die Arbeitsethik des Export-Vizeweltmeisters längst in die Freizeit des Reiseweltmeisters hinübergeschwappt? Tatsächlich geben wir uns auch in der Freizeit viel Mühe. Sie wird gründlich geplant, bewirtschaftet, genutzt, genossen, gefüllt. Das mag Teil des Problems sein: Mehr Action statt Muße, auch die Freizeit wird zur Stressfalle. Der gigantische Wellnesszirkus ist im Grunde der Beweis dafür, dass vielen die Fähigkeit abhandengekommen ist, sich selbst Ruhe und Regeneration zu verschaffen. Sie hoffen, in künstlichen Wohlfühlwelten und mithilfe von Experten ihre stressgeplagten Körper und überspannten Seelen wieder fit zu kriegen. 

Das Times Literary Supplement spottete kürzlich unter dem Titel German burnout, „Ausbrennen“ sei ein sehr deutsches Thema. Nirgendwo sonst erschienen so viele Bücher über Erschöpfung, Müdigkeit und Burnout. Haben wir es also mit einer kollektiven Hypochondrie zu tun, die im Lande Max Webers und der von ihm beschriebenen „protestantischen Arbeitsethik“ und der „Berufspflicht“ grassiert? Wenn man die deutsche Klagsamkeit zugrunde legt, erleben wir bereits das Endstadium dieses Leidens. Aber irgendwie finden wir die Sache mit dem Burnout ja auch spannend: Manche seiner Opfer, wie etwa die Publizistin Miriam Meckel, nutzen sogar ihre Auszeit im Sanatorium, um ihr Leiden arbeitsintensiv auszustellen. Thema: Hach, diese Terminhatz, dieser 24/7-Stress! Die Drei-Wetter-Taft-Arbeitsweise hat ihre Reize, aber man brennt ja so aus dabei! 

Ob hypochondrisch oder echt: Erschöpfung ist das Leitsymptom der Moderne. Die Philosophin Hannah Arendt schrieb in ihrem Buch Vita activa (1958, also Jahrzehnte vor der Digitalisierung der Welt), diese Epoche sei gekennzeichnet durch „eine unerhört vielversprechende Aktivierung aller menschlichen Vermögen und Tätigkeiten“, die aber zur „tödlichsten und sterilsten Passivität“ führe. So folge der Erschöpfung nicht Ruhe, sondern lähmende Unruhe. In der „Gesellschaft von Jobholdern“ sei der natürliche Kreislauf von Anspannung, Müdigkeit und Erholung außer Kraft gesetzt. – Das mag, aufs Ganze gesehen, übertrieben sein, aber dass die neue Art zu leben und zu arbeiten auch neue Erholungsformen braucht, ist nicht zu leugnen. 

Vielleicht hindert uns heute die endlose Jagd nach dem Dabeisein, nach Aufmerksamkeit und nach dem Genuss der vielen Angebote, unsere wahren Bedürfnisse zu erkennen. Was Erholung überhaupt bedeutet und wie sich etwa die überstimulierte Psyche am besten regeneriert, das muss neu gedacht werden. Die alte Metapher vom „Batterieaufladen“ führt dabei eher in die Irre. Erholung beginnt jedenfalls mit einer Selbstreflexion des eigenen Lebens und Arbeitens: Was macht mich nur müde – und was macht mich fertig? Was fehlt mir, damit ich mich wirklich erholen kann? Wie fühlt sich richtige Erholung eigentlich an? Einen Anstoß für diese Reflexion finden Sie auf Seite 20!

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