Wann ist das Selbst verwirklicht?

03 / 2014 von:  Heiko Ernst
 

Du kannst es schaffen! Das Versprechen des Aufstiegs, genauer: der Chance eines Aufstiegs war die zentrale Idee der Moderne. Das entfesselte Individuum und der von feudalen oder religiösen Zwängen befreite Geist sind die Garanten des Fortschritts. Es geht voran – im großen Ganzen wie im Persönlichen. Dieses Versprechen ist oft genug eingelöst worden, so dass es seine Wirkung bis heute behalten hat. 

Zu den psychischen Grundbedürfnissen gehört, eigene Kompetenzen oder Wirkungsmacht erleben zu können: Wir wollen uns beweisen, einen Unterschied machen, etwas leisten, unsere Talente entwickeln und Fähigkeiten erproben. Das Streben nach Vortrefflichkeit sah schon Aristoteles als Merkmal des guten Lebens an. Und nach ihm haben Philosophen und neuerdings die Psychologen die Idee einer Entelechie immer wieder neu belebt: In jedem von uns steckt ein Potenzial, das zur Entfaltung und Vollendung drängt. Diese Idee des persönlichen Wachstums nannten die Humanistischen Psychologen im letzten Jahrhundert Selbstverwirklichung. Der Mensch sollte das werden, was er sein kann. Was in ihm angelegt ist, drängt zur vollen Entfaltung, lehrten Kurt Goldstein und Abraham Maslow. 

Die Kehrseite des Kompetenzstrebens ist das vage oder auch nagende Gefühl von Unzulänglichkeit: Habe ich etwas aus mir gemacht? Oder bin ich unter meinen Möglichkeiten und Talenten geblieben? Das eigene Leben als vertane Chance oder als ungehobenen Schatz zu empfinden gehört zu den wenig erfreulichen Erfahrungen. Psychologie ist zu einem guten Teil auch die Wissenschaft davon, was uns an der Entfaltung hindert. Werden wir durch unser soziales Umfeld ausgebremst? Legen angeborene Grenzen das Niveau der Selbstentfaltung fest? Bleiben wir wegen eigener Defizite wie Trägheit, Konformität oder vorschneller Zufriedenheit mit „Gut genug“ hinter dem Möglichen zurück? Oder haben wir nur die falsche Strategie? Jedes mal, wenn wir an Grenzen stoßen, wenn wir auf einem Plateau ankommen, wenn es nicht mehr weiterzugehen scheint, stellt sich unausweichlich die Frage nach unserem persönlichen Wachstum. Doch selbst in der besten aller Welten gehören Stillstände und Stagnationen zur Entwicklung (Seite 20). 

Man kann den Wunsch nach Selbstverwirklichung auch als Mode abtun, als zeitgeistige Illusion, wie etwa der Bremer Neurobiologe und Philosoph Gerhard Roth: „Die Idee, dass es eine Selbstverwirklichung gibt, die über den Beruf und die Familie hinausgeht, ist sehr modern. Die meisten Leute, die sagen, sie wollen sich selbst verwirklichen, wissen gar nicht, was sie damit meinen. Die Vorstellung, dass es etwas gibt, das ich erreichen muss, ist illusionär.“ Das klingt wie: Schlagt euch die Flausen aus dem Kopf, dass aus jedem von euch was Besonderes werden könnte! Zugegeben: Selbstverwirklichung ist ein mitunter überstrapazierter Begriff und oft ein schlecht definiertes Ziel. Wer es anstrebt, muss sich schon präziser erforschen: Wodurch genau kann ich mich verwirklichen? Was ist jeweils das „es“ in „Du kannst es schaffen“? Aber das Ziel selbst bleibt legitim.

Letztlich geht es um das eigene Menschenbild: Sind wir limitierte, konditionierte und sich mühsam genug durchlavierende Bündel aus Gewohnheiten, Traditionen und Reflexen? Oder sehen wir uns als Wesen voller „Vertikalspannung“ (Peter Sloterdijk), die sich strebend bemühen, etwas Besseres aus sich zu machen? Gibt es überhaupt eine Entelechie? Bemühen wir einen glühenden Befürworter dieses optimistischen Selbstbildes: Karl Marx schrieb in seinen Grundrissen 1857: „Was ist gesellschaftlicher Reichtum anderes als im universellen Austausch erzeugte Universalität der Bedürfnisse, Fähigkeiten, Genüsse, Produktivkräfte der Individuen … und das absolute Herausarbeiten seiner schöpferischen Anlagen, die diese Totalität der Entwicklung, die Entwicklung aller menschlichen Kräfte als solcher zum Selbstzweck macht?“ 

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