Wann macht es wirklich "zoom"?

02 / 2011 von:  Heiko Ernst
 

Von Heiko Ernst

Zwei Freundinnen sind in einem Café in ein Gespräch vertieft. Sie haben sich seit einigen Jahren nicht mehr gesehen. Da gibt es viel zu erzählen. Wie kommt man beruflich klar? Wie geht es mit den Partnern und den Kindern? Erinnerungen werden ausgetauscht. Weißt du noch, wie dein Sohn sich schreiend weigerte, die nasse Badehose auszuziehen? Unvergesslich, wie willensstark der dreijährige Knirps damals schon war. Öfter fällt der Satz: Ja, ich erinnere mich, als wäre es erst gestern gewesen! Und auch: Mein Gott – wie schnell die Zeit vergeht. Das ist beängstigend. Überhaupt: Gerade hat die Woche begonnen, und schon ist sie wieder vorbei. Ich frage mich, was ich gemacht habe – und weiß es nicht mehr.

Wir reden oft über die Zeit und scheinen genau zu wissen, was damit gemeint ist. Mal sagen wir, fliegt sie uns davon. Mal meinen wir, sie steht bedrückend still. Und wieder ein anderes Mal trösten wir uns damit, dass die Zeit vorübergeht. Aber wo geht sie hin, und was macht sie mit uns? Mit der Zeit verhält es sich wie mit atomarer Strahlung. Wir können sie nicht sehen, nicht tasten, nicht riechen, nicht schmecken, nicht hören. Der Mensch hat kein Sinnesorgan für die Zeit.

„Wir haben Uhren, aber wir haben keine Zeit“, schrieb der Sozialisationsforscher Norbert Elias. Ein Satz mit doppeltem Boden. Zum einen drückt er unser heutiges Gefühl aus, nie Zeit zu haben, zum anderen macht er klar, dass die Zeit kein Objekt ist, das wir „haben“ können. Für Norbert Elias ist Zeit eine gesellschaftliche Einrichtung, ein Kommunikationsmittel, mit dem die Menschen ihre Handlungen aufeinander abstimmen. „Das, was wir Zeit nennen“, so Elias, „ist keine apriorische Gegebenheit der Menschennatur, sondern eine menschliche Syntheseleistung, die nur im Zusammenhang mit bestimmten sozialen Entwicklungen zu verstehen ist.“

Die psychologische Forschung, die im 19. Jahrhundert dem Geheimnis des menschlichen Zeitempfindens auf die Spur kommen wollte, knüpfte an das Denkmodell der griechischen Philosophen an. Diese hatten drei Zeitbegriffe. Aion war für sie der Begriff für das Immer, die universelle grenzenlose Dauer des Kosmos ohne Vergangenheit und Zukunft. Mit Chronos bezeichneten sie die messbare Zeit. Kairos dagegen nannten sie die erfahrene Zeit, wie wir Menschen Zeit innerlich erleben und welche Bedeutung wir ihr geben.

Chronos, die messbare Zeit, ist inzwischen in der Terminologie heutiger Untersuchungen zum Zeitempfinden zur objektiven Zeit geworden. Kairos bezeichnet das subjektive Zeiterleben. In diesem Denkmodell geraten Chronos und Kairos allerdings ständig in Widerspruch zueinander. Und zwar deshalb, weil wir eben kein Sinnesorgan für die objektive Zeit haben. Die immer genaueren Uhren, die wir seit der Industrialisierung entwickelt haben, kümmert es nicht, was mit uns in der Zeit geschieht, die sie messen.

Wie der Kinderpsychologe Jean Piaget zeigen konnte, haben Kinder unter fünf Jahren, auch wenn sie die Zeit auf der Uhr schon ablesen können, noch kein sehr ausgebildetes Gefühl für das Verstreichen der objektiven Zeit. Sie assoziieren die Zeitdauer mit einer Aktivität und mit dem Ergebnis ihrer Aktivität. Wenn sie Striche in einem bestimmten Zeitintervall zeichnen, dann dauert dieses Intervall für sie länger, wenn sie ganz viele Striche gezeichnet haben. Kinder weisen eine enorme Bandbreite in ihren Zeiteinschätzungen auf, und sie tendieren dazu, die objektive Zeit zu überschätzen. Die Ursachen dafür sind vielschichtig. „In der Kindheit und Jugend dreht sich die Gedankenwelt um den Zeithorizont des Noch-Nicht mit seinen unendlichen Möglichkeiten“, erklärt Jochen Schweitzer, Psychologe und Kommunikationsforscher an der Universität Heidelberg. Kindheit und Jugend seien ein Schwebezustand des Wartens auf die Zukunft: „Wenn ich erst so groß bin wie mein Bruder, dann darf ich endlich auch zur Schule gehen.“ Hinzu kommt das intensive Erleben in jungen Jahren. So vieles ist noch ganz neu, wird zum ersten Mal erlebt. Die Sinne sind noch wach, und das Einprägungsvermögen ist kräftig. Jeder Tag ist prall gefüllt mit Erlebnissen und Erwartungen. Kein Tag ist wie der andere.

Auch als Erwachsene verharren wir häufig noch in diesem Schwebezustand des Noch-Nicht und des Wartens auf die Zukunft. Das jungverheiratete Paar hat sich vielleicht zum Ziel gesetzt, wenn beide die Zusatzausbildung geschafft haben, dann ist es Zeit, an ein Kind zu denken. Der Physiker bei einem Softwarekonzern hofft, wenn er den nächsten Schritt auf der Karriereleiter geschafft hat, endlich Zeit für die Kinder und sein Hobby zu haben. Wir glauben, erst wenn wir bestimmte Ziele erreicht haben, dann werden wir Zeit haben zu leben.

Jochen Schweitzer spricht von einer „funktionellen Überfrachtung der mittleren Lebensjahre“, in denen die Zeit im subjektiven Erleben nur so davonzufliegen scheint. Je nach sozialer Schicht muss in unserer Gesellschaft die Altersgruppe der 25- bis 45-Jährigen eine immense Aufgabenfülle bewältigen. „Es ist die Zeit, in der Kinder auf die Welt gebracht und großgezogen werden, eine gute berufliche Entwicklung angestrebt wird und die Vermögensbildung zur Altersabsicherung auf die Reihe gebracht werden sollte. Gleichzeitig soll die Teilnahme am gesellschaftlichen und kulturellen Leben nicht zu kurz kommen.“ Aus seiner therapeutischen Praxis berichtet Jochen Schweitzer: „Viele der Klienten erleben die täglichen Anforderungen als Beschleunigung der Zeit. Sie sprechen von ihrer inneren Ambivalenz. Gefühlt als interessante Fülle, aber auch Hetze. Gefühlt als Chance und Zwang, gefühlt als Vielfältigkeit der Optionen und Bedrohung, etwas zu versäumen.“

Für das Phänomen der „fliegenden Zeit“ in den mittleren Lebensjahren hat die Psychologin Hede Helfrich, die an der Universität in Chemnitz an verschiedenen Untersuchungen zur Zeitwahrnehmung arbeitet, noch eine andere Erklärung bereit: die Routinefalle. „In unserem subjektiven Zeitempfinden fließen Tage, Wochen, Monate, ja sogar Jahre zu inhaltslosen Zeiteinheiten dahin, weil bereits so vieles zur Routine geworden ist, weil nicht mehr so viel Neues passiert. Die Kinder sind aus dem Allergröbsten heraus. Die Ehe plätschert so dahin. Auch der Beruf ist nicht mehr so spannend.“

Die „Routinefalle“, die Helfrich benennt, hat etwas mit unserem Gedächtnis zu tun. Es kann wenig von all den unspektakulären Geschehnissen der immer gleichen Tage behalten oder rekonstruieren. Deshalb scheint uns rückblickend betrachtet die Zeit davongeflogen oder wie Sand durch die Finger gerieselt zu sein, weil sich wenig Neues ereignet hat. „Das Gedächtnis behält besser, was sich verändert, als das, was gleich bleibt“, schreibt Douwe Draaisma, Psychologe an der Universität Groningen. Eine Woche Urlaub in einer fremden Stadt vergeht wie im Sauseschritt. Blicken wir war aber auf diese Urlaubswoche zurück, dann mag sie mit all ihren Erlebnissen sehr lang erscheinen. Schon 1890 schrieb William James: „Im Allgemeinen erscheint eine Zeit, die mit interessanten und vielfältigen Erfahrungen gefüllt ist, im Erleben als kurz, jedoch in der Erinnerung als lang. Demgegenüber erscheint eine Zeit ohne Erfahrungen im Erleben lang, im Rückblick jedoch kurz.“

Ein Faktor, der für unser Zeitempfinden verantwortlich ist, ist das autobiografische Gedächtnis. Wir konstruieren und inszenieren unser Zeitempfinden nicht linear nach der objektiven Zeit, sondern um unsere Erinnerungen herum. Wir alle kennen dieses Phänomen: Ein gut erinnerter Zeitpunkt in der Vergangenheit erscheint uns subjektiv meist viel näher, als dies die objektiv verstrichene Zeit suggeriert. Die Zeit zwischen damals und heute scheint davongeflogen zu sein, wie die eingangs erwähnten Freundinnen bei ihrem Gespräch im Cafe feststellen. Die Trotzphase der Kinder ist den Eltern im Gedächtnis so präsent, als wäre sie erst gestern gewesen.

Intensiv erlebte Phasen in unserem Leben sind gleichsam Orientierungsmarken unseres Zeitempfindens. Um mit Chronos zurechtzukommen, um uns in der abstrakt gesetzten objektiven Zeit zurechtzufinden, brauchen wir solche Fixpunkte in der Erinnerung. „Diese Erinnerungen bilden Ketten, die sich aus täglichen Handlungen, wichtigen Ereignissen in der Familie, im Beruf und aus Ereignissen in der Welt ableiten“, erklärt Hede Helfrich.

Einige Beispiele: Eine New Yorkerin sagt: Ein Jahr nach dem 11. September habe ich mich in den Mann verliebt, mit dem ich bis heute verheiratet bin. Eine Berlinerin erzählt: Ich war schwanger, als die Mauer fiel. Eine ältere Frau: Die Amerikaner waren gerade auf dem Mond gelandet, genau an diesem Tag erhielt ich mit der Post die Scheidungsurkunde. Ein Mann sagt: Am ersten Mai wurde mein Sohn geboren. Ich war auf dem Weg in die Klinik, da hörte ich im Radio von dem Reaktorunfall in Tschernobyl. Die psychologische Forschung spricht von Referenzzeit oder Referenzzeitpunkten. Die brauchen wir, um uns in der objektiven Zeit verorten zu können. „Erinnerungen sind Zeitanzeiger im Gedächtnis, sie versetzen uns in die Lage festzustellen, wie lange etwas her ist oder ob es vor oder nach etwas anderem geschah“, schreibt Douwe Draaisma.

William James und auch andere Wissenschaftler des 19. Jahrhunderts verwiesen bereits darauf, dass die kalendarischen Zeiteinheiten – Tag, Woche, Monat und Jahr – mit zunehmendem Alter kürzer erlebt werden. Dies gilt jedenfalls für den Rückblick auf die Vergangenheit. Neuere Studien bestätigen die veränderte Zeitwahrnehmung im Alter. In einer vergleichenden Studie, an der Personen aller Altersklassen beteiligt waren, kommen der Erlanger Psychiater Richard Mahlberg und sein Berliner Kollege Tom Bschor zu dem Ergebnis: Mit zunehmendem Alter schätzen Menschen die ihnen in Sekunden und Minuten vorgegebenen Zeitintervalle im Vergleich zu jüngeren Probanden eher länger ein. Die Wissenschaftler führen dies auf eine Störung der Aufmerksamkeit und eine Abnahme der Leistungsfähigkeit des Arbeitsgedächtnisses im Alter zurück.

In anderen Arbeiten zur subjektiven Zeitwahrnehmung im Alter werden die physiologischen Aspekte diskutiert.  Atmung, Blutdruck, Herzschlag, Zellteilung, Hormonproduktion, Körpertemperatur, Stoffwechsel, die Rhythmen im Nervensystem, mit welcher Frequenz die Neuronen Impulse abfeuern, der Rhythmus von Wachen und Schlafen, der Menstruationszyklus, all diese höchst komplizierten physiologischen Prozesse werden oft metaphorisch als innere oder biologische Uhr bezeichnet. Offenbar tickt ein ganzes Parlament von inneren Uhren in uns. „Während die messbare Zeit unerbittlich gleichmäßig vergeht, verlangsamt sich unser Stoffwechsel mit zunehmenden Alter“, sagt Hede Helfrich. „Bestimmte Neurotransmitter und Hormone werden nicht mehr so stark ausgeschüttet wie in jungen Jahren.“ Dass aber die Verlangsamung physiologischer Prozesse auch zu den Fehleinschätzungen der objektiven Zeit führt, ist für Helfrich im Moment noch eine Hypothese.

„Lange Zeit wurde das veränderte Zeitempfinden im Alter im Rahmen eines Defizitmodells betrachtet“, erläutert Jochen Schweitzer, „und zwar in dem Sinn, dass Altern nicht nur mit dem Abbau körperlicher Kräfte, sondern auch mit dem Verlust emotionaler und intellektueller Fähigkeiten einhergeht.“ Sicher ändern sich mit zunehmendem Alter auch viele kognitive Leistungsprozesse im Hirn. Denn die gelebte Zeit ist in uns, mit all den in ihr eingeschlossenen Erfahrungen und Erkenntnissen. „Ältere Menschen können Sachverhalte und Situationen aufgrund ihrer Erfahrungen oft besser überblicken als jüngere“, betont Schweitzer. „Wenn Zeitintervalle von ihnen nicht richtig eingeschätzt werden, heißt das nicht, dass ihre Leistungsfähigkeit sinkt oder Informationen langsamer verarbeitet werden. Es könnte auch heißen, ihr Informationsspeicher ist bedeutsam größer als der jüngerer Menschen, und deshalb braucht ihr Gehirn viele Millisekunden mehr, um den Abgleich herzustellen.“

Was wir im Alltag als Zeit definieren, erweist sich bei genauerer Betrachtung, wie Jochen Schweitzer erklärt, „als eine Fülle von Zeiten, in der sich die inneren Wirklichkeiten vieler unterschiedlicher biologischer, psychischer und sozialer Systeme ganz andersartig strukturieren und die oft so wenig zueinander passen wie das Gewirr der Sprachen im alten Babylon.“       PH



Literatur

D. Draaisma: Warum das Leben schneller vergeht, wenn man älter wird. Piper, München 2009

N. Elias: Über die Zeit. Suhrkamp, Frankfurt/M. 1984

H. Helfrich: Time and mind. Hogrefe, Göttingen, Bern 1996 (vergriffen)

E. Mager und G. Gatterer: Veränderungen des subjektiven Zeiterlebens im Alter. Zeitschrift für Gerontopsychologie und -psychiatrie, 9/2009

R. Mahlberg, T. Bschor: Veränderungen der Zeitbeurteilung im Alter. Psychiatrische Praxis, 4/2007

Till Roenneberg: Wie wir ticken. Die Bedeutung der Chronobiologie für unser Leben. DuMont, Köln 2010

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