Warum wir es persönlich nehmen

12 / 2011 von:  Heiko Ernst
 

Der Entertainer Harald Schmidt wurde beim Start seiner neuen Late-Night-Talkshow in einem Interview gefragt: „Lassen Sie noch Kritik zu?“ Schmidt antwortete: „Wenn einer sagt, er könne mit Kritik umgehen, ist das natürlich Quatsch. Ich will überhaupt keine Kritik. … Um 18 Uhr werden wir aufzeichnen. Von 17.30 Uhr an lautet die Devise: Alles genial. Es wird nichts mehr angezweifelt. Und ich will auch hinterher immer nur sagen hören: Es war mal wieder der Hammer.“

Wenn schon der mit einem riesigen Ego ausgestattete Harald Schmidt offen zugibt, dass er auf Kritik gerne verzichtet, wie muss es all denen gehen, die weniger selbstsicher und erfolgreich sind? Natürlich hat Schmidt recht: Niemand ist scharf darauf, kritisiert zu werden, und wer etwas anderes behauptet, lügt. Für die meisten Menschen ist Kritik selbst in homöopathischer Dosierung unerträglich. Schlimmer noch: Die Empfindsamkeit gegenüber jeder Form von negativem Feedback nimmt deutlich zu. Wir wittern Zurechtweisung oder Ablehnung immer öfter auch dort, wo wir gar nicht gemeint sind. Wir beziehen das Verhalten anderer viel zu oft auf uns. Wir nehmen fast alles persönlich.

Das hat Folgen für unser Selbstwertgefühl, eine erstaunlich labile und leicht zu verändernde Größe in unserem Seelenhaushalt. Dieses Gefühl scheint direkt an jede Art von sozialem Feedback gekoppelt zu sein: Wie viel Beachtung, Aufmerksamkeit, Respekt, Zuneigung erhalte ich? Oder umgekehrt: Wie viel davon wird mir vorenthalten? Und was kann ich tun, um meine soziale performance und damit das Selbstwertgefühl zu verbessern? So wird jeder Kontakt, jede Begegnung zu einem Test für den Selbstwert: Wo stehe ich? Kann ich auch anders? Wir sind soziale Wesen – grundsätzlich abhängig vom Wohlwollen und der Unterstützung der anderen. Aber in unserer mobilen, kontaktintensiven, auf Erfolg und Aufmerksamkeit gepolten Umwelt sind unsere sozialen Sensoren überempfindlich geworden.

Es scheint, dass wir heute zu viel Feedback verarbeiten und verkraften müssen. Jedenfalls achten wir offenbar mehr als Menschen zu früheren Zeiten auf alle Zeichen von „plus“ oder „minus“ aus unserer Umwelt. Depressionsforscher haben eine Form der Erkrankung entdeckt, die sie „atypische Depression“ nennen. Sie ist, ihrem irreführenden Attribut zum Trotz, weit verbreitet. Ihr Hauptmerkmal ist „eine lang- anhaltende Überempfindlichkeit gegenüber empfundenen persönlichen Zurückweisungen“. Während die „typische“ Depression die Vitalfunktionen und die Sozialkontakte eher herunterfährt, zeichnet sich die atypische dadurch aus, dass alle Antennen auf die Umwelt gerichtet sind – und übersensibel auf Zurückweisungen und Kränkungen reagieren.

Wer so übersensibel geworden ist, leidet psychisch und körperlich. Denn auf jede Kritik – real oder auch nur gefühlt – folgt die sogenannte Freeze-Reaktion: Der Körper erstarrt äußerlich, gleichzeitig wird innerlich das Stresssystem hochgefahren. Man steht sozusagen gleichzeitig auf Gas und Bremse. Dieses Reaktionsmuster hat nicht nur negative körperliche Folgen, es kann am Ende sogar in eine ausgewachsene soziale Phobie münden: in eine permanente Vorwegnahme von Kritik, von sozialer Ablehnung oder Ausgrenzung. Sieben Prozent der deutschen Bevölkerung leiden bereits unter dieser Störung. In milderen Formen ist das Syndrom weitaus mehr verbreitet – siehe Harald Schmidt. Zeit also, das Wort Selbstwertgefühl  neu zu definieren: Was sind wir uns selbst wert?

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