Weniger ist nicht immer mehr. Aber weniger ist meistens besser

12 / 2014 von:  Heiko Ernst
 

„Dass es so weitergeht, ist die Katastrophe“ Walter Benjamin 

1981 hat der amerikanische Autor Duane Elgin in einem vielrezipierten Aufsatz die Idee der „freiwilligen Einfachheit“ formuliert. Diese sei „… eine Art zu leben, die nach außen einfacher und nach innen reicher ist“. Elgin steht in der Tradition Erich Fromms, der einige Jahre zuvor die Unterscheidung zwischen Haben und Sein traf – also zwischen einem materialistisch orientierten und einem eher an Selbstentwicklung und Tätigsein orientierten Lebensstil. Elgin sah in der „freiwilligen Einfachheit“ den Weg zum Seinsmodus: „Das Ziel ist nicht, dogmatisch mit weniger zu leben, sondern ein Leben voller Sinn, Erfüllung und Befriedigung zu finden.“ Und er fügte hinzu: „Einfachheit in diesem Sinne ist nicht einfach.“ 

Vielleicht ist diese Idee tatsächlich zu umfassend, zu anspruchsvoll, um sie gegen die mächtigen Gewohnheiten des Habenwollens zu leben. Denn es geht nicht „nur“ ums Entrümpeln, Vereinfachen von diesem und jenem, auch nicht um Zeitspar- oder Effizienzmodelle, sondern um ein radikales Umlenken des eigenen Lebensentwurfs. Trotzdem traf Elgin einen Nerv, und seine Idee lebt in immer neuen Varianten weiter. Die Typologie der „bewusst Einfachen“ umfasst heute Minimalisten, Sharer, Dematerialisierer, Grüne, Nachhaltigkeitspraktiker (LOHAS = Lifestyle of Health and Sustainability) und viele andere. Aber trotz all dieser Bewegungen ist die Durchkommerzialisierung des westlichen Lebensstils weiter fortgeschritten – und in ihren Methoden noch raffinierter geworden. Nicht nur unsere Kaufkraft wird abgeschöpft. Es geht um unsere Zeit, unsere Aufmerksamkeit, und selbst der Schlaf soll von der großen Marktmaschine aufgesogen werden. In der Digitalisierung hat sich der Konsumkapitalismus ein neues mächtiges Instrument geschaffen, um noch die letzten Krümel an Lebenszeit, Interessen und Konzentration in einer 24/7-Welt zu absorbieren. Distinktionsgewinne, Statussymbole, demonstrativer Konsum – diese „alten“ Triebkräfte des Habenwollens sind heute in der digitalen Welt virulenter denn je. 

Weniger ist mehr. Ein eleganter Minimalismus war seit jeher ein Kennzeichen von ästhetischen und geistigen Eliten. Und vielleicht sollte die Ästhetik stärker ins Spiel gebracht werden, wenn es um die ökologische Menschheitsfrage geht: Wie lange noch können wir weiter uneingeschränkt verbrauchen und haben? Denn die Formen sind wichtig: Könnte die Attraktivität des Lebensdesigns ein starkes Motiv für Veränderung sein? Der geniale Designer der berühmten Braun-Produkte, Dieter Rams, hatte die Maxime geprägt: Weniger, aber besser! So könnte die Formel eines neuen Essentialismus lauten – alles weglassen, was nicht unbedingt nötig ist! Die Frage ist, ob es gelingt, diesen Gedanken von Toastern, Radiogeräten oder Rasierapparaten auch auf alles andere zu übertragen: Mensch, werde wesentlich – begreife die Schönheit, die im Weglassen liegt!

Einige Psychologen versuchen seit einiger Zeit tatsächlich, die Rams-Formel in psychologische Modelle zu überführen. Sie wissen, dass sie dabei alles vermeiden müssen, was nach Zwang oder Bevormundung riecht. Die Aufgabe lautet: Wie kann eine kritische Masse der Konsumbürger lernen, den „anderen Luxus“ zu lieben, der im Weniger, aber besser liegt?

Liebe Leserinnen, liebe Leser!

Mit dieser Ausgabe von Psychologie Heute beende ich meine berufliche Laufbahn. Ich habe die Freude gehabt, Sie fast vier Jahrzehnte lang über die Psychologie, ihre Forschung und ihre Praxis informieren zu dürfen – und über viele andere Themen aus den Sozial- und Lebenswissenschaften. Ab Januar 2015 übernimmt meine bisherige Stellvertreterin Ursula Nuber die Leitung von Psychologie Heute. Sie steht für Kontinuität in der Blattphilosophie: Psychologie auf seriöse, aktuelle und unterhaltsame Weise zu vermitteln. Ich bleibe Psychologie Heute als Autor auch weiterhin verbunden und bedanke mich bei Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, für Ihre Treue, Ihre Anregungen und Ihre konstruktive Kritik! 

Herzlich, Heiko Ernst

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