Zählen Sie von eins bis Zen!

12 / 2010 von:  Heiko Ernst
 

Ein schreiendes Baby lässt sich meist ganz leicht beruhigen, indem man es durch Singen, intensive Ansprache oder Herumalbern von seinem momentanen Mangel oder Schmerz ablenkt. Denn das Baby kann sich immer nur auf eine Sache konzentrieren und blendet alles andere aus. Doch schon bald lernt ein Kind, mit einer Vielzahl von Reizen und Empfindungen zu jonglieren, es driftet von hier nach da nach dort. Die Welt ist so vielfältig und bunt. Das Problem ist, dass Kinder spätestens mit dem ersten Schuljahr fähig sein sollten, sich wieder ganz auf eine Sache zu konzentrieren – die Vorbedingung für erfolgreiches Lernen. Aber nun ist das nicht mehr babyleicht. Und es wird noch schwieriger, wenn Kinder bis zu sechs Stunden täglich zappend und zappelnd vor elektronischen Zerstreuungsapparaten verbringen. Die Erwachsenen sind nicht nur keine Hilfe, sie sind selbst Zerstreute, süchtig nach Ablenkung, Kontakt und Information. Die Molekularisierung der Aufmerksamkeit durch Informationsüberfluss ist ein Merkmal unserer Epoche.

Bis wir das endlich begriffen haben, hat uns die schöne neue Welt der vielen Reize und Ablenkungen solche Syndrome wie Stress, ADHS, Burn-out oder psychosomatische Störungen beschert. Vergeblich versuchen wir, die magische Fähigkeit des Säuglings zur vollen Konzentration wiederzugewinnen. Die Refokussierung aus eigener Kraft gelingt nicht mehr – wir brauchen Nachhilfe.

Der bewährteste Weg, um zu sich kommen und bei sich bleiben zu können, ist die Meditation in all ihren Spielarten. Noch immer haftet dieser Methode etwas Exotisches oder Esoterisches an, obwohl sie auch in der abendländischen Geistesgeschichte verankert ist. Und obwohl die Wissenschaft immer wieder bestätigt: Meditation ist der Schlüssel zu innerer Ruhe. Das Ziel meditativer Übung: den inneren Bewertungsapparat auszuschalten und den permanent abgelenkten Geist eine Zeitlang ins Leere laufen zu lassen. Das Mittel ist distanzierte Selbstbeobachtung.

„Wortlose Wachsamkeit, lebendige Stille – die Meditation widersetzt sich einer Beschreibung“, berichtet der englische Autor Tim Parks über seine erste Vipassana-Übung (in seinem Buch Die Kunst stillzusitzen. Ein Skeptiker auf der Suche nach Gesundheit und Heilung, 2010), und er fährt dennoch fort: „Wenn am Anfang Worte und Bilder geradezu hervorsprudeln, um sich gegen unsere Versuche zu wehren, sie beiseitezuschieben, kann der Schriftsteller dabei durchaus seinen Spaß haben. Aber wenn die Gedanken schließlich nachgeben, wenn die Augen sich hinter den geschlossenen Lidern ausruhen und der Geist schweigend ins Fleisch einsinkt,

dann fällt es schwer, jenen seltsamen Zustand der Wachheit, Einheit und Ruhe zu beschreiben. Und mehr noch, der Meditierende verliert alle Lust, es zu tun. Wozu?“ Für Parks wurde Meditation zur letzten Hoffnung eines unter unerklärlichen Schmerzen und Symptomen leidenden hyperaktiven und extrem verspannten Kopfarbeiters. Erst der enorme Leidensdruck ließ ihn die Skepsis überwinden, Linderung oder gar Heilung jenseits der Schulmedizin zu suchen.

Aber ist der Lotussitz mehr als ein modisches Symbol für eine Umkehr, eine Einkehr bei sich selbst? Sind Meditation, Zen, Yoga, Tai-Chi, Qigong und andere Übungen nur die gerade angesagten Versuche, etwas mehr Ruhe ins gestresste Leben zu bringen? Wer sich der Meditation unter der Rubrik „Wellness“ nähert oder schnelle Erfolge erwartet, wird enttäuscht und frustriert. Jener „seltsame“ und selbst für einen Romanautor nicht zu beschreibende Zustand stellt sich nicht auf Anhieb ein. Es kostet Zeit, Mühe und Verzicht – vor allem auf all die Ablenkungen, die uns so lieb und teuer geworden sind. Aber der Aufwand lohnt sich (Seite 20).

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