Hokus, pokus

01 / 2013 von:  Heiko Ernst
 

„Abergläubisch sind immer die anderen.“ Wenn Sie dieser Ansicht sind, machen Sie sich etwas vor. Auch Sie sind abergläubisch! Oder haben Sie wirklich nie auf Holz geklopft, einem Freund die Daumen gedrückt oder alle Fußballgötter beschworen, dass Schweinsteiger den Elfmeter diesmal versenkt? Haben Sie nie Ihren Computer oder Ihr Auto angeschrien, wenn die „bockten“? Denken Sie nie: „Das habe ich kommen gesehen, ich hatte so eine Ahnung!“ Und Sie tragen kein Foto, keinen Talisman, kein Freundschaftsband, keinen Glücksbringer mit sich herum? Das Christophorus-Medaillon im Auto war nur ein Geschenk? Sie atmen am Freitag, dem 13., abends nicht erleichtert auf, weil er unfallfrei überstanden ist? Sie haben in höchster Not wirklich noch nie ein Stoßgebet gesprochen?  Wir sind die Urenkel der Aufklärung und leben im Zeitalter der Wissenschaft. Wir müssen nicht unbedingt an Gott glauben, der Urknall und die Evolutionslehre bieten Alternativen. Und doch blieb ein mehr oder weniger großer Rest von Irrationalität und magischem Denken in uns. Aberglaube und höchste Rationalität können in unseren Köpfen auf manchmal skurrile Weise koexistieren. Den meisten Menschen geht es wohl so wie dem Mann, von dem der große Physiker Niels Bohr berichtete: Er, Bohr, habe einen Nachbarn, der ein Hufeisen über die Tür seines Hauses genagelt hatte, gefragt: „Glauben Sie wirklich, dass das Glück bringt?“ Der Mann habe geantwortet: „Natürlich nicht, das ist doch Unsinn. Es hilft nur denen, die nicht dran glauben.“
Ironischerweise verdanken wir rationaler Wissenschaft die Erkenntnis: Es gibt „da draußen“ keine Realität, die sich uns eins zu eins offenbart. Unser Gehirn erschafft eine sehr subjektive Version der Wirklichkeit, nach Maßgabe dessen, was es für nützlich oder momentan sinnvoll hält. Was wir sehen, hören, fühlen, schmecken und berühren – nahezu alles, was wir für real oder objektiv halten, ist eine Fiktion des Gehirns. In der Zone zwischen Geist und Materie interpretiert es die Welt – und greift immer wieder auf magisches Denken zurück. Der Psychologe Dan Ariely fasst es im Titel eines seiner Bücher so zusammen: Wir Menschen sind von Natur aus „zuverlässig irrational“.Selbst Naturwissenschaftler, deren Denk- und Arbeitsweise vermeintlich durch und durch vernunftgemäß ist, sind nicht frei von irrationalem Denken. Psychologen der Boston University haben in einem Experiment zutage gefördert, dass auch Chemiker, Physiker und Geologen gelegentlich zu „teleologischen“, nichtwissenschaftlichen Erklärungen für Naturphänomene neigen (etwa: „Pflanzen produzieren Sauerstoff, damit Menschen und Tiere atmen können“). Sie, die normalerweise logische Kausalzusammenhänge suchen, reagieren unter Zeitdruck wie Laien: Wenn eine schnelle Erklärung für ein Phänomen gefordert ist, glaubt auch das geschulte Gehirn oft an Magie. 
Die Psychologen schließen daraus: Die Neigung, Sinn und Zweck in allem, selbst im Unbegreiflichen zu finden, ist tief im menschlichen Gehirn verankert. Und mehr noch: Unser Geist ist vermutlich eher auf Religion als auf Wissenschaft programmiert. Dass wir ganz offensichtlich zu magischem Denken disponiert sind – aller Wissenschaft und Aufklärung zum Trotz –, deutet auf seine evolutionäre Bedeutung hin. Die zeitweise Irrationalität des Gehirns hat ganz offensichtlich adaptiven Wert: Im menschlichen Denken ist nicht immer Richtigkeit das oberste Ziel, manchmal ist es wichtiger, dass etwas nützlich oder hilfreich ist.  
Kleine Alltagsrituale wie das Klopfen auf Holz, das Daumendrücken oder das „Hals und Beinbruch“-Wünschen haben ihren Ursprung in denselben Bedürfnissen wie die großen (Aber-)Glaubenssysteme: Wir versuchen, etwas mehr Kontrolle über die Dinge zu bekommen, und wir fühlen uns ein bisschen weniger hilflos und verloren in einem prinzipiell gleichgültigen Universum, wenn wir den Lauf der Dinge doch etwas „beeinflussen“ können. In vielen Fällen wissen wir sogar, dass das kindisch und albern ist. Aber wir glauben auch: Man kann nie wissen. In diesem Sinne: Toi, toi, toi!

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