Wir sind nicht ohne Grund so, wie wir sind. Was wir für Schwächen oder schlechte Gewohnheiten halten, sind oft die kleineren Übel, ja sogar alltagstaugliche Lösungen. So hat beispielsweise die Neigung, zu schnell ja zu sagen und eigene Interessen hintanzustellen, ihren psychologischen Sinn. Wir mögen über unsere Harmoniesucht seufzen, sie ist jedoch, bei genauer Betrachtung, leichter zu ertragen als die Alternative: Das Angespanntsein und die Konflikte, die nun mal mit forscher Selbstbehauptung einhergehen, würden uns weit mehr seelische Kosten verursachen als ein fauler Kompromiss.
Eine alte Trainerweisheit im Basketball lautet: “Don’t go to your left!” Soll heißen: Es bringt nichts, mit der Linken dribbeln und werfen zu lernen, wenn man Rechtshänder ist. Perfektioniere lieber deine Wurfhand! Lange Zeit ließ sich diese Weisheit verallgemeinern auf den Beruf und das Leben überhaupt: Arbeite an deinen Stärken, verschwende keine Zeit damit, deine Defizite auszugleichen. Wenn du das, was du gut kannst, immer weiter verbesserst, achtet niemand mehr auf deine Schwächen.
Dieser Maxime zu folgen erscheint heute nicht mehr sinnvoll. Denn in den zentralen Sphären der Gesellschaft, in der Arbeitswelt, in Politik und Medien, geht es immer seltener um Vervollkommnung von Wissen und Können oder um die Entfaltung von spezifischen Talenten, sondern um die Zurichtung eines Sozialcharakters. Gefragt sind allseits verwendbare, flexible und veränderungsfähige Menschen mit problemloser Benutzeroberfläche. Sie sollen anpassungs- und teamfähig, gleichzeitig aber auch „durchsetzungsstark“ sein, wie es in Stellenprofilen heißt, außerdem natürlich mobil, kreativ und permanent lernbereit. Das neue Persönlichkeitsideal ist das „unternehmerische Selbst“, dessen Besonderheiten der Soziologe Ulrich Bröckling in diesem Heft erläutert (S. 30).
„Schwierige“ Charakterzüge und so manche schlechte Gewohnheit mögen durchaus funktional sein – für unser inneres Gleichgewicht. Aber nicht für den Job, in dem wir erfolgreich sein wollen, oder für die Ziele, die uns eingepflanzt werden und von denen wir irgendwann glauben, es seien unsere eigenen. „Das ist nicht zielführend“ ist eine dieser neudeutschen Killerphrasen, bei denen wir hellhörig werden sollten: Um wessen Ziele geht es? Wer verlangt eigentlich ständig, dass wir uns ändern, dass wir immer besser werden und reibungsloser funktionieren?
Du kannst ein anderer sein! Das ist für viele eine zeitgemäße Hoffnung, denn dieser „andere“ wird ja auch erfolgreicher, angesehener, glücklicher sein. Wir haben die Idee der Selbstoptimierung verinnerlicht. Das Selbst muss immer weiter verbessert, gemanagt, getuned werden. Macken und Marotten sind abzulegen, Ecken und Kanten abzuschleifen. Die Methoden der Selbstoptimierung sind Psycho- und Fitnesstechniken aller Art – Psychopharmaka, Gefühlsmanagement, neurolinguistisches Programmieren, Coaching, Self-Branding und so weiter. Ein Heer von Ratgebern und Trainern will uns helfen, uns zu verbessern, zu verpacken und zu bewerben, bis das Produkt stimmt. Bis wir sagen können: Jetzt neu, mit noch mehr Strahlkraft!
Aber der Minister für seelische Gesundheit warnt: Bei dieser Marketingaktion könnte der eigene Charakter abhanden kommen. Drum prüfe, wer sich ändern will: Unsere Fehler und Defizite sind manchmal genau das, was wir brauchen. Und sie sind das, was unsere unverwechselbare Persönlichkeit ausmacht.