www.psychologie-heute.de | Editorial Heft 12/07
EDITORIAL HEFT 12/07

Das Produkt, bisher
bekannt als: Ich

Von Heiko Ernst

Sind Sie zu nachgiebig? Oder zu aufbrausend? Fällt es Ihnen schwer, fünfe grade sein zu lassen? Wären Sie gerne etwas weniger schüchtern, perfektionistisch, hibbelig, lethargisch? Verspüren Sie manchmal den Wunsch, jemand anderes zu sein, und wollen sich „neu erfinden“? – Wer sich selbst rundum toll findet, braucht jetzt nicht weiterzulesen. Alle anderen möchte ich anregen, ihre Veränderungswünsche zu überdenken.

Wir sind nicht ohne Grund so, wie wir sind. Was wir für Schwächen oder schlechte Gewohnheiten halten, sind oft die kleineren Übel, ja sogar alltagstaugliche Lösungen. So hat beispielsweise die Neigung, zu schnell ja zu sagen und eigene Interessen hintanzustellen, ihren psychologischen Sinn. Wir mögen über unsere Harmoniesucht seufzen, sie ist jedoch, bei genauer Betrachtung, leichter zu ertragen als die Alternative: Das Angespanntsein und die Konflikte, die nun mal mit forscher Selbstbehauptung einhergehen, würden uns weit mehr seelische Kosten verursachen als ein fauler Kompromiss.

Eine alte Trainerweisheit im Basketball lautet: “Don’t go to your left!” Soll heißen: Es bringt nichts, mit der Linken dribbeln und werfen zu lernen, wenn man Rechtshänder ist. Perfektioniere lieber deine Wurfhand! Lange Zeit ließ sich diese Weisheit verallgemeinern auf den Beruf und das Leben überhaupt: Arbeite an deinen Stärken, verschwende keine Zeit damit, deine Defizite auszugleichen. Wenn du das, was du gut kannst, immer weiter verbesserst, achtet niemand mehr auf deine Schwächen.

Dieser Maxime zu folgen erscheint heute nicht mehr sinnvoll. Denn in den zentralen Sphären der Gesellschaft, in der Arbeitswelt, in Politik und Medien, geht es immer seltener um Vervollkommnung von Wissen und Können oder um die Entfaltung von spezifischen Talenten, sondern um die Zurichtung eines Sozialcharakters. Gefragt sind allseits verwendbare, flexible und veränderungsfähige Menschen mit problemloser Benutzeroberfläche. Sie sollen anpassungs- und teamfähig, gleichzeitig aber auch „durchsetzungsstark“ sein, wie es in Stellenprofilen heißt, außerdem natürlich mobil, kreativ und permanent lernbereit. Das neue Persönlichkeitsideal ist das „unternehmerische Selbst“, dessen Besonderheiten der Soziologe Ulrich Bröckling in diesem Heft erläutert (S. 30).

„Schwierige“ Charakterzüge und so manche schlechte Gewohnheit mögen durchaus funktional sein – für unser inneres Gleichgewicht. Aber nicht für den Job, in dem wir erfolgreich sein wollen, oder für die Ziele, die uns eingepflanzt werden und von denen wir irgendwann glauben, es seien unsere eigenen. „Das ist nicht zielführend“ ist eine dieser neudeutschen Killerphrasen, bei denen wir hellhörig werden sollten: Um wessen Ziele geht es? Wer verlangt eigentlich ständig, dass wir uns ändern, dass wir immer besser werden und reibungsloser funktionieren?

Du kannst ein anderer sein! Das ist für viele eine zeitgemäße Hoffnung, denn dieser „andere“ wird ja auch erfolgreicher, angesehener, glücklicher sein. Wir haben die Idee der Selbstoptimierung verinnerlicht. Das Selbst muss immer weiter verbessert, gemanagt, getuned werden. Macken und Marotten sind abzulegen, Ecken und Kanten abzuschleifen. Die Methoden der Selbstoptimierung sind Psycho- und Fitnesstechniken aller Art – Psychopharmaka, Gefühlsmanagement, neurolinguistisches Programmieren, Coaching, Self-Branding und so weiter. Ein Heer von Ratgebern und Trainern will uns helfen, uns zu verbessern, zu verpacken und zu bewerben, bis das Produkt stimmt. Bis wir sagen können: Jetzt neu, mit noch mehr Strahlkraft!

Aber der Minister für seelische Gesundheit warnt: Bei dieser Marketingaktion könnte der eigene Charakter abhanden kommen. Drum prüfe, wer sich ändern will: Unsere Fehler und Defizite sind manchmal genau das, was wir brauchen. Und sie sind das, was unsere unverwechselbare Persönlichkeit ausmacht.

NEU: Die Liste aller Editorials

Auf dieser neuen Seite führen wir alle Editorials seit der Aprilausgabe 2002 auf. Das Besondere: Sie können sich die Texte schnell einblenden lassen, sehen den Titel des jeweiligen Heftes und sind mit einem Klick direkt in seinem Inhaltsverzeichnis. – Eine gute Möglichkeit, sich schnell einen Überblick zu verschaffen oder bequem zu schmökern. Zur Liste

Immer gut
informiert!

Am Erscheinungstag eines neuen Heftes informiert Sie unser Newsletter über dessen Inhalte. Wenn Sie möchten, erhalten Sie ihn auch nur, sobald ein neues Sonderheft in der Reihe „Compact“ erscheint. Sie selbst bestimmen das bei der Anmeldung und können es später jederzeit ändern.

Abos weltweit!

Psychologie Heute können Sie in jedem per Post erreichbaren Land abonnieren und das Abo auch von jedem Land aus in ein anderes verschenken. Falls mit Luftpost versandt wird, kostet das keinen Aufpreis! (Bild: NASA)
PROBEABO

Testen Sie uns …

Für einen sehr geringen Preis (in den EU-Ländern zum Beispiel für 12 Euro inklusive Versand) liefern wir Ihnen die nächsten drei Ausgaben ins Haus. Sie können dann entscheiden, ob Sie das Probe- in ein Jahresabo übergehen lassen oder es mit einer kurzen Mitteilung an uns beenden.
GESCHENKABO

Bringen Sie sich
12-mal in gute Erinnerung!

Mit einem Geschenkabo bereiten Sie ein Jahr lang jeden Monat wieder neu Freude – und wir schenken Ihnen auch was: unseren Jubiläumsband Faszination Psychologie, der nicht im Buchhandel erhältlich ist. Übrigens: Sie müssen nicht an die Abbestellung denken – das Abo endet mit der Zustellung des zwölften Heftes.
Banner: Zur Vorschau auf das nächste Heft
Banner: Im Onlineshop finden Sie Hefte ab Jahrgang 2000

SUCHMASCHINE

Das Sucheingabefeld wieder schließen

SUCHMASCHINE

Das Sucheingabefeld wieder schließen