www.psychologie-heute.de | Editorial Heft 6/08
EDITORIAL HEFT 6/08

Das Netz
ohne Spinne

Von Heiko Ernst

Es gibt wohl keine größere Illusion als die, ein autonomes Ich zu sein, eine Persönlichkeit mit „eigenen“ Träumen und Wünschen, die zudem ihre Gewohnheiten und Werte selbst wählt und formt. Wir haben uns angewöhnt, den Menschen der Moderne als ein Individuum zu betrachten, das zwar auf andere bezogen, aber doch auch ganz „für sich“ zu sehen ist. Der Zerfall jahrhundertealter sozialer Organisationsformen und Bindungen sowie die wachsende Selbstbezogenheit des heutigen Menschen haben diese Illusion noch genährt.

Aber wir unterschätzen systematisch den Einfluss der anderen auf uns. Dass wir immer noch und vor allem soziale Wesen sind, ist weit mehr als eine abstrakte Denkfigur. Das Soziale geht unablässig durch uns hindurch, und es formt oft unmerklich, dafür umso wirkungsvoller unser Denken und Handeln. Das ist nichts Ehrenrühriges: Wir sind deshalb noch lange keine Konformisten und Herdentiere, im Gegenteil: „Wer bloß identisch ist mit sich, ist ohne Glück“, erkannte Adorno.

Vielleicht stehen wir an einer Zeitenwende. Das Soziale rückt auf eine ganz zeitgemäße Art wieder in unser Bewusstsein. Die zentrale Metapher unseres Lebens ist das Netz, und die „Netzwerkgesellschaft“ sieht der spanische Soziologe Manuel Castells als die Superstruktur der globalisierten Welt: Prinzipiell ist alles mit allem verknüpft – und das ist nicht mehr nur eine romantische Idee, sondern Wirklichkeit. Wir sind Knoten in einem schier unendlichen Netz, und jeder andere Knoten kann mit uns in Kontakt treten. Eine Energie scheint durch dieses Netz zu fließen, die, nach noch zu entdeckenden Gesetzen, die Ideen, Meinungen und Verhaltensnormen in vielen Regionen des Netzwerks beeinflusst und verändert.

Wem das zu theoretisch oder zu hoch gegriffen erscheint, der möge dieses Beispiel betrachten: Das „New England Journal of Medicine“ berichtete kürzlich über eine imposante Langzeitstudie mit über 12.000 Personen, die zu folgendem, aufsehenerregendem Ergebnis kam: Wer fettleibige Freunde hat, wird mit 57-prozentiger Wahrscheinlichkeit selbst dick. Fettleibigkeit, eine der großen Plagen unserer Wohlstandsgesellschaften, ist nicht nur eine persönliche Schwäche angesichts des guten Essens, sie wird sozial „übertragen“ wie eine Mode, ein Trend, eine Geschmackstendenz. Es handelt sich also um eine nichtbiologische Form der Ansteckung, um eine Epidemie ganz ohne Viren. Dabei ist nicht räumliche, sondern psychische Nähe entscheidend: Nicht die Familienmitglieder, mit denen man zusammenlebt, beeinflussen das Essverhalten maßgebend, sondern Wahlverwandte, Freunde, und dazu zählen auch solche, die man selten sieht, die weit entfernt leben und mit denen man dennoch – etwa übers Internet – Kontakt hält.

Wer beeinflusst wen? Es geht weniger um direkte Beobachtung (etwa bei gemeinsamen Mahlzeiten, bei denen man über die Stränge schlägt), sondern um Normen, die durch Gleichgesinnte vermittelt werden: Es ist o.k., ein bisschen Übergewicht zu haben. Die „Ansteckung“ funktioniert auch in die andere Richtung. So gibt es Netzwerke von Mädchen, die es chic finden, dünn zu sein, und in einen fatalen Wettbewerb des Abnehmens eintreten – bis zur Magersucht (zum Beispiel „Pro-Ana“).

Die Dynamik der Fließrichtungen im sozialen Netz muss erst noch genauer erforscht werden. Dafür bietet sich nun den Forschern ein regelrechtes Schlaraffenland: Die neuen digitalen „Freundschaftsnetze“ wie Facebook, studiVZ und so weiter sind ein gigantischer Feldversuch in Sachen Beeinflussung, und sie erzeugen reichhaltiges Datenmaterial. An ihnen lässt sich ablesen, wie Bewegungen, Vorlieben, Werte entstehen und wie sich das Bewusstsein der Teilnehmer verändert. Soziale Netze, die realen und die digitalen, funktionieren wie ein Superorganismus, dessen Anatomie wir bereits kennen (das sind die „Verbindungen“, den Neuronenmustern des Gehirns nicht unähnlich), dessen Wirkungsweise (oder Physiologie) wir aber erst anfangen zu begreifen. Wir dürfen gespannt sein.

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