Der immer wieder misslingende Umgang mit den eigenen Gefühlen ist ein Hauptproblem westlicher Menschen. In unserer Lebensweise sind wir tief verstrickt in die Affekte, mit denen wir auf die Zumutungen, Kränkungen und Überforderungen im Alltag reagieren. Typisch sind chronischer Ärger und unterdrückter Zorn, schwelende Ressentiments, aber auch Ängste, Eifersucht, Hass, Depressionen. All diese Gefühle sind Stresssymptome. Ein Großteil des Gefühlschaos ist uns oft gar nicht mehr bewusst. Wir nehmen es als anscheinend notwendige Grundanspannung hin. Und wenn es doch unerträglich wird, dann versuchen wir es rational zu bewältigen. Wir grübeln und analysieren, wir bemühen uns, die negativen Gefühle auszublenden oder zu verdrängen. Oder wir lenken uns ab, bagatellisieren und überspielen die Probleme. Das ist der „westliche“ Weg.
Es gibt einen anderen Weg, dem äußeren und inneren Stress zu begegnen: „Achtsamkeit“ und „Akzeptanz“. Das sind zwei Methoden, genauer: Geisteshaltungen, die aus dem spirituellen Kontext des Buddhismus entstanden sind. Bei der Achtsamkeit geht es darum, die Arbeitsweise des eigenen Bewusstseins kennenzulernen. Dazu müssen wir üben, uns selbst distanziert zu beobachten. Gedanken und Gefühle werden dabei zu Objekten: Wir nehmen sozusagen eine höhere Warte ein und erkennen beispielsweise ihre Vergänglichkeit und Flüchtigkeit. Und deshalb verlieren sie allmählich die Macht, uns buchstäblich zu ergreifen, aufzuregen oder zu ängstigen.
Akzeptanz bedeutet, das, was wir gerade erleben, nicht sofort einzuordnen und zu bewerten, sondern nichts zu tun, nicht zu reagieren. Indem wir auch die eigenen Gefühlsreaktionen akzeptieren, wie sie im Augenblick sind, wird die Realität zum Stoff, aus dem man etwas erfahren und lernen kann. Gerade weil man nicht unablässig damit beschäftigt ist, sie sich zurechtzubiegen und gefügig zu machen, wird man realitätstüchtig.
Achtsamkeit ist im Grunde eine Meditation von Augenblick zu Augenblick – die Fähigkeit, das eigene Dasein zu begreifen, indem man ganz da ist. Diese Haltung ist der christlichen contemplatio nicht unähnlich. Wie diese erfordert auch die Achtsamkeit Übung und Überwindung, denn sie bedeutet, gerade in den kleinen Dingen des Alltags präsent und wach zu sein – das, was man tut, konzentriert und ausschließlich, ja geradezu andächtig zu tun. Multitasking und Zeitmanagement sind das krasse Gegenteil …
Vor drei Jahrzehnten begannen charismatische westliche Wissenschaftler wie der Molekularbiologe Jon Kabat-Zinn und der Kardiologe Herbert Benson, diese besondere Methode der Wahrnehmung im klinischen Kontext zu erproben, mit messbarem Erfolg. Die Mindfulness-Bewegung ist inzwischen über das Stadium eines Experiments weit hinaus. Ein weitverzweigtes Netzwerk von Institutionen und Akademien organisiert heute die Ausbildung einer ganzen Generation von Ärzten und Psychotherapeuten.
Der Buddhismus wird häufig als Modeerscheinung eingeschätzt, und der Dalai-Lama ist für manche Beobachter die Symbolfigur für eine unkritische Bewunderung „asiatischer Weisheit“. Die Gefahr von Missverständnissen ist in der Tat gegeben, etwa in Form des spiritual bypassing, des Versuchs, durch Achtsamkeit und Meditation Abkürzungen zur Erleuchtung oder zum Seelenfrieden zu finden. Oder wenn die „Akzeptanz“ als passives Ertragen unguter Zustände gesehen wird. Gar nicht einmal falsch liegt hingegen jene Mutter, die ihrer Freundin erzählt: „Mein Sohn meditiert jetzt. Ich weiß nicht so genau, was das ist, aber es ist sicher besser als rumsitzen und nichts tun!“
Jenseits der Missverständnisse und Verdächtigungen sind buddhistische Methoden erstaunlich zugänglich für ihre wissenschaftliche Erforschung. Die bisherigen Ergebnisse bestätigen: Es lohnt sich, die Welt achtsam und akzeptierend wahrzunehmen.