Die heutigen Menschen scheinen unendlich freier als die Proletarier früherer Zeiten, aber sie sind offensichtlich nicht weniger entfremdet. Der wachsende Überdruss am Unechten und Verlogenen ist ein auffälliges Symptom unserer Zeit. Noch nie wurde so intensiv nach dem Echten, Ehrlichen, Ungekünstelten gesucht. Originalität wird zum Wert an sich, wenn das einzig Individuelle bei vielen nur noch der Klingelton ihres Handys ist. Glaubwürdigkeit und Echtheit stehen umso höher im Kurs, je mehr Bullshit verbreitet wird. So nennt der Philosoph Harry G. Frankfurt in seinem gleichnamigen Büchlein die wissentliche und gewohnheitsmäßige Verbreitung von Unsinn und Viertelwahrheiten, etwa in Politik und Werbung.
Vor allem wollen Menschen selbst echt oder authentisch sein. Sie sehnen sich nach einem Leben, wie es eigentlich sein sollte und wie es nur gelegentlich im Urlaub oder anderen Ausnahmesituationen aufscheint. Je mehr ihnen bewusst wird, wie sehr sie bevormundet, beeinflusst, manipuliert werden, desto verzweifelter wirkt oft das Streben nach Authentizität: Wer bin ich, und was will ich wirklich? (Seite 20)
Dass die moderne Entfremdung uns bewusst ist, verdanken wir zu einem guten Teil der Humanistischen und Existenzialistischen Psychologie, die von Carl Rogers, Abraham Maslow, Fritz Perls, Rollo May und anderen begründet wurde. Deren religiöse und puritanische Wurzeln sind jedoch unverkennbar: So ist „Echtheit“ für Rogers die Kongruenz zwischen Fühlen, Bewusstsein und Kommunikation, und Echtsein ist alles in seiner personzentrierten Psychologie. Es ist der Glaube an einen (guten) Kern in jedem Menschen, den es zu retten gilt. T. W. Adorno zeigte in seiner Schrift „Jargon der Eigentlichkeit“, wie die öffentliche Rede weitgehend imprägniert ist von pseudoreligiösen und formelhaften Anrufungen des Eigentlichen. Damit würden „theologische Süchte“ der entfremdeten Menschen ausgebeutet, also gerade das Bedürfnis nach etwas Unbezweifelbarem und Heiligem.
Dass Authentizität jedoch selbst wieder zur Geschäftsidee wird, beweist ein kurzer Blick in die Warenwelt: Ein Kosmetikhersteller wirbt statt mit gestylten Magermodels mit „echten“, und das heißt: etwas fülligeren Frauen – und heimst Lob und Preise ein. Und die Erfolgsgeschichte einer Limo namens Bionade beruht wohl darauf, dass sie ein „furcht-bar ehrliches Produkt“ ist, wie Bionade-Geschäftsführer Kowalsky unfreiwillig ironisch meinte.
So wird das Echte und Wahre selbst immer wieder zum Fetisch, und wer beim Wettbewerb mithalten will, muss sich oder seine Waren als authentisch inszenieren. Angesichts dieser Dialektik wird ein unbegreiflicher Bucherfolg begreiflich: Wo das vermeintlich Authentische sich durch Unappetitlichkeit als „ehrlich“ ausweist, wirkt es als willkommenes Kontrastprogramm zur allgegenwärtigen Künstlichkeit. Die „Feuchtgebiete“ der Charlotte Roche sind zwar eklig, aber so was von echt!
Es gibt nur eine Methode, um sich einen Rest an persönlicher Authentizität zu bewahren: Man muss eine Pause zwischen Reiz und Reaktion einschieben können – also zwischen den „fremden“ Aufforderungen, Anreizen und Verführungen des Alltags und der Antwort. Diese Pause gibt uns Zeit, in der wir wählen können: Was will ich?