www.psychologie-heute.de | Editorial Heft 1/09
EDITORIAL HEFT 1/09

Der eilige
Samariter

Von Heiko Ernst

Ein Student hastete die Straße entlang, als er plötzlich einen stöhnenden, sich offensichtlich vor Schmerzen krümmenden Mann in einer Seitengasse am Boden liegen sah. Der Student zögerte einen Augenblick, sah sich um – und ging eilig weiter. Er wusste nicht, dass er Versuchsperson in einem sozialpsychologischen Experiment war.

John Darley und Dan Batson von der Princeton University schickten Theologiestudenten in ein mehrere Blocks entferntes Gebäude, um dort ein Referat zu halten. Einigen Studenten sagten sie, sie sollten sich beeilen, man erwarte sie bereits. Den anderen sagten sie, sie hätten genügend Zeit. Jeder einzelne Student kam an dem anscheinend verletzten Mann vorbei – in Wahrheit ein Schauspieler, der im Auftrag der Forscher agierte. Die Eiligen ließen ihn liegen, die Gemächlichen kümmerten sich um ihn. Eine ironische Note erhielt das Experiment durch das Thema des Referats, das die Studenten halten sollten: Es ging um das Gleichnis vom barmherzigen Samariter.

Eine scheinbar banale Erkenntnis: Wenn wir einen Termin haben, blenden wir andere Verpflichtungen aus. Wir müssen eben Prioritäten setzen im Leben, oder? Beunruhigend ist: Zeitdruck macht unbarmherzig, selbst dann, wenn man sich gerade intensiv mit dem Thema Mitleid und Hilfsbereitschaft beschäftigt hat. Und die Tendenz, alles der Uhr oder dem Kalender unterzuordnen, kann sich verfestigen und unser Verhalten unbewusst, aber umso nachhaltiger prägen. Nicht mehr die Situation, unser Charakter oder unsere Werte bestimmen das Handeln, sondern ein verinnerlichtes Zeitmuster. Wer beispielsweise überwiegend „schnell“ lebt, wer zukunftsorientiert immer schon das Nächste plant und bedenkt, hat meist keine Zeit mehr für die Gegenwart.

Das hat auch Robert Levine herausgefunden, ein Pionier der psychologischen Zeitforschung. Er hat das Lebenstempo in unterschiedlichen Städten und Kulturen untersucht, indem er etwa die Gehgeschwindigkeit der Passanten stoppte oder wie lange es dauerte, in einem Laden eine Packung Zigaretten zu kaufen. Dass man in New York schneller geht, redet und isst als in Mexico City, überrascht nicht. Aber auch innerhalb einzelner Länder gibt es ein Gefälle. Levine beobachtete, dass die allgemeine Hilfsbereitschaft mit dem Tempo einer Stadt abnimmt: Wer hat schon Zeit, einem Blinden über die Straße zu helfen oder einen Zehner zu wechseln?

Aber nicht nur die Zukunft, auch die Vergangenheit kann Menschen gefangen nehmen. Alfred Adler, der Begründer der Individualpsychologie (und Erfinder des Minderwertigkeitskomplexes), glaubte, dass unsere erste Erinnerung ein Fenster zum Rest des Lebens sei. Er pflegte seine Klienten zu fragen: Was ist das früheste Ereignis in Ihrem Leben, an das Sie sich noch erinnern können? Es war ihm nicht wichtig, ob diese Erinnerungen der Wahrheit entsprachen. Wichtig ist, wie ein Ereignis im Lichte der gegenwärtigen Gedanken und Gefühle interpretiert wird. Adler war einer vertrackten Wechselwirkung auf der Spur: Erinnerungen prägen unser Verhalten in der Gegenwart. Aber umgekehrt kann unsere Befindlichkeit in der Gegenwart die Bewertung unserer Vergangenheit beeinflussen. Adler war von der therapeutischen Bedeutung dieser Wechselwirkung überzeugt, und dieses Thema beschäftigt die Therapeuten heute noch intensiv.

Bei diesen Fragen setzt auch Philip Zimbardo an (Seite 20). Er versucht, eine neue Verhaltenstypologie entlang der Zeitachse zu begründen: Menschen unterscheiden sich in der Wahl einer dominierenden Zeitperspektive. Zimbardo glaubt, dass eine allzu rigide Ausrichtung auf das Gestern, Heute oder Morgen ungünstig ist, und plädiert deshalb für Flexibilität: Wir sollten uns nicht allzu sehr von einem Zeitmuster leiten lassen. Zum Glück lässt sich lernen, die Blickrichtung auf der Zeitachse zu ändern. Das setzt jedoch voraus, dass uns die Befangenheit bewusst wird und wir uns – wenn es nötig und sinnvoll wäre – aus ihr befreien können. Möglicherweise hätte eine Reflexion über die Wichtigkeit von Terminen im Vergleich zu einem Menschenleben auch aus den eiligen Seminaristen gute Samariter gemacht.

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