www.psychologie-heute.de | Editorial Heft 5/09
EDITORIAL HEFT 5/09

Warum Sisyphus nicht
an Burn-out leidet

Von Heiko Ernst

In dem Film Sommer vorm Balkon (Regie: Andreas Dresen, 2005) muss eine junge Altenpflegerin (Nadja Uhl) lernen, ihre Zuwendung nach der Stoppuhr zu dosieren. Kosten- und Zeitdruck, so wird ihr bedeutet, machten dies erforderlich. Die Taylorisierung des Pflegens verwandelt die Frau, die bisher liebevoll und fröhlich mit den alten Menschen umgegangen ist, in eine getriebene Arbeitskraft. Ihre routinierten Handgriffe gehen einher mit wachsender innerer Distanz und mit einem für branchenüblich gehaltenen Zynismus.

Die Erforschung des Burn-outs, des allmählichen Ausbrennens, begann mit der Beobachtung sogenannter „Emotionsarbeiter“, vor allem in den helfenden Berufen wie Krankenschwester, Sozialarbeiter, Arzt und Therapeut. Aber das Ausbrennen spielt sich natürlich auch in vielen anderen Lebensbereichen ab. Der brandenburgische Ministerpräsident Matthias Platzeck wies alle körperlichen und psychischen Warnsymptome des Ausgebranntseins auf, als er 2006 das Amt des SPD-Vorsitzenden bereits nach wenigen Monaten wieder niederlegte. Er hatte begriffen, dass er dabei war, sich zu überfordern und in der neuen Rolle ein anderer Mensch zu werden, ein Nicht-mehr-Ich. Neben ehrlichem Mitgefühl für Platzeck gab es viel geheucheltes. Hinter vorgehaltener Hand haben nicht wenige Kollegen gegrient: Der ist eben ein Weichei! Wer die Hitze nicht verträgt, sollte nicht in die Küche gehen.

In allen Berufen, ob Krankenpfleger oder Politiker, sind Idealisten besonders gefährdet: kompetente, gewissenhafte Menschen mit hohen Ansprüchen an sich selbst und andere. Sie geben ihr Bestes und erwarten es auch von anderen – und sie verzweifeln nach und nach daran, dass sich die Wirklichkeit so gar nicht mit ihren Idealen in Deckung bringen lässt.

Selbstverausgabung und Idealismus sind Risikofaktoren in der Arbeitswelt von heute. Gerade deshalb sind längst nicht alle Politiker (oder Ärzte, Manager, Lehrer) burn-out-gefährdet. Zwar gehören viele zur wachsenden Gruppe der „Extremjobber“ mit über 50, 60 und mehr Arbeitsstunden pro Woche. Lange Arbeitszeiten mögen physisch erschöpfen – das psychische Ausbrennen ist gefährlicher: Wenn der Sinn der Arbeit verlorengeht, wenn die prinzipielle Unlösbarkeit vieler Aufgaben bewusst wird, wenn die Kluft zwischen hohen Ansprüchen und grauer Routine zu groß ist, dann erst fällt die körperliche Müdigkeit ins Gewicht.

Arbeitsmediziner und Psychologen verweisen auf die vorbeugende Kraft von Respekt, Fairness, Wertschätzung, Gemeinschaftsgefühl. Das ist sicher richtig, aber es ist auch genau das, was in unserer Arbeitswelt immer rarer wird und auf das Arbeitnehmer nur bedingten Einfluss haben. Als praktische Hilfe bieten die Gesundheitsprofis an, den Einzelnen wieder fit zu machen für den Kampf, etwa gegen Mobbing und Bossing. Noch immer geht es darum, ihm das Jiu-Jitsu mit dem Zeitdruck und den ersten Symptomen des Burn-outs beizubringen.

Vielleicht hilft es, sich einen selbstimmunisierenden Existenzialismus anzueignen, einen die geistige Gesundheit erhaltenden gedanklichen switch: Wie viel Sinn müssen wir wirklich in der Arbeit suchen? Nehmen wir sie (und uns selbst) vielleicht zu wichtig? Die Arbeit des Sisyphus bestand in vergeblicher Steinewälzerei, eine Strafe, wie sie nutz- und sinnloser nicht sein konnte. Trotzdem müssen wir uns Sisyphus als glücklichen Menschen vorstellen, meinte Albert Camus. Gerade weil seine Arbeit so absurd ist wie das Leben selbst, sagt der Existenzialphilosoph, machen ihm Leben und Tod keine Angst mehr. „Darin besteht die verborgene Freude des Sisyphus. Sein Schicksal gehört ihm. Sein Fels ist seine Sache … Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen.“ Es kommt darauf an, das Absurde zu akzeptieren und in unser Leben zu integrieren.

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