www.psychologie-heute.de | Editorial Heft 7/09
EDITORIAL HEFT 7/09

Soft Power: Der
immerwährende Machtkampf

Von Heiko Ernst

„Ober sticht Unter, hehehe!“ Der bayrische Satiriker Gerhard Polt lässt eine seiner Spießerfiguren die Stammtischweisheit wie eine ewige Wahrheit zitieren. Es gibt Milieus, in denen man sich über Macht keinen Illusionen hingibt: Da ist immer einer, der das Sagen hat, und einer, der kuschen muss. Und es gibt Milieus, in denen man an vernünftigen Interessenausgleich, an Verhandlungsmoral und andere egalitäre Ideale des aufgeklärten Bewusstseins glauben will. Real existierende Machtgefälle werden zumindest rhetorisch eingeebnet. Unsere Politiker beispielsweise, die ja ausdrücklich Machthaber auf Zeit sein sollen, betonen fast rituell, dass sie die Position keineswegs aus Lust anstrebten, Gott bewahre! Nein, sie wollen „die Zukunft gestalten und etwas für die Menschen bewirken“. Macht scheint etwas Unanständiges oder zumindest Verdächtiges zu sein.

Es gibt aber kein Machtvakuum, nirgendwo. „Keine Macht für niemand!“ ist ein selten doofer Spruch. Wir alle sind täglich und fast unablässig in Machtkämpfe verstrickt. Das gilt selbst und gerade dort, wo wir lieben und uns einigermaßen sicher wähnen vor machiavellistischen Spielchen – in Partnerschaft und Familie. Dort, wo nach allgemeinem Konsens niemand mehr herrschen soll, schon gar nicht der Patriarch alten Schlages (oder gar Schreckensfiguren wie der Herr Fritzl), ist Gleichberechtigung das Ideal. Dennoch prägen Machtkämpfe auch hier die Wirklichkeit, selbst wenn sie eher durch soft power ausgetragen werden, statt auf die „alten“ Mittel wie Druck, Zwang oder gar Gewalt zurückzugreifen.

Auch in der liebevollsten Familie und in der intimsten Zweierbeziehung emanzipierter Partner versucht jeder, seine Interessen durchzusetzen. Weil das im günstigen Fall auf unmerklich sanfte oder raffiniert-manipulative Weise geschieht, bleibt die Macht unsichtbar. Charme und Charisma erzeugen die Illusion von Freiwilligkeit bei dem, der gerade der „Unter“ ist. Oder die Macht tarnt sich als Machtlosigkeit, etwa in Form des passiv-aggressiven Verhaltens. Es scheint, als ob das vor allem für sich entmachtet fühlende Männer eine Strategie ist: sich als Opfer zu stilisieren durch mürrische Teilnahmslosigkeit, beleidigtes Schweigen, angebliches Nichtkönnen, zur Schau getragene Unlust. Das lenkt davon ab, dass man dabei ist, dem Partner seinen Willen aufzuzwingen nach dem Schema: „Ich hab dich ja nicht genötigt, den Keller aufzuräumen!“ Virtuosen der Macht sind in beiden Geschlechtern häufig gute Menschenkenner: Sie wittern die Schwachpunkte des Gegenübers, etwa Scham- und Schuldkomplexe oder schlichte Bequemlichkeit, und machen sie sich zunutze.

Andererseits ist es mitunter eine bewusste Lebensstrategie, auf Macht ganz zu verzichten. Und Gehorsam kann durchaus auch vorübergehenden Lustgewinn bringen: wenn Verantwortung und Entscheidungszwänge abgeworfen werden dürfen, die mit Machtausübung einhergehen. So sind nicht wenige Allmächtige die Geschäftsgrundlage von Dominas, die ihre Kundschaft überwiegend aus „einflussreichen Kreisen“ rekrutieren.

Die Psychologie der Macht ist komplizierter geworden. Sie erfasst den ganzen Menschen in all seinen Beziehungen. Der Kampf um Einfluss prägt unser Selbstbild und Selbstwertgefühl, er gestaltet oder zerstört Intimität, und er bezieht das volle Spektrum der Emotionen ein. Weil Macht auch in der modernen bürgerlichen Gesellschaft kein Vakuum duldet, kommt es umso mehr darauf an, aufmerksam zu werden für ihre vielen versteckten oder getarnten Formen. Wer sich dabei ertappt, dass er öfter Dinge tut, die er eigentlich gar nicht wollte, sollte die Mikromechanik der Beeinflussung im Alltag genauer beobachten: Wer kriegt wann und warum seinen Willen? Und was bringt mich dazu, fremden Willen zu dulden oder gar bereitwillig anzuerkennen? Macht ist nicht an sich schlecht, aber wir müssen sie immer wieder prüfen, und vermutlich ist eine sorgfältig austarierte Balance das Rezept für gute Beziehungen in Ehe und Familie – und überall.

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