Neben den bewusst erinnerten Episoden der eigenen Kindheit (die nicht immer der Wahrheit entsprechen müssen), gibt es für jeden von uns eine Geschichte, die uns in aller Regel unzugänglich bleibt. Es ist die Geschichte der sogenannten Affektregulierung, und sie ereignet sich lange bevor wir bewusste Erinnerungen bilden können – in der frühesten Kindheit.
Als Affektregulierung bezeichnet der Entwicklungspsychologe Allan Schore (Seite 26) die Entstehung unseres Selbst durch das Zusammenspiel von Biologie und Umwelt, von neurobiologischer Hardware und mentaler Software. Das, was wir als unser „Selbst“ bezeichnen, ist im Kern das Grundmuster, wie wir als Kleinkinder auf unsere Gefühle reagierten und wie wir sie regulieren lernten. Die Mutter (oder eine andere frühe Bezugsperson) fungiert in diesen sensiblen Entwicklungsphasen als „existenzieller Coach“, wie es der Neurobiologe James Grotstein nennt – sie wirkt stimulierend, beruhigend oder korrigierend auf das sich entfaltende Gefühlsleben des Säuglings ein.
Wenn nun durch Zufall, Vernachlässigung oder genetische Veranlagung ein Zeitfenster für dieses Gefühlslernen verpasst wurde, konnten sich wichtige neuronale Strukturen nicht genügend oder nicht richtig bilden. Unzureichende Affektregulierungen beschäftigen oder belasten uns dann im weiteren Lebenslauf: Phobien oder Panikattacken, Hypochondrie, manisch-depressive Zustände, zwanghaftes Verhalten, überwältigende Schamgefühle oder kaum kontrollierbarer Zorn. Solche und andere meist „unerklärliche“ Probleme gehen auf sehr frühe und entscheidende emotionale Erfahrungen zurück, auf die nicht adäquat reagiert wurde.
Sigmund Freud hat den ersten Lebensmonaten in seiner einflussreichen Theorie nur wenig Beachtung geschenkt. Er sah in den psychosexuellen Phasen der Kindheit, namentlich in der ödipalen Phase, die eigentliche Entstehungszeit der Persönlichkeit. Aber die Grundlagen des Gefühlslebens und damit des Charakters eines Menschen werden früher gelegt, wie wir heute wissen. Immer deutlicher erweist sich die Bindungsforschung als Schlüsselwissenschaft: Sie liefert das umfassendste Erklärungsmodell für vieles, was uns im späteren Leben zu schaffen machen kann. All die neuen Erkenntnisse des wahrscheinlich produktivsten und weitestreichenden psychologischen Forschungsprojektes unserer Zeit geben neue Antworten auf die ewige Frage des Erwachsenen: Wie sehr beeinflusst und prägt mich die Kindheit?
Und vor allem: Sind solche Prägungen, wenn sie mich belasten oder quälen, korrigierbar?
Die Antwort auf die zweite Frage lautet: Im Prinzip ja. Zum Beispiel ermöglicht es die Übertragungsdynamik in einer Psychotherapie (auch sie wurde von Freud vorausgedacht), die frühen Bindungsdramen nachzukonstruieren und gegebenenfalls zu verändern, dank der Plastizität des Gehirns.
Die neue Entwicklungspsychologie hat also auch Konsequenzen für die Psychotherapie: Therapieziel ist nun etwa die Fähigkeit, sich selbst zu beruhigen, oder die Fähigkeit, Gefühle von Scham, Angst oder Wut auszuhalten und nicht länger von ihnen überwältigt zu werden. Das heißt, die Beziehungsaspekte jeder psychologischen Behandlung (das holding und bonding) müssen gegenüber vorschnellen rationalen Analysen und Reparaturversuchen in den Vordergrund treten.