Die Idee wurde seither immer wieder aufgegriffen. Kürzlich forderte das amerikanische Magazin Smith seine Leser auf, ihre Memoiren in Hemingways Sechswortform zu schreiben. Der Aufruf löste eine Flut von witzigen, traurigen, weisen oder skurrilen „Autobiografien“ aus (eine kleine Auswahl siehe unten). Lässt sich ein Leben wirklich durch ein Bonmot, eine Überschrift oder ein Leitmotiv auf den Punkt bringen? Viele Menschen scheinen das zu können oder haben zumindest viel Spaß dabei, diese Formel zu suchen.
Die kurze Form zwingt dazu, eine Essenz zu finden und sich selbst „im Großen und Ganzen“ zu reflektieren: Ist mein Leben gelungen, mehr oder weniger? Bin ich zufrieden? Wenn nein, was hat mich daran gehindert? Kann ich mich verändern? Oder gibt es von Anfang an eine Melodie, einen Grundton meiner Existenz? Solche biografischen Fragen stellen sich die meisten Menschen jedoch nicht ständig. Es sei denn, sie nehmen an einer psychologischen Längsschnittuntersuchung teil – wie etwa die Probanden der einzigartigen Harvardstudie, über deren Erkenntnisse wir ab Seite 28 berichten. Der Psychoanalytiker George Vaillant, jahrzehntelang Leiter der Studie, hat aus dem immensen biografischen Datenmaterial Hunderte von Lebenserzählungen destilliert, um einer Antwort auf die Frage näherzukommen: Was ist ein „gutes Leben“? Die frappierende Komplexität und Widersprüchlichkeit dieser Biografien scheinen jeder Reduzierung auf sechs Worte Hohn zu sprechen. Und doch hat auch Vaillant sechs Wörter gefunden (beim Dichter William Blake), um das komplizierte Gebilde des menschlichen Lebens auf eine Formel zu bringen: Joy and woe are woven fine, Freude und Schmerz sind eng verwoben.
Wohl wahr. Aber Psychologen sind keine Dichter, sie zerlegen solche ewigen Wahrheiten mit quantitativen und empirischen Methoden. Und sie haben soeben herausgefunden: Es ist das besondere Mischungsverhältnis von Freude und Schmerz, von positiven und negativen Gefühlen, das letztlich darüber entscheidet, ob es uns gutgeht, ob unser Leben gelingt und wir uns optimal entfalten, aufblühen können. Das Mischungsverhältnis muss mindestens drei zu eins zugunsten der positiven Emotionen betragen. Dieses Ergebnis lässt sich dann durchaus in lyrischer Sprache erläutern: Die Psychologin Barbara Fredrickson erklärt (Seite 20), wie wir ausreichend Glücksfäden spinnen können, um dem Stoff, der unser Leben ist, ein schönes Muster zu geben.
Mein Leben in nur sechs Wörtern:
„Mein erstes Konzert: Zappa. Erklärt alles.“
„Die eine gefunden, die andere geheiratet.“
„Leben ist eine Serie von Beinahe!“
„Schwierige Kindheit führte mich zur Weisheit.“
„Stiller Typ. Bitte beachtet mich mehr!“
„Keine Worte könnten mein Leben beschreiben.“
„Grauer Star. Hab’s nicht kommen sehen.“
„Mein Motto: Maximales Ergebnis, minimaler Einsatz.“
„Fünfzig Jahre. Gingen ziemlich schnell rum.“
„Alles ist möglich mit einer Verlängerungsschnur.“
„Freundin ist schwanger, sagte mein Mann.“
„Ein guter Christ? Ich arbeite dran.“
„Tschüss, blöder Günther, jetzt lebe ich!“
„Ich dachte, ich könnte mehr ausrichten.“
„Sie küsste mich und sagte ja.“
„Immer Angst, wie Mutter zu werden.“
„Zorniger Mann wird Anwalt. Prozessiert gerne.“
„Batterien sind billig. Wer braucht Männer?“
„Die Nervensägen, sie finden mich immer.“
„Türke? Deutscher? Deutsch-Türke? Weiß nicht.“
„Arbeit, Familie, Freizeit. Alles furchtbar langweilig.“
„Ich denke, also bin ich einsam.“
„Keine Frau, keine Kinder, keine Probleme.“
„Abitur-Rede gehalten. Sex-Ratgeberin geworden.“
„Alle sprechen meinen Namen falsch aus.“
„Von München nach Hannover gezogen. Dämlich!“
„Zum Glück weit vom Stamm gefallen.“
„Mein Leben ist genau wie deines.“
„Drei Katzen, ich bleibe niemals ungeliebt.“