www.psychologie-heute.de | Editorial Heft 1/10
EDITORIAL HEFT 1/10

Wenn Aufschieben
zur Tugend wird

Von Heiko Ernst

Odysseus ließ sich von seinen Gefährten an den Schiffsmast fesseln, um dem betörenden Gesang der Sirenen lauschen zu können. Ihm war wohl bewusst: Seine Willenskraft allein würde nicht ausreichen, um der tödlichen Verlockung zu entgehen. Persönliche Schwächen erkennen, voraussehen und überlisten können – diese Fähigkeit subsumiert die Psychologie unter den Begriff Metakognition: kritisches und effektives Nachdenken über die eigenen Denk- und Verhaltensweisen.

1955 experimentierte ein junger Psychologe namens Walter Mischel* im Kindergarten der Stanford University mit der Fähigkeit zur Selbstüberlistung und Selbststeuerung. Er ließ Vierjährige eine Süßigkeit auswählen und sagte ihnen: „Du kannst diesen Schokoriegel (Marshmellow, Keks) gleich essen, aber wenn du wartest, bis ich in zehn Minuten wiederkomme, kriegst du zwei!“ Dann ließ Mischel die Kinder mit der Versuchung allein – sie wurden jedoch heimlich gefilmt.

Einige Kinder zögerten nicht lange und verschlangen die Süßigkeit ohne weitere Umstände. Sie folgten dem Instinkt: „Nimm, was du jetzt kriegen kannst! Was man hat, das hat man.“ Die meisten Kinder jedoch trugen einen inneren Kampf aus, was sich in oft sehr komischen Szenen offenbarte: Einige starrten wie hypnotisiert auf das Süße, manche streichelten es gar – und konnten irgendwann nicht mehr widerstehen. Ein Junge nahm den Oreo-Keks, den er gewählt hatte, sah sich vorsichtig um, schleckte die Cremefüllung heraus und legte die beiden Keksscheiben wieder auf den Teller. Andere hielten sich die Augen zu oder redeten laut mit sich selbst, wieder andere hüpften singend im Zimmer umher – und so schafften sie es schließlich, der Versuchung nicht zu erliegen, bis der seltsame Onkel endlich zurückkam.

Dieses Experiment ging unter dem Begriff „Befriedigungsaufschub“ (delay of gratification) in die wissenschaftliche Literatur ein und war die Initialzündung für eines der fruchtbarsten Projekte der Persönlichkeitsforschung.

Die Fähigkeit, um eines späteren Vorteils willen auf den kurzfristigen Genuss zu verzichten, ist eine der wichtigsten Eigenschaften einer Persönlichkeit, befand Mischel. Nach und nach kam er dieser Schlüsselfähigkeit des menschlichen Geistes auf die Spur. So zeigte sich in zahlreichen Untersuchungen immer deutlicher, dass die metakognitive Selbststeuerung einen überragenden Einfluss auf den Bildungserfolg, auf die psychische Gesundheit und sogar auf ein gelingendes, relativ problemfreies Leben hat. Diese Form der Selbstkontrolle ist eine Eigenschaft, die den Schul- und Studienerfolg weit stärker determiniert als der Intelligenzquotient, fand die Psychologin Angela Lee Duckworth kürzlich heraus.

Die so fundamentale Fähigkeit zur Selbststeuerung besteht in der „strategischen Zuweisung von Aufmerksamkeit“ (strategic allocation of attention), erklärt Mischel. Selbstkontrolle hat für ihn nur sehr wenig mit Willenskraft zu tun, sondern viel mehr mit den Tricks und Techniken, sich selbst von „heißen Stimuli“ (Oh, dieses Stück Torte lacht mich so richtig an!) abzulenken. Zum Glück können diese Kunstgriffe entwickelt, trainiert und anerzogen werden. Es hilft schon zu wissen, dass es auf diese Fähigkeit ankommt, um sie „notfalls“ mobilisieren zu können. Womit wir bei unserem Titelthema sind: Erwachsene sind nicht wesentlich willensstärker als Vierjährige. Mit reiner Willenskraft kommen wir auch als Vierzigjährige nicht dauerhaft gegen unsere archaischen Impulse an. Zumal wir immer raffinierter dazu verführt werden, im Hier und Jetzt zuzugreifen, zu genießen, uns nichts entgehen zu lassen.

Wir müssen also lernen – wie die Vierjährigen –, der Versuchung ein Schnippchen zu schlagen, besonders dann, wenn wir mal wieder gute Vorsätze gefasst haben. Das, was wir gemeinhin für unseren Willen halten, ist nämlich ein sehr komplexes Produkt aus Absichten, Plänen und Ausführungsproblemen (Seite 28). Wie wir an vielen Sirenengesängen des Alltags erfolgreich vorbeisteuern können, erfahren Sie ab Seite 20.

* Walter Mischel wurde 1930 in Wien geboren, musste 1938 mit seinen Eltern vor den Nazis fliehen. Er wuchs in Brooklyn auf und wurde später Professor an den Universitäten von Harvard und Stanford. Er ist einer der einflussreichsten Psychologen unserer Zeit.

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