www.psychologie-heute.de | Gesundheit & Psyche in Heft 12/07
GESUNDHEIT & PSYCHE HEFT 12/07

Letzte Station Bahnhofsmission

In die kirchlichen Einrichtungen am Bahnhof kommen immer öfter psychisch auffällige Menschen

Sie erscheinen meist erst nach Mitternacht. Sie haben Angst, fühlen sich verfolgt. Eine erzählt immer eine plausible Geschichte – sie hat sich ausgesperrt, wird von ihrem Mann geschlagen. Sie kennt die Struktur und weiß, unter welchen Bedingungen man in München in der Bahnhofsmission bis zum Morgen bleiben darf. Frauen und Kinder dürfen auf dem Boden im Warteraum übernachten; Männer werden aus Kapazitätsgründen an andere Einrichtungen verwiesen. Frauen jeden Alters trifft man hier an. Sie sind psychisch krank, und sie kommen immer wieder, seit Jahren.

Es sind „Wanderinnen im System“, wie die Mitarbeiter sie nennen. Denn sie wandern hin und her zwischen Ämtern, Unterkünften, Betreuern und Kliniken – aufgegeben von hilflosen Partnern, Verwandten und Freunden, meist ohne Wohnung, oft „austherapiert“, wie die Fachleute sagen.

Fester Stützpunkt zwischen Krankenhausaufenthalten und anderweitigen Unterschlüpfen sind die warmen Räume der Bahnhofsmissionen, in denen es Tee, Brot und ein freundliches Wort, ein wenig Zuwendung gibt. „Seit dem Bettenabbau in den psychiatrischen Kliniken haben wir hier zunehmend mehr psychisch kranke Menschen“, sagt Monika Plank, Ordensschwester der Caritas Socialis und katholische Leiterin der ökumenischen Bahnhofsmission in München.

„Viele Frauen kennen wir schon seit Jahren. Oft fehlt ihnen die Einsicht, dass sie krank sind, und nicht alle können wir motivieren, sich in Behandlung zu begeben. Sie lassen sich immer wieder von Männern ausnützen, vergessen dann auch, Medikamente zu nehmen, verwahrlosen und bekommen erneut Symptome.“

Nachts, wenn die Einsamkeit und Angst vor dem Alleinsein am größten ist, suchen sie in ihrer Not die Bahnhofsmission auf. „Es fehlt an niederschwelligen Betreuungs- und Aufenthaltsräumen“, sagt Schwester Monika. Die Bahnhofsmission sei ja nicht für Dauergäste eingerichtet. Doch die Vermittlung in geeignete Einrichtungen scheitere oft an der Doppeldiagnose psychische Erkrankung und Alkoholabhängigkeit. Krisenstationen für psychisch Kranke nehmen nur Nichtsüchtige auf.

Nicht nur in den Großstädten, auch in den kleineren der derzeit 95 deutschen Bahnhofsmissionen nehmen die Kontakte mit psychisch auffälligen Menschen kontinuierlich zu. Lesen Sie mehr zu diesem Thema in der Dezember-Ausgabe von Psychologie Heute.

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