Sehnsucht nach dem Stumpf
Wenn Menschen den drängenden Wunsch verspüren, mit einer Behinderung zu leben
„Ich fühle, dass mein linkes Bein ‚zu viel‘ ist, dass es nicht da sein sollte, sondern stattdessen nur ein Stumpf.“ Für Menschen, die an einer Body Integrity Identity Disorder (BIID) leiden, sind solche Sätze keineswegs bloß so dahergesagt. Ihr Wunsch, amputiert, querschnittsgelähmt oder auf sonstige Weise behindert zu sein, muss einem tatsächlich behinderten Menschen als empörender Frevel erscheinen. Doch für die Betreffenden ist es mehr als eine fixe Idee oder gar eine angenehm gruselige Gedankenspinnerei vom Was-wäre-wenn-Typ, wie sie uns aus Horrorfilmen vertraut ist. Sie haben einen immensen Leidensdruck. Sie spüren von Kindestagen an nicht nur das drängende Verlangen nach einem ganz bestimmten Handicap – meist der Amputation eines Beins an einer genau festgelegten Stelle. Die angestrebte Behinderung ist darüber hinaus auch irgendwie in ihrem Körperschema verankert: Sie haben „das intensive Gefühl, der Körper wäre ‚kompletter‘ nach der Amputation eines Gliedes“, so der Medizinpsychologe Erich Kasten von der Universität Lübeck in einem aktuellen Forschungsüberblick.
Der groteske Drang, behindert sein zu wollen, begleitet die Betroffenen oft über viele Lebensjahrzehnte – und lässt sie bisweilen tatsächlich zur Amputation schreiten. Mehr dazu in der Maiausgabe
von Psychologie Heute.
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