Doch inzwischen stellt sich heraus, dass sich Pawlows Konditionierungsprinzip keineswegs auf periphere Speichelreflexe beschränkt, sondern weit umfassender in den Organismus eingreift. Sogar Immunreaktionen lassen sich „konditionieren“, wie – neben anderen Forschungsgruppen – der Medizinpsychologe Manfred Schedlowski und sein Team am Universitätsklinikum Essen in Experimenten mit Tieren und menschlichen Probanden nachgewiesen haben. Vielleicht könnte das Prinzip sogar künftig in der Medizin dazu genutzt werden, die Wirkung von Medikamenten zu unterstützen und so mit weniger Pillen und weniger Nebenwirkungen auszukommen.
PSYCHOLOGIE HEUTE Auf welche Weise ist es Ihnen gelungen, bei Ratten das Immunsystem zu „konditionieren“?
MANFRED SCHEDLOWSKI Wir setzen dabei ein in der Transplantationsmedizin verwendetes Medikament namens Cyclosporin A ein, das im Körper Immunreaktionen unterdrückt. Den Tieren wird dieses Medikament injiziert. Gleichzeitig trinken sie von einer Zuckerlösung. Diese Prozedur wird mehrfach wiederholt. Ab einem bestimmten Zeitpunkt erhalten die Tiere jedoch nur noch die Zuckerlösung, ohne das Medikament. Und dann passiert folgendes: Der konditionierte Reiz, also das wirkstofflose Zuckerwasser, löst diejenige Veränderung im Immunsystem aus, die vorher durch das Medikament hervorgerufen wurde, nämlich eine Unterdrückung zellulärer Immunfunktionen.
PH Wie stark ist diese „antrainierte“ Unterdrückung des Immunsystems im Vergleich zu der echten Medikamentenwirkung?
SCHEDLOWSKI Verglichen mit einer Kontrollgruppe von Tieren, die ausschließlich das echte Medikament erhalten, zeigen die konditionierten Ratten immerhin 50 bis 70 Prozent der Immununterdrückung. Momentan erforschen wir, wie lange dieser Effekt anhält, also ob die Wirkung rascher abklingt als bei dem echten Wirkstoff – oder ob sie vielleicht sogar länger anhält.
PH Sind das nur interessante Nebeneffekte im Immunsystem, die Sie da untersuchen, oder ist die Konditionierung auch im Ernstfall in der Lage, einen Teil der Medikamentenwirkung zu ersetzen?
SCHEDLOWSKI Wir haben in einem Transplantationsexperiment überprüft, inwieweit die konditionierte Unterdrückung der Immunantwort in der Lage ist, die Abstoßungsreaktion eines verpflanzten Spenderorgans zu verzögern oder zu verhindern. Dabei wird einer Ratte zusätzlich zu ihrem eigenen Herzen das Herz eines Spendertiers in den Bauchraum verpflanzt. Dieses zusätzliche Herz wird an den Blutkreislauf angeschlossen und schlägt und funktioniert zunächst auch ganz normal. Wir transplantierten den Empfängertieren jedoch immunologisch „unverträgliche“ Herzen von einem anderen Rattenstamm. Ein solches Herz wird bei unbehandelten Ratten binnen einer Woche komplett abgestoßen. Mit Medikamenten lässt sich diese Abstoßung jedoch unterdrücken. Wir konditionierten nun wiederum einen Teil der herztransplantierten Ratten auf dieses Medikament und gaben ihnen am Ende nur noch eine so niedrige Dosis des Wirkstoffs, dass dieser eigentlich gar keinen therapeutischen Effekt haben konnte. Trotzdem stellten wir fest, dass die konditionierten Tiere das fremde Herz durchgängig später abstießen als die Kontrollgruppe. Und wir beobachteten ein erstaunliches Phänomen: Etwa 20 bis 30 Prozent der konditionierten Tiere stießen das Fremdherz überhaupt nicht mehr ab und überlebten dauerhaft.
Das vollständige Interview mit Professor Manfred Schedlowski finden Sie in der Juliausgabe von Psychologie Heute.