Elizabeth Shirtcliff von der Universität von New Orleans und ihre Kollegen haben untersucht, wie das Immunsystem von Jugendlichen auf Herpesviren reagiert. Etwa zwei Drittel aller Amerikaner sind mit diesem Erreger infiziert, in Deutschland sind es sogar mehr als vier Fünftel der Bevölkerung. Normalerweise verstecken sich die Viren in Nervenenden und werden vom Immunsystem in Schach gehalten. Manchmal – etwa in stressreichen Zeiten – brechen die Erreger jedoch aus, und es entstehen zum Beispiel die typischen Bläschen an der Lippe. Die Reaktivierung der Viren kann aber auch ohne Symptome ablaufen. In jedem Fall produziert das Immunsystem bei einem Aufflackern der Infektion, wenn also seine erste Verteidigungslinie überrannt wurde, bestimmte Antikörper, um die Viren zurückzudrängen.
Nach solchen Antikörpern haben die Wissenschaftler im Speichel von 155 Kindern und Jugendlichen im Alter zwischen neun und vierzehn Jahren gesucht. Bei Jugendlichen mit einer traumatischen Kindheit produzierte das Immunsystem mehr Antikörper gegen Herpesviren – und zwar dauerhaft. Es hatte also permanent größere Schwierigkeiten, die Erreger in Schach zu halten. Und das galt nicht nur für Betroffene, die nach wie vor in der Familie lebten, in der sie misshandelt worden waren. Die Immunabwehr der Probanden, die nach frühen Heimaufenthalten schon seit vielen Jahren bei liebevollen Adoptiveltern lebten, war sogar noch stärker beeinträchtigt. Der einmal angerichtete Schaden blieb also bestehen.
Wie das Gehirn, so ist auch das Immunsystem bei der Geburt noch nicht voll ausgebildet. Es muss noch lernen. Insofern wundert es die Wissenschaftler nicht, dass seine Entwicklung durch die frühkindliche Umgebung beeinflusst wird. Und sie befürchten, dass die körpereigene Abwehr bei Menschen mit traumatischen Erfahrungen im Kleinkindalter insgesamt in einem schlechteren Zustand ist. Nach Ansicht von Seth Pollak, einem der beteiligten Forscher, legen die Ergebnisse nahe, „dass das emotionale Umfeld von Kindern umfassende Auswirkungen auf ihre Gesundheit hat“. Noch relativ unklar ist bislang allerdings, auf welche Weise die Misshandlungen und Belastungen in den ersten Kindheitsjahren das Immunsystem schädigen. Ein kanadisches Forscherteam hat nun jedoch einen Mechanismus entdeckt, wie frühe Traumata dem Körper sozusagen im Gedächtnis bleiben.
Mehr zu den gesundheitlichen Langzeitfolgen von schlimmen Kindheitserfahrungen in der Augustausgabe von Psychologie Heute.