PSYCHOLOGIE HEUTE Dass man abends vor dem Fernseher mehr Chips oder Schokolade futtert, als einem guttut, dürfte vielen von uns vertraut sein. In welchem Ausmaß ist das noch normal, und ab wann spricht man von einem Night Eating Syndrome?
BARBARA MÜHLHANS Leider gibt es dazu unter Experten noch immer keinen Konsens. Seit dem vergangenen Jahr gibt es immerhin endlich Bemühungen, allgemeine Kriterien für das Syndrom festzulegen: Auf einem großen Expertentreffen in den USA hat man sich darauf geeinigt, dann von einem Night Eating Syndrome zu sprechen, wenn jemand mindestens ein Viertel seiner täglichen Kalorienmenge erst nach dem Abendessen zu sich nimmt und/oder mindestens zweimal pro Woche nachts aufsteht, um noch etwas zu essen.
PH Welches dieser beiden Verhaltensmuster tritt denn häufiger auf? Dass man abends vor dem Schlafengehen plötzlich noch einmal Heißhunger verspürt? Oder dass man erst mitten in der Nacht hungrig aufwacht?
MÜHLHANS In den meisten Fällen kommt der Hunger abends. Doch man hat festgestellt, dass viele dieser abendlichen Esser dann zusätzlich noch einmal in der Nacht wachwerden und nicht mehr einschlafen können, ehe sie noch etwas zu sich genommen haben.
PH Ist der Zeitpunkt, zu dem jemand Hunger entwickelt, nicht auch abhängig von der Kultur und dem Klima, in dem er lebt? In Mittelmeerländern ist es ja üblich, tagsüber in der Sommerhitze nur wenig zu sich zu nehmen und erst abends richtig hinzulangen.
MÜHLHANS Völlig richtig – das haben auch die Experten rasch eingesehen. Zunächst hatte man ein Essverhalten als pathologisch eingestuft, wenn ein Großteil des täglichen Kalorienbedarfs etwa nach 19 Uhr zu sich genommen wird. Doch dann bemerkte man, dass man mit dieser Definition halb Spanien zum Night Eating Syndrome verdammt hätte. Deshalb einigte man sich darauf, das Abendessen – egal zu welchem Zeitpunkt man es einnimmt – als Kriterium festzulegen: Nur wer auch nach dieser ordentlichen Mahlzeit noch immer erhebliche Kalorienmengen zu sich nimmt, ist betroffen.
PH Ist das nächtliche Essen eine Essstörung, oder ist es eine Störung im biologischen Tagesrhythmus?
MÜHLHANS Beides. Ein amerikanisches Forschungsteam kommt zu dem Schluss, dass beim Night Eating Syndrome sogar dreierlei Dinge gestört sind: erstens das Essverhalten, zweitens die Affektregulation und drittens der Schlafrhythmus. Doch vor allem was die Ursachen der Störung angeht, tappen wir noch weitgehend im Dunkeln. In manchen Studien wurde nachgewiesen, dass bei nächtlichen Essern im Haushalt der Hirnbotenstoffe etwas nicht stimmt. Doch nach den neusten Arbeiten scheint das eher Folge als Ursache des nächtlichen Essens zu sein. Auffällig ist ferner, dass viele Betroffene am Abend eine deutlich schlechtere Stimmung haben als tagsüber. Man kennt dieses Phänomen, dass die Stimmung einem ausgeprägten Tagesrhythmus folgt, ja auch bei der Depression – bloß ist es da genau andersherum: Depressive haben ein Morgentief, nächtliche Esser ein Abendtief.
Das vollständige Interview zum Syndrom des nächtlichen Essens finden Sie in der Septemberausgabe von Psychologie Heute.