Der Kittel ist kein Kostüm
... sondern ein Placebo: Ärzte müssen mit der Kleidung hochstapeln, um Vertrauen zu gewinnen
Alle Jahre wieder stehen bei Faschingskostümen aus der Kategorie Berufe die bäuerliche Latzhose über Karohemd und Gummistiefeln, die moosgrüne Polizeiuniform und der weiße Arztkittel mit Plastikstethoskop in der Brusttasche auf der Beliebtheitsskala ganz oben. Während im Alltag die ländliche Arbeitstracht einfach nur praktisch ist, geht es bei den anderen Gewändern um wesentlich mehr. Ein Arzt kann im persönlichen Leben verantwortungsscheu und unzuverlässig handeln – sobald er zu Dienstbeginn den Kittel überstreift, verwandelt er sich in eine Person des Vertrauens.
Und dennoch hat das britische Gesundheitsministerium den Arztkittel im vergangenen Jahr abgeschafft – aus Hygienegründen. In Deutschland, wo der Kittel ebenfalls immer wieder zur Diskussion steht, hält man aus ebenjenen Hygienegründen an dem Kleidungsstück fest: Hier haben Studien ergeben, dass der Kittel, vor allem aber die Hände einfach nur häufiger gewaschen werden müssen, um die hohen Standards zu erfüllen.
In Schweden tobt seit einiger Zeit ein erbitterter Streit zwischen Ärzten und ihren Arbeitgebern um dieses Gewand. Während die Leitung des Universitätskrankenhauses in Uppsala das symbolträchtige Kleidungsstück einsparen möchte, kämpfen die betroffenen Ärzte um die zentrale Insignie ihrer Autorität. Dabei scheuen sie sich zuzugeben, worum es ihnen eigentlich geht. So äußerte der zuständige Ärzteverbandssprecher Martin Wohlin in einer Agenturmeldung: „Ich will den Arztkittel, weil er mich wärmt und gut ist. Er ist auch ein gutes Arbeitsgerät. Ich kann mir Stethoskop, Bücher, Kalender, Handy und alles Mögliche in die Taschen stopfen.“ Das hört sich so praktisch an, dass man beinahe versucht ist, Arztkittel für alle Berufsgruppen zu fordern. Ginge es nur um die Funktionalität, würden sich die Ärzte und Ärztinnen nicht derart gegen die Abschaffung wehren. Welche symbolische Rolle spielt nun der Kittel?
Mehr über das Medizinergewand und seine Bedeutung für seine Träger und deren Patienten in der Novemberausgabe von Psychologie Heute.
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