Auf dem Weg zu sich selbst

Fast 2000 Kilometer geht ein junge Frau allein zu Fuß durch die Wildnis. Sie wandert auf dem Pacific Crest Trail (PCT). Dabei muss sie über körperliche Grenzen gehen, sich den Widrigkeiten des Wetters stellen, wilde Tiere abwehren und manche Männer, die ihre Lage ausnutzen wollen. Aber der Film, der auf einer wahren Geschichte basiert, bietet mehr als eine gute Abenteuerstory und schöne Naturbilder. Er zeichnet auch das psychologische Portrait einer jungen Frau, die es schafft, auf diesem Marsch eine belastende Vergangenheit loszulassen und sich mit sich selbst zu versöhnen.

Es beginnt mit einem Stöhnen. Das schwere Atmen kommt von einer Frau. Sie könnte etwas Lustvolles tun, sich enorm anstrengen oder Qualen leiden – wir wissen es noch nicht, denn wir sehen sie nicht. Wir sehen nur: schöne Berge, grüne Gipfel, die aussehen wie gemalt. Keine Menschenseele ist zu sehen, wir sind mitten in der Natur. Von weit oben blicken wir in diese Landschaft, die Sonne scheint.

Dann schwenkt die Kamera zu dem Platz neben uns und wir werden gewahr, woher das schwere Atmen kommt: Eine junge Frau sitzt allein auf einem der Gipfel. Neben ihr, im Gras, steht ein riesiger Rucksack. Wie ein Cowgirl nach getaner Arbeit sitzt die Ende-20-Jährige da, breitbeinig, schwitzend, mit verklebtem Haar, sie hat Schrunden und blaue Flecken. Ein bisschen trotzig wirkt sie und auch stolz – aber körperlich am Ende. Sie muss hier herauf gewandert sein. Sie stöhnt vor Schmerzen, schaut dabei auf ihre Füße, die sie offenbar gerade von den Schuhen befreit hat: Wir sehen Blasen und blutige Zehen – ein Anblick, der schwer zu ertragen ist. Ihr Keuchen wird heftiger. Dann packt sie einen verfärbten Fußnagel – und reißt ihn sich mit einem lauten Schrei heraus!

Der Film wirft uns mit dieser Anfangsszene mitten hinein in den Hiking-Alltag der Cheryl Strayed (Reese Witherspoon). Damit geht es uns ähnlich wie der Protagonistin: Sie ist keine passionierte Wanderin und hatte diesen Weg nur grob geplant: Ohne Anleitung kann sie ihr Zelt nicht aufbauen, für den Outdoor-Kocher hat sie das falsche Benzin dabei. Trotzdem will sie über 3 Monate rund 2.000 Kilometer weit auf dem Pacific Crest Trail wandern. Der Fernwanderweg im Westen der USA führt durch Wüsten, Wälder und über Hochebenen, hier sind sonst fast nur Männer unterwegs. Und die meisten gehen nicht allein, wie sie es sich vorgenommen hat.

Die Idee zu dieser Herausforderung kommt ihr an einem Tiefpunkt ihres Lebens: Sie hat gerade eine Scheidung hinter sich und gibt sich den neuen Nachnamen „Strayed“. Der Name (engl: to stray – streunen) spielt auf ihren Lebenswandel an, für den sie sich schuldig fühlt: Sie war einige Jahre glücklich verheiratet, doch dann wird ihre Mutter unheilbar krank und stirbt bald darauf. Siechtum und Tod der Mutter (Laura Dern) werfen die junge Frau völlig aus der Bahn: Cheryl reibt sich einerseits als Krankenpflegerin für die Mutter auf, will „die beste Tochter der Welt“ sein, andererseits betrügt sie ihren Ehemann, den sie eigentlich liebt, schläft wahllos mit Männern, schmeißt ihr Studium, nimmt Drogen, spritzt sogar Heroin. Als sie schwanger wird, beginnt sie eine Psychotherapie. Aber die einfühlsamen Anregungen des Therapeuten kann sie nicht annehmen – sie bricht die Hilfe ab.

Der Stoff basiert auf einer wahren Geschichte, die der britische Autor Nick Hornby für den Film bearbeitete. Das ist ein Glücksfall, denn Hornby (unter anderem A long way down; About a Boy) schafft es, Cheryls Erleben und Handeln tiefgründig darzustellen. Er zeichnet sie als Frau mit vielen Facetten und zum Teil widersprüchlichen Eigenschaften: So ist sie einerseits eine Amazone, die sich allein in der Wildnis durchbeißt, dem Wetter trotzt, Einsamkeit und körperliche Schmerzen aushält und ihr überdimensioniertes Gepäck klaglos schultert. Andere Wanderer taufen sie sogar „Die Königin des PCT“. Aber Cheryl ist auch ein Mensch, der mit sich hadert, Sex und Drogen zur Betäubung einsetzt, um inneren Zuständen zu entfliehen. Dass ihr Verhalten im Film stimmig wirkt, ist auch Reese Witherspoons Verdienst. Die Schauspielerin wurde für die Rolle gerade für einen Golden Globe als „beste Darstellerin in einem Drama“ nominiert.

Im Film wandern wir die meiste Zeit an Cheryls Seite auf dem PCT. Wir leiden mit, wenn sie ihren Durst nicht löschen kann, weil ein Wassertank in der Wüste löchrig ist, wir frieren mit ihr, wenn der Schnee nicht weichen will. Aber diese Abenteuerstory wird immer wieder abrupt unterbrochen – mit harten Filmschnitten – die uns so unvermittelt überfallen wie die Protagonistin. Es sind Cheryls Erinnerungen, die sich hier Bahn brechen. Sie führen uns meist zurück in die Kindheit. Manche Szenen sehen wir immer wieder: Cheryl als etwa 6-Jährige mit verstörtem Gesichtsausdruck, in einem Apothekengang, mutterseelenallein, mit einem Päckchen Verbandszeug in der Hand. Flashbacks nennen Psychologen solche wiederkehrenden Erinnerungen, die blitzartig auftreten. Typischerweise suchen diese „Filme“ traumatisierte Menschen heim, sie stehen in Zusammenhang mit einschneidenden Erlebnissen und werden von den Betroffenen als quälend empfunden. Mit der Zeit verstehen wir: Cheryl ist ein traumatisiertes Kind, das Verbandszeug war für die Mutter, die vom Vater mehr als einmal blutig geschlagen wurde. Bald wird außerdem deutlich: Auch die Mutter kann den Kindern keinen verlässlichen Halt bieten, sie benutzt die Kinder als Bindungsobjekte und Stütze. Was Cheryl betrifft, findet eine regelrechte Rollenumkehr statt: „Ich bin stolz auf dich“, sagt Cheryl als Teenager zur Mutter und spricht ihr damit Mut beim Studium zu. „Ja“, antwortet diese, „ich bin auch stolz auf mich.“

Mit den beiden Handlungssträngen, dem Wanderweg-Abenteuer und den Rückblicken in die Vergangenheit, wird allmählich nachvollziehbar, warum Cheryl sich schuldig fühlt, wie sie in den Strudel des selbst-schädigenden Verhaltens geraten konnte. So ist Der große Trip nicht nur ein Abenteuerfilm. Er ist auch ein differenziertes psychologisches Portrait und eine Beschreibung dessen, was manchen Menschen offenbar beim Fernwandern oder Pilgern gelingt: Nicht nur der Körper bekommt neue Muskeln, an Stellen, die man noch gar nicht kannte. Auch die Seele schöpft dadurch neue Kraft.

Susie Reinhardt

Verleih: Twentieth Century Fox
Kinostart: 15. Januar 2015
www.fox.de/der-grosse-trip-wild 

Aboservice

Jahres-, Studenten- oder Geschenkabo: Sie wählen Ihr Abonnement – wir bieten interessante Prämien! Zum Abo-Shop.

 

 

Termine

In unserem Terminkalender finden Sie Kongresse und Veranstaltungen zu psychologischen Themen.
Zu den Terminen.

Neu im Shop

Omar Manejwala: Haben wollen!

Wie das Gehirn unsere Begierden steuert. Aus dem Englischen von Elisabeth Vorspohl. Huber 2014, 219 S.

24,95 €inkl. 7% MwSt.