Das Glück ist bunt

Am Ende wird alles gut und wenn nicht, dann ist es noch nicht das Ende –zum weltumspannenden Versprechen des amerikanischen Erfolgskinos bekennt sich auch dieses Märchen aus deutscher, traditionell herophober Produktion über einen, der auszog, das Glück zu finden. Eigentlich hat der junge Psychiater Hector (Simon Pegg) alles, um glücklich zu sein: seine geliebte und liebende Freundin Clara (Rosamund Pike), Erfolg im Job, der offenbar auch noch genug einbringt, um im schickeren Viertel Londons zu logieren, obwohl er seit Jahren seine Stundensätze zu erhöhen vergessen hat, eine eigene Praxis, die auch noch so aussieht wie ein richtiges Zimmer eines Psychiaters mit einer altertümlichen Couch, auf der Patienten ihm ihr Leid klagen. Ein überraschungsarmes, spießiges, aber kein schlechtes Leben auf den ersten Blick.

Wenn da nur die Fragen nicht wären: Warum kommen ständig Patienten zu ihm, die eigentlich glücklich sein müssten, es aber nicht sind und warum gibt es andererseits Menschen, denen es viel schlechter geht, die aber nicht klagen? Was macht glücklich? Wovon hängt es ab, ob man glücklich wird? Und wie könnte er seinen unglücklichen Patienten helfen? Vielleicht indem er selbst glücklich wird, aber so weit sind wir noch nicht.

Es sind die Fragen, die Francois Lelord, der Autor des Bestsellerromans Le voyage d´hector ou la recherche du bonheur sich selbst gestellt haben mag, während er als Psychologe in Vietnam arbeitete und die Hector, sein Alter Ego, in Lelords Roman von 2002 und jetzt im Film vermeintlich naiv wie den Kleinen Prinzen auf die Suche nach den Zutaten fürs Glück gehen lässt. Die Ansprache nach Art der Sendung mit der Maus muss man mögen. Und viele taten das, Hectors Geschichte war monatelang auf der Spiegel-Bestsellerliste. Auch die filmische Romanadaption in der Regie von Peter Chelsom kommt daher wie ein Märchen für Kinder und wer das mag, kommt mit diesem sommerlichen Wohlfühlfilm noch als Erwachsener so voll auf seine Kosten, als hätte er kindlich-erregt gebeten: Erzähl mir eine Geschichte!

Es muss im Leben doch noch mehr als alles geben. Mit diesem verstörenden Anfangsverdacht packt Hector seinen Rucksack und geht auf Reisen, wechselt das Fach von der beobachtenden Teilnahme zur teilnehmenden Beobachtung. Wir schauen ihm gern dabei zu – angenehm erheitert, gut unterhalten, aber mitzuleiden, mitzufragen, mitzufiebern. Was es in jeder Episode über das Glück zu lernen gibt, fasst der gefällig formulierte, bisweilen von ironischen Zwischentönen unterspülte Merksatz am Ende zusammen. Wie Hector von Shanghai nach Afrika und am Ende nach Los Angeles jettet, die einzelnen Glückssplitter antippt und dabei immer schön über Wasser bleibt, kommt uns bekannt vor. Deshalb genügen die Andeutungen und der Zuschauer weiß schon, ach ja, richtig, Geld macht nicht glücklich und Sex auch nur kurz, bevor es dann kompliziert wird. Aber die Familie ist wichtig, den Frieden mit alten Lieben und verlorenen Partnern machen, ja, auch das ist wichtig. So weit zum Universalen, das zu jeder Heldenreise gehört. Und das Individuelle? Fehlanzeige. Dieser Held verändert sich nicht.

Es ist die alte Geschichte: Einer sucht das Glück, bricht auf und begreift am Ende der Reise, dass er es längst hat. Was er dabei erlebt, gehorcht buchstabengetreu den klassischen Prinzipien des Dreiakters und wirkt wie auf dem Reißbrett lupenrein, eisern und schön bildreich durchkonstruiert. So überraschungsarm wie Hectors Leben reihen sich die Wegstationen auf dieser Reise um die Welt aneinander. Nur schlecht ist das nicht, sondern in aller Oberflächlichkeit sogar sehr unterhaltsam.

Bestehen nicht alle Geschichten, spätestens im Stadium ihrer Erzählbarkeit, aus einer Handvoll stets wiederkehrender Bauelemente, die uns in Mythen, Märchen, Träumen und Filmen immer wieder begegnen? Die ganze Besatzung für die Heldenreise meldet sich vollzählig an Bord: Schwellenhüter, Herold, Gestaltwandler, Schatten und Trickster tragen, schieben, lenken und leiten den Helden vom Aufbruch bis zum Ende der Reise. Allen voran versieht Patientin Anjali (Veronica Ferres) als hinreißend verstrahlte Eso-Tussi, die naturbelassenen Füße in Birkenstocksandalen, wild gestikulierend und so wirr wie wahr redend, das Amt des Mentors. „Sie werden eine Reise unternehmen,“ liest die Patientin aus der Hand des Psychiaters und er schmeißt sie raus. Gut gesetzt. Sie hat nämlich den Helden auf die Begegnung mit dem Unbekannten vorzubereiten, ihm den Weg zu weisen und seine Weigerung nicht zu dulden, wenn das Abenteuer ruft. Danach ist sie weg und der Held auf sich allein gestellt.

Hector reist zunächst nach China und schon im Flugzeug nach Shanghai erntet er den ersten der 23 Leitsätze, die er am Ende in seinem Notizbuch notiert haben wird. Edward, dem stinkreichen Geschäftsmann, der sich in der Touristenklasse echauffiert, weil er den gewohnten Komfort der ersten Klasse vermisst, verdankt Hector die Erkenntnis: Vergleiche anzustellen ist ein gutes Mittel, sich sein Glück zu vermiesen. Die subkutan banale Botschaft, dass Geld allein auch nicht glücklich macht, ist schon mal rübergebracht. Und Hectors Sinnsuche geht weiter. Sex, diese andere Sache, die neben dem Geld, ist jetzt dran. Als sich Hector in die schöne Chinesin Ying Li verliebt, die angeblich Tourismus studiert, hat er das wichtige Problem zu lösen, ob ein Mann zwei Frauen lieben kann, denn zu Hause wartet ja immer noch die liebende Clara auf ihn. Bevor er aber zum Schluss kommen könnte, dass ein Mann so etwas (vielleicht doch) kann, entpuppt sich die Studentin als Prostituierte. Unser Held notiert: Glück ist, nicht die ganze Geschichte zu wissen.

Er zieht weiter und sucht in einem buddhistischen Kloster nach den Ingredienzen des Glücks. Dass ein Leben ohne Mops möglich, aber sinnlos sei, erkannte schon Loriot und dasselbe gilt für den buddhistischen Mönch im Glücksfilm: Es geht niemals ohne. Dass der Mönch außer OMMM, verschmitzt lächelnd vorgetragener Weisheit und Klangschale auch über Skype verfügt, macht das ganze Prozedere schon sehr witzig. Später lernt Hector in Afrika, wie wichtig der Zusammenhalt der Familie für das Glück ist. Aber er hilft auch einem Drogenboss aus der Psycho-Patsche und landet im Kerker eines Warlords, woraus ihm wiederum die Bekanntschaft mit dem Drogenboss verhilft. Spätestens nach seiner Freilassung wird er die Frage nach dem Glück nicht mehr stellen, sondern einfach beantworten können: Glück ist, am Leben zu sein.

Es sind die arg strapazierten Klischees, die den Film hochbeladen an der Oberfläche des Glückskitsches balancieren lassen, gehalten von nichts als inszenatorischem Feingefühl, einem Hauch Realitätssinn und präzise platzierten ironischen Brechungen. Eine kurzweilige, unterhaltsame, manchmal poetische, bisweilen komische Glückssuche eines rührend naiven Mannes und alten Jungen, der erwachsen werden will, in der die Episoden nach und nach mit immer breiterem Pinsel gemalt werden. Dazu passt das Finale, in dem ein Glücksforscher (Oscar-Preisträger Christopher Plummer) lebenssatt und larmoyant den wissenschaftlichen Stand der Dinge vorträgt, um dann seine Zuhörer mit dem finalen Satz zu entlassen, dass es vielmehr um das Glück beim Suchen als die Suche nach dem Glück gehe. Kurz darauf sitzt Hector im Labor, die Elektrodenmaske auf seinem Kopf lässt ihn wie den Gekreuzigten mit der Dornenkrone wirken, während das Synapsengewitter auf dem Bildschirm des Wissenschaftlers sagt, was wir alle wissen: Glück ist bunt. Surfern kann man vieles vorwerfen, aber nicht, dass sie keine Taucher sind. Deshalb kann man den Film so oder so sehen – und das ist nicht das Schlechteste, was man darüber sagen kann.
Gerlinde Unverzagt

Kinostart: 14. August 2014
Verleih: Wild Bunch
www.hectorsreise.de

Trailer: 

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