Kafkas Der Bau

Im Labyrinth des Zweifels 

Das Haus gilt als Symbol für das Ich. Wir verbinden mit dem Heim Sicherheit und Geborgenheit. Es kann aber auch zur Quelle beunruhigender Gefühle werden. Ein türkisches Sprichwort sagt: „Wenn das Haus fertig ist, kommt der Tod.“ Diese Ambivalenz zwischen dem Heimeligen und dem Unheimlichen thematisiert Franz Kafkas Allegorie Der Bau, die Jochen Alexander Freydanks eigenwillige Adaption in teilweise faszinierende Filmbilder umsetzt.

Der 1967 in Ostberlin geborene Filmemacher hielt sich mit Werbefilmen und Drehbüchern fürs Fernsehen über Wasser, bis er für seinen Holocaust-Kurzfilm Spielzeugland im Jahr 2009 mit dem Oscar prämiert wurde. In seinem Kinodebüt erzählt er nun die Geschichte von Franz, verkörpert von dem populären Film- und TV-Darsteller Axel Prahl. Franz scheint mit Ende 40 am Ziel seiner Träume zu sein. Er hat einen gut dotierten Job in einer Bank und gerade für sich und seine Kleinfamilie eine geräumige Eigentumswohnung in einem luxuriösen Appartementhochhaus gekauft. Was will der Mensch mehr? Fröhlich reißt er beim Einzug die Arme hoch, lässt diesen Moment des Glücks von einem Möbelpacker mit der Videokamera festhalten.

Schon bald aber mehren sich seltsame Vorzeichen. Beim Zusehen hat man sich ohnehin schon gefragt, warum Franz in einen Industrievorort zieht, in dem aus der Vogelperspektive eigentlich nur triste Bürogebäude und Parkplätze zu sehen sind. So richtig froh scheint der frisch gebackene Wohnungseigentümer nicht zu sein. Auf seinem Videotagebuch berichtet er von der trügerischen Stille in seiner neuen Wohnung. Die Stimmung wird immer bedrückender. Die Türsteher, Wachleute mit Fellmützen, sehen aus wie KGB-Agenten und blicken düster drein. Auch der neue Nachbar (Roeland Wiesnekker) wirkt mit seinem zynischen Lächeln nicht wie jemand, mit dem man Tür an Tür wohnen möchte. Außerdem verdichtet sich das seltsame Gefühl, dass Franz beobachtet wird.

Kein Zweifel: Das alles wirkt irgendwie kafkaesk. Leider kommt das „Kafkaeske“ zuweilen etwas zu sehr mit Ansage, doch mit diesem Problem befindet Freydank sich in prominenter Gesellschaft. Seit den 1940er Jahren werden die hermetischen Stoffe des Prager Schriftstellers immer wieder für die Kinoleinwand adaptiert, mit wechselndem Erfolg. Orson Welles’ Der Prozess von 1962 und Steven Soderberghs Kafka von 1991 sind bildgewaltige Filmkunstwerke. Das Kafka-Gefühl, das Ausgeliefertsein an eine ungreifbare, anonyme Institution, kommt jedoch zugunsten eines opulenten, expressionistischen Wucherns der Kulissen etwas zu kurz. Am anderen Ende dieser Skala befindet sich Michael Hanekes Das Schloss von 1997, eine karge Fernsehproduktion, die wie eine Dokumentation mit Spielszenen anmutet. Statt des Kafka-Gefühls stellt sich hier das Haneke-Gefühl ein. Wir werden wie üblich schulmeisterlich belehrt.

Freydank findet einen Mittelweg zwischen bildhafter Opulenz und kammerspielartiger Zurückhaltung. Das ist erstaunlich, denn die bislang noch nicht adaptierte Geschichte Der Bau ist noch schwieriger zu verfilmen als die Romane. Der Bau, entstanden in Kafkas letzten Lebensjahren 1923/24, ist eine fragmentarische, kaum 30 Seiten lange Erzählung, deren Ende verloren gegangen ist. Ähnlich wie die ungleich bekanntere Erzählung Die Verwandlung, in der ein gewisser Gregor Samsa sich in einen Käfer verwandelt, schildert auch Der Bau die menschliche, allzu menschliche Erlebnisweise eines Subjekts, das eigentlich Tier ist. Der namenlose Ich-Erzähler wird als Dachs oder als Maulwurf interpretiert. Er durchstreift seinen verzweigten unterirdischen Bau und erwägt Maßnahmen, ihn zu erhalten und gegen vermeintliche Eindringlinge zu verteidigen. Besonders das zischende Geräusch, das von irgendwo zu kommen scheint, wirkt beunruhigend.

Minutiös sinniert der „Bau“-Herr darüber, dass er eigentlich sofort diese oder jene Maßnahme ergreifen müsste. Die ebenso ausführlich geschilderten Erwägungen, warum alle Maßnahmen sinnlos sein könnten, frieren die Handlungsfähigkeit des Ich-Erzählers ein. Wie der Landvermesser K. in Das Schloss leidet auch der Erzähler in Der Bau an chronischer Unentschlossenheit. Diesen formvollendet beschriebenen Grübelzwang zu bebildern, ist nicht einfach. Kafka schafft ein genuines Sprachbild, das sich gegen eine konkrete Visualisierung sperrt. Für diese Denkobsession findet Freydank einige wirklich gelungene Bilder. Um eine filmische Entsprechung für Kafkas Gedankenlabyrinth zu schaffen, visualisiert der Regisseur den allegorischen Dachsbau als luxuriöse Eigentumswohnung. Als Zuschauer fremdelt man ein wenig, lässt sich aber dann auf die Bilder ein. Franz arbeitet in einem seltsam beklemmenden Büro mit modernistischer Betonarchitektur. Und im Gegensatz zur Vorlage, die ihren von der Welt isolierten Erzähler einsam durch seine Gänge irren lässt, hat Franz Frau und Kind, ist ein Familienwesen. Um Filmbilder für Kafkas literarisch zelebrierte Seelenzustände zu finden, entfernt Freydank sich recht weit vom Text. Diese künstlerische Freiheit ist teilweise akzeptabel, denn sein Film trifft immer wieder die Stimmung der Erzählung.

So fährt Franz mit seinem Wagen auf einen beinahe leeren Parkplatz, rangiert aber trotzdem auffällig oft, bis sein Auto kerzengerade zwischen den Markierungen steht. Für sich genommen, ist das nur ein harmloser Tic. Doch auf seinem Nachttisch hat Franz nicht nur einen, sondern gleich drei Wecker postiert, die mit ihrer übergroßen Digitalanzeige eine gelungene Verbildlichung von Zwanghaftigkeit sind. Noch zwanghafter erscheint dann der Dialog mit dem Schlosser (unspektakulär verkörpert von Devid Striesow), der die Wohnungstüre mit einem Panzerriegel verstärken soll. Franz will seinen „Bau“ gegenüber Eindringlingen absichern, doch im Lauf der dem Handwerker aufgenötigten Diskussion stellt sich heraus, dass all seine Bemühungen fruchtlos zu sein scheinen. Denn der Schlosser könnte – rein theoretisch! – selbst noch einen Nachschlüssel für sich behalten. Hier lotet der Film kafkaeske Erlebnisbahnen aus: Je akribischer Franz seine Schutzmaßnahmen gegenüber dem ungreifbaren Verfolger zelebriert, desto mehr verstrickt er sich in seinem ganz persönlichen Labyrinth des Zweifels. Man fühlt sich an Symptome der Zwangsneurose erinnert, die man bei Kafka mit Händen zu greifen meint.

Die ambitionierte Verfilmung, an der Freydank zehn Jahre arbeitete, überzeugt leider nicht durchweg. Das mag daran liegen, dass er die Geschichte als Psychothriller über einen zunehmend paranoider werdenden Charakter interpretiert. Im Gegensatz zur Erzählung, deren beklemmende Wirkung dadurch entsteht, dass alles in der Schwebe bleibt, fühlt Franz sich beobachtet und verfolgt, was der Film durch immer wieder kurz eingeblendete Video-Überwachungsbilder suggeriert. Hinter der zugemauerten Tür in seiner Wohnung entdeckt Franz schließlich eine Vorrichtung – die er anscheinend selbst installierte? Franz ist ein Psycho, der sogar einen Mord begeht. Doch das alles zeigt uns der Film etwas zu eindeutig und nimmt dadurch viel von der möglichen Wirkung. Nicht wirklich gelungen ist auch der Umgang mit dem Text selbst, von dem Axel Prahl immer wieder Auszüge monologisch deklamiert. Der Hauptdarsteller, der in einer humorvollen Szene einmal verzweifelt ein Regal aufzubauen versucht, wirkt mitunter etwas verloren.

Am weitesten entfernt Freydank sich von der Vorlage, wenn er Kafkas statisches Kreisen um immer dieselben Gedanken als dramatische Geschichte dynamisiert. Im Film wird der Protagonist so in einen Kampf um den gesellschaftlichen Abstieg verwickelt. Schon beim Einzug ärgert Franz sich darüber, dass im Treppenhaus Clochards übernachten. Nach und nach verwandelt er selbst sich in einen Penner, in einen Obdachlosen im eigenen Bau. Die Befürchtung eines zunächst gut situierten Büroangestellten, der plötzlich entlassen wird und auf gespenstische Weise in die Armut abgleitet – das ist ein wichtiges Thema. Die Assoziation mit Kafka bleibt gewöhnungsbedürftig.

Hat man den Text nicht vor Augen, dann nimmt einen der Film vor allem im letzten Drittel durchaus gefangen. Weitgehend stumm irrt Franz durch postapokalyptisch anmutende Industriebauten, deren monochromen Szenarien eine beklemmende Wirkung erzeugen. Der Regisseur inszeniert einige starke, wirkungsvolle Bilder. Besonders die Innenräume des „Baus“ mit ihrem diffusen Halbdunkel und den irgendwie zu weit voneinander weg stehenden Möbeln, zwischen denen man sich verlorenen fühlt, erzeugen eine ganz eigene, Kafka ästhetisch angemessene Wirkung. Freydanks Experiment über die Architektur des Zwangs gelingt nicht durchweg, hat aber nach Anlaufschwierigkeiten seine faszinierenden Momente.

Manfred Riepe

Filmstart: 9. Juli 2015
Verleih: Neue Visionen
www.kafkas-der-bau.de 

 

 

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