Sentimentaler Overkill

Wie psychisch kranke oder gestörte Menschen in Filmen dargestellt werden, ist ein heikles Thema. Und ein wichtiges. Denn Kino- und Fernsehfilme sind Massenware, beeinflussen also maßgeblich, wie die Zuschauer – und das sind viele von uns – psychische Leiden wahrnehmen und Menschen mit psychischen Leiden betrachten. Das weiß auch das Aktionsbündnis Seelische Gesundheit, eine Organisation aus Ärzten und Betroffenen, die die häufige Stigmatisierung der Patienten in der Gesellschaft mit Aufklärung zu Recht vermindern will. Nun haben die Verantwortlichen des Bündnisses mitbekommen, dass A Long Way Down in die Kinos kommt – die Verfilmung des gleichnamigen Bestsellerromans von Nick Hornby, in dem vier Depressive die tragende Rolle spielen.

Der britische Autor, bekannt für seine amüsante und doch meist tiefgründig-schlaue Sicht auf die Probleme der Menschen, „zeichnet seine depressiven Hauptfiguren aus einem humoristischen Blickwinkel und schafft dadurch viel Sympathie“, heißt es in einer Mitteilung des Bündnisses. Und weiter: „Im Gegensatz dazu werden Filmcharaktere mit psychischen Erkrankungen in deutschen TV-Krimis und Serien häufig als aggressiv, unberechenbar und schuldig dargestellt. Diese negativen Klischees verstärken beim Zuschauer Angst und Unsicherheit gegenüber den Betroffenen und erschweren den offenen Umgang mit der Erkrankung.“

Es ist nicht ganz klar, ob die Verfasser der Mitteilung nur das Buch gelesen oder auch den Film gesehen haben. Und es ist nicht zutreffend, dass deutsche Filme Depressive als gewalttätig, unberechenbar und schuldig skizzieren. Das gilt eher für Patienten mit anderen psychischen Erkrankungen wie Schizophrenie. Ob A Long Way Down allerdings der Sache des Bündnisses dient, sei dahingestellt. Was Nick Hornby im Buch gerade noch gelingt – nicht vollends den Sinn für die Realität zu verlieren –, scheitert im Film auf ganzer Linie.

Vordergründig mag die Einschätzung des Bündnisses ja stimmen: Regisseur Pascal Chaumeil präsentiert – sehr frei, aber mit dem Plazet des an der Produktion beteiligten Autors – vier grundsympathische Lebensmüde. Vier Menschen in höchster seelischer Not, die trotz ihrer überwältigenden Nöte immer wieder heiter über sich und ihre Probleme parlieren.

Ob sich das mit den realen Lebenswelten vieler Suizidwilliger deckt, sollten Psychiater wie Patienten am besten wissen. Offenbar sind es zwei paar Schuhe, wie die Öffentlichkeit auf psychisch Kranke blickt, und wie es um deren seelisches Dasein und dessen Auswirkungen auf den Alltag bestellt ist. Um darüber etwas zu lernen, ist A Long Way Down der falsche Film. Und ein oft billiges und oberflächlich wirkendes Machwerk obendrein, dessen Plot unglaubhaft wirkt und auf den Geschmack eines Massenpublikums setzt, ohne es auch nur eine Nanosekunde lang zu fordern.

Worum geht es? In der Silvesternacht schleppt sich der heruntergekommene Ex-Frühstücksfernseh-Moderator Martin Sharp auf das Dach eines Hochhauses in der Londoner Innenstadt, um sein Leben zu beenden. Sharp – tief im Herzen sehr eitel und noch geltungssüchtiger – hat mit einer jungen Frau geschlafen, die in seiner Wahrnehmung wie 25 ausah, aber 15 war. Er wandert ins Gefängnis. Demütigung, wie er später mehrfach beteuert, bestimmt seitdem sein Dasein. Und Sinnlosigkeit: Er hat keine Frau, keine Kinder, keinen Job, kein Dolce vita, nicht mal einen Hund. So steht er an der Dachkante – und es ist ein langer Weg nach unten, wie er nicht nur im Fall seiner vermeintlich letzten Zigarre erkennt, die er sich noch gönnt und die ihm aus dem Mundwinkel entgleitet.

Längst ist da Maureen aufgetaucht, eine Frau im mittleren Alter, und fragt höflich, ob es denn noch lange dauert. Als Single, allein gelassen von der Welt, betreut sie seit Jahrzehnten ihren geistig behinderten Sohn. Sie ist verzweifelt und sieht keinen anderen Ausweg mehr. Kaum haben sich Sharp und Maureen in einen Dialog über die Etikette beim Suizid verwickelt, stürmt auch schon Jess heran und rennt auf den freien Fall zu, vor dem Sharp sie bewahrt. Jess leidet an ihrer Familie, vor allem ihrem Vater, einem hochrangigen Politiker. Und daran, dass ihre Schwester spurlos verschwunden ist.

Keine Minute später krabbelt JJ aus seinem Versteck – ein erfolgloser Musiker, der Pizza ausfährt und den Dreien erzählt, er wolle sich umbringen, um seinem bevorstehenden Tod durch einen Hirntumor zu entkommen. Zu viel los hier oben am vermeintlichen Tor zum Jenseits. Willkommen in der kruden Geschichte! Dass sich eine Unterhaltung entspinnt, vor allem aber, dass nicht einer der vier Suizidwilligen springt, begreifen Autor und Regisseur allein. Dieser Film hat ein dramatisches Glaubwürdigkeitsproblem, und zwar von Anfang an. Auch der schwarze Humor der Briten, der das Tragische im Leben oft so wunderbar relativiert, ist auf verlorenem Posten und wird meist zu flachen Pointen degradiert.

Kaum auf die Straße zurückgekehrt, sammelt Sharp aus welchen Gründen auch immer den Rest der Selbstmord-Truppe in seinem Wagen auf. Noch in der gleichen Nacht schließt das depressive Quartett einen Pakt: Alle verpflichten sich, bis zum Valentinstag keinen weiteren Suizidversuch zu starten. Und folgen kurze Zeit später einer Idee Sharps, ihre Geschichte medial zu vermarkten, was in die Hose geht. Inmitten dieser hanebüchenen Dramaturgie staunen wir darüber, wie sich vier suizidwillige – also erheblich erkrankte – Menschen in sechs Wochen wundersam zu heilen scheinen. Allein durch gegenseitigen Beistand und die zweifelhafte Fantasie des Drehbuchs. Diese suizidalen Charaktere gesunden ganz offensichtlich ohne jegliche Hilfe von außen. Chapeau! Würde das in gewöhnlichen Selbsthilfegruppen klappen, hätten Psychiater und Psychologen nichts mehr zu tun. Chaumeil gibt seinen sich wesensfremden Protagonisten immer neue Chancen, ihre Bindung zu festigen – kulminierend in einem gemeinsamen Urlaub in Teneriffa, den der Film ausufernd darstellt, obwohl er im Buch nur als kleines Kapitel angelegt ist.

„Um Berührungsängste abzubauen”, erkärt das Aktionsbündnis Seelische Gesundheit weiter, „müssen Themen wie erfolgreiche Behandlungsmethoden, Lebensbewältigung im Alltag und die unterstützende Rolle der Umwelt stärker in den Fokus rücken.“ Nichts davon ist in diesem Film zu sehen. Stattdessen bedienen er und seine Charaktere ein Klischee nach dem anderen. So hat A Long Way Down kaum lichte Momente – filmisch und dramaturgisch gesehen. Bis auf eine Ausnahme: als JJ uns den einzigen wirklich bemerkenswerten Satz dieses Films unterjubelt. „Schmerz”, sagt er, „macht mir nichts aus, es ist die Hoffnung, die mich umbringt." Der einzige Moment, an dem der Film so etwas wie Tiefgang erreicht. Und ein düsterer Gedanke – in düsterer Verfassung wahrscheinlich der einzig wahre. Ein Gedanke, über den man sinnieren kann und um den sich Figuren entwickeln lassen. Wenn man will und kann.

Auch die Schauspieler retten die phasenweise klamaukige Story nicht. Imogen Poots gibt die junge Jess und ihrem Charakter wenigstens einen gewissen Charme. Den Charme einer Nervensäge, der man sofort verzeihen will, wenn sie nur einmal beginnt zu lächeln. Als Martin Sharp ist Ex-Bond-Darsteller Pierce Brosnan überfordert. Ein weiteres Beispiel aus einer längeren Liste, das seine limitierten schauspielerischen Fähigkeiten beweist. Mamma Mia! Aaron Paul kennen wir aus der brillanten amerikanischen TV-Serie Breaking Bad, in der er famos den Jesse Pinkman spielt. Als JJ wirkt er seltsam distanziert und glanzlos. Einzig Toni Collette, die Mitte der 1990er Jahre ihre Karriere mit dem wunderbaren Film Muriels Hochzeit startete, verleiht Maureen Wärme und Würde, den Ansatz psychologischer Tiefe. Es spricht für Qualität, dass sie das in diesem Film schafft, der – natürlich – mit einem sentimentalen Overkill endet.

Komödien zu produzieren, ist eine der schwierigsten Übungen überhaupt im Filmgeschäft – von Tragikkomödien ganz zu schweigen. Wenn es gelingt – wie im wunderbaren Silver Linings beispielsweise –  verlässt man das Kino in jener ganz eigenen Stimmung, etwas über die Melancholie und Trauer des Lebens gelernt zu haben, ohne zu verzweifeln. A Long Way Down startet nicht einmal den Versuch, dem gerecht zu werden. Verpasste Chance!

Klaus Wilhelm

 

 

 

 

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