Balanceakt der Würde

Irgendwann windet man im sich Kinosessel. Vor Scham. Vor Mitgefühl. Vor dieser misslichen Situation, in der man, Gott bewahr’, nicht selber stecken will. Und alles ist so ... real! Wir beobachten eine Frau, sie heißt Sandra, die immer wieder um den gleichen Gefallen bittet. Sie steht vor der Tür der Wohnungen ihrer Kollegen. Sie ringt mit ihrer Achtung, die jedes Mal verloren zu gehen droht. Sie überwindet sich. Wieder und wieder. Sie weiß, dass sie Bittstellerin ist. Sie klingelt. Sie erzählt, dass allein die Kollegen darüber entscheiden, ob sie entlassen wird oder nicht. Dass sie ihren Job dringend braucht. Dass sie verstehen könne, wenn die Kollegen nicht auf ihre Prämie verzichten würden – was aber nötig wäre, um ihren Arbeitsplatz zu retten. Aber Sandra hält die Bettel-Tour aus. Und wir auch. Weil das Drama niemals der rührseligen Peinlichkeit erliegt und weil Sandra niemals um Mitleid feilscht. Und weil es dank dramaturgischer Finesse so spannend gemacht ist wie ein Thriller.

Es geht um das ewige Dilemma, das den Menschen plagt, das Spannungsfeld zwischen Egoismus und, sagen wir, Solidarität. Was mache ich wann für einen anderen? Was bin ich dafür bereit zu opfern? Wie beeinflussen die Umstände – zum Beispiel die moderne Arbeitswelt in einer entfesselten globalisierten Wirtschaft – meine entsprechenden Entscheidungen? Auf der Suche nach aktuellen Antworten haben die belgischen Regisseure Jean-Pierre und Luc Dardenne ein Drehbuch für einen Film entworfen, das auch als Szenario für ein psychologisches Feldexperiment herhalten könnte. Wenngleich nicht die naturgemäß nüchterne Wissenschaft, sondern nur das cineastische Kunstwerk in seiner gestalterischen Freiheit uns das alltägliche Drama eines Europa in der Dauerkrise vor Augen führen kann, das hinter derlei Fragen steckt.

Zwei Tage, eine Nacht heißt das neueste Werk der Dardenne-Brüder, die das Genre des Sozialfilms perfekt beherrschen. Dafür wurden sie schon zweimal mit der Goldenen Palme beim Filmfestival in Cannes belohnt (1999 für Rosetta und 2005 für Das Kind). Ein Film, der es tatsächlich schafft, den harten Stoff zu einem cineastischen Vergnügen zu machen. Ein Film, der lehrreich ist und unterhaltsam, ohne Krawall und garantiert ideologiebefreit. Ein Film, der gerade deswegen eindringlich an die Politik appelliert, der modernen Arbeitswelt ein humaneres Antlitz zu geben.

Die Dardenne-Brüder sezieren das große Ganze, indem sie uns das Schicksal einer zerbrechlichen Frau zeigen. Sandra leidet unter Depressionen. Die Krankheit hat die Mutter zweier Kinder zu einer wochenlangen Pause gezwungen. Jetzt ist sie wieder fit. Halbwegs zumindest. Der Chef ihrer kleinen Firma in der Solartechnik hat in ihrer Abwesenheit allerdings festgestellt, dass auch 16 statt der bisherigen 17 Arbeiter mit ein paar Überstunden das Pensum schaffen. Er wittert Rationalisierungspotential für sein Unternehmen, in einer Branche, die unter höllischem Preisdruck der asiatischen Konkurrenz steht.

In diese Situation setzen die Regisseure eine perfide wirkende Idee. Diese Idee spinnen sie weiter zu einem 90-minütigen Psychospiel um die Doppelnatur des Menschen, das die Logik des herrschenden Wirtschaftssystems keine Sekunde lang überzeichnet: Falls alle 16 auf ihre bis zu 1000 Euro hohe Prämie verzichten, kann Sandra ihren Job behalten. Kurz vor Sandras geplanter Rückkehr stimmen die Kollegen ab: 2 für Sandra, 14 für die Prämie.

Ein Ergebnis, das vor allem durch den Druck des Vorabeiters auf die Kollegen zustande gekommen ist, wie Sandras beste Freundin Juliette wittert. Die energische Frau weist Geschäftsführer Dumont darauf hin. Fast gleichgültig setzt der Mann deshalb eine erneute, geheime Abstimmung am kommenden Montag an. Es ist Freitag. Juliette und Sandras Mann Manu ermuntern – man könnte auch sagen: sie drängen – Sandra dazu, sich noch am Abend die Adressen der Kollegen zusammenzusuchen. Um dann mit jedem einzelnen am Wochenende zu sprechen – und sie umzustimmen.

Sandra reagiert auf die Lage mit Panikattacken, die sie mit Psychopillen niederringt. Sie wird gespielt von Marion Cotillard, der oscar-prämierten Piaf-Darstellerin. Es ist eine Bomben-Besetzung. Die traurige Unscheinbarkeit dieser schlichten Frau in ihrem Elend und ihrer Zerrissenheit zu spielen, ohne den Hauch unglaubwürdigen Pathos aufkommen zu lassen: Das ist groß. Cotillards Mimik ist zurückgenommen. Und doch liest sich das innere Drama der Figur in ihrem Gesicht wie ein offenes Buch. Ein Buch bester Literatur, wohlgemerkt, geschrieben im minimalistischen Stil eines Hemingway. Jedes Zucken, jeder Blick sitzt und zieht den Zuschauer hinein in dieses Sozialspektakel, ohne dass die Gefahr des Voyeurismus aufkommt. Wenn sie die Panikattacken hyperventilieren lassen und sich ihr Hals zusammen zieht, wirkt das so echt, dass man in diesem Moment um die Person Cotillard fürchtet. Das stille Leiden des Post-Kapitalismus hat ein neues Gesicht. Sein Name ist Sandra.

Doch nur widerwillig zieht die verzweifelte Frau in den Kampf um sich und das Wohl ihrer Familie, die ohne ihren Lohn wieder am Rande des Existenzminimums dümpeln würde. Sie weiß, welche seelische Kraft das Vorhaben verlangt. Denn es geht um alles! So dringt sie samstags und sonntags in das Heiligste ein, das die Kollegen haben: das Wochenende, den Rückzugsraum jenseits der Existenzsicherung an den anderen Tagen.

Genauso klar ist, dass die Kollegen nicht einen Deut weniger gebeutelt sind als sie. Auf Rosen gebettet ist hier niemand. Jede Begegnung gewährt einen kleinen Blick in die Verhältnisse jener Leute, die auf der Kippe zum sozialen Abstieg aus der unteren Mittelklasse leben. Wie viele in Europa. Jede Begegnung gewährt einen Blick in die Psychologie des moralischen Zwiespalts, in dem die gebeutelten Kollegen stecken. Und wie sie reagieren. Jede Begegnung gleicht einem Balanceakt der Würde. Für fast alle Beteiligten.

Einer beginnt vor Scham zu weinen, weil er für die Prämie gestimmt hat, obwohl Sandra ihm einmal geholfen hat. Eine andere fängt vor Wut an zu toben. Ein anderer lässt sich verleugnen. Später trifft sie ihn zufällig in einem Mini-Markt: Hier verdient er dazu, weil sein Erst-Salär nicht reicht. Ein anderer sagt: „Ich stimme für die Prämie, aber drücke Dir trotzdem die Daumen.“ Der nächste: „Ich habe nicht gegen dich, sondern für die Prämie gestimmt.” Eine andere will für Sandra stimmen, doch ihr Mann weist sie zurecht. Für sie der Auslöser, ihn endlich zu verlassen. Jeder hängt in seiner eigenen wirtschaftlichen und persönlichen Klemme. Ihr Unbehagen infiziert den Betrachter wie ein Virus. Die Dardennes zeigen: Die entsolidarisierte Gesellschaft ist in allen Schichten real – und in uns. Vielleicht hat es etwas anderes auch nie gegeben.

Die Regisseure fällen gleichwohl kein Urteil. Geschweige denn heben sie den moralischen Zeigefinger. Sie verachten weder jene, die ihr eigenes über Sandras Schicksal stellen noch preisen sie jene, die letztlich etwas „Gutes“ tun. Sie skizzieren nur – das aber sehr eindrücklich – den Menschen in der Zwangsjacke der Verhältnisse, in der die Not des Einzelnen nicht zwingend zu Solidarität führen muss, sehr wohl aber kann. Es kommt eben drauf an, wie man gestrickt ist, von wegen der Gene, die man mitbekommen hat. Und von wegen der Erziehung, die man erlebt hat. Letztlich, das ist die Botschaft, hilft gegen den real existierenden Menschen nur eins: ein Wirtschaftssystem, dass seine Menschen weniger verachtet.

Die mobile Kamera begleitet jede Bewegung Sandras, ihre kleinen Triumphe, ihre (temporären) Kapitulationen. Sie diagnostiziert geradezu in jeder Sekunde Sandras seelische Verfassung. Sie zeigt uns auch die Sympathie, die Jean-Pierre und Luc Dardenne für ihre Protagonisten hegen. Und der Zeitdruck, der Sandra vor sich her treibt, packt einen mit jeder Minute mehr. Wird sie es schaffen, mindestens neun Kollegen auf ihre Seite zu ziehen? High-Noon ohne Schießerei. Das hat Klasse.

In dieses Spannungsfeld pflanzen die Dardenne-Brüder feste Größen des Guten. Sie betonen den Wert der Familie. Sandras Mann Manu zeichnen sie uns als Fels in der Brandung im neoliberalen Wahnsinn. Als aufrechten, treuen, unerschütterlichen, geduldigen Gefährten, der stets die rechten Worte findet, um Sandra – und sich und die Kinder – zu retten. Die Familie als Bollwerk, das wirkt allerdings einen Zacken rückwärtsgewandt.

Immer wieder lässt die Regie das Telefon klingeln, was Sandra oft verstört – obwohl meist eine ihr wohl gesonnene Stimme am anderen Ende der Leitung spricht. Ihr Netzwerk der Freunde, es funktioniert. In diesen Momenten spricht Sandras Gesicht wieder zu uns. Es sagt: Empathie zu erfahren, bleibt eines der wärmsten Ereignisse für den Menschen.

So ist Zwei Tage, eine Nacht ein Film, der ein wohltuend zurückhaltendes und unsentimentales Abbild der europäischen Realität vor Augen führt. Mit Menschen am Rande ihrer Leistungsfähigkeit und am Rande ihrer Menschlichkeit. Und die trotzdem, wie Sandra, am Ende sogar neue Kraft fürs Leben finden, mit oder ohne Job in der Solar-Mühle. Sie lacht! Das Ergebnis der Abstimmung ist dann gar nicht mehr so wichtig. Der Zuschauer jedenfalls ist um einige Einsichten reicher und fragt sich am Ende, wie er sich wohl geriert hätte, wäre er einer der 16 gewesen. Toller Film!

Klaus Wilhelm

 

Verleih: Alamode Filmverleih

Kinostart: 30.10.2014

www.zweitage-einenacht.de

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