Liebe, Tod und Travestie

Die erste neue Freundin in dem Film von François Ozon ist ein kleines blondes Mädchen, das in eine voll besetzte Schulklasse kommt. Die sommersprossige Schülerin, die bisher allein in ihrer Bank saß, hat eine neue Nachbarin, es werden Blicke getauscht – und schon ist es passiert. Die beiden werden unzertrennlich. Sie schnitzen Claire und Laura in die Rinde einer Buche, umgeben von einem großen Herzen, sie schneiden sich in die Handflächen, drücken die Hände zusammen, schließen Blutsbrüderschaft, durch Leben und Tod, für immer und ewig.

Sie trösten sich im Liebeskummer, sie heiraten und bleiben doch so eng verbunden, dass die Männer eifersüchtig sind. Claire (Anaïs Demoustier) ist Lauras Trauzeugin, sie ist die Patin des Kindes, das Laura bekommt – und sie hält zu Beginn des zum Teil in Rückblenden erzählten Melodrams Lauras Totenrede mit dem Versprechen, Lauras Tochter und Lauras Mann David (Romain Duris) immer zur Seite zu stehen.

Jetzt könnte die Geschichte ins Klischee abgleiten – ein attraktiver Witwer und ein bedürftiges Kind – klar doch, Claire wird ihren viel beschäftigten und etwas langweiligen Ehemann verlassen und Lauras Stelle bei David einnehmen, natürlich mit den entsprechenden Konflikten und Streitigkeiten. Aber es kommt ganz anders. Nach Lauras Tod kann sich Claire nicht konzentrieren. Sie hängt herum, ihr Ehemann schickt sie zu David, sie joggt durch einen Vorort, der mehr an Los Angeles erinnert als an Paris.

David macht die Tür nicht auf, aber ein Kind schreit. Claire geht hinein – und überrascht eine Blondine mit großem Kinn und langer Nase, die dem sechs Monate alten Baby ein Fläschchen gibt. Auf den zweiten Blick erkennt sie David in Lauras Kleidern. Sie wendet sich angewidert ab. Das ist doch keine Trauer, das ist Hohn! David bittet Claire, zu bleiben. Er zieht sich hastig um und gibt ein Geheimnis preis, das er bisher nur Laura verraten hat: Er trägt gerne Frauenkleider.

Laura hat gesagt, das sei ein Spiel; er verspürte auch kein Bedürfnis danach, so lange er mit ihr zusammen war, aber jetzt? Er hat Laura so geliebt. Und jetzt ist sie tot. Sie durfte nicht einfach verschwunden sein, für immer verloren. Selbst das Baby habe sich erst beruhigt, als David sich als Laura verkleidete und parfümierte und ihm dann das Fläschchen gab!

In Massenpsychologie und Ich-Analyse (1921) schreibt Sigmund Freud: Die Identifizierung mit dem aufgegebenen oder verlorenen Objekt zum Ersatz desselben, die Introjektion dieses Objekts ins Ich, ist für uns allerdings keine Neuheit mehr. Ein solcher Vorgang lässt sich gelegentlich am kleinen Kind unmittelbar beobachten. Kürzlich wurde in der Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse eine solche Beobachtung veröffentlicht, dass ein Kind, das unglücklich über den Verlust eines Kätzchens war, frischweg erklärte, es sei jetzt selbst das Kätzchen, dementsprechend auf allen Vieren kroch, nicht am Tische essen wollte ...

Claire reagiert peinlich berührt, entwertend – und fasziniert. Sie schimpft David, er sei pervers, er müsse zum Arzt, aber sie erzählt ihrem Mann nichts von ihrem Erlebnis. Als Lauras Mutter überraschend auftaucht, hilft sie geistesgegenwärtig dem ertappten Transvestiten, sich in den Witwer zurückzuverwandeln. Bisher die Gradlinigkeit in Person, erfindet sie Ausreden: eine neue Freundin sei aufgetaucht, Virginia.

David nimmt den Namen Virginia an. Bisher völlig isoliert in Trauer und Sehnsucht nach Frausein, blüht das neue Geschöpf an Claires Seite auf, wagt sich zum ersten Mal in Frauenkleidern auf die Straße. Das ist gleichzeitig bizarr und liebenswert. Eine neue Freundin wirkt, als hätte ein Filmproduzent das schöne Buch von Joyce McDougall Plädoyer für eine gewisse Anomalität als Vorlage entdeckt. Der Film ist eine Art Denkmal für die 2011 im Alter von 91 Jahren verstorbene Autorin, eine der großen, charismatischen Psychoanalytikerinnen unserer Zeit.

Joyce McDougall war 1920 in Dunedin, Neuseeland, zur Welt gekommen. Sie zog 1950 mit ihrem Mann und zwei Kindern nach London, wo sie bei Anna Freud eine Ausbildung begann. 1952 reiste die Familie weiter nach Paris. Hier setzte Joyce McDougall ihre Ausbildung bei der Société Psychoanalytique de Paris fort. In ihrem Hauptwerk schlug sie vor, Freuds Auffassung zu revidieren, der die manifeste Perversion als (analytisch unzugängliches) „Negativ der Neurose“ betrachtet hat.

McDougall setzte dem die These entgegen, jedes sexuelle Verhalten stehe im Dienste des psychischen Überlebens. Die sogenannte Perversion sei ein schöpferischer Versuch, seelische Verletzungen zu kompensieren. McDougall plädierte dafür, abweichendes sexuelles Verhalten zu akzeptieren, so lange niemand geschädigt wird. Anpassung und Normerfüllung herzustellen ist nicht Aufgabe einer Psychoanalyse. Es gilt eher, die Ängste und die Wünsche zu verstehen, die hinter den Inszenierungen der nicht konformistischen Erotik stehen.

Obwohl von sanftem Wesen und nicht ohne liebenswerte Züge, kann Claires hübscher und braver Ehemann gegen die Faszination nichts ausrichten, welche die androgyne Virginia auf seine Frau ausübt. Seine spießigen Kommentare über Schwule und Lesben machen ihn zum Zeichengeber für die Ambivalenz der keimenden Liebe zwischen Claire und David/Virginia, die von dem mitreißenden Auftritt eines Transvestiten in einem Tanzclub entfacht wird. Die beiden suchen die Spuren der verlorenen Freundin. Sie entdecken das in die Rinde geschnittene Herz ein zweites Mal.

Claire beginnt, sich nach Virginia zu sehnen und erschrickt, als ihr auf dem mit einer Ausrede erschwindelten, gemeinsamen Wochenende plötzlich David begegnet – ein Mann. Er fand seine Joggingklamotten eben praktischer zum Holzholen und Kaminschüren. In der Nacht hat Claire Sex mit Virginia – nein, es ist ein Albtraum! Morgens findet sie heraus, dass ihr Schwindel vom Besuch bei ihrer depressiven Mutter aufgeflogen ist. Sie hat vergessen, abends anzurufen – sie war ja mit Virginia im Travestieclub – und ihr Mann hat ihre Mutter angerufen, die von nichts wusste.

Jetzt versuchen Claire und Virginia ihre Liebe zu verdrängen. David besucht Claire und ihren Mann; er erklärt, er sei schwul, er mache jetzt eine Therapie bei einer Frau, die das verstehe. Es ist nicht klar, ob es diese Therapeutin wirklich gibt oder ob sie eine Scharade für Claire ist. Jetzt bemerkt Claire, dass sie Virginia nicht vergessen kann. Sie ruft David an und sagt es ihm. Virginia trifft sich mit Claire in einem Hotel. Sie hat Champagner bestellt, sie gestehen sich ihre Liebe, sie gehen auf Virginias Zimmer, eine leidenschaftliche Sexszene beginnt – bis Claire schreiend davonläuft: Du bist ja ein Mann!

Virginia geht verstört in ihrem roten Kleid nach Hause, übersieht einen Lieferwagen, liegt blutend auf dem Asphalt. War denn David auf dem Weg zu einem Maskenball? So die Frage des entsetzten Schwiegervaters. David überlebt, erwacht aber nicht aus dem Koma. Claire beschließt, das Kind von David und Laura zu sich zu nehmen. Claire besucht David mit dem Kind, sie spricht zu ihm, sie beschwört ihn, zurückzukehren. David reagiert nicht. Als sie mit ihm alleine ist, sagt Claire zärtlich: Virginia! Davids Augenlider flattern, sie stürzt fort, um die Krankenschwester zu holen. Aber es war eine falsche Hoffnung. Als beide zurückkommen, ist David wieder in sich versunken.

Es gibt in dem neuen Film von François Ozon zwei Szenen, in denen sich die Themen von Liebe, Tod und Travestie suggestiv verdichten. Die erste spielt zwischen David und Laura, dem Witwer und der Toten. David hat durchgesetzt, dass er sie für den Sarg ankleiden darf. Eine lange, ruhige Einstellung begleitet David dabei, wie er der Leiche das Brautkleid anzieht, sie schminkt, ihr einen Ring ansteckt und sich dann neben sie auf die Bahre legt. Aus dem Off erklärt er Claire, dass damals sein Wunsch wiedererwachte und schließlich unwiderstehlich wurde, Frauenkleider zu tragen.

In der zweiten Szene ist es David, der wie tot in dem Krankenhausbett liegt. Claire hat den Rollenkoffer geholt, in dem er sein Kleid, die Perücke, die künstlichen Brüste und die Spitzenunterwäsche aufbewahrt. Jetzt beginnt Claire, Virginia zu erschaffen, die Brüste aufzusetzen, sie zu rasieren, anzukleiden, zu schminken. Sie richtet den Kopfteil des Bettes auf, bis Claire und Virginia einander gegenüber sitzen und ruft die Freundin bei ihrem Namen. Und Virginia erwacht.

Jetzt sind Claire und Virginia ein Paar. Sie holen das Kind bei Claires verdutztem Ehemann ab – „Ich erkläre es dir später“, sagt Claire, und der Zuschauer denkt: Er wird es nie verstehen! In der letzten Szene, sieben Jahre danach, holen Claire und Virginia ein blondes Mädchen von der Schule ab, das Laura sehr ähnlich sieht. Das Kind freut sich, die beiden zu sehen, sie nehmen es in die Mitte und die Kamera lässt sie in eine weite, grüne Landschaft ziehen.

Wolfgang Schmidbauer

 

Verleih: Weltkino Filmverleih

Kinostart: 26. März 2015

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