Sprung ins Glück?

5, 7, 12, 19, 26 … Mit jeder Zahl, die Torsten auf dem Tippzettel wiedererkennt, wird die Leere in seinem Kopf größer. Das kann nicht wahr sein. Doch, ist es. Für den kleinen Angestellten, der mit Frau und pubertierendem Sohn irgendwo am Rand von Berlin in einem bescheidenen Haus lebt, ändert sich mit dem Gewinn des Jackpots einiges. Was wird anders?

Aus Glückspilzen werden nicht selten Pechvögel. Ein 37-jähriger Koch aus Boston erlag nur wenige Tage nach der Ziehung des großen Loses einem Herzinfarkt: zu viel Stress. Immerhin fünf Jahre hielt „Lotto-Lothar“ durch, ein arbeitsloser Teppichleger aus Hannover, der seine zwei gewonnenen Millionen in Frauen und Alkohol investierte – und an Leberzirrhose starb. Geld allein, so der Tenor, in den Psychologen und Glücksforscher einstimmen, macht nicht froh. Dieses große Thema greift Fabian Möhrke in seinem Kinodebüt Millionen auf, für das er auch das Buch verfasste.

Natürlich interessiert ihn nicht die Geschichte eines Menschen, der mit 22 Millionen Euro still und zufrieden vor sich hin lebt. „Was habe ich denn nur verbrochen?“ fragt der Gewinner sich irgendwann. Der Geldsegen erscheint wie eine Seuche, ein Erdbeben oder die Invasion der Außerirdischen im Katastrophenfilm.

Den grauen Alltag vor dem Jackpotgewinn betrachtet der Film schon aus der Retroperspektive. Das vermeintlich spießige Idyll, in dem Torsten (Andreas Döhler) mit seiner Frau Susanne (Carola Sigg) und dem Teenagersohn Lutz (Levin Henning) lebt, erscheint wie ein Paradies, aus dem er vertrieben wird.

Möhrke schildert dieses Leben mit Blick für Details. Als Versicherungskaufmann sitzt der junggebliebene Enddreißiger Torsten in einem funktionalen Büro mit schmucklosen Schreibtischen, einsamen Topfpflanzen und einer gurgelnden Kaffeemaschine. Hauptdarsteller Andreas Döhler, bislang vor allem am Theater beschäftigt, überzeugt durch physische Präsenz und eine „rotzige“ Spielweise. Scheinbar nimmt er an einem Wettbewerb teil, bei dem es darum geht, Til Schweiger im Nuscheln zu übertreffen.

Nach Feierabend spielt Torsten Fußball. Die Szenen auf dem Platz wirken authentisch, hier wird tatsächlich gekickt. Das Gefühl, in eine Mannschaft eingebunden zu sein, vermittelt sich auch abseits des Rasens. Zu Hause lungert sein Sohn mit dem Freund herum. Hausaufgaben: Fehlanzeige. Torsten will den kumpelhaften, „coolen“ Daddy heraushängen lassen. Das wirkt etwas verkrampft, doch ein schlechter Vater ist er deswegen nicht. Wenn sich seine Frau später auf der Couch neben ihn kuschelt und eine Wärmflasche auf den Bauch legt, spürt man, dass irgendwie alles an seinem Platz ist. Möhrke zeigt das banale Leben, das sich abspielt, wenn scheinbar keine Kamera zusieht.

Aus dieser Harmonie katapultiert der Lottogewinn den kleinen Mann heraus. Dafür findet der Film ein sprechendes Bild: Auf die Nachricht von den sechs Richtigen verlässt Torsten sein Büro – nicht durch die Tür, er hüpft aus dem Fenster. Ein solcher Sprung ist nicht zufällig eine verbreitete Form des Suizids. Der Selbstmörder, so dessen unbewusste Fantasie, will durch den hölzernen Rahmen des Fensters in ein besseres Leben zurückspringen. Möhrke visualisiert diese Passage mit einem Schnitt: Torstens Frau muss ihren sturzbetrunkenen Mann mit einer Beinahe-Alkoholvergiftung aus dem Krankenhaus abholen.

Nach dem Fenster-Sprung ins Lottoglück wird Torsten allmählich zum sozialen Zombie. Mitverantwortlich ist der unvermeidliche Luxus-Exzess. Der Film zündet kein Feuerwerk, was angesichts des Budgets einer kleinen Produktion schwer möglich wäre. Doch er geht Klischees auch bewusst nicht aus dem Weg. Obwohl der Lottogewinnberater – ein Beruf, den es tatsächlich gibt – zum besonnenen Umgang mit dem Reichtum mahnt, geht Torsten gleich in die Vollen. Ein Porsche muss her, der tief verwurzelte Traum männlicher Omnipotenz geht in Erfüllung. Seine Frau Susanne eröffnet einen Kinderladen auf dem Prenzlauer Berg – man denkt an einen Szenetreff für Latte-Macchiato-Muttis. Sohn Lutz besprüht derweil alle Autos in der Straße, um den Schaden mit einem Hundert-Euro-Schein hinter dem Scheibenwischer zu kompensieren: der Traum vom Lausbubenstreich, der ohne Folgen bleibt.

Kann man mit Geld nichts Besseres anfangen? Kinoproduktionen über Jackpotgewinner griffen diese Frage immer wieder auf. In der Komödie Lang lebe Ned Devine! versucht ein irisches Dorf das Weiterleben eines verstorbenen Lottogewinners vorzutäuschen, um dessen Gewinn nicht verfallen zu lassen. Und in dem US-Film 2 Millionen Dollar Trinkgeld verspricht ein Polizist, der gerade keine Münzen zur Hand hat, einer Kellnerin stattdessen die Hälfte seines erwarteten Lottogewinns. Die Aufzählung ließe sich verlängern, doch große Publikumserfolge finden sich unter den „Jackpotfilmen“ eher nicht.

Spannung entsteht beim Lotto durch die Gewinnerwartung, mit Freud: die „Vorlust“. Der Live-Charakter des Fernsehens unterstützt diesen Mechanismus. Die blonde TV-Ansagerin Karin Tietze Ludwig, die von 1967 an 30 Jahre lang die öffentliche Ziehung der Zahlen moderierte, wurde nicht umsonst als „Lottofee“ berühmt durch den Satz: „Der Aufsichtsbeamte hat sich vor dieser Sendung von dem ordnungsgemäßen Zustand des Ziehungsgerätes und der 49 Kugeln überzeugt.“ Wenn die transparente Kugel beim Rotieren die 49 Zahlenbälle durchmischt, wurde unmittelbar verbildlicht, dass der blinde Zufall regiert. Eine telegene Huldigung am Altar der stochastischen Götter.

Fürs Kino geht Regisseur Fabian Möhrke das Thema frontal an. Mit grimmigem Humor zeigt er, wie der Geldsegen in die Einsamkeit führt. Genau wie einige Lottomillionäre vor ihm kann Torsten mit der vielen Freizeit nichts anfangen und will nach überhasteter Kündigung seinen Job wieder. Er bekommt ihn aber nicht zurück. Der Ex-Chef weiß, wie unzuverlässig der neureiche Fensterspringer geworden ist. Auch in der Umkleidekabine beäugen die Teamkollegen mit schrägen Blicken seine teuren, quietschgrünen Fußballschuhe. Seine Frau findet den Weg nicht in die überhastet gekaufte Ostsee-Villa. Torsten steht plötzlich alleine vor dem piepsenden Induktionsherd, der in einen protzigen Marmor-Altar eingelassen ist. Später hockt er vor dem neusten Modell des Flachbildfernsehers, der sich mit surrendem Servo-Motor seiner Sitzposition anpasst. Glück sieht anders aus. Hat das Geld wenigstens beruhigt?

Millionen, der Film, funktioniert wie ein Laborversuch. Vor dem Lottogewinn lebte Torsten in einem Alltag, der ihn mit einem konstanten Druck umgab, der aber nicht als solcher wahrgenommenen wurde. Die Psyche stabilisierte sich in einem entsprechenden Gegendruck. Der plötzliche Geldsegen bringt dieses homöostatische Gleichgewicht aus dem Lot. Mit lakonischem Witz zeigt Fabian Möhrke, wie sein Lottoheld sich dabei zusehends zwanghafter verhält. Seine unbegrenzten Möglichkeiten machen ihn ungeduldig. Instant-Glück muss her, als gäbe es kein morgen mehr.

Dabei sinkt die Frustrationsschwelle. Ist die Ehefrau nicht da, so betrügt Torsten sie mit der reichen Nachbarin. Wie bei einem Drogensüchtigen zwingen ihn die exzessiver werdenden Betäubungsversuche zur Erhöhung der Dosis. Es folgt eine Art Regress auf die orale Phase. Stellvertretend für die Welt, die Torsten sich einverleiben will, steht der Alkohol. Um den Kater nach dem Alkoholabsturz zu vertreiben, schlingt er Rollmöpse herunter, gierig und direkt aus dem Glas. Er verschluckt sich und droht zu ersticken – ein in seiner Banalität poetisches Bild.

Möhrke umschließt seinen Film mit zwei magischen Szenen, einem Pro- und einem Epilog. Zunächst demonstriert Torsten einen Zaubertrick. Vor den Augen einer Kollegin wickelt er eine Münze in ein Papier, das er daraufhin verbrennt: Das Geld ist verschwunden. Der „Trick“ gelingt später nicht mehr: Sein Reichtum hat eine quälende Präsenz. In einer Traumszene erklimmt Torsten schließlich einen Baum, der leitmotivisch immer wieder auftauchte. Er steigt höher und höher, bis zum Gipfel. Es ist die einzige Szene, in der sein Gesicht einen Ausdruck stillen Glücks zeigt. Doch in diesem Moment ist das Ich, wie im Traum, isoliert von der Welt. Als karger, spröder Film ist Millionen kein cineastischer Paukenschlag, bleibt aber lange im Gedächtnis.

Manfred Riepe

Kinostart: 3. Juli 2014
Verleih: Drop-out Cinema
Webseite: 
buntfilm/millionen

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