Der Glücksgriff

„Stellen Sie sich Ihr Leben als eine Linie vor. Am Anfang steht die Geburt, am Ende der Tod. Wo befinden Sie sich jetzt gerade auf dieser Linie?“ Der amerikanische Psychiater und Psychoanalytiker Irvin D. Yalom stellt diese Frage häufig zum Start einer Therapie. Man kann sich unschwer vorstellen, dass seine Klienten über diese Frage erst einmal stolpern. Denn keiner beschäftigt sich gerne mit der Begrenztheit des Lebens. In den hunderten über hunderten Sitzungen, die er in den 50 Jahren seiner therapeutischen Tätigkeit geführt haben muss, ist er vielen Menschen begegnet, die direkt mit dem Tod konfrontiert waren. Viele von ihnen haben bereut, wesentliche Dinge im Leben verpasst zu haben. Also stellt Yalom folgende Frage, wenn er beginnt, mit einem Klienten zusammenzuarbeiten: „Angenommen, wir treffen uns in einem Jahr wieder. Was könntest du bis dahin tun, damit du später nichts bereust?“

Yalom ist mittlerweile 83 Jahre alt, und es wäre spannend zur erfahren, wo er sich selbst auf dieser Linie einordnen würde. Im Dokumentarfilm Yaloms Anleitung zum Glücklichsein nimmt er uns mit auf eine Reise durch sein Leben. Es ist ein Film über seine Ehe, seine Kinder, seine Arbeit und seine Ängste. Und gleichzeitig ein sehr persönliches Resümee über die Frage, was es zum Glücklichsein braucht.

„Glück“ ist ein populäres Thema für Dokumentarfilme. 2011 suchte die Regisseurin Larissa Trüby nach Glücksformeln und befragte dazu nicht nur ganz normale Menschen zwischen 12 und 89 Jahren, sondern auch eine Bandbreite an Fachleuten wie Neurologen, Psychologen und Wirtschaftsberater. Danach musste sie sich den Vorwurf gefallen lassen, ihre Auslegung des Begriffs „Glück“ sei zu einseitig auf die westliche Welt ausgerichtet gewesen, auf die „Luxusvarianten“ von Glück. Das war sicher nicht das Problem von Harald Friedls What happiness is (2012). Friedl wählt für seine Dokumentation die Perspektive der Menschen im Staat Bhutan. Zwei Monate lang begleitete er Mitarbeiter des Ministeriums, die (kein Witz) im Auftrag der Regierung das „Brutto-National-Glück“ erfassen sollten. Anhand eines dicken Fragebogens besuchten sie 7000 zufällig ausgewählte Bhutaner, um zu ermitteln, was glücklich macht. „Elektrizität und ein Handymast“, sagt eine Frau im Film. 

Die Regisseurin Sabine Gisiger wählte bei Yalom einen anderen Ansatz. Der Fokus liegt ausschließlich auf Yalom als Gegenstand des Films, sein Gesicht in Großaufnahme ist eines der häufigsten Motive im Film. Und natürlich interessiert Yalom als Mensch, ist er doch dank seiner Roman-Bestseller (unter anderem Und Nietzsche weinte, Die rote Couch) der derzeit vielleicht bekannteste praktizierende Psychotherapeut. Als dramaturgisches Mittel zur Beantwortung der Frage „Was macht glücklich?“ wählt Gisiger deswegen die unterschiedlichen Stationen seiner Biographie.

Yalom wird 1931 in Washington geboren und wächst als Sohn jüdisch-russischer Emmigranten auf. Es sind einfache Leute, seine Eltern, ohne jede Schulbildung, die von morgens bis spät nachts in ihrem eigenen Lebensmittelladen arbeiten. Seine Mutter bezeichnet Yalom frei heraus als einen „schwierigen Menschen, den keiner wirklich mochte“. Yaloms Vater habe sich der Mutter untergeordnet, und Yalom habe seinen Vater regelrecht „gehasst“ dafür. Doch Yalom wäre nicht ein kluger Kopf, würde er nicht wie folgt reflektieren: „Eltern waren ja auch Eltern ausgesetzt. Und die Dinge haben sich von Generation zu Generation übertragen. Unsere Aufgabe ist es, alte Muster zu durchbrechen.“

Gezielt ging er das bei der Wahl seiner Ehefrau an, Marilyn, mit der er auch heute – nach 60 Jahren – noch glücklich verheiratet ist. Yalom und sie lernten sich kennen, als er 15 und sie 14 war. Für ihn muss es Liebe auf den ersten Blick gewesen sein. Marilyn, eine fröhliche wie starke Frau, die jedoch nie den Willen hatte, ihn zu unterdrücken. Schon früh im Film kommt sie ins Bild: Marilyn und Yalom sitzen im Whirlpool, auf der Terrasse ihres Wohnsitzes in Palo Alto, einem kleinen Idyll inmitten kalifornischer Landschaft. Marilyn beobachtet Yalom grinsend, während er sich mit seinem Armen am Beckenrand aufstützt, seinen Kopf wohlig zurückgelehnt, und das Bad im Whirlpool sichtlich genießt. „Jetzt lernen die Menschen endlich deine größte Leidenschaft kennen“, zieht sie ihn liebevoll auf. Er entgegnet, dass sie nur mit ihm in den Pool komme, wenn Filmkameras da sind. Marilyn muss nicht lange überlegen: „Warum soll ich baden, wenn ich kein Publikum habe?“ Yalom lacht. Man sieht die beiden auf der Leinwand und spürt, da haben sich zwei gefunden, die auf Augenhöhe sind.

Im Film resümieren beide offen darüber, dass auch ihre Ehe von Krisen geprägt war angesichts verschiedenster Verlockungen. Sei es, die eigene Karriere voranzutreiben. Sei es in Form von Mitbewerbern, im Falle Marilyns. Schmunzelnd merkt sie in der Dokumentation an, dass Yalom offenbar nie andere Affären gehabt habe, noch nicht einmal während der Studienzeit, als beide räumlich getrennt waren. Zu sehr sei er mit seinem Studium beschäftigt gewesen.

Denn an den Universitäten gab es damals eine strenge Zulassungsklausel für jüdische Studenten.  Deswegen habe Yalom Tag und Nacht gelernt. An mehreren Stellen im Film gibt Yalom zu, wie oft er von Ängsten angetrieben war, so stark, dass er über längere Zeit nicht habe schlafen können. Immer sei da die tiefe Furcht gewesen, es nicht zu schaffen und nie Teil der amerikanischen Gesellschaft zu werden. Seine Eltern hätten sich immer nur in der jüdischen Enklave bewegt, und Yalom war von der Sehnsucht getrieben, kein Außenseiter mehr zu sein.

Den Wunsch, die Isolation zu durchbrechen, erlebt Yalom bei vielen seiner Klienten. „Die meisten Patienten, die mich aufsuchen, sind verzweifelt, weil sie es nicht schaffen, intime, nährende, langjährige Beziehungen zu anderen aufzubauen. Wenn wir uns selber nicht verstehen, können wir auch andere nicht richtig verstehen und schätzen.” Yalom weiß, wie schmerzhaft und angstbesetzt für seine Patienten der Blick auf sich selbst ist. Immer sei da die Furcht, zurückgewiesen oder gedemütigt zu werden bei dem Versuch, sich einem anderen Menschen zu offenbaren.  

Yalom kann sich nicht zuletzt deswegen gut in die Patientenrolle hineinversetzen, weil er sich selbst als Psychoanalytiker in Ausbildung viele Jahre einer Analyse unterzog. Yalom erzählt von seiner ersten Therapeutin, einer waschechten Freudianerin, die standesgemäß als pure Projektionsfläche fungiert habe und der Yalom weder konkrete Aussagen noch Richtungsvorgaben entlocken konnte. Es sei teures Lehrgeld gewesen, um zu erkennen, dass hilfreiche Therapie für ihn anders funktionieren müsse. In etwa so: Ein Videoausschnitt zeigt Yalom in verschiedenen Interaktionen mit Patienten, mal im Einzelgespräch, mal in Gruppen – er mischt sich ein, engagiert sich leidenschaftlich, und scheut vor Konfrontationen nicht zurück.

Für einen Dokumentarfilmer muss Yalom als Objekt und Subjekt des Films ein Glücksfall sein. Über alle Maßen eloquent und geübt darin, sich selbst zu reflektieren, sind seine Aussagen filmreif. Man kann sich nicht vorstellen, dass die Regisseurin im Schneideraum Mühe hatte, brauchbare Stellen im Filmmaterial zu finden. Vermutlich quoll das Material eher über vor relevanten O-Tönen Yaloms. Yalom dürfte außerdem geübt sein im Umgang mit Kameras und dem Ausblenden ihrer Anwesenheit, weil er schon früh in seiner Karriere Therapiestunden zu Übungszwecken für Studierende aufzeichnete. Das bringt dem Film viel Natürlichkeit. Selbst wenn die Kamera Yalom und seine Familie begleitet auf gemeinsame Ferien, in denen die Großfamilie am Tisch diskutiert, musiziert und später zusammen tanzt. Das, was man sieht, wirkt authentisch, und Yalom schmuggelt sich mit seiner bescheidenen und unprätentiösen Art unweigerlich in das Herz des Zuschauers.

Auch dadurch, dass er mit Kritik an sich selbst nicht spart. Wenn die Kamera am Tisch über die Gesichter seiner vier Kinder gleitet, sinniert Yalom im Off darüber, dass alle Kinder Scheidungen hinter sich haben. Und dass es ihnen nicht geglückt sei, eine lebenslange Beziehung zu halten. Ein wenig glaubt man die stille Frage herauszuhören, ob er Anteil an diesem Scheitern hat.

Soviel wie in Büchern und Filmen über Glück sinniert und spekuliert wird, man hat das Gefühl, dass Menschen niemals müde werden, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.  Der Lust an dieser Konfrontation wird der Film gerecht. Als durchgehendes Filmelement wirft Yalom in der Off-Stimme viele existentielle Fragen auf. Doch anstatt sofort eine Antwort zu liefern, schaltet die Regisseurin „Blaupausen“ dazwischen: Montagen von Kameraeinstellungen auf das tosende Meer, auf einen Lenkdrachen im Wind, auf rauschende Kornfelder oder auf Yalom beim Radfahren. Der Schnittrhythmus und die Verbindung zur Filmmusik sind elegant und unaufdringlich. Regisseurin Gisiger öffnet dem Zuschauer gekonnt einen Raum, auf eigene Lebenserfahrungen und Erinnerungen zu referieren, während er im Kino vor der Leinwand sitzt. Das schafft mehr als einen „Aha-Moment“. Und schwupps sind 77 Minuten Film vorbei. Der Spannungsbogen des Films funktioniert als Ganzes, ohne auch nur den Hauch von Langatmigkeit.

Am Ende des Films fragt die Regisseurin Yalom, ob er Angst vor dem Sterben habe. Yalom verneint. Es sei aber trotzdem schön, momentan noch am Leben zu sein. Weil er findet, dass mit 83 Jahren vieles mehr im Fluss sei als 10 Jahre zuvor. Und da ist es wieder, sein schelmisches Grinsen, das durch seine braunen wachen Augen noch einmal stärker zur Geltung kommt. Es überrascht nicht, dass Yalom in einem seiner wichtigsten Bücher Die Liebe und ihr Henker ausgerechnet Woody Allen zitiert: „Ich habe keine Angst vor dem Tod. Ich will nur nicht da sein, wenn er kommt.“

Man hat das Gefühl, dass Yalom die Kunst beherrscht, in den richtigen Momenten sich selbst nicht zu ernst zu nehmen. Und vielleicht ist das einer seiner größten Schlüssel zum Glück.

Julia Olbrich

Kinostart: 2. Oktober 2014
Verleih: Alamode Film
www.yalom-derfilm.de 

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