Magersucht am Ende des Universums

Keine Frage, der Computer und das Internet veränderten das alltägliche Leben nachhaltig. Mit der Popularisierung sozialer Netzwerke, Youtube-Videos und der Nutzung von Smartphones hat sich die Taktfrequenz der Vernetzung noch einmal gesteigert. Während der Suchmaschinenbetreiber Google zum drittwertvollsten Konzern der Welt avancierte, scheint heute offline gar nichts mehr zu gehen. Medienkompetente Online-Mütter wissen, dass alt hergebrachtes Telefonieren out ist. Stattdessen simsen sie mit ihren Kids via WhatsApp. 

Mit den neuen Medien haben sich offenbar auch die Selbstwahrnehmungen der Benutzer, ihre emotionalen Bedürfnisse und Beziehungsstrukturen gewandelt. Mit diesem spannenden Thema – so scheint es auf den ersten Blick – beschäftigt sich der Hollywood-Regisseur Jason Reitman. Sein neuer Film kommt hierzulande unter dem Titel #Zeitgeist in die Kinos. Dem auch im Englischen gebräuchlichen Begriff vorangestellt ist der sogenannte „Hashtag“, jenes Doppelkreuz, mit dem eine telegrammartige Information des Kurznachrichtendiensten Twitter identifiziert wird – so wie eine Email durch das @ gekennzeichnet ist.

Spannend und immer wieder überraschend erzählt Reitman von sieben mittelständischen Familien aus Austin, Texas, deren alltägliches Leben und Erleben durch das World Wide Web und seine vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten völlig durchdrungen zu sein scheint. Mit ironischem Augenzwinkern blickt der Film in den (Medien-)Alltag des Familienvaters Don, gespielt von dem aus Komödien bekannten Adam Sandler, der hier aber angenehm zurückhaltend agiert. Sex mit seiner Frau Helen (Rosemarie DeWitt) findet er nicht mehr prickelnd. Stattdessen ruft er, bewaffnet mit einem Kleenex, Pornoseiten im Internet auf. Gezwungenermaßen muss er diesmal Triebaufschub leisten. Durch den exzessiven Besuch einschlägiger Trash-Websites ist sein PC von Spam-Popups und anderen virtuellen Geschlechtskrankheiten völlig lahm gelegt. In der Not zapft er den Rechner seines 15-jährige Sohnes Sohn Chris (Travis Tope) an. Dabei muss er feststellen, dass der Filius noch viel krassere Porno-Sites anklickt als sein Vater.

Diese herbe Überraschung ist nur ein kleiner Ausschnitt der gesamten Geschichte, die entlang der unterschiedlichen Facetten neuer Mediennutzung aufgefächert wird. So erleben wir, wie Chris’ Schulkamerad Tim (Ansel Elgort), eigentlich eine Sportskanone, aus dem Highschool-Football-Team austritt: Statt physischer Auseinandersetzung auf dem Rasen reizen ihn nur noch Online-Rollenspiele wie World of Warcraft. Mit diesem Rückzug in den Cyberspace scheint sich die Befürchtung von Patricia (Jennifer Garner), einer Mutter aus der Nachbarschaft, zu bewahrheiten. Auf einem Selbsthilfe-Elternabend warnt sie mit erhobenem Zeigefinger davor, dass die Kids nicht mehr zwischen Realität und medialer Fiktion unterscheiden können. Um dem vorzubeugen, ist Patricia zur Internet-Helikoptermutter mutiert. Mit einer an den US-Geheimdienst NSA erinnernden Technik überwacht und verfolgt sie jeden einzelnen Schritt, den ihre Tochter Brandy (Kaitlyn Dever) im Netz unternimmt. Um dem Kontrollwahn zu entkommen, führt die Tochter im Exil einer verschlüsselten Website ein geheimes Tagebuch, in dem sie ihre Identität mit lustvoll schrägen Selfies behauptet.

Fasst man den Film so zusammen, dann scheint der für den deutschen Markt entworfene Slogan zutreffend, gemäß dem „#Zeitgeist“ von „digitaler Nähe und analoger Entfremdung“ erzählt. Dazu passt offenbar auch die visuelle Gestaltung der Tragikomödie. Über die Aktionen der Darsteller im „RL“, im Real life, wie es unter Internet Natives heißt, legt sich eine virtuelle Ebene. Darauf werden die permanent hin- und herflitzenden Textnachrichten ebenso eingeblendet wie Websites, Chatrooms und Blogs. Dieses Gestaltungsmittel ist zwar nicht ganz neu, lässt aber bei Reitman Form und Inhalt angemessen miteinander verschmelzen. Besonders durch die eingerückten Textnachrichten entsteht der Eindruck, als könne man ins Unbewusste dieser Kids hineinblicken. Wobei abzuwarten bleibt, ob die deutsche Fassung eine adäquate Entsprechung findet für die spezifisch englischen Eigenheiten der SMS-Kurzschrift, bei der zum Beispiel „U“ für „You“ steht.

Reitmans Film erschöpft sich aber keineswegs darin, das Tableau einer digitalen Gesellschaft zu entwerfen. Dass Zeitgeist, so der Tenor einer Kritik in einem Fachdienst, den „Anspruch habe, so ziemlich alle negativen Verwerfungen aufzuzeigen, die das Internet im menschlichen Miteinander bewirkt, von Entfremdung, Abstumpfung durch Pornokonsum über Spielsucht bis zum Kontrollwahn“, ist eine verkürzende Lesart. Sie wird durch das Marketing nahe gelegt, das dem Film nicht ganz gerecht wird, der im Original nach der gleichnamigen Romanvorlage von Chad Kultgen ganz unprätentiös Men, Women and Children heißt.

Wie in den früheren Filmen Reitmans dienen Zeitgeistphänomene nur als Aufhänger für sensibel erzählte Geschichten über Familien. In Juno beispielsweise wird die gleichnamige 16-jährige Schülerin schwanger. Da sie nicht abtreiben will, sucht sie eine Adoptivmutter, in deren Freund sie sich zunächst verliebt, weil er alles über Horrorvideos und Punkmusik weiß – sich am Ende aber als alt gewordener Berufsjugendlicher erweist, der der Verantwortung einer Familie ausweicht. Ganz anders und doch ähnlich ist die Komödie Up in the Air, in der George Clooney als Spezialist im Überbringen von Kündigungen unentwegt durch das Land jettet – letztlich aber nur auf der Flucht vor sich selbst und einer festen Beziehung ist.

So wird auch Zeitgeist – seinem unpassenden deutschen Titel zum Trotz – erst deswegen sehenswert, weil das Medienthema in einen übergeordneten Problemkontext eingebettet ist, der zeitlos ist. Natürlich nehmen Reitman und sein Drehbuchautor das Ringen der jugendlichen Protagonisten mit den Fallstricken der digitalen Kommunikationsmittel ernst. Dabei wird aber deutlich, dass die beschriebenen Konflikte nicht erst durch neue Medien entstanden sind. Jede der Episoden, die der Film erzählt, könnte auch in einer Epoche vor Einführung der Computertechnologie spielen – beispielsweise im Jahr 1977, das eine Schlüsselrolle spielt. Damals startete die Raumsonde Voyager in die Tiefen des Weltalls. Mit dem Film begleitet auch der Zuschauer diesen Info-Sputnik, dessen Mission in der Originalfassung durch den süffisant-ironischen Kommentar der berühmten britischen Darstellerin Emma Thompson erläutert wird.

Diese Sonde hat bekanntlich eine goldene Schallpatte an Bord, in deren Rillen nicht nur Beethoven und Rock & Roll-Musik eingeprägt sind. Die Scheibe enthält auch Bilder, auf denen neben mathematischen Formeln auch die schematische Darstellung menschlicher Zeugungsorgane eingeprägt sind: Die Rillen enthalten also einen psychisch-kulturellen Fingerabdruck der Menschheit, die sich von der Schokoladenseite darstellt. Man will sich ja nicht blamieren, denn Voyager soll eine Botschaft an außerirdische Intelligenzen oder gar an Götter überbringen.

Zeitgeist, der Film, hat nun eine großartige Pointe: Der Blick, den Voyager aus 20 Milliarden Kilometer Entfernung vom Rand der Welt aus zurück auf die stecknadelkopfgroße Erde wirft, wird mit den vermeintlich banalen Problemen von Teenagern an einer amerikanischen High School ineinander gespiegelt. Dieser Blick aus der Ewigkeit schlägt sich nicht zufällig in der Form des Films nieder, der mehr als einen Gang zurückschaltet: Die Kids sitzen, man glaubt es kaum, zwischen den Regalen der Schulbibliothek. Die visuelle Überladung mit eingerückten Textnachrichten und Websites ist verschwunden. Selbst die Filmmusik verstummt. Ganz ohne Medienbeschwörung ist Reitman plötzlich dicht bei den Hauptprotagonisten.

Wie schon in Juno sind die weiblichen Charaktere vielschichtiger ausgeleuchtet als die Männer. Dabei verblüfft Reitman durch seinen Blick für Mutter-Tochter-Beziehungen, die er in verschiedenen Varianten auffächert. Neben Brandy, die von ihrer Mutter Patricia überwacht wird, gibt es eine weitere Mutter-Tochter-Bindung, die zu eng ist. Die Karrierepläne der Cheerleaderin Hannah (Olivia Crocicchia), die eine berühmte Schauspielerin werden will, werden vom Narzissmus ihrer Mutter Donna (Judy Greer) befeuert, die ihre Tochter unentwegt fotografiert. Sie soll ausleben, was der Mutter verwehrt blieb. Dass die Bilder, die Donna auf eine Website stellt, dabei unmerklich die Grenze des Schicklichen überschreiten, macht der Film als Symptom lesbar. In der Beziehung zwischen Hannah und Donna ebenso wie zwischen Brandy und ihrer Überwachungsmutter Patricia zeigt das familiäre Dreieck ein Defizit. Es fehlt die Figur eines Vaters, der in der Mutter-Tochter-Bindung als Regulativ fungieren könnte.

Auf augenzwinkernde Weise erzählt Zeitgeist also davon, dass die Götter auf die Botschaft von Voyager geantwortet haben. Die Nachricht vom Ende der Welt ist jedoch anders, als man sie sich etwa in Filmen von Steven Spielberg vorstellt. Die Antwort der Außerirdischen ist – frei nach Jacques Lacan – die Umkehrung der Botschaft, mit der die Raumsonde Voyager sich an die Außerirdischen wandte. Statt um hehre Musik und wissenschaftliche Evidenz geht es um vermeintlich banale Probleme von Schülern auf der Suche nach ihrem Sinn des Lebens. Der Film erzählt von Magersucht, zu engen Mutterbindungen, defizitären Vaterfiguren und von enttäuschter Liebe. Unter dem präzisen Blick des Regisseurs erweisen sich diese Probleme als ebenso tiefgründig wie die Frage nach den letzten Dingen.

Manfred Riepe

Verleih: Paramount

Kinostart: 11. Dezember 2014

www.zeitgeist-derfilm.de 

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