Und plötzlich ist die Angst da

Hedi Schneider steckt fest 

Ein Sommerabend in der Küche einer Großstadtwohnung, es wird dunkel, die Fenster sind geöffnet. Ein Paar steht vor der Anrichte. Er hat den Abwasch gemacht, sie das Kind ins Bett gebracht. Die beiden küssen sich, albern rum, sinken auf den Fußboden. Doch dann, mitten in der Liebesszene, schreckt die Frau hoch: Ihr sei so komisch, Lippen und Hände wären taub. „Ich hab einen Schlaganfall“, sagt sie. „Ruf den Notarzt.“ Wenig später sitzt sie mit EKG-Elektroden auf der Brust auf einem Stuhl. Entgeistert fragt sie ihren Mann, wie es sein könne, dass sie nichts habe. „Das kann man sich doch nicht alles nur einbilden.“

Diese erste Panikattacke von Hedi Schneider kommt wie aus heiterem Himmel. Denn in den ersten zehn Minuten des Films hat man bereits mehrfach gesehen, wie stark und nonchalant die Protagonistin ihren Alltag meistert. Als sie beispielsweise im Fahrstuhl stecken bleibt, verwickelt sie den Mann vom Wartungsdienst über die Gegensprechanlage in ein Gespräch, um sich die Wartezeit zu verkürzen. Mit Humor begegnet sie auch ihrem pedantischen Bürokollegen. Und am Nachmittag zu Hause sieht man sie mit Uli, ihrem Mann, und mit Finn, ihrem Sohn, im Garten in einem selbstgebauten Zelt hocken und spielen. Es geht etwas chaotisch zu, aber auch liebevoll und lebendig.

Harmonische, humorvolle Szenen wie diese sind ein ungewöhnlicher Anfang für einen Film über eine psychische Störung. Anders als in Filmen mit vergleichbarer Thematik, etwa Das weiße Rauschen von Hans Weingartner über die Entwicklung einer Schizophrenie, wird hier nicht das Psychogramm einer erkrankten Person gezeichnet, sondern gezeigt, dass psychische Krisen sich auch aus einem scheinbar gesunden, turbulenten Leben heraus entwickeln können. Mit dieser Sichtweise holt Regisseurin Sonja Heiss den Zuschauer im eigenen Alltag ab, schafft Sympathie mit den Figuren. Eine mitleidige oder distanzierte Haltung zur Protagonistin und ihrer Angststörung wird so unmöglich. Der Effekt der Identifikation mit Hedi und Uli wird noch verstärkt durch den Erzählton, der stets zwischen Komik und Tragik, Euphorie und Ernüchterung taumelt. Diesen Erzählstil hat Heiss bereits in ihrem preisgekrönten Debüt Hotel Very Welcome erprobt, in dem es um die Sinnsuche von jungen Erwachsenen auf Asienreise geht. Wie in diesem Film schafft sie es auch in Hedi Schneider, immer wieder absurden Humor einzubauen, sogar in düstere, beklemmende Szenen.

Und die nehmen im Verlauf des Films zu: Bereits am Tag nach dem ersten nächtlichen Angstanfall beginnt für Hedi eine fast lehrbuchgemäße Angst-vor-der-Angst-Reaktion, die sich immer mehr verselbständigt. Hedi fürchtet sich, dass „es“ noch mal passieren könnte, bittet deshalb ihren Mann, immer bei ihr zu bleiben. Uli ist ein stoischer Typ – und als Gebärdendolmetscher gewöhnt, auf andere Menschen einzugehen, sich zu kümmern. Er übernimmt schnell die Funktion der Stütze für Hedi, die immer verstörter wirkt, Tage im Bett verbringt, sich Psychopharmaka verschreiben lässt. Nach und nach kommt durch die Fixierung auf Hedis Probleme das Gleichgewicht in der Familie ins Wanken. Weil Hedi nicht mehr mit quirligem Humor auf ihren Sohn eingehen kann, sondern schweigend auf dem Sofa liegt, wird dieser bockig und laut. Und für den gelassenen Uli ist eine Grenze erreicht, als Hedis Ängste seine beruflichen Pläne durchkreuzen: Eigentlich wollte die Familie ein Zeit lang nach Gambia gehen, wo Ulli eine Stelle bekommen hatte. Diesen Auslandsaufenthalt muss er absagen, weil Hedi nicht reisefähig ist.

Man muss sich all diese Szenen dennoch nicht als große Dramen vorstellen. Vielmehr liegt der Fokus beim Erzählen immer wieder auf den Nuancen in der Paarbeziehung, es dreht sich um Worte, Nähe, Distanz, Wut und die Liebe zwischen Hedi und Uli. Es ist ergreifend, den beiden bei der „Beziehungsarbeit“ zuzusehen, nicht zuletzt, weil die Schauspieler Laura Tonke und Hans Löw ihre Rollen ebenso leidenschaftlich wie sensibel ausfüllen.

Irgendwann fängt Hedi an, sich um ihre Probleme zu kümmern. Sie atmet gegen die Angst an, geht zum Therapeuten, lässt Aggressionen raus, versucht achtsam zu essen. Auch hier gibt es einige ernste, einige komische Szenen. Schließlich geht es ihr besser. Zum ersten Mal wagt Hedi einen Vorstoß zu den tieferen Ursachen der Angst: Sie kündigt ihren langweiligen Job, will sich darüber klar werden, was sie wirklich will. Und sie sagt Uli, dass sie nicht versteht, warum er nach Afrika gehen muss, um glücklich zu sein. Ein feiner, vereinzelter Hinweis darauf, dass der bevorstehende Aufenthalt in Afrika ein möglicher Auslöser für die Angstkrise gewesen sein könnte. An dieser Stelle zu viel Ursachenforschung zu betreiben, würde dem Film aber nicht gerecht werden. Er will mehr erzählen als erklären, zeigt auch die Stufen der Erkrankung und Genesung eher als lose aneinandergereihte Episoden, nie als treibenden Plot.

Zum Ende des Films gibt es beispielsweise eine Art Bild von Annäherung und Neubeginn. Die Familie fährt nach Norwegen in eine Hütte, dort sitzen die drei einen Tag lang am Ufer eines Sees, wie Wilde. Frei, mutig, nah.

Und immer wieder berühren besonders die Bilder, in denen Uli und Hedi sich begegnen, versuchen, sich zu erklären, die Angststörung, die zwischen ihnen steht, zu vertreiben, zu verstehen, wegzulachen. Dann weist die Bilderwelt des Films in ihrer kammerspielartigen Intimität weit über das Problem der Angststörung hinaus. Es geht um das universelle Thema, wie es gelingen kann, eine Liebesbeziehung zu führen, wenn einer der Partner in einer Krise steckt, die auch das Leben des anderen in Mitleidenschaft zieht. Der Film schafft es, den Prozess des Durch-Krisen-Gehens als etwas darzustellen, was er eben auch ist: ein ebenso alltägliches wie archaisches Abenteuer.

Anne Otto 

Kinostart: 07. Mai 2015
Verleih: Pandora
pandorafilm.de/filme/hedi-schneider-steckt-fest

>>> Zum Filmarchiv >>>

 

Termine

In unserem Terminkalender finden Sie Kongresse und Veranstaltungen zu psychologischen Themen.
Zu den Terminen.

Neu im Shop

Felix de Mendelssohn: Der Mann, der sein Leben einem Traum verdankte.

Mendelssohn führt mit seinem Buch ins geheimnisvolle Reich der Träume. Ecowin Verlag, 302 S.

22.95 €inkl. 7% MwSt.