Glücklich ist, wer vergisst?

Vergiss mein nicht! ist ein äußerst unkonventioneller Liebesfilm: Wenn er beginnt, ist die Liebesgeschichte eigentlich schon zu Ende. Gleichzeitig ist dies ein Science-Fiction-Film. Eine Firma, die das Löschen von Erinnerungen anbietet, gibt es nicht, der Gedanke erscheint geradezu absurd. Oder?

Joel Barrish (Jim Carrey) ist am Boden zerstört: Seine Liebesbeziehung zu Clementine (Kate Winslet) ist gerade in die Brüche gegangen. In seiner Verzweiflung möchte

er noch einmal mit ihr reden und stellt erstaunt fest, dass sie ihn nicht wiederzuerkennen scheint. Als seine Freunde sein Heulen und Zähneklappern nicht länger ertragen, zeigen sie ihm eine Nachricht der Firma Lacuna. Ihr zufolge hat sich Clementine mithilfe einer neuen Technik sämtliche Erinnerungen an ihre Beziehung zu Joel aus dem Gehirn löschen lassen. Um sich seiner eigenen quälenden Erinnerungen zu entledigen, beschließt Joel, sich der gleichen Prozedur zu unterziehen. In der Praxis von Dr. Mierzwiak (Tom Wilkinson) macht er noch für den gleichen Abend einen Termin für den Löschvorgang.

Wie verabredet versetzen die Lacuna-Mitarbeiter Joel in einen schlafähnlichen Zustand und löschen nach und nach seine Erinnerungen an Clementine, die Joel in einer Art Traum in umgekehrter Reihenfolge noch einmal durchlebt. Dabei scheint Joel irgendwann klarzuwerden, dass neben den schmerzlichen Erfahrungen auch die schönen und wertvollen Erinnerungen verschwinden, und er beginnt innerlich gegen die Löschung zu rebellieren. Verzweifelt versucht er, Clementine in seinen Kindheitserinnerungen zu „verstecken“ – jedoch ohne Erfolg. Zuletzt verschwindet die Erinnerung an den Moment des Kennenlernens und damit die Erinnerung an Clementine überhaupt.

Während Joel sich schlafend im Löschmodus befindet, ereignet sich um ihn herum so einiges: Mary (Kirsten Dunst), die Assistentin von Dr. Mierzwiak, hat eine Affäre mit ihrem verheirateten Chef und muss feststellen, dass bereits eine frühere Beziehung zu ihm aus ihrer Erinnerung gelöscht wurde. Der Techniker Patrick (Elijah Wood), der die Löschung bei Joel vornimmt, missbraucht dessen Erinnerungen und macht sich an Clementine heran, indem er Joels Verhaltensweisen kopiert.

Als Joel und Clementine sich nach dem Löschvorgang an dem Ort ihres ursprünglichen Kennenlernens zufällig treffen, fühlen sie sich auf unerklärliche Weise zueinander hingezogen. Nach kurzer Zeit erfahren sie durch Mary von ihrer Vorgeschichte und hören die Tonbandaufnahmen, auf denen sie vor der Löschung ihren Wunsch erklärten, den anderen zu vergessen. Trotz des Wissens um ihre Beziehungsprobleme wagen sie den gemeinsamen Neubeginn.

Vergiss mein nicht! verwendet starke Symbole zur Schaffung von Atmosphäre und zur Charakterisierung der Figuren. In einer Szene des Films laufen Joel und Clementine über einen zugefrorenen See. Sie sagt, das Eis sei fest um diese Jahreszeit, er setzt vorsichtig und sichtlich nervös einen Schritt vor den anderen und murmelt: „Ich weiß nicht.“ In kürzester Zeit wird die Unterschiedlichkeit der beiden Protagonisten deutlich: Er ist ängstlich, zögerlich und verletzlich, sie ist spontan, lebenshungrig und ungestüm. In der Mitte des Sees angekommen, legen sie sich auf das kalte Eis und schauen staunend und glücklich in die Sterne. Die Kamera blickt von oben aus der Vogelperspektive auf sie herab. Um sie herum ist nur Eis zu sehen, das oberflächliche Risse hat. In dieser visuell originellen Einstellung wird die tiefe Ambivalenz ihrer Beziehung spürbar, das Nebeneinander von Glück und Brüchigkeit.

Zur Veranschaulichung eines der auffälligsten Merkmale des Films ist die erzähltheoretische Unterscheidung zwischen Story und Plot nützlich. Die Story besteht aus der zeitlich linear angeordneten Kette kausaler Ereignisse wie in obiger Inhaltsbeschreibung. Beim Plot dagegen geht es um die tatsächliche Anordnung der Ereignisse, wie sie auf der Leinwand zu sehen sind. In Vergiss mein nicht! weicht die Reihenfolge der Ereignisse erheblich von der linearen Story ab. Der Film ist wie ein Puzzle: Alle Teilchen zum Verständnis der Geschichte sind da, bloß sind sie zunächst durcheinander. Um daraus eine sinnvolle Geschichte zu konstruieren, muss der Zuschauer die Teile im Kopf in eine neue Reihenfolge bringen – also das Puzzle zusammensetzen –, um das große Ganze sehen zu können.

Die erste Einstellung des Films zeigt den zunächst schlafenden, dann langsam erwachenden Joel. Die Augen öffnen sich, ein Schnitt auf eine Einstellung des Fensters seines Schlafzimmers evoziert seinen subjektiven Blick. Ohne den Kopf zu bewegen, wandern seine Augen zum Fenster und dann zur Zimmerdecke. Er scheint nach Orientierung zu suchen. Joel blickt fragend, so als versuche er gerade zu erfassen, wo er ist und wie er dahin gekommen sein mag. Ein grelles weißes Licht dringt durch das Fenster ins Zimmer und überzieht den Raum mit einer kühlen, trostlosen Atmosphäre, die mit Joels Desorientierung korrespondiert. Orientierung ist auch für den Zuschauer nicht leicht: Erst am Ende des Films erkennt man, dass die Eingangssequenz dem Anfang der Schlusseinstellung entspricht.

Diese verschachtelte Erzählstruktur wirkt auf den ersten Blick verwirrend. Der Film fängt mit dem Ende an, nämlich dem Zeitpunkt nach dem Löschvorgang, wenn Joel Clementine vergessen hat und sie wieder „neu“ kennenlernt. Schon nach einigen Minuten aber folgt ein Bruch: Zu dem melancholischen Song I need your lovin’ like the sunshine sitzt Joel verzweifelt in seinem Auto und weint sich förmlich die Augen aus dem Kopf. Er steigt aus dem Auto aus und geht in seine Wohnung – gefolgt von zwei Männern. Sie arbeiten für Dr. Mierzwiak und haben, so erfährt der Zuschauer später, den Auftrag, Joels Erinnerungen zu löschen. Ein weiterer Bruch ergibt sich, wenn die Erinnerungsbilder Joels während des Löschvorgangs zu sehen sind. Der äußere Löschvorgang läuft als zeitlich linearer Handlungsstrang vorwärts und bietet dem Zuschauer als eine Art roter Faden immer wieder Orientierung in der komplexen Geschichte, während die Vorgänge in Joels Kopf rückwärts laufen, das heißt, die neuesten Erinnerungen werden zuerst gelöscht. So erschließt sich die Liebesgeschichte zwischen Joel und Clementine in umgekehrter Reihenfolge: von dem schmerzhaften Ende bis zu den romantischen Anfängen. Dabei bleiben die Erinnerungen Fragmente, auseinandergerissene Episoden ohne erkennbare zeitliche oder kausale Zusammenhänge. Es ergeben sich also drei Handlungsebenen, auf denen sich der Film im ständigen Wechsel bewegt: der Löschvorgang selbst, Joels zeitlich rückwärts laufende Erinnerungen an seine Beziehung zu Clementine und die Zeit nach dem Löschvorgang als sich wiederholende Rahmenhandlung, die dem Film seine zirkuläre Struktur verleiht.

Was macht die Erzählstruktur so interessant für eine psychologische Betrachtung des Films? Die nichtlineare Struktur des Films kann als Anspielung auf die Arbeitsweise der Psyche gelesen werden. Kino und Gehirn haben vielfach zu Vergleichen eingeladen. Der Psychologe Hugo Münsterberg sah bereits Anfang des 20. Jahrhunderts deutliche Analogien und vertrat die Auffassung, die Techniken des Kinos ahmten die Funktionsweise des Geistes nach. Mit filmischen Mitteln wie Rückblende oder Großaufnahme, so seine Argumentation, könnten psychische Phänomene wie Erinnerung oder Emotion sichtbar gemacht werden. In Vergiss mein nicht! könnte aus dieser Sicht die nonlineare Plotstruktur als Sinnbild für die Arbeitsweise des Gedächtnisses verstanden werden, das ebenfalls nicht linear funktioniert. Lineare Kausalität erweist sich hier wie dort als Chimäre. Für den Zuschauer sorgt das zeitliche Vertauschen von Ursache und Wirkung im Film immer wieder für Verwirrung und erfordert das permanente Überprüfen und Anpassen bisher getätigter Annahmen. Beispielsweise fährt Joel ein an der Fahrertür beschädigtes Auto, aber erst in einer späteren Szene ist zu sehen, wie Clementine mit dem Wagen gegen einen Hydranten fährt.

Liest man die zirkuläre Struktur des Films als Hinweis auf die zirkuläre Struktur des psychischen Systems, weist sie in Richtung eines konstruktivistischen Menschenbildes: Das Gehirn als strukturdeterminiertes, operational geschlossenes System kann sich per Definition immer nur auf sich selbst beziehen. Im Film beschreibt Joel die Rolle der Psyche bei dem Konstruktionsprozess menschlicher Realität einmal so: „The mind creates order where there is none“ (Der Geist schafft eine Ordnung, wo es keine gibt). Der Bruch mit der linearkausalen Logik des klassischen Erzählkinos (das nach dem Prinzip funktioniert: Ursache erkannt, Problem gebannt) ist, aus dieser Perspektive betrachtet, kein extravagantes Spiel mit der Form, sondern repräsentiert ein sich fundamental wandelndes Menschenbild und die Akzeptanz der unauflösbaren Ambivalenz menschlichen Lebens.

Vergiss mein nicht! ist ein äußerst unkonventioneller Liebesfilm, der das gewohnte Prinzip auf den Kopf stellt: Wenn der Film richtig beginnt, ist die Liebesgeschichte eigentlich schon zu Ende – zumindest vorerst. Gleichzeitig handelt es sich bei dem Film um Science-Fiction; eine Firma, die das Löschen von Erinnerungen anbietet wie die Lacuna Corporation gibt es nicht, ja der Gedanke erscheint geradezu absurd. Oder? Der Neurowissenschaftler Sam Cooke beschreibt in dem Buch Die Zukunftsmacher: Die Nobelpreisträger von morgen verraten, worüber sie forschen (Fischer 2010) mögliche Wege, die Erinnerung zu manipulieren. Wenn wir erst verstehen, so Cooke, wie Erinnerungen im Gehirn geformt, abgespeichert und wieder abgerufen werden, müsste es auch möglich sein, sie zu beeinflussen. Bereits heute gibt es Medikamente, die zur Anregung der Gedächtnisleistung – etwa bei Demenzen oder zur Erhöhung der Aufmerksamkeit bei ADHS – eingesetzt werden und vermehrt auch von gesunden Menschen zur Steigerung der kognitiven Leistungsfähigkeit eingenommen werden. Andere Medikamente, die eine Konsolidierung von Erinnerungen unterbinden können, werden bei der Behandlung von posttraumatischen Belastungsstörungen erprobt. Steckt diese Forschung heute noch in den Kinderschuhen, könnte man sich vorstellen, dass entsprechende Medikamente eines Tages allen zur Verfügung stehen, die sich unliebsamer Erinnerungen entledigen möchten, ganz so wie Joel im Film.

Geschickt bewegt sich Vergiss mein nicht! auf der sich stetig verschiebenden Trennlinie zwischen dem technisch Machbaren und dem (noch) Unmöglichen und wirft Fragen nach den ethischen Implikationen der sich permanent erweiternden technologischen Möglichkeiten auf. Wäre das Leben leichter ohne schmerzhafte Erinnerungen? Und was bliebe eigentlich übrig von der Identität eines Menschen, wenn wesentliche Teile seiner Erinnerung einfach ausradiert würden? Cooke sieht den Wissenschaftler in einem Dilemma: Soll die Forschung nach neuen Wegen suchen, die genannten Krankheiten und Störungen zu behandeln, auch wenn die entsprechenden Medikamente und Therapien zur Manipulation gesunder Menschen mit dem Ziel der Leistungssteigerung oder Schmerzvermeidung verwendet werden könnten? Der Film trägt diese Frage aus dem engen Kreis der Forschergemeinde heraus und stellt sie einem breiten Publikum zur Diskussion. Schließlich geht es langfristig um massive gesellschaftliche Veränderungen, die längst begonnen haben.

Der Begriff Kopfkino bezeichnet die Imagination, also die menschliche Fähigkeit, sich Bilder im Geiste vorzustellen. Das schließt die Erinnerung an erlebte „Bilder“ ebenso ein wie unsere Fantasie, also die Vorstellung ganz neuer Bilder. Die Grenzen zwischen Traum, Erinnerung und Fantasie zerfließen in Vergiss mein nicht! Während des Löschvorgangs befindet sich Joel in einem künstlichen Schlaf. So sind die Erinnerungen an seine Beziehung mit Clementine zugleich Traumepisoden. Tatsächliche Erlebnisse aus der Erinnerung vermischen sich zudem mit frei erfundenen Ereignissen. In der Not wird Joel erfinderisch: In seinem inneren Kampf gegen die Löschung seiner Erinnerungen kommt er auf die clevere Idee, Clementine in den Erinnerungen zu verstecken, in denen sie eigentlich gar nicht vorkommt, nämlich in seinen Kindheitserinnerungen. Nach seinem Kalkül dürfte Dr. Mierzwiak Clementine hier nicht vermuten. Tatsächlich verliert sich für den „Erinnerungslöschtrupp“ die Spur für eine Weile, doch letztlich spüren sie Clementine auch hier auf. Am Ende kämpfen Joel und Clementine um die Erinnerung an ihr Kennenlernen, die letzte Erinnerung, die ihnen voneinander geblieben ist. Aber auch sie schwindet, was der Film durch das Zusammenstürzen des Strandhauses um die beiden herum visualisiert.

Vergiss mein nicht! spielt filmisch auf kreative Weise mit dem Konzept der Erinnerung. Etwa findet der Film Bilder dafür, wie Erinnerungen verblassen: In der Erinnerung, in der Joel bei Clementine in der Buchhandlung steht, sind die Rücken der Bücher in den Regalen noch normal beschriftet. Mit dem Fortschreiten des Löschvorgangs verschwindet die Schrift von den Bücherrücken – wie Teile von Joels Gedächtnis bleiben sie leer zurück. Die Bücher können als kollektives Wissen verstanden werden, gleichsam verschwindet hier das kulturelle Gedächtnis, wodurch die Identitätsthematik in einer kurzen Momentaufnahme von der individuellen auf eine kollektive Ebene ausgeweitet wird. In einer anderen Szene genießt das Paar chinesisches Essen; in der nächsten Einstellung sind die Essstäbchen verschwunden, die gerade noch da waren. Der Film markiert hier Erinnerungen mit surrealen Attributen, die sonst eigentlich der Darstellung des Traumes vorbehalten sind, bei dem man davon ausgeht, dass er nicht „wahr“ (bezogen auf die äußere Erlebniswelt) ist. Erinnerungen, so suggeriert der Film, sind ebenso wenig „wahr“, noch folgen sie einer (objektiven) Logik. Die Gedächtnisforscherin Elizabeth Loftus spricht davon, dass der Prozess des Erinnerns mehr dem Zusammensetzen verschiedener Faktenteilchen entspricht als der Wiedergabe eines fixen Videobandes. Loftus hat den Begriff der „falschen Erinnerungen“ geprägt. Sie hat in zahlreichen Experimenten gezeigt, wie Suggestion und Erlebnisse nach dem erinnerten Ereignis zu Verfälschungen der Erinnerungen führen können.

Der Originaltitel des Films – Eternal sunshine of the spotless mind (Ewiger Sonnenschein des unbefleckten Geistes) – zitiert ein Liebesgedicht des Poeten Alexander Pope und ironisiert gleichzeitig die Vorstellung, ein Leben ohne schmerzliche Erfahrung wäre möglich oder auch nur wünschenswert. Am Ende des Films entscheiden sich Joel und Clementine erneut füreinander, trotz des Wissens (von den Tonbandaufnahmen) über die gegenseitig zugefügten Verletzungen. Ihre Beschreibung des jeweils anderen auf den Aufnahmen ist in einem analysierenden, kühlen Ton vorgetragen, der durch ihre emotionalen Reaktionen kontrastiert wird, wenn sie die Kassetten anhören. Nicht das rationale Wissen, sondern ihre Emotionen bilden die Basis für ihre Entscheidung, es trotz aller Warnzeichen noch einmal miteinander zu versuchen.

Vergiss mein nicht! ist ein vielschichtiger Film, der durch seine überbordenden visuellen Ideen und das scharfsinnige Drehbuch in einer ganz eigenen Mischung aus Ernst und Komik, besticht. Seine psychologische Scharfsichtigkeit macht ihn zu einem differenzierten Anschauungsbeispiel für zahlreiche Phänomene; von der Dynamik von Paarbeziehungen bis zu Fragen der „Richtigkeit“ von Erinnerungen oder der Funktionsweise des Gedächtnisses. Darüber hinaus bietet der Film dem aktiven (Zuschauer-)Geist ein spannendes Vergnügen beim Zusammensetzen der vielen Puzzleteile.            

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