Heiliges Pferdchen!

Nach dem Terroranschlag auf das französische Satiremagazin Charlie Hebdo wurde der Slogan „Je suis Charlie“ zum spontanen, weltweiten Bekenntnis zur Presse- und Meinungsfreiheit. Der Kinofilm Jacky im Königreich der Frauen ist im doppelten Sinn „Charlie“. Die Satire haut in die gleiche Kerbe wie jene Mohammed-Karikaturen, um derentwillen sieben Redakteure und Zeichner von Charlie Hebdo ermordet wurden. Ihr Regisseur Riad Sattouf ist ein ehemaliger langjähriger Mitarbeiter bei Charlie Hebdo.

Jacky im Königreich der Frauen zeichnet das Bild einer düsteren und bizarren Welt. Menschen vegetieren in einer einförmigen, schlammigen Vorort-Tristesse ohne geteerte Straßen dahin. Das Szenario erscheint wie eine Mischung aus nordkoreanischer Militärdiktatur und fundamentalistischem Kalifat. Mit dem Unterschied, dass in dieser Welt Frauen das Sagen haben. Sie tragen militärische Uniformen und meist dicke Knarren. Und sie schielen geil auf Männer, die – zu ihrem eigenen Schutz – weinrote, tschadorähnliche Schleier tragen, aber trotzdem bei jeder sich bietenden Gelegenheit vergewaltigt werden.

Jacky, gespielt von dem französischen Nachwuchsdarsteller Vincent Lacoste, ist der vermeintliche Held. Der Halbwaise verursacht unwillentlich auch noch den tragikomischen Tod seiner Mutter. Weil Männer in dieser Gesellschaft nur Hausarbeit verrichten dürfen, will er ihr auf diese Weise eine Freude bereiten: Er poliert ihre Militärstiefel so blank, dass sie ausrutscht und sich dabei das Genick bricht. Wie alle jungen Männer der fiktiven Volksrepublik Bubunne träumt auch Jacky davon, dass er der „große Dödel“ der Colonelle (Charlotte Gainsbourg) wird, Gemahl der noch unverheirateten Tochter der diktatorisch herrschenden Generalin (Anémone). Eigentlich ist Jacky der perfekte Untertan. Eher zufällig gerät er in immer unübersichtlicher werdende Turbulenzen und zettelt dabei versehentlich eine Revolution an. Worauf alles nur noch schlimmer wird. Der Zustand sexueller Repression, so die düstere Moral, ist für die männlichen Sexobjekte der einzig mögliche Zustand eines dauerhaften und authentisch empfundenen Glücks.

Riad Sattouf trägt ziemlich dick auf. Seine politisch nicht korrekte Satire parodiert jene Rollenverteilung der Geschlechter, die vorwiegend in traditionellen muslimischen Gesellschaften anzutreffen ist. Der Franzose mit syrischen Wurzeln greift dabei auf autobiografische Kindheitserlebnisse zurück: „Der Islam und die muslimische Welt sind Teil meines Lebens und meiner Vorstellung. Ich wuchs in den 1980ern in einem sunnitischen Dorf in Syrien auf, in dem die Familie meines Vaters auf die gleiche Art und Weise im 17., 18., und 19. Jahrhundert gelebt hat, abgesehen von ein paar Stunden mehr oder weniger Elektrizität am Tag. All meine Tanten und Cousinen trugen Schleier. Frauen hatten weniger Rechte als Männer, die über alles entschieden. Und ja, die meisten Frauen waren glücklich damit und verteidigten ihre Lebensweise vehement.“

In Frankreich ist Sattouf als Karikaturist und Filmemacher prominent. Sein Kinodebüt Jungs bleiben Jungs avancierte 2009 zu einem Publikumserfolg. Nach seinem Comic Meine Beschneidung erschien nun auch sein Graphic Novel Der Araber von morgen: Eine Kindheit im Nahen Osten (1978-1984) auf Deutsch. Für die Satirezeitschrift Charlie Hebdo zeichnete Sattouf seine wöchentlich erscheinende Cartoonreihe La vie secrète des jeunes. Während des Terroranschlags am 7. Januar war er glücklicherweise nicht mehr in der Redaktion, weil er sich inzwischen einem anderen Projekt zugewendet hat.

Der Tonfall seines zweiten Kinofilms Jacky im Königreich der Frauen, in Frankreich eher zurückhaltend besprochen, erinnert an die Jesus-Satire Das Leben des Brian, erreicht aber nicht die humoristische Virtuosität des Monthy Python-Kollektivs. Sehenswert ist der Film aber dennoch. Mit seiner grotesken Überzeichnung eines fiktiven Matriarchats entwirft Sattouf die Vision eines an George Orwell erinnernden Totalitarismus, in dem nichts produziert wird. Nicht einmal Gemüse darf angebaut werden, weshalb die Menschen mit einem Schleim verköstigt werden, der vom Staat über ein Rohrsystem in jedes Haus geliefert wird. Wenn Jacky herausfindet, dass diese Nahrung aus recyceltem Kot besteht, dann ist die Botschaft eindeutig: Ein Gesellschaftssystem, das sich von der übrigen Welt abschottet und die Unterdrückung der Frauen zum Prinzip erhoben hat, entspricht einem hermetischen Kreislauf, in dem es Ökonomie, Wachstum und Meinungsfreiheit nicht gibt.

Das ist böse. Eine Verunglimpfung des Propheten, um derentwillen sieben Redakteure von Charlie Hebdo ermordet wurden, zeigt der Film allerdings nicht. Zumindest nicht im Sinne jener konventionellen Ikonographie, die beispielsweise der Low-Budget-Film Innocence of Muslims von 2012 oder die Karikaturen des schwedischen Künstlers Lars Vilks bedient, der nur knapp einem islamistischen Anschlag entging. Dennoch spitzt der französische Filmemacher das Problem des Bilderverbotes erfrischend frech zu. Wenn die verschleierten Männer zu einem „heiligen Pferdchen“ beten, dann ist die Satire abgründiger als die meisten doch eher harmlosen Mohammed-Karikaturen in Charlie Hebdo. Eine mythologische Vorgeschichte um dieses Tier „erklärt“ augenzwinkernd, warum Männer im fiktiven Staat Bubunne überhaupt unterdrückt werden: In einer fernen Vorzeit brach eine Hungersnot aus, die von den Frauen und den „heiligen Pferdchen“ ertragen wurde. Allein die hungrigen Männer konnten nicht an sich halten und schlachteten das Tier, worauf sie sich zur Strafe in einen Schleier hüllen mussten. Das Pferdchen erfüllt die gleiche Funktion wie jenes Totemtier, das Freud in seinem berühmten Essay Totem und Tabu beschreibt. Auch Freud spekuliert über die Verknappung der Bedürfnisobjekte in einer mythischen Vorzeit. In seinem Mythos geht es allerdings nicht um Nahrung, sondern um Sexualität. Ein „böser Urvater“ verfügte über alle Frauen und hinderte die Söhne an der sexuellen Befriedigung – bis diese ihn erschlugen. Nach diesem Mord überkam die reumütigen Täter das schlechte Gewissen. Sie erlegten sich freiwillig das Inzestverbot auf und verehrten den getöteten Vater symbolisch in Gestalt jenes Totemtieres.

Diesen Mythos stellt Sattouf schelmisch auf den Kopf. Als Totemtier ist das heilige Pferdchen in seinem Film so klapprig, dass es zusammenbricht, als Jacky und sein Onkel es verbotenerweise reiten. Mit diesem vermeintlich harmlosen Filmbild bringt Sattouf auf seine Weise zum Ausdruck, dass das religiöse Fundament dieser fiktiven Gesellschaft ebenso instabil ist wie das heilige Pferdchen. Sein Film zeichnet die Karikatur einer archetypischen Vaterfigur. Doch der religionsstiftende Prophet ist hier kein alter Mann mit Bart, sondern ein heiliges Pferdchen. Wenn aber Mohammed als Vaterfigur in Wahrheit genauso schwächlich ist wie das heilige Pferdchen: Folgt daraus nicht auch, dass die Anhänger dieser defizitären Vaterfigur nicht Manns genug sind, um jenen Triebverzicht zu verinnerlichen, mit dem Freud die Entstehung der Kultur zu erklären versuchte? Nicht zufällig starb Jackys Vater bei seinem ersten Geschlechtsakt, weil der Orgasmus, den er dabei erlebte, ihn zu sehr aufregte.

In der Spur dieser satirischen Überzeichnung des Geschlechtsverhältnisses scheint die Verschleierung der Frauen eine Art Prothese für den fehlenden Triebaufschub der Männer zu sein. Der Schleier schützt nicht die Frauen. Er „schützt“ in Wahrheit die Männer vor der Unkontrolliertheit ihres Trieblebens. Er grenzt Frauen aus dem öffentlichen Leben aus und reduziert sie auf Objekte. Sie werden Männern zugeteilt, die Frauen nicht auf Augenhöhe begegnen können.

Interessanterweise wird diese Fantasie auch in dem Roman Unterwerfung durchgespielt, der am Tag der Pariser Anschläge auf Charlie Hebdo veröffentlicht wurde. Wie Sattouf entwirft auch der französische Schriftsteller Michel Houellebecq eine Satire auf einen islamischen Staat. Seine politische Fiktion beschreibt den Wahlsieg einer muslimischen Partei im Frankreich des Jahres 2022. Frauen verschwinden laut- und widerspruchslos aus der Arbeitswelt und tragen in der Öffentlichkeit keine Röcke mehr. Die Hauptfigur, ein alkoholabhängiger, Kette rauchender Literaturprofessor, der seine Bindungsunfähigkeit durch Besuche bei Prostituierten zu kompensieren versucht, ist ein seelischer Krüppel. Auch er kann Frauen nicht auf Augenhöhe begegnen. Doch die islamisierte Gesellschaft „löst“ sein Problem durch die Stützung seines Symptoms. Dank der nunmehr obligatorisch gewordenen Polygamie – und dem verdreifachten Sorbonne-Gehalt, das die Saudis spendieren – kann er seinen gewohnten Lebensstil wie gewohnt fortsetzen. Die Pointe dieser „Unterwerfung“ besteht darin, dass Männer auf nichts anderes gewartet haben als die islamistische Frauenunterdrückung.

Das Lesevergnügen an dieser vermeintlichen Ironie wird getrübt, weil der Roman den Tunnelblick seiner Hauptfigur stur beibehält. Frauen schildert er nur aus der Sicht einer Altherren-Fantasie, die Houellebecq mit pornografischer Inbrunst ausschmückt. Während Sattouf mit dem Rollentausch von Mann und Frau den Schleier der Absurdität preisgibt, wirft Houellebecq mit provozierender Geste den totalen Schleier über alle Frauen. So albern der Film Jacky im Königreich der Frauen auch erscheinen mag: Er geht das Thema mit einer anderen Konsequenz an. Wenn Sattouf auf dem Gipfel seiner Satire buchstäblich den Schleier lüftet, dann dringt er in eine Dimension vor, die bei Houellebecq schleierhaft bleiben muss.

Manfred Riepe

 

Verleih: Pandastorm Pictures

Kinostart: 19. Februar 2015

www.jacky-film.de

 

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