Bitterböse Hollywood-Satire

Los Angeles: Eine junge Frau kommt am Flughafen an. Sie möchte zurück zu ihrer Familie finden, von der sie vor Jahren verstoßen wurde. Ein junger Chauffeur holt sie ab. Eigentlich träumt er davon, als Drehbuchautor in Hollywood den Durchbruch zu schaffen. Eine alternde Filmschauspielerin sucht verzweifelt Hilfe bei einem Psychoguru. Ein Kinderstar kommt gerade aus der Entzugsklinik. Seine Mutter und Managerin sorgt sich um seine weitere Filmkarriere ... Skurril muten die Charaktere in David Cronenbergs neuem Film Maps to the Stars an. Kein Wunder, die Erforschung menschlicher Abgründe gehört schon lange zu der Spezialität des kanadischen Regisseurs, der sich dabei seine ganz persönliche künstlerische Handschrift bewahrt hat. Das tiefe Interesse an der dunklen Seite, sowohl der individuellen Psyche wie der gesamten Gesellschaft, prägt sein filmisches Schaffen. In Eine dunkle Begierde (2011) etwa geht es unter anderem um den fachlichen Austausch zwischen C.G. Jung und Sigmund Freud, während das Filmdrama Cosmopolis (2012) eine Art Randnotiz auf das Ende des New Economy Hypes darstellt. In Maps to the Stars legt Cronenberg am Beispiel einer dysfunktionalen Familie in Hollywood den Finger in die Wunde einer zeitgenössischen Gesellschaft, die wie besessen nach Ruhm und Reichtum strebt.

Reich und berühmt zu werden, das scheint in der westlichen Welt das ausgemachte Ziel vieler Menschen zu sein – zahllose Castingshows wie Deutschland sucht den Superstar oder Germany’s Next Top Model zeugen von dem ausgesprochenen Willen, zum neuen Stern am Himmel zeitgenössischer Populärkultur aufzusteigen. Wie so oft geht der Trend von den USA aus, wo die einschlägigen TV-Formate allesamt erfunden wurden und wo die Traumfabrik Hollywood prototyisch für die Sehnsucht nach Erfolg im Showbusiness steht. Maps to the Stars nimmt die US-amerikanische Traumfabrik anhand der Geschichte der Familie Weiss unter die Lupe. Was zunächst wie ein Familiendrama anmutet, entpuppt sich an vielen Stellen zu einem wahren Horrorfilm – kein blutrünstiger Horror wie in einem herkömmlichen Zombie-Film, aber ein subtiler psychologischer Horror, der in psychische Abgründe blicken lässt.

Aus den Figuren und ihren Beziehungen untereinander entspinnt sich ein faszinierendes Netz, das nur in dieser Bezogenheit aufeinander verständlich wird. Der Film beginnt mit der Ankunft der Tochter der Weiss-Familie, Agatha, in Los Angeles. Nach einem schwerwiegenden Vorfall, bei dem es zu einem Brand kam, wurde sie in eine Psychiatrie eingewiesen und von ihrer Familie ausgeschlossen. Details zu den vergangenen Ereignissen erfährt der Zuschauer nicht – wie hier lässt der Film viele Leerstellen, erzählt nicht alles aus. Lange Handschuhe verdecken Agathas Brandnarben. Nun kommt sie zurück nach L.A., um sich ihrer Familie langsam anzunähern, in der Hoffnung, wieder aufgenommen zu werden. Auf den ersten Blick wirkt sie freundlich und ausgeglichen. Doch Agatha hat nicht nur äußerliche Narben davongetragen, sondern auch Narben auf der Seele, was sich im Laufe des Films zeigen wird, denn.

Der Vater der Weiss-Familie, Stafford, ist Psychologe und ein erfolgreicher Autor von mehr oder weniger platten Selbsthilfebüchern. Er tritt regelmäßig im Fernsehen auf und führt eine eigene Praxis, in der er seine psychotherapeutische Arbeit durch Körperarbeit mit erotischen Komponenten unterstützt. In seiner Rolle als Therapeut wirkt er verständnisvoll und unterstützend, als Familienvater hingegen fällt er durch die problematische Beziehung zu seinen Kindern auf. Ironie des Schicksals, dass der Lehrmeister der Nation in psychologischen Fragen, im eigenen Leben vollkommen zu versagen scheint.

Benji ist Agathas jüngerer Bruder. Er ist Schauspieler und hat es mit Rollen in banalen Komödien zum bejubelten Teeniestar gebracht. Obwohl er erst 13 Jahre alt ist, hat er massive Drogenprobleme – gerade hat er einen Aufenthalt in einer Entzugsklinik hinter sich. Seine Eltern kommen durch ihn zu Ansehen und materiellem Vermögen, ob er auch um seiner selbst Willen geliebt wird bleibt fraglich..

Cristina ist die ehrgeizige Mutter von Benji und Agatha und Ehefrau von Stafford. Sie arbeitet als Managerin ihres Sohnes, blickt kühl und berechnend auf den Erfolg des Teenagers im Filmbusiness und blendet scheinbar alles andere aus. Sie sorgt sich mehr um die Karriere des Sohnes als um sein psychisches Wohlergehen. Die Beziehung zu ihrem Ehemann ist kompliziert, schwankt zwischen Anziehung und Abstoßung und birgt ihre ganz eigenen Geheimnisse – an einer Stelle klingt eine Inzest-Thematik an.

Havana ist kein Mitglied der Weiss-Familie, aber doch mit ihr verwoben: Zunächst ist sie eine Patientin von Stafford, die in der Therapie versucht, das Trauma durch ihre Mutter, wie sie eine Schauspielerin, loszuwerden, von der sie sich missbraucht fühlt. Dann wird sie zur Arbeitgeberin von Agatha, die einen Job in L.A. sucht, um ihrer Familie nahe sein zu können und schließlich für Havana als persönliche Assistentin arbeitet. Havana versucht verzweifelt, dem Chaos in ihrem Kopf Herr zu werden, wird von zahlreichen Neurosen geplagt und hat panische Angst vor dem Karriereende, hat sie inzwischen doch ein Alter erreicht, mit dem eine Schauspielerin in Hollywood längst zum alten Eisen gehört.

Schließlich gibt es da noch Jerome, den Chauffeur, der Agatha zu Beginn des Films am Flughafen abholt. Er hat keine handlungstragende Bedeutung, taucht aber immer wieder auf und gleicht damit dem Chor antiker griechischer Dramen, der nicht völlig in das fiktive Geschehen integriert ist und mehr eine kommentierende Funktion übernimmt. So symbolisiert Jerome das vielzitierte „vom Tellerwäscher zum Millionär“ als Inbegriff des amerikanischen Traumes. Während der Erfolg jedoch auf sich warten lässt, hält er sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Jerome ist noch die „normalste“ Figur im Filmuniversum und bietet damit eine Identifikationsfigur für das Publikum.

Die Inszenierungsweise des Films spiegelt die inhaltliche Ebene treffend wider. Die Künstlichkeit, die sich in der visuellen Gestaltung und Ausstattung ausdrückt, entspricht der Künstlichkeit der Welt, in der die Figuren leben. Insbesondere das Haus der Familie Weiss, ein edles Designerhaus strahlt durch die Perfektion der Räume und der Einrichtung eine sterile und kalte Atmosphäre aus, eine merkwürdige Leere, die sich mit der inneren Leere der Figuren deckt. Eine eindeutige Genreeinordnung des Films ist nicht möglich, wie ein ernsthaftes Drama lotet Maps to the Stars die Tiefendimensionen der Charaktere aus, ohne sie der Lächerlichkeit preiszugeben. Dabei sind die Figuren so satirisch überhöht, dass sie oftmals nah am Absurden sind. Dass diese schwierige Gratwanderung gelingt, ist in erster Linie dem hervorragenden Cast zu verdanken, allen voran Julianne Moore, die für ihre vielschichtige und mutige Darstellung der Havana bei den Filmfestspielen in Cannes mit der Goldenen Palme für die beste Darstellerleistung ausgezeichnet wurde. Moore und die anderen Darsteller wie John Cusack oder Mia Wasikowska, allesamt im echten Leben selbst bedeutende Hollywood-Mimen, transportieren trotz aller Absurditäten einen Respekt vor den Figuren und ihren inneren Dämonen.

Maps to the Stars ist auch ein Film über das Thema Sucht, etwa die Sucht nach Ruhm, die die westliche Gesellschaft erfasst hat und in der Castingshowmanie einen ihrer Kristallisationspunkte gefunden hat. Wie bei Havana, deren Sucht nach öffentlicher Aufmerksamkeit sie furchterfüllt auf das nahende Karriereende blicken lässt. Oder die Sucht nach Drogen, wie bei dem jungen Benji, der bereits im Alter von 13 Jahren den ersten Entzug hinter sich hat. Ihm fehlt es an sozialer Akzeptanz, obwohl er ein Filmstar ist und äußerlich Erfolge feiert, mangelt es ihm an echter Zuneigung. Seine frühe Drogensucht lässt sich dahingehend interpretieren, dass er einen Ersatz sucht für die guten Gefühle, die ihm durch den Mangel an Nestwärme vorenthalten werden. Bei seiner Schwester Agatha erfolgt die Kompensation durch Aggression. Bei ihr ist die soziale Ausgrenzung nicht nur implizit, wie bei Benji, sie wurde offiziell von ihrer Familie verstoßen. Als sie nun wieder in L.A. auftaucht, sucht ihr Vater sie auf, um ihr unmissverständlich und in brutaler Weise klar zu machen, dass sie unerwünscht ist. Ihre Verzweiflung bricht sich Bahn, als Havana ihr den Job kündigt – wiederum wird sie abgewiesen. Die Kündigung stellt eine Art Trigger dar für einen eruptiven Gewaltausbruch, bei dem Agatha die Beherrschung verliert und hemmungslos auf Havana einschlägt. Agatha und Benji sind zentrale Figuren im Ensemble des Films, sie leiden beide unter den familiären Bedingungen und reagieren mit dysfunktionalem Verhalten. Insofern erinnert der Film an die grundlegende Idee der Systemischen Therapie, dass Symptome bei Kindern nicht isoliert betrachtet werden sollten, sondern nur im Kontext der Kommunikationsstrukturen des Familiensystems verständlich werden.

Der Titel des Films Maps to the Stars bezieht sich auf die Stadtpläne, die man in L.A. erwerben kann, um die Häuser der Stars in Beverly Hills zu finden. Cronenberg zeichnet aber auch seine ganz eigene Sternenkarte, gleichsam eine Karte der gegenwärtigen Kultur und der kollektiven Psyche, eine Karte, die helfen soll zu verstehen, wie alles zusammenhängt. Die Oberflächlichkeit Hollywoods funktioniert im Film als Überspitzung genereller gesellschaftlicher Trends.

Zahlreiche Hollywood-Familiendramen funktionieren nach einem Erzählprinzip, das einem therapeutischen Prozess ähnelt und das man verkürzt folgendermaßen zusammenfassen könnte: Ein dysfunktionales Verhalten führt zu einer Krise, der Selbstreflexion und ein verändertes Verhalten folgen, wodurch die Krise überwunden wird. Cronenbergs Film jedoch verharrt auf der Ebene der Diagnose – einer düsteren Zeitdiagnose –, die eine dysfunktionale Familie eingebettet in eine entsprechend dysfunktionale Gesellschaft seziert und die manch einem Zuschauer zu abstrus und kühl daher kommen mag. So könnte man sagen, dass es dem Film gelingt, die innere Leere der Figuren zu transportieren, vielleicht ist es aber genau das, was den Film selbst etwas steril und leblos wirken lässt. Wahrhaftig ist Maps to the Stars jedoch auf jeden Fall in seinem Versuch, tiefe unbefriedigte Bedürfnisse unter einer schillernden Fassade auszumachen. Wer es zudem zu schätzen weiß, großartigen Charakterdarstellern bei der Auslotung psychischer Abgründe zuzusehen, kommt hier sicher auf seine Kosten.

Gabriele Weyand

Kinostart: 11. September 2014
Verleih: MFA
www.mapstothestarsfilm.com  

 

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