Hänsel und Knödel verirrten sich im Wald

Simon ist bass erstaunt. Ohne Vorwarnung steigt sein Vater beim Nachbarn aufs Garagendach und reißt dessen kürzlich montierte Satellitenanlage herunter. Niemand sonst hat ihn gesehen, der peinliche Zwischenfall bleibt folgenlos. Gott sei dank. Doch als der Vater wenig später mit der Axt auf zwei Monteure losgeht, die eine neue Schüssel installiert haben, wird er in die Psychiatrie eingewiesen. Mit dieser beunruhigenden Szene aus einer Kleinstadt beginnt Hirngespinster, ein Kinodebüt, das Christian Bach nach eigenem Drehbuch inszenierte. Inspiriert von der Familiengeschichte eines Jugendfreundes, erzählt der 1977 in Düsseldorf geborene Regisseur das Drama des hochintelligenten Architekten Hans Dallinger, der an paranoider Schizophrenie erkrankt.

Psychisch kranke Menschen sind im Kino keine Seltenheit. In Psychothrillern, Agentenkrimis und Horrorfilmen wimmelt es nur so von Irren, die aus unerfindlichen Gründen morden oder Verschwörungen aushecken. Geduldig beobachtende Falldarstellungen, die das Krankheitsbild mit filmischer Raffinesse auffächern, sind seltener. Man denke etwa an Ron Howards Psychodrama A Beautiful Mind – Genie und Wahnsinn aus dem Jahr 2001. Russell Crowe schlüpft hier in die Rolle von John Forbes Nash, einem der bedeutendsten Mathematiker der Gegenwart. 1994 wurde der 1928 geborene Spieltheoretiker mit dem Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften ausgezeichnet: trotz – oder wegen – seiner Psychose.   

Produktionstechnisch ist dieser oscarprämierte Hollywoodfilm mit Christian Bachs Hirngespinster natürlich nicht zu vergleichen, thematisch schon. In beiden Fällen stellt sich die Frage, warum Mitmenschen die Welt des Schizophrenen so fremd bleibt. Ernst Augustin, der sich als Psychiater und Schriftsteller intensiv mit Geisteskrankheiten auseinandersetzte, hält Schizophrenie gar für „uneinfühlbar“. Um diese Uneinfühlbarkeit nachfühlbar zu machen, wählt Christian Bach einen indirekten Zugang: Er erzählt seinen Film aus der Sicht des Sohnes Simon, der sich verzweifelt bemüht, seinen verrückten Vater zu verstehen.

Seine Auseinandersetzung wird überschattet durch die bange Befürchtung: Trägt er als Sohn eines „Psycho“ das Gen dieser chronischen Geisteskrankheit etwa auch in sich? „In acht von zehn Fällen geht der Kelch an den Kindern vorüber.“ Der behandelnde Psychiater (Johannes Silberschneider) vertritt die verbreitete These, Schizophrenie sei erblich, sie entspräche einem genetischen Defekt beziehungsweise einer Störung der Hirnfunktion. Simons innerer Aufruhr wird so eher noch verstärkt. In der psychoanalytischen Tradition erscheint seine Situation in einem neuem Licht. Nach Freud und Lacan ist die psychotische Störung tiefer verwurzelt als eine neurotische Erkrankung, bricht allerdings erst viel später aus als diese. Maßgeblich ist die erste affektiv aufgeladene Begegnung mit dem anderen Geschlecht. Das trifft auf Simon zu. Der Spätentwickler ist verliebt, zum ersten Mal. Ritterlich hat er nach dem Diskobesuch einem Mädchen beigestanden und dabei von einem gewaltbereiten Nebenbuhler eins auf die Nase bekommen.

Der 25-jährige Jonas Nay überzeugt in der Rolle dieses introvertierten Jungen, der mit klopfendem Herz die pfiffige Verena (Hanna Plaß) in ihrer spartanischen Studentenbude trifft. Eigentlich schwebt er im siebten Himmel. Doch just in dem Moment, in dem die erste sexuelle Begegnung in der Luft liegt, klingelt das Handy. Sein Vater ist in die Psychiatrie eingewiesen worden. Diese heikle Koinzidenz stürzt ihn in ein emotionales Chaos. Ohne Erklärung bricht er die Beziehung ab.

Verzweifelt versucht Simon, seinem sturen Alten einzubläuen, dass es Blödsinn ist, dass ominöse Verfolger seine Gedanken mit der Satellitenschüssel ausforschen und kämpft darum, dass sein Vater sich auch verhält wie ein Vater. An Hans Dallinger prallt die Forderung seines Sohns in gespenstischer Weise ab: Dramaturgisch überzeugend fokussiert der Film sich so auf die Kernfrage: Warum haben Schizophrene keine Krankheitseinsicht? Christian Bach nähert sich diesem Problem behutsam an. Sein ruhig inszenierter, auf spektakuläre Effekte verzichtender Film versucht er gar nicht erst, den Zuschauer in das Labyrinth von Hans Dallingers Wahnkonstruktion hineinblicken zu lassen. Der Architekt – sehr zurückhaltend gespielt von Tobias Moretti – spricht nur wenig, und schon gar nicht über die Stimmen in seinem Kopf. Gelegentlich hervorbrechende Äußerungen deuten mit ihrer verunglückten Poesie auf seine Verstrickung in eine skurrile Wahnwelt hin: „Hänsel und Knödel verirrten sich im Wald.“

Neuroleptika sollen seinen Realitätsverlust eindämmen. Doch der Architekt lehnt die ihm verschriebenen Psychopharmaka entschieden ab. Der Deutungshoheit der vermeintlich Gesunden wird er sich nicht beugen. Eine beängstigende Szene zeigt, wie dem Fixierten die Medikamente mit roher Gewalt eingeflößt werden. Der Psychiater beobachtet die Verabreichung mit großem Unbehagen, denn er weiß, dass er gegen die Menschenwürde seines Patienten verstößt. Nach seiner Entlassung mischt die wohlmeinende Ehefrau (Stephanie Japp) ihrem Mann die Medikamente heimlich in den Pudding. Die beklemmenden Szenen am Esstisch, in denen Hans von seiner Familie ausgetrickst wird, sind eine groteske Bestätigung seines Deliriums. Die gegen seinen Willen geschehene Medikamentierung amputiert den Wahnkranken um seine Kreativität, auf die jedoch seine gesamte Existenz fokussiert ist. Um seine Pläne für ein Bergbaumuseum fertigzustellen, darf er sich nicht weiter „vergiften“ lassen. Noch radikaler schottet er sich ab, hortet Trinkwasser und Lebensmittel in seinem Arbeitszimmer, das er kaum noch verlässt. Besonders den Zugriff auf seine Gedanken muss er abwehren. Mit Befremden verfolgt der Zuschauer, wie der Architekt das ganze Haus mit Goldfolie auskleidet. Beiläufig fragt Simons Freundin später: „Warum Goldfolie? Tut es nicht auch Alufolie?“

Mit diesem humorvollen Einwurf thematisiert der Film ein Grundmerkmal paranoischer Schizophrenie. Das Delirium bildet eine wissenschaftliche Konstruktion nach. Diesen Wesenszug beschrieb schon der Pionier Emil Kraepelin als „schleichende Entwicklung eines dauernden unerschütterlichen Wahnsystems, das mit vollkommener Erhaltung und Klarheit der Ordnung des Denkens, Wollens und Handelns einhergeht.“ Den Bauplan für die „Unerschütterlichkeit“ seines wahnhaften Systems findet der Paranoiker nicht zufällig in der Folgerichtigkeit des wissenschaftlichen Denkens. Er wendet die Wissenschaft jedoch in Bereichen an, die der seriöse Forscher tunlichst meidet. Wie Delirium und rational-technisches Denken sich untrennbar verflechten, beschreibt etwa der Mathematiker John Forbes Nash. Auf die Frage, wie ein Mensch, für den nur Induktion, Deduktion und logische Beweise gelten, daran glauben kann, dass Außerirdische ihm Botschaften senden, antwortete er: „Weil meine Vorstellungen von überirdischen Wesen auf dieselbe Weise entstanden sind wie meine mathematischen Ideen.“    

Der nahtlose Übergang zwischen seriösem Wissen und Pseudowissenschaft zeigt sich auch bei dem Architekten in Hirngespinster. Da seine schöpferische Kreativität einen maßgeblichen Anteil mathematisch-physikalischer Berechnungen aufweist, verwundert es nicht, dass er sich davor fürchtet, dass man ihm mit einer Satellitenschüssel die Gedanken ausspioniert. Der Film zeigt jedoch, warum solche Wahnvorstellungen nicht einfach nur einem chaotischen Defekt entsprechen. Unter unendlichen Mühen stellt Hans Dallinger nämlich seine Pläne fertig, mit denen er an einer hoch dotierten Ausschreibung teilnimmt. Die Jury begutachtet die eingereichten Entwürfe aller Bewerber anonym – und weiß nicht, dass sie dem Produkt eines „staatlich anerkannten Irren“ den ersten Preis verleiht.

Simon erahnt schließlich, dass die Kreativität seines Vaters aus derselben Quelle sprudelt wie seine Verrücktheit. So kann er den Kampf gegen ihn beenden: „Ich verstand etwas, was meine Mutter schon immer gewusst hat. Er würde niemals akzeptieren, was mit ihm los ist. Denn dieser Gedanke hätte ihn umgebracht.“ Im verhaltenen Stolz seiner Worte klingt eine gewisse Bewunderung an. Simon kann seinen Vater zwar nicht verstehen, doch er hat Achtung vor dem Anderen der Vernunft.

Manfred Riepe

 

Filmstart: 9. Oktober 2014

Verleih: Movienet

http://www.movienetfilm.de/hirngespinster/index.php

 

 

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