Am besten gar nicht erst dick werden!

Die gute Nachricht: Wer es schafft, nie dick zu werden, hat gute Chancen, für immer schlank zu bleiben. Wer dagegen ein paar Pfunde zu viel mit sich herumträgt oder gar übergewichtig ist, hat es nicht leicht. Abnehmen ist zwar möglich, doch schlank bleiben ist eine große Herausforderung. Ein Gespräch mit dem Mediziner Philippe Beissner, leitender Arzt am Stoffwechselzentrum der Klinik Hirslanden in Zürich, über den Zusammenhang zwischen genetischer Veranlagung, Umweltfaktoren und Körpergewicht.
PSYCHOLOGIE HEUTE Herr Beissner, Sie beschäftigen sich seit vielen Jahren mit dem Thema Übergewicht. In den 1950er Jahren hieß es, dicke Menschen hätten es mit den Drüsen . Manche schoben es eher auf das Wirtschaftswunder und behaupteten, es gäbe nur ein Mittel, um schlank zu werden: FdH friss die Hälfte! Das ist ein halbes Jahrhundert her. Wie bewerten Sie diese Annahmen aus heutiger Sicht?
PHILIPPE BEISSNER Wie es meistens so ist mit Volksmeinungen: Es ist was dran und doch ist es nicht so. Eine Drüsenkrankheit ist per se ganz sicher nicht die Ursache von Übergewicht. Die Drüse, die Übergewicht erzeugt, haben wir jedenfalls noch nicht gefunden. Dass das Wirtschaftswunder Anteil daran hatte, ist hingegen offensichtlich. Man muss ehrlicherweise sagen: Abschließend ist das Phänomen Übergewicht auch heute nicht erklärt. Einzelne Faktoren sind bekannt, andere noch nicht. Deshalb sind alle Aussagen, die definitiv daherkommen, mit größter Vorsicht zu genießen.
PH Wie lautet denn die plausibelste Erklärung?
BEISSNER Übergewicht ist das sichtbare Endresultat vieler sehr unterschiedlicher Phänomene und Störungen. Heute geht man davon aus, dass das Übergewicht als Massenphänomen bedingt wird durch eine ökologische Problematik, auf die Menschen aufgrund ihrer biologischen Disposition unterschiedlich reagieren.
PH Können Sie das noch etwas näher erklären?
BEISSNER An den Pimaindianern in Arizona konnte man das gut studieren. Dieser Volksstamm existierte unter schwierigen Bedingungen: Wenige Monate im Jahr gab es Wasser, um Felder zu bewirtschaften, die übrige Zeit mussten diese Menschen sich als Jäger und Sammler in einer kargen, wüstenartigen Landschaft durchbringen. Über Jahrtausende war dieser Stamm sehr gut angepasst an die harten äußeren Bedingungen. Unter dem Druck der Einwanderer spaltete sich der Stamm auf. Die einen beschlossen zu bleiben, die anderen wanderten ihrerseits aus in das Gebiet des heutigen Mexiko. Deshalb gibt es heute zwei Pimapopulationen, die genetisch identisch sind, sich im Folgenden aber sehr unterschiedlich entwickelten. Die Pimas in Mexiko lebten weiterhin unter vergleichbaren kargen Verhältnissen. In Amerika jedoch, wo die Pimas bis zum Zweiten Weltkrieg ebenfalls ärmlich in einem Reservat gelebt hatten, gab man ihnen Geld als Kompensation für die Internierung von Japanern in ihrem Gebiet während des Krieges man schloss sie sozusagen von null auf hundert an den amerikanischen Lebensstandard an. In kurzer Zeit wurde aus dieser Gruppe der fetteste Teil der gesamten amerikanischen Bevölkerung und derjenige mit dem höchsten Anteil an Diabetikern.
Man kann hieran sehr gut erklären, was Genetik bedeutet: Es ist die im Lauf der Evolution erworbene biologische Ausstattung, die uns erlaubt, unter schwierigen Bedingungen mit begrenzt vorhandenen Energiequellen außerordentlich haushälterisch umzugehen und optimal zu überleben. Wenn man dieses extrem futtersparende System in eine völlig veränderte ökologische Situation bringt, knallt es, schlicht gesagt, durch: Das biologische Verwertungssystem unseres Organismus, das auf extreme Sparsamkeit ausgerichtet ist, bricht in einem Umfeld von Junkfood und totalem Bewegungsmangel dramatisch zusammen. Und der Einzelne ist nicht in der Lage, darauf so zu reagieren, dass ein ursprüngliches Gleichgewicht wieder hergestellt wird. Bei den allermeisten Menschen sind es also bestimmte Lebensbedingungen, die das Übergewicht begünstigen.
PH Können Sie etwas über diese das Übergewicht fördernden Umstände sagen?
BEISSNER Es gibt einerseits die gebaute Umgebung, andererseits die soziale Umgebung. Das Erstere bezeichnet beispielsweise die Wohnsituation, ob wir auf dem Land oder in der Stadt leben, ob wir zur Arbeit fahren oder dorthin laufen, ob der Schulweg zu Fuß oder mit dem Rad zu bewältigen ist, in welcher Entfernung die Einkaufsläden liegen und so weiter.
Die soziale Umgebung hat mit der Kultur und Tradition eines Landes, bestimmter Bevölkerungsschichten und auch einzelner Familien zu tun: Gilt es als normal, sich viel körperlich zu bewegen, Zeit draußen zu verbringen oder vor dem Fernseher zu sitzen? Das ist zum Beispiel ein bekanntes Unterschichtenproblem: Wenn beide Eltern arbeiten, die soziale Umgebung aber gefährlich ist, werden sie alles daransetzen, die Kinder im Haus zu behalten, wenn sie nicht da sind. Das heißt, sie fördern Fernsehen, füllen den Eisschrank mit meist vorpräparierten, also hoch kalorienhaltigen Esswaren, die Kinder dürfen sich Pizza ins Haus bestellen. Solche Faktoren führen zu einem übergewichtsfördernden Verhalten. Und dieses trifft nun auf die biologische Prädisposition, die nicht einheitlich ist: Die einen werden unter den geschilderten Umständen dick, die meisten werden ein moderates Übergewicht entwickeln, und einige bleiben schlank und nehmen überhaupt nicht zu, egal wie die Lebensumstände sein mögen.
PH Immerhin bringen 49 Prozent der Deutschen, 39 Prozent der Schweizer und 41 Prozent der Österreicher zu viele Pfunde auf die Waage. Viele wollen abnehmen. Können Sie diesen Menschen Hoffnung machen, auch wenn ihre genetische Disposition zunächst ungünstig scheint? Oder ist der Wunsch abzunehmen illusorisch? Einmal dick, immer dick?
BEISSNER Die meisten Strategien zur Gewichtsreduktion richten sich ausschließlich an den Einzelnen: Iss weniger, beweg dich mehr! An der gebauten und sozialen Umgebung wird nicht gerüttelt. Ohne Veränderung in diesen Bereichen ist aber der individuelle Versuch, dem Übergewicht zu Leibe zu rücken, hoffnungslos. Oder besser gesagt: Je nach Veranlagung wird es einigen Menschen gelingen, dank rein individueller Strategien ihr Übergewichtsproblem in den Griff zu kriegen denen, die in dieser Hinsicht gute Gene haben und insgesamt ein stark leistungsorientiertes Verhalten zeigen , anderen aber nicht, egal wie sehr sie sich anstrengen. Und hier kommen wieder die Puzzleteile ins Spiel, die wir einfach nicht kennen, weil wir viele mögliche biologische Ursachen von Übergewicht noch nicht erforscht haben.
Genauer gesagt: Hoffnungslos ist nicht das Unterfangen, Gewicht zu verlieren, sondern hoffnungslos ist der Versuch, alle mit den gleichen wenigen individuellen Maßnahmen zu einer andauernden Gewichtsreduktion zu bringen.
PH Gehen wir an dieser Stelle auf einige Fragen ein, die immer wieder im Hinblick auf die individuellen Strategien, also Ernährung und Übergewicht gestellt werden. Eine davon ist die nach der Wirksamkeit von Diäten. Was passiert im Körper, wenn man Diät hält, und was passiert, wenn man wieder normal isst?
BEISSNER Der menschliche Organismus ist ein haushälterisches Wesen. Wir sind darauf angelegt, Vorräte anzulegen. Das ist unser Überlebensprogramm. Deshalb ist der Verlust von Energie biologisch mit negativen Rückkoppelungsmechanismen verknüpft, so wie Schmerz uns Gefahr signalisiert und wir die Finger von der heißen Herdplatte nehmen. Es ist eigentlich gleich, welche Diät man befolgt, der Körper reagiert mit einem negativen Feedback auf das Energiedefizit, das durch die Diät entsteht. Ob Sie nun eine kohlehydrat- oder fettarme oder sonstige Diät machen, das Energiedefizit verursacht im Körper eine Gegenreaktion, und zwar schon nach wenigen abgenommenen Kilos. Eine ganze Signalkaskade geht dann im Körper los. Eine Schlüsselfunktion hat dabei vermutlich das Hormon Leptin. Die Fettzellen melden sozusagen besorgt dem Hirn, dass der Fettvorrat schwindet. Wenn durch Abnahme des Fettgewebes der Leptinspiegel sinkt, wird der Schalter im Hirn umgelegt, das heißt, der Energieverbrauch des Körpers wird massiv gedrosselt. Jede Zelle spart jetzt. Der Körper verhält sich wie ein Unternehmen im Budgetstress: Kosten werden eingespart, Stellen gestrichen, Mehrleistung wird eingefordert. Damit sinkt im Körper der Energieverbrauch, er kommt mit weniger aus. Auf der anderen Seite wird das futtersuchende Verhalten stimuliert, dagegen kann man willentlich gar nichts machen. Das hat Auswirkungen auf das Wohlbefinden. Wir wissen, dass Diät haltende Menschen sich körperlich und psychisch nicht wohlfühlen. Wenn es nicht gelingt, langfristige Muster zu installieren, die dieser Reaktion entgegenwirken, nimmt man wieder zu.
PH Wie kann man diesem Teufelskreis entkommen?
BEISSNER Das wirksamste Mittel, eine Gewichtsreduktion zu halten, ist die Steigerung der körperlichen Aktivität. Es müssen Kalorien durch Bewegung verbrannt werden. Das ist sehr schwierig bei unseren Arbeits- und Lebensbedingungen. Denn leider braucht Bewegung sehr wenig Kalorien: Dreimal 30 Minuten die Woche, wie oft empfohlen wird, das reicht nie und nimmer, um ein reduziertes Gewicht zu halten, und abnehmen tut man von Sport und Bewegung schon gar nicht. Studien über Menschen, die auf Dauer ihr reduziertes Gewicht halten konnten, zeigen, dass diese ihre körperlichen Aktivitäten gegenüber ihrem früheren Verhalten außerordentlich stark erhöhen, bei reduzierter Nahrungsaufnahme. Das ist hart.
Man könnte sagen, wer einmal übergewichtig war, muss, wenn er sein Gewicht reduziert hat, bewegungsmäßig auf Lebenszeit zu einer körperlichen Aktivität zurückkehren, die in etwa dem vorindustriellen Zeitalter entspricht. Die Menschen damals haben sehr viel energieärmere Nahrung zu sich genommen und sich sehr viel mehr bewegt.
Die gute Nachricht ist: Wenn Sie es schaffen, nie dick zu werden, haben Sie gute Chancen, schlank zu bleiben. Wenn man erst einmal übergewichtig ist, dann hat man nur beschränkte Möglichkeiten, langfristig wieder schlank zu werden. Sicher, das Gewicht lässt sich in einem gewissen Rahmen kontrollieren, aber ohne Veränderung der Umweltbedingungen ist es sehr schwer, zum ursprünglichen Zustand zurückzukehren.
PH Bewegung ist also das A und O, wenn man langfristig schlank werden und bleiben möchte?
BEISSNER Richtig. Ich möchte zum Thema Bewegung aber noch etwas Wichtiges ergänzen. Es gibt einen bewussten Teil der Bewegung und einen unbewussten Teil. Wir sprechen bei diesem unbewussten Teil von dem NEAT-Anteil. NEAT ist die Abkürzung für Non Exercise Activity Thermogenesis. Bewusst ist zum Beispiel die Entscheidung, mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren oder joggen zu gehen. Aber nicht bewusst sind uns die kleinen alltäglichen körperlichen Aktivitäten, etwa am Arbeitsplatz: Schreibe ich eine E-Mail oder gehe ich hinüber zum Kollegen, um mit ihm die Angelegenheit zu besprechen? Was mache ich zu Hause, sitze ich mehrheitlich oder stehe und laufe ich viel? Wie ist die Verteilung zwischen Stehen, Sitzen und Liegen?
Und hier nun gibt es wieder Unterschiede in der biologischen Prädisposition, wie sich die Menschen hinsichtlich dieser unbewussten Bewegungsanteile verhalten. Ein Versuch mit übergewichtigen jungen Frauen hat gezeigt, dass diese sich in einem kontrollierten Bewegungsprogramm zwar deutlich mehr bewegen, diese Bewegung aber im unbewussten Bewegungsanteil durch mehr Untätigkeit, also etwa Sitzen kompensieren, ja zum Teil überkompensieren. Das heißt, man spart eventuell in 23 Stunden alles oder sogar mehr an Bewegungsenergie ein, als man in der einen Stunde Sport ausgibt . Wenn man diesen Versuch mit schlanken Personen durchführt, sinkt der unbewusste Bewegungsanteil hingegen nicht. Dieses Verhalten ist dem Einzelnen nicht bewusst. Es ist Teil der energiesparenden biologischen Ausstattung, und die ist nicht bei jedem gleich.
Für uns Ärzte heißt das, dass wir manchmal einem Patienten besser nicht empfehlen, dreimal die Woche Sport zu treiben, sondern eher, sich im Alltag bewusst mehr zu bewegen, weil diesem Menschen das mehr bringt.
PH Noch einmal zum Prinzip FdH, friss die Hälfte. Hier geht es ja grundsätzlich darum, weniger zu essen, als man sich angewöhnt hat.
BEISSNER Die Aufforderung Iss weniger! ist im Prinzip korrekt. Wenn wir nur noch die Hälfte essen, nehmen wir auch weniger Kalorien auf. Wie jetzt im Einzelnen die Nahrungsaufnahme halbiert werden soll, darüber lässt sich streiten. Aber es gibt sicher vernünftige und weniger vernünftige Einsparungen . Es soll ja nicht zu einer Mangelernährung kommen, wo plötzlich wichtige Nähr- und Mineralstoffe fehlen. Auf jeden Fall braucht es ein langfristiges Konzept. Die beste Diät ist die, die man am längsten durchhält und bei der man sich körperlich und psychisch am besten fühlt. Und das wiederum ist sehr individuell.
PH Und gut fühlt man sich bei einer gesunden Ernährung?
BEISSNER Achtung! Eine gesunde Ernährung bezweckt keine Gewichtsreduktion. Gesunde Ernährung macht nicht per se schlank. Viele gesunde Nahrungsmittel haben viele Kalorien, Nüsse zum Beispiel. Aber gesunde Ernährung hält das Gewicht stabil und sorgt für körperliches Wohlbefinden. Das wird oft missverstanden. Wer Vollkornbrot statt Weißbrot isst, isst gesund, nimmt deshalb aber noch nicht ab.
PH Auch die Empfehlungen der Ernährungswissenschaftler sind ja nicht in Stein gehauen. Ratschläge, wie sie zum Beispiel die Ernährungspyramide gibt, werden von Zeit zu Zeit verändert, je nach Studienlage. Wie genau soll man sich an diese Empfehlungen halten?
BEISSNER Nach meiner persönlichen Meinung ist die Gestaltung der empfohlenen Ernährungspyramide ganz massiv von Interessen beeinflusst. Da sind die Lebensmittellobby, die Agrarindustrie und andere höchst aktiv. Zudem gibt es nur zum Teil wissenschaftlich gesicherte Erkenntnisse. Das Einzige, was man sagen kann: Die Pyramide ist insofern richtig, als sie dem gesunden Menschenverstand entspricht. Wir wissen alle, dass wir nicht den ganzen Tag Süßes und Junkfood essen sollen. Außerdem wird meist vergessen, dass diese Pyramide eine Essens- und Bewegungspyramide ist. Da sind so Männchen drauf, die sich bewegen, aber das will niemand sehen. Also bitte auch die Bewegungspyramide beachten!
PH Auch Trinken ist ja Essen ist es Ihrer Erfahrung nach den Menschen genug bewusst, dass viele Getränke viele Kalorien haben?
BEISSNER Energie in flüssiger Form ist eine totale Katastrophe. Getränke werden von uns als Flüssigkeit registriert und nicht als Kalorienzufuhr. Es gibt viele psychologische Studien zum Thema Übergewicht, die auch für die Medizin von Interesse sind. Zum Beispiel folgende: Man gibt einer Gruppe von Probanden 300 Milliliter nichtkalorisches Getränk, also zum Beispiel Wasser, lässt sie dann auf ein Buffet los und misst, was die einzelnen Teilnehmer gegessen haben. Beim nächsten Mal erhalten die Probanden 300 Milliliter Süßgetränk, also etwa Cola, und sollen sich anschließend wieder am Buffet bedienen. Und beim dritten Mal bekommen sie zuvor einen Snack, der gleich viele Kalorien enthält wie das Süßgetränk. Dabei zeigt sich, dass die Probanden weniger vom Buffet essen, wenn sie vorher einen Snack zu sich genommen haben. Jedoch essen sie, wenn sie die Kalorien in Form eines Süßgetränks zu sich genommen haben, praktisch gleich viel, ganz so, als hätten sie nur Wasser getrunken. Die Kalorien in flüssiger Form gehen sozusagen am körpereigenen Ticker vorbei, und darum sind Süßgetränke ein so großes Problem. Da kann man leicht 1000 zusätzliche Kalorien pro Tag bunkern. Zumal nicht alles, was Süßgetränk ist, in der Öffentlichkeit auch so wahrgenommen wird: Orangensaft, alle diese Yoghurt-, Lassi- und Grünteedrinks all das, was da so gesund aussieht, hat den gleichen Zuckergehalt wie beispielsweise Cola.
PH Sie haben von den Umweltbedingungen gesprochen, die ein Fehlverhalten unseres inneren Stoffwechsel-Regulationssystems begünstigen. Sind diese Umweltbedingungen veränderbar? Und wenn ja wie?
BEISSNER Machen wir uns nichts vor: Das ist sehr, sehr schwierig. Und nicht nur, weil wir uns hier ins Feld der Politik begeben und wir die Industrialisierung und Technisierung der Welt nicht rückgängig machen können. Die Menschen verändern nicht gern etwas, wenn sie nicht dazu gezwungen werden. Und Maßnahmen, die die Freiheit des Einzelnen einschränken, widersprechen unserem liberalen Gesellschaftssystem. Aber man kann es beim Rauchen sehen: Harte Maßnahmen helfen schon. Es braucht Volkserziehung durch Aufklärung, Anleitung zur Prävention, Veränderungen in Bauweise und Stadtbild. Menschen sind nämlich wiederum auch ziemlich leicht zu lenken. Wenn Sie Fußabdrücke auf den Boden kleben, neigen die Menschen dazu, ihnen zu folgen also vielleicht statt zum Lift zur Treppe. Lifte und Rolltreppen sollten sowieso nur für die Menschen da sein, die nicht laufen können. In Neubauten sollte man darauf achten, dass man zuerst auf die Treppe stößt und die Lifte suchen muss. Nicht wie heute, wo man erst an allen Liften vorbei muss, um irgendwo die Treppe zu finden. In Luzern hat man die Eltern dazu aufgerufen, die Kinder nicht mehr mit dem Auto zur Schule zu fahren, in der Stadt Zürich gab es eine Kampagne in den Straßenbahnen: Steigen Sie eine oder zwei Stationen eher aus und laufen Sie ein Stück.
Für mich sind die hohen Benzinpreise ein Segen. Wunderbar! Menschen lernen nur etwas, wenn es weh tut. Ich wäre auch dafür, die Preise von Lebensmitteln nach ihrem Ernährungswert zu gestalten, was natürlich ein politischer Akt und erheblicher Eingriff in die Freiheit der Wirtschaft wäre. Also Süßgetränke ganz teuer, Vollkornbrot, Gemüse günstig.
Das große Problem ist, sozial ist das alles ungerecht. Es sind die Menschen mit niedrigem Einkommen, die am stärksten vom Übergewicht betroffen sind. Und die werden auch von allen Maßnahmen am empfindlichsten getroffen werden, die zu einer gesunden Gewichtsabnahme führen würden. So wie sie jetzt vom hohen Benzinpreis getroffen werden. Bildung erhöht die Chance, schlank zu bleiben, hohe Einkommen erlauben es, an Orten zu wohnen, wo man sich bewegen kann, wo die Kinder ungefährdet draußen spielen können.
PH Stichwort Kinder: Immer mehr Kinder leiden in unserer Gesellschaft unter Übergewicht. Die Zahlen sind alarmierend. Wie kann man speziell hier gegensteuern?
BEISSNER Ja, das Thema Übergewicht bei Kindern ist ganz außerordentlich wichtig. Aber auch hier ist die Datenlage beschränkt, und wir wissen nicht genau, was hilft und was nicht. Ganz sicher muss man die Bewegung fördern. Aber es geht vor allem darum, die nicht strukturierte Spielzeit zu ermöglichen und die Kinder nicht unbedingt mit dem Auto zum Sport zu fahren. Es gilt also, die nichtbewusste Bewegung im Alltag zu fördern. Kinder brauchen es dringend, draußen herumzurennen und zu spielen. Was das Essen angeht, so wäre es sehr wichtig, dass zu Hause gekocht wird, also möglichst wenig Fertiggerichte, seltener Süßgetränke. Das schafft Gewohnheiten, die später übernommen werden. Und Fernsehen ist die größte Katastrophe: stillsitzen und dabei möglichst noch essen! Bei Computerspielen kann man zumindest nicht noch nebenher essen Extremdiäten sollte man aber bei Kindern auf jeden Fall vermeiden.
PH Haben Sie einen guten Rat für alle, die ihr Wunschgewicht halten wollen?
BEISSNER Am besten gar nicht erst dick werden. Das ist das einzige Mittel, das wirklich nützt. Wenn Sie nur leichtes Übergewicht haben und sonst gesund sind, nehmen Sie nicht weiter zu und legen Sie das Thema zu den Akten!
Mit Philippe Beissner sprach Dörthe Binkert
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