www.psychologie-heute.de | Rubrik: Leserforum

Leserforum „Amoklauf, School Shooter und Mediengewalt“

Der Amoklauf von Winnenden und Wendlingen hat zahlreiche Diskussionen um die Ursachen ausgelöst. Neben grundsätzlicher gesellschaftlicher Kritik, Überlegungen zur Verantwortlichkeit von Eltern und Schule, Forderungen nach einer Verschärfung der Waffengesetze flammt auch immer wieder ein leidenschaftlicher Disput über die Wirkung von Gewalt in den Medien, insbesondere in Computerspielen auf. Psychologie Heute hat hierzu den führenden Forscher auf diesem Gebiet befragt.

Das vollständige Interview mit Craig Anderson finden Sie im Juniheft 2009 von Psychologie Heute – einen längeren Auszug können Sie aber auch in unseren OnlineNews kostenfrei lesen. Und auf dieser Seite finden Sie interessante Meinungen unserer Leser und Besucher:

Beachten Sie bitte: Wir nehmen zu diesem Thema keine weiteren Beiträge an.

  •  
Bild: ullstein bild

„Gewaltspiele – hoffähige Freizeitbeschäftigung?“

Ich halte die Debatte darüber, ob erhöhte Gewaltbereitschaft beziehungsweise Aggression durch den Konsum von Gewalt in Medien hervorgerufen wird oder ob das Betrachten von Gewaltszenen und/oder das Spielen von gewaltverherrlichenden Spielen gar als Katharsis wirkt oder ob Nachahmung von gesehener und „gespielter“ Gewalt nur von denen verübt wird, die schon latent aggressiv sind, für akademisch.

Die vehemente Verteidigung von Gewaltspielen am Computer, weil angeblich harmlos und für Jugendliche, die in sein wollen, normal – diese Verteidigung halte ich für pervers. Wer nach Fernsehkrimis, die in den 1960er Jahren „Straßenfeger“ waren, damals nicht schlafen konnte, schläft heute beim Zuschauen der Wiederholung eines solchen Krimis ein. Wenn das schon dem geschieht, der keine Actionfilme, brutalen Filmszenen sieht, erst recht keine Gewaltspiele spielt, wie viel mehr mag bei all denen die Hemmschwelle für das Ertragen brutaler Gewaltszenen sinken, für die Gewaltspiele zum täglichen Konsum gehören?

Wenn man manifeste Aggressivität mindern, kanalisieren, verhindern will, greift es daher zu kurz, über die psychische Gemengelage von Tätern wie Amokläufern zu psychologisieren. Der Blick ist zu richten auf die Gesellschaft, für die brutalste Gewalt-„Spielerei“ längst hoffähige Freizeitbeschäftigung ist, bei der die Hemmschwelle ganz unten ist, die schmerzerfüllt aufschreit, wenn ihr jemand diese nehmen will. Ein besonderer Aufschrei ist von denen zu hören, die am kontinuierlichen Hemmschwellen-Niedergang kräftig verdienen.

Karl-Joseph Lippold

„Viele weibliche Opfer können kein Zufall sein“

Ich möchte zu diesem Thema auf den sehr interessanten Text von Alice Schwarzer „Der Amokläufer von Winnenden“ (zu lesen auf www.emma.de) aufmerksam machen.

Die Tatsache, dass fast ausschließlich Frauen Opfer waren, kann kein Zufall sein. Und die diskriminierende und erniedrigende Darstellung von Frauen in den Medien, Videospielen und so weiter fehlt mir in Ihrem Beitrag ganz, obwohl sie den Tatsachen entsprechend großen Einfluss gehabt haben muss.

G. Schöne

„Ich verstehe die Leute, die Amok laufen“

Ein neuer Amoklauf. Wo? In Mengede? Wengede? Weinemann? War das nicht mal ein Einkaufsladen? Was? Es soll eine Stadt sein? Nie davon gehört. Ist ja auch egal. Uninteressant. Sie sollten lieber „Let It Rock“ spielen. Von wem war das noch mal? Viele Opfer, einige davon Angehörige der Toten. Wie viele waren das eigentlich? Ach, egal!

Nein, ich bin weder abgestumpft noch ein Typ, der sich Tag und Nacht Horror- (oder wie es heute so schön heißt: Splatter-)Filme ansieht, Ballerspiele spielt und alten Omas den Krückstock klaut. Ganz im Gegenteil. Ich stehe in der Küche und mache den Abwasch nach meinem Abendessen. Es hat geschmeckt. Sehr sogar. Nudelauflauf mit Tomatensauce. Die Nudeln waren aus einer Fertigpackung mit Anleitung, wie man sie zubereitet, die Sauce ein paar Staubkörner, mit Wasser, Ketchup und Tomatenmark zu einer klebrig-süßen Matsche verarbeitet. Lecker, fast wie die von Papa.

Ich bin glücklich. Vielleicht habe ich eine neue Therapeutin gefunden. Gerade heute kam der Anruf. Alles in allem bin ich recht stolz auf mich, und mein Leben macht mir sehr großen Spaß.

„Er war unauffällig, freundlich, hilfsbereit. So gar nicht gewalttätig.“ Bei diesen Worten bin ich kurz davor, schreiend in mein Radio zu springen und diesen Vollpfosten von Experten und „Mitmenschen“ die Meinung zu geigen. Ich will brennen, kreischen, kratzen, beißen, toben, das ganze Programm einer psychisch gestörten und unheimlich verletzten jungen Frau halt. Das eines misshandelten Menschen.

Aus lauter Wut schneide ich mir versehentlich in den Zeigefinger. Ich sehe Blut, spüre den Schmerz und höre meine verzweifelten und ängstlichen Schluchzer von einer Zeit in meinen Ohren widerhallen, in der ich selber gern ein Messer genommen und es meinen Lehrern und Mitschülern in den Bauch gerammt hätte. Die Wunde ist nicht tief. Es blutet nicht mal mehr richtig. Man fühlt nur noch ein leichtes Brennen, als würden tausend kleine Messer in die Wundränder stechen, darin rumwühlen und auf deinen Tod hoffen.

Und die Messer stürzen von neuem in mein Herz. Ich bin fünf, und meine Kindergärtnerin sagt ihrer Kollegin, dass sie mich hasst. Mit neun bin ich mir sicher, dass meine Eltern verkleidete Aliens oder Monster sind, die nur darauf warten, ihre Masken abzulegen und zu töten. Ich bin neun. Carina hasst mich. Sie ist groß, schlank und sportlich. Sie schreit mich an, sagt, dass ich zu fett bin, um Handball spielen zu dürfen. Während des Spiels rufen einige Jugendliche Beleidigungen über mein Gewicht und meine Hässlichkeit dazwischen. Ich weine und lasse viele Bälle im Tor durch. Carina bittet meine Trainerin, mich aus der Mannschaft auszuschließen. Meine Tante macht mir Angst. Sie schaut mich so verächtlich an. Werde ich meine kleine Cousine je wiedersehen? Mit elf komme ich auf das Gymnasium Luisenschule. Keiner kennt mich. Nein, keiner will mich kennenlernen. Chantal schnauzt mich an, dass ich nicht so kindisch sein soll. Und sie lacht hämisch, als ich eine Banane raushole und essen will. Seit dem Tag fragen mich alle, ob ich auf Diät bin. Ich esse nie wieder Obst vor fremden Leuten.

Ich bin 13 und Patricia, meine „beste Freundin“, verrät mich und alle meine Geheimnisse an Olivia und Jagoda. Was nun folgt, sind Scherze auf meine Kosten, Beleidigungen, Erpressungen, Demütigungen und eine Menge falsche Freunde, die alle meine Geheimnisse wissen, wie zum Beispiel, dass ich nicht weiß, was „seine Tage haben“ bedeutet, bis ich sie selber habe. Sie finden es lustig, dass ich lieber zu Hause bleibe und lerne, sehen es als Betrug an, dass ich ständig neu verliebt bin. Er ist nicht paranoid, der Glaube, dass mich alle hassen. Es ist eine Tatsache. Ich gehöre zu keiner Clique, weil ich gerne lerne, meinen Geschichtslehrer vergöttere, Klamotten von „Brax“ und schlabbrige Pullis von „Fruit of the Loom“ trage, Schriftstellerin werden will und Marilyn Manson höre.

Ich bin ein Freak, weil ich meinen Vater „Papa“ und meine Mutter „Mami“ nenne. Ich bin hässlich, fett und nicht wertvoll genug, um existieren zu dürfen. Nachts liege ich stundenlang wach, um mich bei allen Gegenständen zu entschuldigen, die ich angefasst oder gestreift habe. Ich flehe den Boden um Verzeihung an, weil ich auf ihm gehen muss und nicht fliegen kann. Sogar Gott hasst mich. Denn jeder Tag ist eine Bestrafung.

Mit 14 will ich ein Piercing. Meine Mama weint. Nur um mir die Schuld an allem zu geben. Mein Bruder ist sauer auf mich, weil Mama weint. Er sagt, er ist wieder nett zu mir, wenn ich Mama nicht mehr zum Weinen bringe. Bis heute enden fast alle Gespräche miteinander in einem lauten und nervenzerfetzenden Streit. Mein Papa schreit mich an. Es ist das zweite Mal in meinem Leben, dass er mich anschreit. Er hasst mich. Die Aliens sind demaskiert. Aber ich bleibe. Vor meinem Fernseher. Mit 15 gehe ich tanzen. Mit Olivia und Patricia. Ich hasse sie. Ich brauche sie. Ich treffe Caro.

Mitte 2004 fange ich an, mich zu ritzen. Erst ist es aus Spaß, dann blutiger Ernst. Dann fast täglich. Ich erzähle es Olivia und Luci. Bald weiß es die ganze Klasse und tuschelt noch mehr hinter meinem Rücken. Da Daniel die Schule wechseln musste, werde ich jetzt offenkundig gemobbt. Es gibt niemanden mehr, hinter dem ich mich verstecken kann. Irgendwann reicht das Blut nicht mehr. Ich brauche echte, harte Schmerzen. Ich beiße, schlage und kratze mich, prügle so heftig ich kann mit einem Kamm auf meinen Kopf ein, haue ihn mit einem dumpfen Hämmern gegen die Wand.

Abends fragt Mama mich, ob ich nicht bald genug Bilder aufgehängt habe.

Im Februar 2005 reißen bei mir alle Stricke. Ich bin gerade 16 geworden und sehe mir auf meiner Klassenfahrt einen Splatterfilm an, in dem Leute mit lautem Kreischen und Lachen meiner Mitschüler ermordet werden, und fürchte mich ab da vor der Nacht und meine Träumen, weil ich Angst habe, dass Freddy mich im Schlaf terrorisiert und Jason vor meinem Bett steht, um mich zu töten. Ich habe Todesängste und heule nur noch. Keiner versteht das. Es ist doch nur ein Film. Meine Abschlussfahrt wird dadurch vervollständigt, dass ich irgendwann inoffiziell und ganz pompös zur Hässlichsten meiner Klasse gekrönt werde. Ich will Amok laufen. Täglich. Denn ich hasse euch alle so, wie ihr mich hasst.

Nicht mal meine Lehrer helfen mir, auch wenn sie ahnen, dass auf meinem Zimmer gedealt, getrunken und harte Drogen konsumiert werden. Alles verstecken sie hinter einem netten Lächeln. Die Klassenbeste droht mir, mich fertig zu machen, wenn ich davon einem Lehrer erzähle. Später sagt mir eine Pädagogin von der Schule, ich solle das alles nicht so eng sehen und mich nicht so aufführen.

Ich will, dass Olivia versteht, wie sehr sie mir wehgetan hat, und rufe sie an. Als ich ihre Stimme höre, raste ich aus und schreie sie an. Ich habe Angst. Sie wird mich wieder verletzen, erpressen und psychisch schrotten. In einer Kurzschlussreaktion lege ich auf. Bei einem Klärungsgespräch mit Olivia bin ich die Psychopathin, die Olivia und alle anderen aus meiner Klasse gemobbt und misshandelt hat. Die Pädagogin und Olivias Religionslehrerin informieren meine Eltern, dass ich ein „Risikofall“ sei. Ich bin schlecht, böse, gemeingefährlich. Sie drohen mir, mich als Gefahr für die Allgemeinheit bei der Schulleitung zu melden, wenn ich nicht kooperiere und tue, was sie sagen.

An diesem Tag habe ich nur geheult. Hätten meine Eltern mich nicht verteidigt und an meiner Seite gestanden, hätte ich mir die Pulsadern aufgeschnitten, und es wäre nur gescheitert, weil ich falsch geschnitten hätte. Auf der anderen Schule erfahre ich nämlich, dass man den Arm quer entlangschneiden muss und ihn in Wasser halten soll, damit es nicht aufhört zu bluten. Ihr hasst mich doch auch, oder? Niemals habe ich irgendwen physisch verletzt, immer nur mich. Ich will die Schule wechseln, weil ich auf der Luisenschule nicht bleiben kann. Auch wenn das Gespräch unter uns bleiben soll, bald wissen alle von meinem Problem und meiner peinlichen Aktion. Nur Caro bleibt.

Keine Schule in Mülheim will mich aufnehmen. Einige Lehrer der Luisenschule lassen ihre Beziehungen erfolgreich spielen. Nur Frau Neumann hat Verständnis und ich kann auf die UNESCO-Schule in Essen. Mit Bus und Bahn sind es ungefähr 75 Minuten dorthin.

Ich verstehe die Leute, die Amok laufen. Nur weil ich einmal, ein einziges Mal meine Meinung gesagt habe, hätte man mir fast meine Zukunft ruiniert. Ich hätte kein Abitur machen können. Ich könnte nicht Psychologie studieren, um Therapeutin zu werden. Ich hätte eine depressive und vom Leben frustrierte Angestellte in einem Fastfoodladen werden müssen, zu sieben Euro die Stunde, mit Scheißmitarbeitern und dummen Äffären und Streitereien über ein fehlendes Brot oder schlechte Schichten.

Ich will Amok laufen, weil ich verletzt bin und mir keiner Glauben schenkt. Ich will Olivia umbringen, weil sie eine intrigante, falsche Natter ist, die noch so viele andere Menschen geißeln und misshandeln wird, niemand hält sie auf, weil es schon zu spät ist, wenn man ihr wahres Gesicht erkannt hat. Ich will diese blöde Hure von Pädagogin wegen geistiger Vergewaltigung anklagen und Gott anschreien, was er sich dabei gedacht hat, mich so zu machen, wie ich bin. Ich will nicht mehr. Ich will einfach nicht mehr daran denken müssen.

Alle fragen Experten oder die Eltern des Jungen, wie es dazu kommen konnte. Er war „unauffällig, freundlich, hilfsbereit“. So wie ich es war. Psychos wie er und ich versuchen es zuerst auf die nette Tour, dann werden wir aggressiv. Wir wollen sterben. Aber vor allem verhindern, dass unsere Feinde später an unserem Grab stehen und für unseren seelischen Frieden beten. Wir wollen auch nicht einfach so sterben. Wir wollen nicht verschwinden. Wir haben uns nichts zuschulden kommen lassen. Warum fragt ihr euch nicht selber, was ihr falsch gemacht habt? Was ist mit deiner Studienkollegin, der du die Arbeit über die neuen Erkenntnisse der Auswirkung eines niedrigen Serotoninspiegels auf depressive Tendenzen geklaut hast? Oder dem kleinen Tommy, dem du mit sechs Jahren das von dir zerschossene Glas in die Schuhe geschoben hast? Was ist mit Jasmin, der ich mit Tanja immer dumme Streiche gespielt habe, um zu vertuschen, dass ich sie sehr gern gehabt habe. Es tut mir leid, Jasmin.

Ich wische die letzten Krümel von der Herdplatte ab und betrachte stolz meine Arbeit. Das Geschirr glänzt, der Herd ist sauber, und ich kann hochgehen und mit meinen Eltern in ihrer Wohnung „Rach, der Restauranttester“ anschauen.

Meine Wohnung ist klein, aber voller Dinge, die ich liebe, auf mich wartet heute noch ein heißes Bad, morgen gehe ich ins Kino und einkaufen. Ich bin nicht Amok gelaufen, weil ich nicht einsehe, warum ich Gott die Genugtuung lassen soll, dass ich mich von ihm unterkriegen lasse. Ich will ihm im Tod nicht ausgeliefert sein. Ich will Menschen helfen, denen es noch dreckiger geht als mir, weil man in einer Gesellschaft voller Ungerechtigkeiten, Ballerspielen und –filmen, Anonymität und zunehmender Verrohung der Jugend nichts anderes als Tränen und Selbstmorde erwarten kann.

Doch mir ist meine eigene Unschuld wichtiger als Rache. Ich vermeide Fleisch, Alkohol, sexuelle Eskapaden und oberflächliches Gerede allein deswegen, weil es mir keinen Spaß macht. Ganz langsam findet man von selbst seinen Platz, und falls ich irgendwann eine Tochter oder einen Sohn habe, bei denen ich den Verdacht habe, sie könnten sich ritzen, werde ich ihnen als erstes saubere Klingen und Desinfektionsspray ins Zimmer stellen, so wie ich meinen Freunden bei jeder Gelegenheit Kondome schenke.

Es hat mich stärker gemacht, dass ich mich geritzt habe, und irgendwann habe ich aufgehört. Jetzt bin ich 20 und finde langsam meinem Weg zurück ins richtige Leben, nach vier Jahren voller dummer Therapeuten und geistloser Ärzte habe ich eine Therapeutin gefunden, die sich auch nach Abschluss meiner Therapie um mich kümmert.

Ich nehme Antipsychotika und Antidepressiva, aber irgendwann hört auch das auf. Ich bin nicht Amok gelaufen, weil mir gerade jetzt auffällt, wie schön das Leben ist. Meine Wohnung, meine Katzen, meine Familie, meine Hobbys, meine Freunde, meine Träume, Blumen, ein warmes Bett, die Sonne, Shopping, und Männer wie „Columbo“ geben mir jeden Tag aufs neue Hoffnung, dass der Schmerz schon noch nachlassen wird. Ich bin sehr traurig.

Aber zu leben ist ein größeres Geschenk, als ich mir als einfacher Mensch vorstellen kann. Meine Katzen sind glücklich, so wie es jetzt ist. Sie vertrauen und lieben uns, wollen jemanden, der ihnen Futter und die Tür zum Garten aufmacht, einen Kratzbaum und ein warmes Plätzchen an der Heizung. Ich finde auch noch meinen Platz an der Heizung. Ich muss einfach nur weitermachen und die Person werden, die ich schon immer war, zu der ich allerdings immer die Verbindung verloren, habe, weil ich Angst hatte, nicht „richtig“ zu sein.

Ich spüre, wie mein Herz voller Schmerzen fast auseinanderbricht und ziehe den Stöpsel. Mein Leben geht weiter. Die Badewanne ruft mich. Ich würge „Three Doors Down“ mitten im Refrain ab und blicke auf die Uhr: 19:28. Genug Raum für eine dicke Badezeit mit einem guten Buch und anschließend meine Lieblingssendung. Mir fällt der beste Witz von Olivia ein, den sie je gerissen hat: Wenn Patricia, Olivia und ich auf einer einsamen Insel gestrandet waren, wen würden sie dann zuerst essen, um nicht zu verhungern? Mich, weil ich so fett bin. Lustig, nicht wahr?

N.N. (Name ist der Redaktion bekannt)

„Gewaltquelle: verdrängte Schuld“

Ohne die Bedeutung von Computergewaltspielen zu reduzieren, möchte ich erstaunt feststellen, wie wenig Einsichten in die Bedeutung unbewusster gesellschaftlicher Prozesse von den heutigen Medien übernommen wurden. Die Begeisterung der Nazizeit und die jahrzehntelange Verdrängung von Schuldgefühlen als Quelle ausbrechender Gewalt sowie die neuerdings wachsende Fremdenfeindlichkeit bei Jugendlichen könnten doch inzwischen von Wissenschaftlern und von Medien vermittelt werden

Bereits Luther sagte zu einem Sündigen: „Du wirst bis in die dritte Generation darunter leiden.“ Einsichten der systemischen und transgenerationalen Familientherapie liefern ebenfalls eine Vielzahl von entsprechenden Beispielen aus ihren psychologischen Behandlungsbereichen.

Prof. A. Drees, Krefeld

„Gegenmittel: Förderung einer positiven Lebensgestaltung und der Kreativität“

Zweifelsohne sind mehrere Faktoren daran beteiligt, dass es zu solch einer Tat kommen kann. Aber dass sich die Gesellschaft, das heißt wir selbst, Gedanken über die Art unseres Zusammenlebens machen müssten, wäre angebracht, davon spricht niemand.

Die meisten Menschen und viele Familien sind einem großen Druck durch Hast und Eile ausgesetzt, „immer schneller“ ist die Devise. Es ist immer weniger Zeit fürs Gespräch, für eine gute Beziehung zueinander. Zudem wird man schnell zum Außenseiter, wenn man den gängigen Normen nicht entspricht, entsprechende unterschwellige Verhaltensweisen können sehr verletzend sein, und Wut staut sich an. Es folgen Rückzug und Flucht in eine Welt, in welcher der Jugendliche keine Probleme hat – in die Computerwelt und virtuelle Welt.

Auch gibt es wenig Wissen über emotionale Intelligenz. In den Schulen wäre es angebracht, den Umgang mit Gefühlen zu lehren, ebenso ein Lehrfach einzurichten über positive Lebensgestaltung und Förderung einer wichtigen Fähigkeit: Kreativität. Dies führt in ein schönes Leben, und der junge Mensch muss nicht ausrasten, weil er psychische Probleme bekommt, in seinem Leben nicht mehr weiterkommt. Wichtig erscheint mir auch, das Lebenstempo zu drosseln, für Entspannung und Bewegung zu sorgen, statt sich immer mehr Reize von außen zuzuführen.

B. Müller, Wien

„Waffen – das obszöne Faszinosum“

Warum? Wie konnte es geschehen? Nach der Bluttat in Württemberg erheben sich wieder einmal dieselben Fragen. Journalisten versuchen, sie mit Informationsschnipseln zu beantworten, Politiker mit demonstrativen Bekundungen der Trauer. Auch die Ratlosigkeit in der Trauer darf nicht verhindern, dass weitergefragt wird, immer wieder. Nach der Bluttat von Erfurt ist das Waffenrecht verschärft worden. Damit ist eine mögliche Antwort gegeben worden, sie reicht nicht aus, sie hat nur beruhigt.

Schon der Begriff „Amoklauf“ oder „Amokschütze“ ist falsch. Ursprünglich hat man unter einem Amokläufer einen Täter im Blutrausch verstanden, und da der Begriff aus dem Malaiischen kommt, hat er etwas Mythisches gehabt. In Wikipedia habe ich gelesen, dass Amok entgegen dem späteren Sprachgebrauch im indonesischen Kulturkreis keine Einzeltat ist, sondern eine kriegerische Aktion, bei der einige wenige Krieger den Feind blindwütig attackieren, eine Aktion also, die von den Japanern in der erzwungenen Selbstaufopferung der Kamikazeflieger gegen Ende des zweiten Weltkriegs institutionalisiert worden ist. Dieser gesellschaftliche Hintergrund scheint mir wichtig zu sein – ohne Krieg gäbe es keinen „Amok“-Begriff! Ohne den Begriff Amok möglicherweise keine Nachahmungstäter.

Was in den Industrienationen als Amoklauf bezeichnet wird, wird mitnichten von völlig ausgerasteten Tätern begangen. Bei dem 17-jährigen Amokschützen entsprangen nach den Morden in der Realschule von Winnenden allenfalls die Anschlusstaten einem Kontrollverlust. Wer – das gilt für alle Schusswaffentaten in Schulen – eine Waffe erwirbt, um zu töten, oder eine Waffe entwendet und mit dieser Waffe eine Schule betritt, handelt mit Vorsatz. Daran ändert auch der vorübergehende Verlust der Impulskontrolle, die „innere Leere“ während der Tat, nicht das geringste.

Der sogenannte Amoklauf in Industrienationen ist kaltblütiger Mord, allenfalls ein erweiterter Suizid. Der Täter will sein Leben beenden oder nimmt zumindest sein eigenes Ende in Kauf, will aber noch andere „mitnehmen“.

Im Falle des 17-jährigen Tim K. wird untersucht werden, wie weit sich der Vater strafrechtlich schuldig gemacht hat. Ein Sportschütze, der ein Waffenlager im Haus hat, was für Sportschützen als ganz normal gilt, und offenbar eine Pistole sowie Munition nicht unter Verschluss hält, muss die Verantwortung für die Folgen übernehmen. Doch nun etwa eine strengere Überwachung von Sportschützen zu fordern, wäre zwar hilfreich für die Bewusstseinsschärfung, muss aber als Aktionismus anmuten, weil es das Problem nicht löst. Wer eine Bluttat begehen will, beschafft sich eine Waffe, möglicherweise sogar ganz legal.

Einzelne Maßnahmen, die jetzt gefordert werden, so wie sie nach Erfurt gefordert worden sind, dringen nicht zu den gesellschaftlichen Ursachen des Waffenmissbrauchs vor, der grundsätzlichen Akzeptanz von Mordwaffen. Ich fordere dazu auf, unser Verhältnis zu Waffen zu überdenken. Mein Standpunkt ist der eines entschiedenen Pazifisten. Ich bin es spätestens im Mai 1945 in einem verschlossenen Güterwaggon mit Stacheldraht vor der Luke geworden. In diesem mit 50 Soldaten vollgepferchten Waggon eines sowjetischen Gefangenentransportes waren wir alle Pazifisten; ich bin es geblieben. Als ich im September 1945 nach Hause kam – die meisten anderen aus dem Waggon waren wahrscheinlich in Sibirien –, fand ich es ganz in Ordnung, dass jeglicher Waffenbesitz streng geahndet war. Wer irgendwo eine Armeepistole versteckt hatte, spielte mit seinem Leben. Schützenvereine – mein Großvater war geachtetes Mitglied in einem solchen gewesen – waren verboten. Hat irgend jemand sie vermisst?

Das Volk der zwangsläufigen Pazifisten wurde von den Besatzungsmächten selbst umgepolt. Mit der Wiederbewaffnung durch Adenauer und seine Helfer, zu denen auch die katholische Kirche zählte (Karlheinz Deschner), einerseits und der kommunistischen These vom „gerechten Krieg“ andererseits durften Deutsche wieder Waffen erwerben und sich in Schützenvereinen organisieren. In der DDR geschah dies unter stringenter Kontrolle; der Privatbesitz von Waffen blieb verboten, übrigens auch in ganz Berlin bis zum Jahr 1991. Hat dies irgend jemand wirklich als Beschränkung der persönlichen Freiheit empfunden?

Die Situation heute: Die Zahl der legalisierten Waffen in Privatbesitz ist von null auf schätzungsweise 10 Millionen gestiegen. Man kennt die Zahl der Kraftfahrzeuge, die Zahl der ausgewiesenen Rechtsextremisten und die Zahl der Pferdehalter, aber man kennt nicht die exakte Zahl der legal verwahrten Schusswaffen in Privatbesitz. Wahrscheinlich spielt es auch keine Rolle, denn die Zahl der illegal beschafften Schusswaffen wird auf das Zweifache der Zahl legal erworbener Schusswaffen geschätzt. Wer bei Rot über die Kreuzung fährt, muss gewärtig sein, dass die Kreuzung überwacht und er bestraft wird, denn er könnte ja andere Verkehrsteilnehmer gefährden. Zwanzig Millionen Schusswaffen, die irgendwo zwischen Flensburg und Konstanz frei flottieren, sind kein Grund, dass sich dieser Staat einen Kopf darüber macht.

Weshalb fragt man nicht erst beim Täter, sondern bereits bei den Waffenliebhabern nach den psychischen Strukturen? Wie sind sie bei denjenigen beschaffen, die Waffen zu ihrem Hobby gemacht haben und im Umgang damit einen Sport sehen? Waffen wirken offenbar auf viele, gerade auch auf Kinder und Jugendliche, als ein Faszinosum. Doch niemand untersucht, weshalb es das ist. Psychologen wenden sich den Opfern zu, allenfalls den Tätern, aber nicht den Ursachen der Waffenliebhaberei. Diese Beschränkung der Forschung auf Symptome statt auf Ursachen kommt uns außerordentlich bekannt vor.

Tiefenpsychologisch müsste man heute bei Erich Fromms Nekrophilie und Alexander Mitscherlichs analer Fixierung ansetzen. Was könnte nekrophiler sein als der Schuss ins Schwarze? Der schwarze Punkt auf der Scheibe markiert den tödlichen Einschuss. Das obszöne Faszinosum der Waffen wird durch die Medien verstärkt. Alle Welt diskutiert nun über Gewaltvideos. Doch man muss nur an den Schusswaffengebrauch im deutschen Fernsehen denken; von sex and crime überwiegt jede Woche bei weitem crime. In den Trailern zu den Folgen von Kriminalserien dominiert der Schusswaffengebrauch. Die Trailer werden zu Zeiten ausgestrahlt, an denen Kinder und Jugendliche vor dem Bildschirm sitzen. Auf diese Weise werden sie an die Waffe als Konfliktlösungsmodell gewöhnt.

Weil Waffen ein Faszinosum sind, hat sich ein Markt entwickelt; er reicht von der Waffenproduktion über den Waffenhandel bis zum Modebereich, zur Waffenmesse und zur Fachzeitschrift. Wer wollte ihn antasten? Die Zahl der Mitglieder in den deutschen Schützenvereinen ist von ursprünglich null auf 1,2 Millionen gestiegen. Das ist ein Drittel mehr als die Zahl der Mitglieder im Deutschen Leichtathletik-Verband. Wohl jeder Läufer ist wahrscheinlich irgendwann einmal im Leben gefragt worden: Wovor lauft ihr eigentlich davon? Welchem Schießsportler hingegen ist die Frage gestellt worden: Auf wen zielst du, wenn du ins Schwarze zielst? Wen willst du eigentlich erschießen?

Der pazifistische Standpunkt kann nur der sein, Deutschland zu einer im bürgerlichen Leben wieder schusswaffenfreien Zone zu machen und Waffen allein zur Durchsetzung des staatlichen Gewaltmonopols und, wenn’s denn sein muss, zur Jagd zu verwenden. Im Gegensatz zu anderen Sportarten könnte der Schießsport virtuell ausgetragen werden. Im Hinblick auf das, was in zehn Jahren alles an Software programmiert worden ist – bis hin zu fiktiven Flugprogrammen –, müsste es auch gelingen, reale Waffen durch virtuelle zu ersetzen. Da brauchte man nicht einmal alle Killerspiele zu verbieten.

Was so utopisch klingt, ist die einzige realistische Lösung des aus den USA importierten Problems. Der andere Weg, nämlich labile Menschen, Menschen mit psychischem Defizit, potentiell Straffällige herauszufiltern und sie von Waffen fernzuhalten, kann nicht funktionieren. Jedes gesunde Kind durchlebt eine Phase von Omnipotenz; alles scheint möglich. In einer gesunden Entwicklung machen die Omnipotenzgefühle der frühen Kindheit der Realitätsorientierung Platz. Doch wie in jeder anderen Lebensphase kann es zu einer Fixierung kommen, einem Stillstand der Entwicklung. Gerade verwöhnte Kinder, die alles bekommen, was sie sich nur wünschen, können in der Phase der Allmachtsgefühle verharren. Durch die Helden von Actionfilmen werden sie konditioniert. Worin kann sich die eigene Omnipotenz stärker zeigen als darin, Herr über Leben und Tod zu sein?

Politische Folgerungen sind sinnvoller, als etwa ein Schulgebäude deshalb abzureißen, weil in ihm eine Bluttat verübt worden ist. Der erste Schritt wäre, das Hobby Waffenbesitz und Waffengebrauch psychologisch zu durchleuchten und in der „Anatomie der menschlichen Destruktivität“ (Erich Fromm) seinen nekrophilen Charakter zu erkennen. Vielleicht wäre dann mancher „Waffennarr“ über sich selbst erschrocken. Der zweite Schritt wäre, auf die Ächtung der Waffen deren gesetzliches Verbot folgen zu lassen.

Ich widme diesen Text einem unbekannten polnischen Partisanen, der im Februar 1945 in den Beskiden seine Pistole auf mich richtete, zielte und nicht abdrückte.

Werner Sonntag

Unsere
Sonderhefte

Die 2- bis 3-mal im Jahr erscheinenden Ausgaben unserer Reihe Psychologie Heute compact setzen sich jeweils intensiv mit einem Thema auseinander. Die Hefte erhalten Sie in unserem Onlineshop. Nicht aufgeführte Ausgaben sind leider schon ausverkauft.

Depression

Die Krankheit verstehen –
Die richtige Behandlung –
Neue Hoffnung schöpfen
(Heft 23)
Inhaltsverzeichnis
Das Heft bestellen

Strategien der Lebenskunst

Sichere Inseln
im Strom
der Zeit
(Heft 22)
Inhaltsverzeichnis
Das Heft bestellen

Hilfe für die Seele

Was
Psychotherapie leisten kann
(Heft 21)
Inhaltsverzeichnis
Das Heft bestellen

Älterwerden

Gelassener leben – Zu sich selbst finden – Die Früchte ernten
(Heft 20)
Inhaltsverzeichnis
Das Heft bestellen

Glaubenssachen

Religion
Spiritualität
Esoterik
(Heft 19)
Inhaltsverzeichnis
Das Heft bestellen

Selbsterkenntnis

Wer bin ich? Was kann ich? Was kann ich ändern? (Heft 18)
Inhaltsverzeichnis
Das Heft bestellen

Glücksmomente

Was wirklich zählt und was das Leben gelingen lässt (Heft 17)
Inhaltsverzeichnis
Das Heft bestellen

Liebesleben

Liebesleben: Was ist das Rezept für eine glückende Beziehung? – Sexualität – Probleme und Lösungen (Heft 15)
Inhaltsverzeichnis
Das Heft bestellen

Erfolg!

Ziele erreichen – Dem Erfolg auf die Sprünge helfen – Damit das Leben ein Erfolg wird (Heft 5)
Inhaltsverzeichnis
Das Heft bestellen

Frauen

Das haben wir erreicht – Die Balance zwischen Anspruch und Wirklichkeit – Medizin: Das Wissen wächst (Heft 2)
Inhaltsverzeichnis
Das Heft bestellen

Gesundheit für Leib und Seele

Psyche und Gesundheit – Moderne Leiden – Die Gesundheit managen – Alternative Medizin (Heft 1)
Inhaltsverzeichnis
Das Heft bestellen

Immer gut
informiert!

Am Erscheinungstag eines neuen Heftes informiert Sie unser Newsletter über dessen Inhalte. Wenn Sie möchten, erhalten Sie ihn auch nur, sobald ein neues Sonderheft in der Reihe „Compact“ erscheint.

Das aktuelle Heft,
Ausgabe 4/10:

Titelbild aktuelle Ausgabe

Das letzte Heft,
Ausgabe 3/10:

Titelbild letzte Ausgabe

Das vorletzte Heft,
Ausgabe 2/10:

Titelbild vorletzte Ausgabe
Banner: Zum aktuellen Heft
Banner: Zum Compact-Sonderheft: Depression

SUCHMASCHINE

Das Sucheingabefeld wieder schließen

SUCHMASCHINE

Das Sucheingabefeld wieder schließen