Empathische Menschen lieben milde Töne

 31. Juli 2015

Als er noch Minister war, kokettierte Karl-Theodor zu Guttenberg nicht ungern mit seinem Musikgeschmack. Sein Outing als AC/DC-Fan sollte wohl besagen: Schaut her, was für ein wilder Kerl ich unter dem Gelhaar und dem Maßanzug doch noch immer bin! Doch wie es scheint, legt seine Vorliebe für diese Art von Krachmusik so ziemlich das Gegenteil nahe, nämlich dass dieser Mensch einen technokratischen, wenig einfühlsamen Denk- und Empfindungsstil mitbringt.

Ein Forschungsteam der University of Cambridge hat jetzt in mehreren Studien mit insgesamt mehr als 4000 Teilnehmern erforscht, inwieweit der „kognitive Stil“ eines Menschen dessen Musikgeschmack prägt. Sie unterschieden dabei zwei Typen: Personen mit einem einfühlsamen Stil – die „Empathisierer“ – richten ihre Aufmerksamkeit auf die Gefühle von anderen, versetzen sich in deren Lage und richten ihr Verhalten danach aus. Den Gegenentwurf dazu bilden die Systematisierer. Menschen dieses Typs halten in der Welt nicht nach Emotionen, sondern nach Regeln und Mustern Ausschau. Im Extremfall neigen sie zum Autismus.

David Greenberg und seine Mitforscher präsentierten ihren Versuchspersonen nun über eine Facebook-App Musikbeispiele aus 26 Musikgenres und Untergenres und ließen sie bewerten, wie ihnen diese jeweils gefielen. Wie sich herausstellte, mochten die Empathisierer am liebsten sanfte Musik wie R&B und Softrock sowie schnörkellose, unprätentiöse Richtungen wie Country, Folk und Singer-Songwriter. Heftige und deftige Musik wie Punk oder Heavy Metal war ihnen hingegen zuwider. Dies war nun aber genau die Art von Geröhre, auf das die Systematisierer à la Guttenberg standen. Sanftes Gesäusel fanden diese Leute öde. Für sie musste Musik laut sein und starke Reize bieten.

Emotionen versus Energie

Diesen ersten Eindruck bestätigte dann eine tiefere Analyse der Musikstücke, die die beiden Typen bevorzugten: Die Lieblingssongs der Empathisierer waren wenig energiegeladen, also sanft, reflexiv, sinnlich, warm. Diese Art von Musik transportierte oft auch wenig pflegeleichte Gefühle wie Kummer und Melancholie, sie hatte insgesamt mehr „emotionale Tiefe“. Das Getöse, auf das Systematisierer standen, hatte die entgegengesetzten Eigenschaften: hochenergetisch und voller Spannung, belebend, spaßig und voller positiver, aber nicht sonderlich tiefschürfender Emotionen. Allerdings tolerierten die Systematisierer mehr Komplexität in den Melodien als die einfühlsamen Charaktere.

Digitale Musikplattformen wie Spotify könnten sich also womöglich all die Algorithmen sparen, mit denen sie anhand des Kauf- und Klickverhaltens den Musikgeschmack ihrer Kunden einzukreisen versuchen. Eine Abfrage ihres „kognitiven Stils“ würde vielleicht zu treffgenaueren Empfehlungen führen, behauptet Greenberg, der nicht nur Forscher, sondern auch ein ausgebildeter Jazzsaxsophonist ist.

Frühere Studien hatten bereits gezeigt, dass die musikalischen Vorlieben von Persönlichkeitseigenschaften wie Extra- und Introversion oder Verträglichkeit gespeist werden. „Diese Forschungslinie wirft ein Licht darauf, in welcher Weise Musik ein Spiegel des Selbst ist“, kommentiert Studienleiter Jason Rentfrow. Musik sei ein Ausdruck unseres emotionalen, kognitiven und sozialen Wesens.

Musikalische Klassenschranken

Letzteres hat jüngst eine kanadische Studie an der University of British Columbia bestätigt: Der Musikgeschmack eines Menschen ist keineswegs von Geburt an in seine Persönlichkeit eingebrannt, sondern hängt von der sozialen Umgebung ab, in der er groß wird, von der Sozialisation, die er erfährt. Die Soziologen um Gerry Veenstra führten 1600 Telefoninterviews in Vancouver und Toronto, in denen die individuellen Vorlieben und Abneigungen gegenüber 21 Musikgenres abgefragt wurden.

Das Ergebnis: Teilnehmer mit überschaubarem Einkommen und geringer Bildung begeisterten sich für Country, Disco, Easy Listening, „goldene“ Oldies, Heavy Metal und Rap. Ihre betuchteren und besser ausgebildeten Mitbefragten delektierten sich hingegen an Klassik, Blues, Jazz, Oper und Chor, Rock, an Weltklängen und Musiktheater. Teilweise traten krasse Klassenschranken zutage. So hatten die am wenigsten gebildeten Probanden achtmal so häufig eine Abneigung gegen klassische Musik wie die Teilnehmer mit dem höchsten Bildungsniveau.

Thomas Saum-Aldehoff

Quellen: University of Cambridge, University of British Columbia via EurekAlert und ScienceDaily

Originalstudien:
D. M. Greenberg u.a.: Musical preferences are linked to cognitive styles. PLOS ONE (online vorab)
G. Veenstra: Class position and musical tastes. Canadian Review of Sociology, 52/2, 2015, 134

 

 

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