Zeit lindert die Trauer

 11. Februar 2016
Bild: dpa/picture alliance

Trauergesteck mit Kerzen und Blumen auf dem Bahnhof von Bad Aibling

Das Zugunglück von Bad Aibling ist gerade mal ein paar Tage her. Der Schock sitzt noch tief, das Mitgefühl für die Angehörigen und alle anderen Trauernden ist groß. Wie bewältigen die Betroffenen ihren Verlust? Und wie lange dauert es, bis das Schlimmste überwunden ist? Psychologen der Universität Würzburg haben diese Fragen in einer aktuellen Studie untersucht. Ihre Ergebnisse korrigieren einige gängige Vorstellungen vom Trauern.

Mehr als 500 Personen haben an der Studie teilgenommen; die meisten von ihnen hatten ihren Partner verloren oder waren verwaiste Eltern. Für die Untersuchung beschrieben sie ihr Erleben nach dem Verlust anhand eines neuen Fragebogens. So konnten die Wissenschaftler verschiedene Aspekte des Trauerns messen.

„Wir haben uns dabei besonders für die Dauer des Trauerprozesses interessiert“, erklärt Joachim Wittkowski, Seniorprofessor an der Fakultät für Humanwissenschaften der Universität Würzburg. Er hat gemeinsam mit Rainer Scheuchenpflug, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Psychologie III, die Untersuchung durchgeführt.

Deutliche Veränderungen in den ersten Jahren

Vor allem während der ersten zweieinhalb Jahre nach dem Todesfall zeigte sich dabei ein deutliches Auf und Ab: „Innerhalb des ersten Jahres nehmen Beeinträchtigungen durch unangenehme Gedanken und Gefühle einerseits und das Empfinden der Nähe zu der verstorbenen Person andererseits an Intensität stark zu“, so Wittkowski. Ähnlich stark nimmt dann aber die Intensität während der folgenden 12 bis 18 Monate ab. Insgesamt leiden Frauen stärker unter dem Verlust einer nahen Bezugsperson als Männer.

Auf längere Sicht, also über den Zeitraum von drei Jahren hinaus, lassen die belastenden Gefühle und Gedanken, aber auch die empfundene Nähe zur verstorbenen Person beständig nach. „Am Ende der ‚heißen Phase‘ des Trauerns nehmen positive Erlebens- und Verhaltensmöglichkeiten zu, genauso wie die Fähigkeit zu Anteilnahme und Mitgefühl mit anderen Menschen“, sagt Wittkowski. Dieser Trend bleibe auch mehr als zehn Jahre nach dem Verlust bestehen. Schuldgefühle allerdings hielten langfristig nahezu unverändert auf einem mittleren Intensitätsniveau an.

Die Trauernden wachsen an der Bewältigung des Verlusts

Aus Sicht der Wissenschaftler berichtigen diese Ergebnisse, die für Personen aus dem deutschsprachigen Raum bisher einmalig sind, einige gängige Vorstellungen vom Trauern. „Neben Kummer ist Trauern auch mit persönlichem Wachstum verbunden, das von den Betroffenen rückblickend positiv erlebt wird“, erklärt Joachim Wittkowski. Die Bewältigung des Verlusts eines geliebten Menschen könne also zu einer vorteilhaften Veränderung des Betroffenen führen. „Die Zeit bringt den Schmerz des Trauerns nicht zum Verschwinden, sie vermag ihn aber zu lindern.“

Trauern ist ein Prozess, der sich lange hinzieht – auch das zeigt die Studie. Für viele Betroffene ist er nicht nach wenigen Monaten und nicht einmal nach dem traditionellen Trauerjahr abgeschlossen. „Erst im zweiten Jahr nach dem Verlust entscheidet sich, ob die Beeinträchtigungen abnehmen oder auf hohem Niveau bestehen bleiben, ob also ein normaler Bewältigungsprozess oder ein behandlungsbedürftiges Trauern vorliegt“, so die Wissenschaftler. Für die Diagnose einer anhaltenden komplexen Trauerreaktion sei dies von eminenter Bedeutung.

Quelle: Julius-Maximilians-Universität Würzburg via idw

 

Originalstudie:

Joachim Wittkowski, Rainer Scheuchenpflug: Zum Verlauf „normalen“ Trauerns. Verlusterleben in Abhängigkeit von seiner Dauer. Zeitschrift für Gesundheitspsychologie, 23, 2015, 169–176

Emotion & Kognition

Unser Wille: freier als gedacht

Haben wir Menschen einen freien Willen, entscheiden wir wirklich selbst, was wir tun? Wissenschaftler wie Wolf Singer vom Frankfurter Max-Planck-Institut für Hirnforschung sind skeptisch: Singer verneint die Frage nach dem freien...
>> weiterlesen

Medien & Gesellschaft

E-Mail ist das Medium der großen Gefühle

Wie ist das heutzutage? Findet Liebesgeflüster noch immer am Telefon statt („Hier hast du meine Nummer!“)? Oder schickt man sich lieber eine schmachtende „Voicemail“, eine Sprachnotiz per WhatsApp? Auf jeden Fall keine E-Mail!...
>> weiterlesen

Gesundheit & Psyche

Gärtnern gegen die Einsamkeit im All

Scott Kelly war stolz wie Harry. „Ja, es gibt andere Lebensformen im All!“ postete der amerikanische Langzeitastronaut vor zwei Wochen, am 16. Januar, überschwänglich auf Twitter. Und er fügte ein Foto der makellosen Blüte einer...
>> weiterlesen

Familie & Erziehung

Mein rätselhaftes Kind

Wie geht es meinem Sohn, wie geht es meiner Tochter? Eltern beantworten diese Frage verblüffend ungenau, sagen die Psychologinnen Belén López-Pérez und Ellie Wilson von der Universität von Plymouth in England. Schließlich sollte...
>> weiterlesen

Partnerschaft & Sexualität

Die Liebe in den Zeiten von Tinder

Unkompliziert neue Kontakte knüpfen: Das verspricht die App Tinder. Über die mobile Anwendung, die Nutzer per Wisch-Prinzip über die Attraktivität anderer entscheiden lässt, lassen sich Flirtwillige in der Umgebung ausmachen –...
>> weiterlesen

Arbeit & Freizeit

Wochenendarbeit: halb so schlimm?

Glücklich ist, wer noch einen Beruf ausübt, in dem er nur von Montag bis Freitag gefordert ist. Fast die Hälfte der Erwerbstätigen in Deutschland arbeitet mittlerweile auch am Wochenende, und mehr als jede und jeder Vierte muss...
>> weiterlesen

Aboservice

Jahres-, Studenten- oder Geschenkabo: Sie wählen Ihr Abonnement – wir bieten interessante Prämien! Zum Abo-Shop.

 

 

Neu im Shop

John Kounios, Mark Beeman: das Aha!Erlebnis

Wie plötzliche Einsichten entstehen und wie wir sie erfolgreich nutzen. Aus dem Amerikanischen von Nele Junghanns. DVA, 2015, 318 Seiten

19,99 €inkl. 7% MwSt.