Unsere Freunde ahnen, wie lange wir leben

 29. Januar 2015
Bild: Getty Images

Unsere Freunde können vorhersagen, wie alt wir werden. Zwar sind sie keine Hellseher und kennen deshalb unseren exakten Todestag nicht. Doch aus ihrer Einschätzung unserer Persönlichkeit können Psychologen ableiten, ob wir eine hohe oder niedrige Chancen haben, steinalt zu werden.

Denn wer feiert überhaupt seinen 80. oder 90. Geburtstag? Die Wahrscheinlichkeit steigt für Menschen, die sich ihr Leben lang gesund ernähren, regelmäßig Sport treiben und sich beim Autofahren ordnungsgemäß anschallen. Und die Wahrscheinlichkeit für diese vernünftigen Verhaltensweisen wiederum ist höher für besonders gewissenhafte Menschen. Dieses Charaktermerkmal können Psychologen gut messen.

Amerikanische Forscher um Joshua Jackson von der Washington-Universität in St. Louis haben nun erstens gezeigt, wie gut die Persönlichkeit die Lebenserwartung vorhersagt. Und zweitens haben sie belegt, dass die Urteile von Freunden genauer sind als Selbsteinschätzungen.

Die amerikanischen Psychologen nutzten die Daten von 600 Männern und Frauen aus Connecticut. Die Frauen und Männer hatten seit 1935 an einer Längsschnittstudie teilgenommen. Zu Beginn der Erhebung hatten die damaligen Mittzwanziger Fragen zu ihrer Persönlichkeit beantwortet; zudem hatten jeweils drei bis acht enge Freunde Auskunft gegeben. Für fast alle der ursprünglichen Teilnehmer konnten Joshua Jackson und seine Kollegen ermitteln, ob sie zu Anfang des 21. Jahrhunderts noch lebten oder zwischenzeitlich verstorben waren.

Die statistische Auswertung zeigte, dass Männer, die in den 1930er Jahren als offen für neue Erfahrungen und gewissenhaft eingeschätzt worden waren, älter geworden waren als die anderen Teilnehmer. Die Psychologen geben diesen Zusammenhang in schwer zu interpretierenden statistischen Kennzahlen an, sogenannten Hazard Ratios. Doch Joshua Jackson erklärt, was man sich darunter in etwa vorstellen kann. Im Mittel hatten die Männer in der Studie eine Lebenserwartung von 75 Jahren. Teilnehmer mit einer moderat überdurchschnittlichen Gewissenhaftigkeit hatten, so Jackson, im Schnitt 7,5 Jahre länger zu leben als Altersgenossen, die von ihren Freunden für unterdurchschnittlich vernünftig gehalten wurden. Der Unterschied ist also nicht zu verachten.

Für Frauen fanden die Psychologen andere Werte. Die Teilnehmerinnen starben später, wenn sie als emotional stabil und liebenswürdig beschrieben wurden. Nach Ansicht der Wissenschaftler waren diese Eigenschaften für Frauen, die in den 1930er Jahren jung waren, gesellschaftlich erwünscht. Sie passten zur erwarteten Rolle als unterstützende und unbekümmerte Hausfrau. Joshua Jackson vermutet jedoch, dass sich diese Geschlechterunterschiede heute nicht mehr finden lassen. Beweisen ließe sich das aber nur mit einem Blick in die Zukunft – wenn man wüsste, was aus den heutigen Mittzwanzigern wird.

Doch warum waren die Einschätzungen von Freunden überhaupt aussagekräftiger als die Selbstauskünfte der Männer und Frauen aus Connecticut? Die amerikanischen Psychologen meinen, dass Freunde Dinge an uns sehen, für die wir selbst blind sind. Zudem nutzten die Wissenschaftler für ihre Untersuchung die Urteile mehrerer Freunde. Das ergab in der Gesamtschau ein genaueres Bild, in dem die blinden Flecke Einzelner weniger ins Gewicht fielen. In der Selbsteinschätzung ist uns das naturgemäß nicht möglich: Wir sind immer nur eine Person.

In Zukunft, so glaubt Joshua Jackson, könnte es hilfreich sein, in Fragen des gesunden Lebensstils nicht nur auf Selbstauskünfte zu setzen, sondern auch die Urteile von nahestehenden Menschen, etwa Familienmitgliedern, aber auch von Ärzten heranzuziehen.

Johannes Künzel

Quelle:
Joshua Jackson u. a.: Your friends know how long you will live: A 75-year study of peer-rated personality traits. Psychological Science, 2015. DOI: 10.1177/0956797614561800 (Abstract)

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