Das Glück im Garten

 24. April 2015

Wer sät, wird ernten: Ein Schrebergarten macht Mühe – aber er steigert auch das Wohlbefinden

Ein eigener Garten ist für viele ein Traum. Aber wie erfüllend ist das kleine Grün wirklich? Zwei Studien zum Schrebergärtnern zeigen: Die Arbeit im Garten macht in bestimmter Hinsicht tatsächlich glücklicher.

Ein Stück Natur, ganz für mich allein: Das ist ein Traum, den sich vor allem viele Städter gerne erfüllen würden. Etwa 12.000  dieser Sehnsüchtigen soll es laut dem Bundesverband Deutscher Gartenfreunde (BDG) allein in Berlin geben. Sie alle warten auf einen Kleingarten – ihr eigenes kleines Grün mitten im Grau der Großstadt.

Was genau die Menschen an die Harke treibt? Der BDG vermutet Verschiedenes. Ein solcher Garten hole seine Pächter aus der Alltagshektik heraus und „erde“ sie gleich in mehrerlei Weise, heißt es auf der Website des Verbands. Einer der „Gartentrends 2015“ sei: „Spießig ist das neue Cool.“ Vielleicht wirkt aber auch die Vorstellung einer wilden Blumenwiese anziehend, jene Art der Rabatte, die nach Angaben des BDG unter dem Label „New German Style“ derzeit auch in Großbritannien, „dem Mutterland der Gärten“, für Aufsehen sorge. Oder ist es die Lust auf eine besondere, weil selbst gezogene Möhre? Der Kleingarten tauge schließlich auch zum Statussymbol, meint zumindest der BDG.

Wie klar oder diffus die Vorstellungen auch immer sein mögen – ob sie sich erfüllen, wenn endlich die Aufnahme in einen der Vereine geschafft ist, kann nur die Erfahrung zeigen. Die Zeitschrift Ecopsychology bemüht sich in zwei aktuellen Beiträgen aufzuklären, was genau ein Schrebergarten den etwa eine Million Pächtern in Deutschland und den vielen weiteren in den anderen europäischen Ländern mit einer ähnlichen Tradition gibt.

Gartenarbeit vermittelt Sinn – und Stolz

Die Untersuchung von Donald Roberson und Michael Kudlacek von der Palacky-Universität im tschechischen Olomouc ist dabei auch deshalb besonders, weil sie sich über fünf Jahre erstreckte. Mit ihrer qualitativen Studie wollten die Forscher ergründen, welche positiven Impulse Kleingärtnerei auslösen kann. Dafür entwickelten sie einen Fragebogen aus Gesprächen mit  Schrebergartenbesitzern in verschiedenen Gartenkolonien, die unter anderem auch ihre Tätigkeiten in der Parzelle protokollierten. 24 Hobbygärtner beantworteten die Fragen, fünf von ihnen nahmen zudem an einer weiterführenden Diskussion zum Thema teil.

Ein Garten bedeute mehr als nur Muße, „das ist freie Zeit, die Sinn ergibt“, leiten die Forscher als eine Haupterkenntnis aus den Ergebnissen ab. Die neu erworbene Identität als Kleingärtner empfänden die Besitzer, die sonst oftmals in stark bevölkerten Häusern wohnten, als  emotionale Belohnung, sie erfreuten sich daran, an Aktivitäten außerhalb ihrer Wohngebäude beteiligt zu sein und seien stolz auf die Früchte ihrer Arbeit, die sie zudem als aufregend und bedeutsam erlebten.

Auch das soziale Eingebundensein tat den Befragten gut. Viele von ihnen diskutierten mit den Besitzern anliegender Grundstücke übers Gärtnern und andere Themen und nutzten den Garten, um  Zeit mit ihren Familien zu verbringen, was die meistgenannte Tätigkeit war. An zweiter Stelle folgt „ein Nickerchen machen“, und diese Erholungsmöglichkeit von den Belastungen des Alltags ist ebenfalls ein wichtiger Vorteil eines Gartens – obwohl die Pflege viel Kraft und Zeit kostet, was die Besitzer aber durchaus als lohnenswert und gesundheitsfördernd beschreiben.

Dass wohl vor allem auch diese Mühen das besondere Gartenglück ausmachen, bestätigt einer Studie von Wissenschaftlern der Canterbury Christ Church University. Sie befragten 171 Kleingärtner in Großbritannien und fanden dabei heraus, dass deren Gefühl des Wohlbefindens zwar größer ist – allerdings betreffe das nur das sogenannte eudämonische Wohlbefinden.

Zu viel Zeit im Kleingarten kann soziales Wohlbefinden beeinträchtigen

Darunter versteht man das gute Gefühl, etwas Sinnvolles, Erfüllendes zu tun und gemäß der eigenen Maßstäbe leben zu können. Das subjektive Wohlbefinden dagegen meint die häufige Empfindung positiver Gefühle und das geringe Erleben negativer sowie eine hohe Lebenszufriedenheit. In dieser Hinsicht scheint der Schrebergarten gemäß der Untersuchung der Forscher um Jo Webber aber keine Rolle zu spielen: Bei den befragten Kleingärtnern, die im Sommer durchschnittlich zwölf Stunden pro Woche in ihren Parzellen verbrachten,  wurde kein solcher Zusammenhang festgestellt.

Tatsächlich beeinflusste die im Garten verbrachte Zeit zumindest das soziale Glückserleben sogar negativ: Je mehr Stunden die Teilnehmer im eigenen Grün verbrachten, desto stärker fühlten sie sich sozial beeinträchtigt – obwohl in dieser wie auch in anderen Studien häufig das Gefühl der Verbundenheit im Schrebergartenverein gelobt wurde. Das eudämonische Wohlbefinden hingegen stieg mit der Dauer des Gartenaufenthalts, genau wie das Gefühl der Verbundenheit zur Natur.

Die Autoren schließen daraus, dass Kleingärtnern wohl vor allem solche Menschen anspricht, die gerne für sich sind und ihren Garten eher „als Platz zum Flüchten nutzen, anstatt unter Leute zu gehen“. Das würde zumindest erklären, warum in Großstädten wie in Berlin so viele Leute auf einen Garten hoffen. Ein Stück Natur, ganz für mich allein – was kann es in einer überfüllten Stadt Schöneres geben.

Eva-Maria Träger

Donald N. Roberson Jr., Michal Kudlacek: The garden colony: Restorative ecology. Ecopsychology, 7(1), 2015, 12-19. DOI:10.1089/eco.2014.0045. (Abstract)
Jo Webber u.a.: The well-being of allotment gardeners: A Mixed Methodological Study. Ecopsychology, 7(1), 2015, 20-28. DOI:10.1089/eco.2014.0058. (Abstract)

 

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