Du guckst und liest, was du bist
22. Februar 2012
Die meiste Zeit unseres Wachlebens über sind wir nicht ganz in dieser Welt. Wir sind dann – zumindest mit einem Teil unserer Aufmerksamkeit – in einem Kosmos, den andere für uns kreiert haben: Wir lesen ein Buch oder einen Zeitschriftenartikel, schauen die Fernsehnachrichten oder eine Show, gehen ins Kino, hören Musik oder ein Hörspiel. Laut einer Umfrage der Motion Picture Association of America verbringen Amerikaner 55 Prozent ihrer Nichtschlafenszeit in Medienwelten. Davon entfallen 39 Prozent auf Bücher, Zeitungen und Magazine, 19 Prozent auf Filme, 6 Prozent auf Musik, 13 Prozent auf Internet und Videospiele.
Hierzulande ist das wohl nicht viel anders. Mehr oder weniger sind wir alle Medienjunkies. Doch wir unterscheiden uns in unseren Geschmäckern und Vorlieben. Ein britischer, ein amerikanischer und ein israelischer Forscher haben jüngst in einer umfangreichen Studie festgestellt, dass sich diese individuellen Faibles in fünf medienübergreifenden Geschmackskategorien bündeln: Manche mögen es menschelnd, andere ästhetisch, wieder andere düster oder spannend oder intellektuell. Und: Welche dieser Gattungen wir bevorzugen, hängt in systematischer Weise mit unserer Persönlichkeit zusammen.
Peter Rentfrow von der University of Cambridge und seine Kollegen Lewis Goldberg und Ran Zilca untersuchten diese Zusammenhänge anhand von drei ganz unterschiedlichen Teilnehmerstichproben: Sie befragten knapp 2000 Studentinnen und Studenten der University of Texas, ferner sämtliche auskunftswilligen 736 Einwohner der Gemeinde Eugene-Springfield in Oregon sowie 545 Interessierte, die sich per Internet an der Studie beteiligten.
Anhand von Vorstudien hatten die Forscher 22 Musik-, 34 Print-, 18 Film- und 34 TV- Genres ermittelt, von Folk über Biografien und Mystery bis zu Sportsendungen. Für jedes dieser 108 Genres mussten die Teilnehmer auf einer siebenstufigen Skala kennzeichnen, wie sehr oder wie wenig sie es mochten. Außerdem füllten sie einen Persönlichkeitsfragebogen aus, absolvierten einen kurzen Intelligenztest und beantworteten Fragen zu ihrem biografischen Hintergrund.
Wie die statistische Datenanalyse ergab, ließen sich die Medienvorlieben all der Probanden, ungeachtet ihrer doch sehr unterschiedlichen Herkunftsmilieus, statistisch zu fünf großen, weitgehend stichproben- und medienübergreifenden Kategorien bündeln. Also: Wer auf eine ganz bestimmte Art von Filmen steht, liest mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit auch gern eine ganz bestimmte Art von Romanen und mag eine gewisse Sorte Musik. Diese fünf Mega-Genres waren folgende:
Zwischenmenschliches: Diese Darstellungen bedienen ein empathisches Interesse an Menschen und Beziehungen. Darunter fallen zum Beispiel Liebesfilme und Liebesromane, Boulevardtalkshows, Familiensendungen, Soaps, Comedy in Wort und Bild sowie beschwingte Pop- und Showmusik.
Ästhetik: Hier versammelt sich vergleichsweise Anspruchsvolles für die Gebildeten und Kulturinteressierten. Die Inhalte sind kreativ, künstlerisch, manchmal abstrakt. Typisch sind etwa klassische und Opernmusik, aber auch Jazz, Kunst- und Gedichtbände, Filmklassiker und Independent-Filme, Sachbücher und Artikel etwa aus Philosophie und Wissenschaft.
Düster-Dämmriges: Diese Art von Medieninhalten zielen auf Kundschaft, die es heftig und anstößig mag und aus ihren hedonistischen Motiven keinen Hehl macht. Charakteristische Genres dieser Kategorie sind Punk- und Heavy-Metal-Musik, Horrorfilme und -bücher sowie erotische Eindeutigkeiten quer durch alle Medien.
Spannung: In dieser Gattung sind Action, Abenteuer, Aufregung und Fantasie gefragt. Da tummeln sich Thriller, Spionageromane und -filme, Science Fiction und Fantasy oder Mystery – alles, was mitreißt, die Angstlust weckt und den schnöden Alltag für eine Weile ausblendet.
Intellekt: Hier wird der Verstand angesprochen. Die Sendungen und Texte vermitteln Informationen, Fakten, Wissen. Darunter fallen Wissenschaftssendungen und -beiträge, Nachrichten, Hintergrundberichte und Dokumentationen. Musikgenres sind in dieser Kategorie nicht vertreten.
Peter Rentfrow und seine Mitforscher interessierte nun, ob und wie diese fünf großen Unterhaltungsgeschmäcker mit Merkmalen ihrer Anhänger in Verbindung stehen – und wurden fündig, zum Beispiel beim Geschlecht: Frauen, wer hätte das gedacht, haben ein Faible fürs Zwischenmenschliche, und die Gebildeten und Intelligenten unter ihnen fühlen sich auch zu ästhetischen Inhalten hingezogen. Die düsteren und schlüpfrigen Stoffe sind hingegen eher etwas für Männer, aber auch für junge Leute beiderlei Geschlechts. Ältere Menschen, vor allem wiederum die Männer, wissen Wissensbeiträge stärker als andere zu schätzen.
Vor allem aber stellten die drei Forscher fest, dass die fünf großen Medieninhaltsabteilungen jeweils mit einer ganz bestimmten Konstellation von Persönlichkeitseigenschaften ihrer Liebhaber korrespondierten:
Das zwischenmenschliche Genre versammelt Menschen von verträglichem und ausgleichendem Temperament mit all seinen Facetten: Liebenswürdigkeit, Wärme, Einfühlungsvermögen, Hilfsbereitschaft. Hinzu kommt eine Spur Nachdenklichkeit und Pflichtgefühl.
Von ästhetischen Inhalten fühlen sich Personen mit folgenden Persönlichkeitszügen angesprochen: Intellekt, Kreativität, Aufgewecktheit, Selbstbeobachtung, Einfallsreichtum, Kompetenz, Einfühlungsvermögen, aber auch Führungswille und Gelassenheit. Es sind dies oft Leute, die in steter Tuchfühlung zu ihrem Verstand und ihren Empfindungen stehen.
Das Dunkle in Film, Buch und Musik suchen – dem Klischee entsprechend – Gemüter von oft wenig ausgeprägter Verträglichkeit und Liebenswürdigkeit, denen aber doch nicht selten eine intellektuelle Note eigen ist. Sie fahren nicht besonders auf Pflichten ab, ebenso wenig auf Umsicht, Rücksichtnahme, Moral, Einfühlung in andere. Sie sind überdurchschnittlich kreativ, einfallsreich, widerspruchsfreudig, extravertiert und selbstdarstellerisch.
Intellektuelle Medieninhalte sprechen erwartungsgemäß Menschen von hoher Intelligenz an. Sie sind oft extravertiert, einfallsreich, detailorientiert, unternehmungsfreudig, selbstsicher und durchsetzungsfähig – allerdings unterdurchschnittlich kooperativ.
Einzig beim Mega-Genre Spannung fanden die Forscher keine überzeugende Verbindung zu typischen Persönlichkeitsmerkmalen. Wahrscheinlich haben eben Leute von ganz unterschiedlicher Wesensart eine Schwäche für Abenteuer und Suspense à la Hitchcock – jedenfalls solange das Abenteuerliche hübsch in seiner Roman- oder Filmwelt bleibt und sich aus dem realen Lebensalltag fernhält.
Aus alldem schließen die drei Forscher: „Menschen wählen sich Unterhaltung aus, die Aspekte ihrer Persönlichkeit widerspiegeln und verstärken.“ Wir sind also keineswegs die passiven Rezipienten einer über uns hereinbrechenden Medienberieselung, als die wir gerne dargestellt werden. Der Manipulation durch Medien sind allein dadurch Grenzen gesetzt, dass jeder Mensch sich nach seinen persönlichen Vorlieben und seinem Naturell gezielt aussucht, von welchen Medieninhalten er sich anregen und „manipulieren“ lässt. Wir alle leben eben nur bedingt in derselben „Umwelt“: Jeder Mensch richtet sich eine Lebensnische ein, die seinen Interessen und Neigungen entspricht – auch und gerade beim Medienkonsum. Was wir lesen, gucken und hören ist ein Ausdruck unserer Persönlichkeit.
Thomas Saum-Aldehoff
Peter J. Rentfrow, Lewis R. Goldberg, Ran Zilca: Listening, watching, and reading: The structure and correlates of entertainment preferences. Journal of Personality, 79/2, 2011, 223–258
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