Zwingen uns unsere Gene in den Dispo?

 12. Dezember 2014
Bild: Mauritius

Suzie Shpaizer hatte ein dunkles Geheimnis. "Ich tat es im Verborgenen; selbst mein Mann wusste nichts davon", beichtet sie auf ihrer Webseite. "Es geriet außer Kontrolle. Ich wusste, dass ich aufhören musste, aber ich konnte nicht. Ich war durch und durch kaufsüchtig."

Sie habe praktisch alles gekauft, was sie wollte und wann sie es wollte, ohne lange zu überlegen, einfach aus einem Impuls heraus. "Es hat Spaß gemacht; es war einfach toll, immer neue Dinge zu haben", schreibt sie. "Die Sache hatte aber einen bösen Haken: Ich war immer verschuldet, jonglierte mit Krediten und ignorierte mein Bankkonto, weil mein Kontostand so furchterregend war. Meine Kaufsucht belastete meine Beziehung, und der Stress beeinträchtigte meine Gesundheit."

So wie Suzie Shpaizer geht es vielen. Sechs Prozent aller Erwachsenen in Deutschland gelten nach Ansicht von Experten als kaufsuchtgefährdet. Mehr als 700.000 Menschen hierzulande sind überschuldet, weil sie "unangemessen" konsumieren, schätzt die Wirtschaftsauskunftei Creditreform in ihrem Schuldneratlas 2013.

Wissenschaftler aus London und San Diego haben nun ein Gen identifiziert, dass für diese schwer zu zügelnde Konsumlust mitverantwortlich sein könnte. Es handelt sich um die Erbanlage für das Enzym Monoamin-Oxidase A (MAOA). MAOA baut Neurotransmitter in bestimmten Gehirnregionen ab, die mit Selbstkontrolle in Verbindung gebracht werden.

Die Forscher haben genetische Daten von insgesamt 12.000 Personen analysiert. Personen mit wenig MAOA gaben häufiger an, Kreditkartenschulden zu haben als solche mit viel MAOA. "Frühere Studien haben gezeigt, dass Menschen mit einem wenig aktiven MAOA-Gen impulsiver und weniger gewissenhaft sind", schreiben die Autoren. "Wir haben daher vermutet, dass Träger einer solchen Genvariante eher dazu neigen, teure Kredite aufzunehmen. Unsere Daten bestätigen das."

Kritik kommt von deutschen Psychologen

Sind Schulden also eine Frage der Gene? Erben wir die Bereitschaft, über unsere Verhältnisse zu leben, von unseren Eltern – ähnlich wie Augenfarbe oder Körpergröße? "Dieser Schluss ist mir viel zu kurz gezogen", kritisiert Astrid Müller von der Medizinischen Hochschule Hannover.

Die Psychologin erforscht seit vielen Jahren die Gründe für zwanghaftes Konsumverhalten. Dass es einen Zusammenhang zwischen Erbanlagen wie dem MAOA-Gen und Impulsivität gibt, bezweifelt sie nicht. Auch nicht, dass Impulsivität Auswirkungen auf das Kaufverhalten haben kann – gerade bei materiellen, konsumorientierten Menschen. Sie wehrt sich aber gegen die Vorstellung, es gebe zwischen MAOA-Gen und Verschuldung einen direkten Zusammenhang. "Das Ganze ist viel komplexer", betont sie. "Viele Menschen sind impulsiv, deswegen aber nicht gleich kaufsüchtig."

Martin Reuter, Professor für Persönlichkeitspsychologie an der Universität Bonn, sieht das ähnlich. "Das MAOA-Gen allein hat nur geringe Erklärungskraft; es ist lediglich ein kleines Puzzleteilchen." Die Daten aus der Studie stützen das: Zwar gaben Teilnehmer mit wenig MAOA zu 43 Prozent an, Kreditkartenschulden zu haben. Bei Probanden mit viel MAOA lag die Schuldenquote jedoch kaum niedriger, nämlich bei 40 Prozent. Die Genvariation erklärt also nur einen kleinen Teil der Schulden, wie die Autoren der Studie auch freimütig einräumen.

Wie Astrid Müller billigt Reuter der Erbanlage zudem nur einen indirekten Einfluss auf unser Finanzgebaren zu. Menschen mit wenig MAOA seien zwar womöglich impulsiver und spontaner. Das müsse aber nicht unbedingt das Kaufverhalten beeinflussen. "Das Gen ist absolut nicht spezifisch für Kreditkartenschulden", sagt er.

Aus Reuters Sicht ist es eine Frage der Persönlichkeit, wie wir mit Geld umgehen. Und diese werde einerseits durch eine Reihe von Erbanlagen geformt. Das MAOA-Gen sei nur eine einzige davon. Darüber hinaus spielten zudem noch zahlreiche weitere nichtgenetische Faktoren eine Rolle, zum Beispiel Vorbilder, Erziehung oder Schulbildung.

Doch wie groß ist bei unserem Umgang mit Geld der Einfluss der Gene, wie groß der der Umwelt? Eine exakte Antwort darauf kennt momentan niemand. Allerdings zeigt eine Studie aus dem Jahr 2010, dass eineiige Zwillinge (die ja genetisch identisch sind) oft sehr ähnliche Investmententscheidungen treffen. Die Forscher schätzen, dass unsere Erbanlagen zu 25 Prozent mitbestimmen, wie riskant wir uns bei Investitionen verhalten. Eine ähnliche Untersuchung zum Thema Schulden steht jedoch noch aus.

Astrid Müller warnt allerdings davor, bei der Debatte die Rolle der Erbanlagen zu sehr in den Vordergrund zu stellen: "Wenn der Eindruck entsteht: Es ist eine genetische Veranlagung, da kann man nichts gegen machen, dann können wir gleich einpacken." Schuldnerberater sehen das ähnlich. "Ich finde diesen ganzen Genansatz bedenklich", urteilt etwa Sebastian Schröder von der Schuldnerberatungsstelle Albatros in Lüneburg. "Ob man auf der einen oder der anderen Seite des Beratungstisches sitzt, ist oft nur eine Frage von Glück oder Pech, nicht von Fähigkeiten oder eines Gens."

Und was können wir nun, MAOA-Gen hin oder her, gegen Kaufanfälle tun? Einen ausgefallenen Trick beschreibt der Bestsellerautor Dan Ariely in seinem Buch Denken hilft zwar, nützt aber nichts: Er empfiehlt, die Kreditkarte in ein Glas Wasser zu legen und dieses in die Tiefkühltruhe zu stellen. Bevor man seiner Konsumlust nachgeben könne, müsse man dann erst warten, bis das Eis aufgetaut sei. Und bis dahin habe sich der Kaufdrang meist gelegt.

Frank Luerweg

Jan-Emmanuel De Neve, James H. Fowler: Credit card borrowing and the monoamine oxidase A (MAOA) gene. Journal of Economic Behavior & Organization, 107, Part B, 2014, 428–439. DOI: 10.1016/j.jebo.2014.03.002 (Abstract)
David Cesarini u. a.: Genetic variation in financial decision-making. The Journal of Finance, 65/5, 2010, 1725–1754. DOI: 10.1111/j.1540-6261.2010.01592.x (Abstract)
Michael Bretz, Walter Erlenbach, Siebo Woydt: Schuldneratlas Deutschland. Neuss: Creditreform Wirtschaftsforschung

Emotion & Kognition

Keine Qual nach der Wahl

Wer die Wahl hat, hat die Qual – heißt es. Das mag schon stimmen, aber wenn man erst einmal eine Wahl getroffen hat, ist die Qual auch schon vorbei: Wer sich selbst für ein Produkt oder ein bestimmtes Vorgehen entschieden hat,...
>> weiterlesen

Medien & Gesellschaft

Facebook und die Einsamkeit

Macht Facebook einsam, oder ist es im Gegenteil ein Medium, das uns noch stärker mit den Menschen verbindet, die uns wichtig sind? Auch in der Forschung wird über diese Frage kräftig diskutiert.
Es gibt plausible Begründungen...
>> weiterlesen

Gesundheit & Psyche

Gutes Körperbild - weniger Rückenschmerz

Wer seine eigene Gesundheit und sein allgemeines Befinden negativ einschätzt, hat oftmals auch stärkere Rückenschmerzen. Das subjektive Körperbild ist also ein wichtiger Einflussfaktor bei Schmerz. Das hat eine Studie von...
>> weiterlesen

Familie & Erziehung

Stillende Mütter sind auf Freude programmiert

Stillen ist nicht nur Nahrungsaufnahme. Stillen ist ein Wechselspiel zwischen Mutter und Kind, bei dem die Bindung zwischen den beiden gestärkt wird. Und das ist nur eine der Wirkungen. Wissenschaftler der...
>> weiterlesen

Partnerschaft & Sexualität

Liebe macht stark

"Lieben heißt einen Ausweg finden", sagte der deutsche Schriftsteller Walter Hasenclever. Schöne Worte – an denen wohl etwas dran ist. Das haben jetzt Psychologen der Universitäten Jena und Kassel herausgefunden....
>> weiterlesen

Arbeit & Freizeit

Emotionen erkennen können lohnt sich

Menschen sind keine Roboter. Das gilt auch im Berufsleben. Wenn wir etwas von anderen wollen, kommen wir deshalb mit ein wenig Empathie weiter als mit gefühlskalten Befehlen. Hilfreich ist da eine gute Beobachtungsgabe: Ärgern...
>> weiterlesen

Aboservice

Jahres-, Studenten- oder Geschenkabo: Sie wählen Ihr Abonnement – wir bieten interessante Prämien! Zum Abo-Shop.

 

 

Termine

In unserem Terminkalender finden Sie Kongresse und Veranstaltungen zu psychologischen Themen.
Zu den Terminen.

Neu im Shop

Thomas Hohensee: Wie ich meine Angst verlor

Der Autor Thomas Hohensee berichtet aus seiner eigenen Erfahrung wie es gelingt, seine Angst zu besiegen.

14,90 €inkl. 7% MwSt.