Was ist gerecht?

 30. Oktober 2014
Bild: Getty Images

Richter müssen unabhängig sein. Das gilt als Grundsatz der meisten Justizsysteme. Dem liegt eine Idee zugrunde, die eigentlich einleuchtend klingt: Unbeteiligte haben genügend Distanz zu einem Verbrechen und treffen aus diesem inneren Abstand heraus wohlüberlegte Urteile. Würde man die Opfer entscheiden lassen, so die Annahme, würden sie aus ihrer Kränkung heraus auf irrationale Rache drängen.

Doch die Psychologin Oriel Feldmanhall von der New York University greift die bisherige Lehrmeinung an. Für ihre Kritik hat sie gute Argumente. Denn sie beobachtete in einer Reihe von Experimenten, dass sich gerade unparteiische Beobachter oft heißen Revanchegelüsten hingaben. Wurden neutrale Personen Zeuge einer Ungerechtigkeit, plädierten sie häufiger für eine harte Strafe als die Opfer selbst. Diese waren meist zufrieden, wenn der ihnen entstandene Schaden ausgeglichen wurde. Dritte entscheiden also anders als direkt Betroffene.

Feldmanhall und ihre Kollegen Peter Sokol-Hessner, Jay Van Bavel und Elizabeth Phelps griffen für ihre Untersuchungen auf das von Sozialwissenschaftlern gerne eingesetzte Ultimatumspiel zurück. Dabei teilen zwei Versuchspersonen einen Geldbetrag unter sich auf. Der erste Spieler macht einen Vorschlag; der zweite kann ihn klassischerweise nur akzeptieren oder ablehnen. Wer ablehnt, reißt damit beide Seiten in den Abgrund: Alle Beteiligten gehen dann leer aus. In früheren Experimenten reagierten tatsächlich viele Spieler auf diese Weise und weigerten sich, schlechte Angebote anzunehmen – selbst wenn sie dabei auf Geld verzichten mussten. Doch darf man das als Beleg für eine ausgeprägte Rachsucht von Geschädigten werten?

Keineswegs, meinen die Psychologen von der New York University. Denn die klassischen Vorgaben des Ultimatumspiels seien arg realitätsfern. Feldmanhall und ihre Mitstreiter wollten es besser machen. Deshalb modifizierten sie die Regeln. Neben der Kamikaze-Rache erlaubten die Forscher nun auch ausgleichende Antworten. Dabei wurden die Opfer zwar für ihren Verlust entschädigt, die Missetäter aber nicht bestraft.

Wie sah das konkret aus? Spieler A machte ein unfaires Angebot. Er schlug vor, zehn Dollar so aufzuteilen, dass er selbst neun davon behielt. Für Spieler B blieb dann nur noch ein läppischer Dollar. Doch sofern ihm ein zwischengeschalteter Zufallsgenerator die Möglichkeit ließ, wählte Spieler B in neun von zehn Fällen eine ausgleichende Antwort: Beide Seiten erhielten dann neun Dollar.

Besonders wichtig war es den Probanden, ihren gefühlten Verlust auszugleichen. Um Strafe ging es ihnen dabei weniger. Das zeigte sich im direkten Vergleich. Denn wenn Spieler B wählen durfte zwischen einer ausgleichenden Antwort (neun Dollar für beide) und einer Auge-um-Auge-Reaktion (ein Dollar für Spieler A, neun Dollar für Spieler B), entschied er sich in 65 Prozent der Fälle für die friedliebende Variante.

Ganz anderes reagierten in einem nachfolgenden Experiment 261 weitere Freiwillige. Sie schlüpften in die Rolle eines unbeteiligten Spielers C. Dieser beobachtete, wie Spieler A Spieler B über den Tisch zu ziehen versuchte. Nun sollten die Unbeteiligten entscheiden, wie das Geld wirklich aufgeteilt wird. Im Vergleich zu den Opfern zeigten sie ein größeres Bedürfnis nach Strafe. Offensichtlich war es ihnen wichtiger, dem unfairen Spieler A einen Spiegel vorzuhalten. Diese Befunde bestätigten die Wissenschaftler mit 540 weiteren Probanden.

Oriel Feldmanhall und ihre Kollegen meinen, Strafe sei für Geschädigte offenbar nicht die einzige Möglichkeit, um das Gerechtigkeitsgefüge wiederherzustellen.

Johannes Künzel

Oriel FeldmanHall u. a.: Fairness violations elicit greater punishment on behalf of another than for oneself. Nature Communications, 5/5306, 2014. DOI: 10.1038/ncomms6306 (Abstract)

Emotion & Kognition

Wie lässt sich kreatives Potenzial heben?

Ein weißes Blatt Papier: Nicht nur bei Anfängern, sondern auch bei gestandenen Wortprofis und Malern löst es manchmal Qualen und Ängste aus. Dabei ist der Mythos des angeborenen Genies in der Bevölkerung weit verbreitet – wenn...
>> weiterlesen

Medien & Gesellschaft

Facebook und die Einsamkeit

Macht Facebook einsam, oder ist es im Gegenteil ein Medium, das uns noch stärker mit den Menschen verbindet, die uns wichtig sind? Auch in der Forschung wird über diese Frage kräftig diskutiert.
Es gibt plausible Begründungen...
>> weiterlesen

Gesundheit & Psyche

Gutes Körperbild - weniger Rückenschmerz

Wer seine eigene Gesundheit und sein allgemeines Befinden negativ einschätzt, hat oftmals auch stärkere Rückenschmerzen. Das subjektive Körperbild ist also ein wichtiger Einflussfaktor bei Schmerz. Das hat eine Studie von...
>> weiterlesen

Familie & Erziehung

Clevere Kleinkinder

Erwachsene können sich zurücknehmen. Wenn es nötig ist, warten sie noch eine Stunde bis zur Mittagspause, obwohl sie schon hungrig sind. Dagegen fehlt Babys genau diese Fertigkeit der Selbstkontrolle. Sie folgen ihren Impulsen...
>> weiterlesen

Partnerschaft & Sexualität

Liebe macht stark

"Lieben heißt einen Ausweg finden", sagte der deutsche Schriftsteller Walter Hasenclever. Schöne Worte – an denen wohl etwas dran ist. Das haben jetzt Psychologen der Universitäten Jena und Kassel herausgefunden....
>> weiterlesen

Arbeit & Freizeit

"Handypausen" tun gut

Möchten Sie bei der Arbeit produktiver und zufriedener sein? Dann versuchen Sie es doch mal mit einem kurzen Blick aufs Handy zwischendurch. Schreiben Sie eine Textnachricht, spielen Sie Angry Birds oder schauen auf Ihrem...
>> weiterlesen

Neu im Shop

Renata Salecl: Die Tyrannei der Freiheit

Warum es eine Zumutung ist, sich anhaltend entscheiden zu müssen. Die Wahlfreiheit im wahrsten Sinne des Wortes erleben - dieses Buch hilft dabei.

16,99 €inkl. 7% MwSt.

Aboservice

Jahres-, Studenten- oder Geschenkabo: Sie wählen Ihr Abonnement – wir bieten interessante Prämien! Zum Abo-Shop.

 

 

Termine

In unserem Terminkalender finden Sie Kongresse und Veranstaltungen zu psychologischen Themen.
Zu den Terminen.