Die Flüchtigkeit des Fußballglücks

 29. Mai 2015

Nach einem Sieg „ihrer“ Fußballmannschaft herrscht bei den Zuschauern rundum Euphorie. Doch Psychologen der Universität Konstanz haben festgestellt, dass dieser Höhenflug des Wohlbefindens nicht allzu lange vorhält. Mit einer speziell entwickelten Smartphone-App demonstrierten die Wissenschaftler um Stefan Stieger, dass solche Ereignisse nicht annähernd so intensiv und langfristig wirken, wie bislang vermutet.

Die jetzt veröffentlichte Studie geht auf die Weltmeisterschaft in Brasilien im vergangenen Sommer zurück. Während der Gruppenphase des Turniers haben die Psychologen daheim in Deutschland den Gemütszustand von 213 Teilnehmerinnen und Teilnehmern verfolgt, von denen viele, aber nicht alle bei den Spielen ihrer Nationalelf vor dem Fernseher mitfieberten.

Dreimal am Tag meldete sich zu immer anderen Uhrzeiten die App auf ihrem Handy und fragte über einen Schieberegler den Grad ihres momentanen Wohlbefindens ab. Und das zwei ganze Wochen lang. Währenddessen traten Müller, Neuer, Kroos & Co. in den Arenen Brasiliens gegen Portugal, Ghana und die USA an.

Einmal mehr bestätigte sich: Siege tun gut, und zwar nicht nur den Siegern selbst, sondern auch ihren vielen Anhängern daheim, die nur passiv mitfiebern. Nach jedem gewonnenen Spiel der Löwschen Truppe stieg das Wohlbefinden – aber ausschließlich bei denjenigen, die das Spiel mitverfolgten, und auch da nur bei denen, die den Deutschen die Daumen drückten und sich nicht etwa nach dem huldvollen Motto „Der Bessere möge gewinnen“ emotional heraushielten.

Wie steil der Höhenflug des Wohlbefindens jeweils ausfiel, hing sichtlich damit zusammen, ob und wie hoch das deutsche Team gewonnen hatte und wie prestigeträchtig das Ergebnis war. Besonders deutlich war der Ausschlag nach dem Eröffnungsmatch gegen Portugal, das die Deutschen mit 4:0 für sich entschieden hatten. Auch der knappe 1:0-Erfolg gegen die USA tat gut, doch fiel der Glückszuwachs hier etwas bescheidener aus. Nach dem mühsamen und vom Spielverlauf her eher glücklichen 2:2 gegen Ghana (Ausgleichstor: Klose) ging die Stimmung sogar tendenziell eher in den Keller.

Doch egal wohin und wie stark der Pegel des Wohlbefindens ausschlug: Der Zustand war nur vorübergehend und hielt nicht lange vor. Schon zwei Stunden nach Abpfiff hatte sich die Euphorie verflüchtigt, und am nächsten Morgen war nichts mehr davon übrig. Am Tag nach dem Kantersieg gegen Portugal zum Beispiel war das zunächst steil gestiegene Wohlbefinden wieder um 23 Prozent gesunken – und damit tendenziell sogar auf einem niedrigeren Niveau als am Morgen nach den anderen beiden anderen Spielen (das wird doch nicht etwa am Kater gelegen haben?).

Diese Befunde widersprechen früheren Studien, in denen nach herausragenden Sporterfolgen des „eigenen“ Teams ein überdauernder Zugewinn an Lebensfreude beobachtet worden war – sowohl individuell als auch bei der „Volksseele“ insgesamt. Gemeinsame Erfolge, so hieß es, stärkten die soziale Verbundenheit und die Identifikation mit der eigenen Gruppe oder Nation. Es mag allerdings sein, dass das deutsche Zuschauerglück nach dem legendären 7:1 gegen Brasilien und schließlich beim krönenden Gewinn des Weltmeistertitels dann doch nachhaltiger ausfiel – denn diese Schlussphase des Turniers hatten die Konstanzer Forscher in ihrer Studie nicht mehr auf dem Schirm.

Originalstudie:
S. Stieger, F. M. Götz, F. Gehrig: Soccer results affect subjective well-being, but only briefly: A smartphone study during the 2014 FIFA World Cup. Frontiers in Psychology, 6, 2015, DOI:10.3389/fpsyg.2015.00497

 

 

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