Wir fühlen, wie wir sprechen

 25. Juli 2014

Sind die Wörter unserer Sprache den Dingen, die sie bezeichnen, nur willkürlich zugeordnet? Ist es also reiner Zufall, dass eine Wolke eben Wolke oder cloud heißt und nicht etwa Hakak oder ping? Oder gibt es irgendeine Art von natürlicher Ähnlichkeit zwischen den Gegenständen und ihren Begriffen? Über diese Frage hat sich schon Platon Gedanken gemacht.

Der Gestaltpsychologe Wolfgang Köhler kam 1929 in einem klassischen Experiment zu dem Schluss, dass Gegenstände mit runden Formen gerne Wörtern mit weichem Klang zugeordnet werden. Köhler präsentierte seinen Versuchspersonen zwei abstrakte Figuren, eine runde und eine eckige. Diesen beiden Objekten sollten sie nach eigenem Gutdünken die Wörter Maluma oder Takete zuordnen. Ergebnis: In neun von zehn Fällen gaben die Probanden der runden Form den Namen Maluma, und die eckige nannten sie Takete.

Der Neurowissenschaftler Vilayanur S. Ramachandran bestätigte diese Beobachtung im Jahr 2001, sogar interkulturell. Sowohl US-Amerikaner als auch Inder ordneten in 95 bis 98 Prozent der Fälle das Kunstwort bouba einem Gegenstand mit runden Umrissen und das Wort kiki einer zackigen Form zu.

Doch wie kommt diese mysteriöse Assoziation zustande? Entscheidet wirklich (allein) der Klang darüber, welches Wort zu welchem Objekt „passt“? Der Psychologe Ralf Rummer von der Universität Erfurt und die Phonetikerin Martine Grice von der Universität Köln liefern jetzt eine andere Erklärung: Die Aussprache und damit die Ausdrucksmuskulatur des Gesichts bestimmen darüber, welche Emotionen bestimmte Laute und Wörter bei uns wecken. So bezeichnen Wörter mit einem langgestreckten Vokal ooooo oft aversive, unangenehme Dinge (etwa Tod). Wörter mit einem iiiii hingegen sind häufig mit angenehmen Gefühlen verknüpft (etwa Liebe).

Belege für diese These sammelten die beiden Forscher in zwei Experimenten. Im ersten Versuch versetzten sie ihre Probanden zunächst mit Filmausschnitten entweder in eine frohe oder in eine betrübliche Stimmung. Dann baten sie sie, sich zehn Kunstwörter auszudenken und diese laut auszusprechen. Tatsächlich zeigte sich, dass den Teilnehmern mehr Kunstwörter mit langem iiiii einfielen, wenn sie positiv gestimmt waren. Waren sie negativer Stimmung, kamen ihnen hingegen öfter Wörter mit einem langen ooooo in den Sinn.

Dass diese Assoziation auch in umgekehrter Richtung funktioniert, wiesen Rummer und Grice in ihrem zweiten Experiment nach. Diesmal betrachteten die Versuchspersonen einen Cartoon und mussten dabei im Sekundentakt entweder immer wieder iiiii oder ooooo ausrufen. Ergebnis: Sobald sie den Cartoon mit einem iiiii untermalten, kam er ihnen lustiger vor, als wenn sie ihn mit einem ooooo begleiteten.

Die beiden Forscher führen das darauf zurück, dass beim Aussprechen von iiiii der „Zygomaticus Major Muskel“ des Gesichts beteiligt ist, der auch aktiv wird, wenn wir lachen oder lächeln. Sagen wir hingegen ooooo, dann kommt sein Gegenspieler zum Einsatz, der „Orbicularis Oris Muskel“, der jegliches Lächeln unterbindet.

Bereits in den 1980er Jahren hatte der Würzburger Psychologe Fritz Strack mit seinem Team nachgewiesen, dass Versuchsteilnehmer einen Cartoon komischer finden, wenn sie beim Betrachten einen Stift zwischen den Zähnen halten, also wiederum ihr Lächelmuskel in Aktion tritt. Selbst ein künstlich erzeugtes Lächeln hat also eine Rückkopplung auf unser Gemütsleben: Wir sind dann tatsächlich etwas fröhlicher. Ähnlich, so vermuten Rummer und Grice, geht es uns auch beim Aussprechen von Wörtern und Lauten.

Thomas Saum-Aldehoff

Quelle: Universität Erfurt / EurekAlert
Originalarbeit
Ralf Rummer, Judith Schweppe, René Schlegelmilch, Martine Grice: Mood is linked to vowel type: The role of articulatory movements. Emotion, 14/2, 2014, 246–250

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