„Digitale Demenz“: Was ist dran?

 17. April 2014

In populärwissenschaftlichen Büchern wie Digitale Demenz von Manfred Spitzer wird über die schädlichen Auswirkungen von digitalen Medien berichtet und vor der Nutzung des Internets gewarnt. Medienpsychologen der Universität Koblenz-Landau zeigen, dass Spitzers Thesen mit wissenschaftlichen Erkenntnissen wenig gemein haben.

Um populäre Behauptungen zu den schädlichen Auswirkungen von Internet und Co. möglichst objektiv mit dem aktuellen wissenschaftlichen Forschungsstand abzugleichen, suchten Markus Appel und Constanze Schreiner gezielt nach Metaanalysen zum Thema. Metaanalysen sind Studien, in denen vorliegende Befunde vieler Untersuchungen gemeinsam betrachtet werden, mit dem Ziel, einen durchschnittlichen Trend zu ermitteln.

Laut Appel und Schreiner widersprechen die wissenschaftlichen Ergebnisse auf vielen Gebieten klar den Thesen zu den schädlichen Auswirkungen des Internets. Nach dem jetzigen Stand der Forschung führe vermehrte Internetnutzung im Mittel weder zu weniger sozialem Austausch, noch zu weniger gesellschaftlich-politischem Engagement. Auch seien intensive Internetnutzer nicht einsamer als Wenignutzer.

„Die alarmistischen Thesen von Spitzer und Co. haben wenig mit dem wissenschaftlichen Kenntnisstand zu tun“ so Appel, der eine Professur für Medienpsychologie innehat. Laut den Studienautoren verschleierten die nicht sachgemäßen Thesen zu den Auswirkungen von Internetnutzung den Blick für die Herausforderungen, die mit einer Verbreitung von Computer und Internet im Alltag verbunden seien.

Appel befürchtet, dass nicht zuletzt Eltern und Lehrkräfte durch Bücher wie Digitale Demenz fehlinformiert und damit fehlgeleitet werden. „Wichtig erscheint mir, dass Erziehungspersonen die Mediennutzung von Kindern und Jugendlichen nicht von vorneherein verteufeln, denn dann wird es schwer, ein kompetenter Gesprächspartner in Sachen Internet zu sein.“

Neben den klaren Diskrepanzen mit dem wissenschaftlichen Kenntnisstand werden in der Studie auch Ergebnisse berichtet, die  mit Spitzers Thesen teilweise übereinstimmen, etwa zu den Aspekten Wohlbefinden, Übergewicht und Aggression. Die Zusammenhänge fallen allerdings im Mittel eher schwach aus, so dass auch hier kein Grund für übermäßige Sorge gegeben sei.

Im Hinblick auf das menschliche Lernen widerspricht die Befundlage wiederum den Thesen zur „Digitalen Demenz“. Im Mittel ist der größte Wissenszuwachs zu verzeichnen, wenn Instruktionen sowohl aus persönlichen Face-to-face-Anweisungen bestehen, als auch Computer- oder Internetanteile enthalten. Auch die Wirkungsstudien zum Lernen mit Computerspielen zeigen im Durchschnitt positive Effekte.

Nicht berücksichtigt haben Appel und Schreiner Mythen, über die keine beziehungsweise keine metaanalytischen Erkenntnisse vorlagen. Dies betrifft beispielsweise die Vermutung, dass das routinemäßige Verwenden von Navigationssystemen zu einer schlechteren räumlichen Orientierung führt.

Ein Grund für die Popularität medienkritischer Publikationen sehen Appel und Schreiner in der Bezugnahme vieler Autoren auf neurowissenschaftliche Theorien und Befunde. Diese hätten allerdings in populärwissenschaftlichen Büchern häufig keinen direkten Bezug zu den Kerninhalten, wirkten aber dennoch gerade für Laien überzeugend.

Quelle: Universität Koblenz-Landau via idw

 

Originalstudie:

Markus Appel & Constanze Schreiner: Digitale Demenz? Mythen und wissenschaftliche Befundlage zur Auswirkung von Internetnutzung. Psychologische Rundschau, 65, 2014

Link zum Volltext:
http://www.uni-koblenz-landau.de/landau/fb8/ikms/person/appel/2013_appel-schreiner_digitale-demenz.pdf

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