Wie sich Feinde versöhnen lassen

 19. September 2014
Bild: Getty Images

Ein junger Flüchtling läuft im Juli 2003 durch die liberianische Hauptstadt Monrovia. Bild: Getty Images

Noch wird in der Ukraine gekämpft. Doch wenn die Region irgendwann befriedet ist, stellt sich die Frage nach der Versöhnung: Wie kann es den Feinden von heute in Zukunft gelingen, miteinander auszukommen?

Ein Schlaglicht auf das Thema wirft eine Veröffentlichung von Psychologen der Fernuniversität in Hagen. Agostino Mazziotta und Friederike Feuchte wählten als Schauplatz ihrer Untersuchung das Land Liberia. Die Menschen in diesem afrikanischen Staat litten zwischen 1989 und 2003 unter zwei Bürgerkriegen. Die Kämpfe zwischen den Volksgruppen forderten mehr als 250.000 Tote und über eine Million Vertriebene. Soldaten aller Seiten verübten Gräueltaten.

Eine klare Unterscheidung zwischen Opfern und Tätern ist aus heutiger Sicht kaum möglich. Trotzdem konzentrierten sich die Konfliktparteien lange vor allem auf das eigene Leid. Wie es anderen Betroffenen ging, blendeten sie häufig aus. Eine solche Konstellation erschwert – nicht nur in Liberia – die Versöhnung, denn "dadurch ist es leichter, eigenes destruktives Verhalten mit dem Verweis auf die Gewalttaten anderer zu rechtfertigen", sagt Agostino Mazziotta.

Bei ihrem Feldexperiment in Liberia wiesen die Forscher um Mazziotta und Feuchte nun nach, dass sich gezielt beeinflussen lässt, ob der eigenen Gruppe eher eine Opferrolle oder eine Täterrolle zugeschrieben wird.

Die Psychologen teilten 146 Versuchspersonen aus 16 ethnischen Gruppen zufällig einer von zwei experimentellen Bedingungen zu. In der Täter-Bedingung sollten die Probanden eine Situation beschreiben, in der Menschen der eigenen Volksgruppe während des Krieges Gewalt ausgeübt hatten. In der Opfer-Bedingung durfte geschildert werden, wie Menschen der eigenen Volksgruppe Gewalt erlitten hatten.

Wenig überraschend fiel es den meisten Menschen leichter, eine Opfer-Episode zu beschreiben. Das zeigte sich unter anderem daran, dass die Berichte detailreicher waren – und die Probanden häufiger auf eigene Erlebnisse zurückgriffen als auf Erinnerungen Dritter. Die Täter-Erzählungen waren dagegen abstrakter.

Doch die Qual der Täter-Gruppe hatte wünschenswerte Konsequenzen. Die Probanden äußerten mehr Verständnis für die Perspektive der ehemaligen Gegner. Zudem zeigten sie eine größere Bereitschaft, mit den früheren Feinden wieder in wohlwollenden Kontakt zu treten – ein erster Schritt zur Versöhnung.

Die Forscher aus Hagen erklären das mit einem Modell der israelischen Forscher Arie Nadler und Nurit Shnabel. Demnach sehen Menschen, die zu Tätern geworden sind, ihr Selbstbild als moralische Person infrage gestellt. Darunter leiden sie. Und wer kann ihnen helfen, ihre Selbstzweifel zu überwinden? "Nur durch die Anerkennung anderer Menschen können sie den Status einer moralischen Person wieder erlangen", sagt Mazziotta. Um diese Rückmeldung zu erhalten, können sie zum Beispiel auf frühere Feinde zugehen und sie um Verzeihung bitten. Dabei müssen sie sich in diese alten Gegner hineinversetzen, müssen empathisch denken.

Natürlich wissen die Hagener Psychologen, dass Versöhnung ein langfristiger Prozess ist. "Wir haben gezeigt, wie ein erster Schritt gelingen kann", sagt Mazziotta. Nämlich indem das Dilemma gelöst wird, dass sich jeder als Opfer begreift. Damit aus Gegnern wieder Nachbarn und Freunde werden, müsse dann aber noch mehr passieren.

Wie sich die Ergebnisse der Studie für konkrete Hilfen nutzen lassen, haben die Wissenschaftler bereits untersucht. Im Jahr 2013 riefen sie in Liberia ein Theaterprojekt ins Leben. Dort entwickelten die Psychologen gemeinsam mit Liberianern ein Stück. Dargestellt wurde eine Alltagssituation, in der ein Konflikt zwischen zwei Gruppen in Handgreiflichkeiten endete. Im Anschluss diskutierten die Zuschauer darüber, ob sie ähnliche Situationen schon selbst durchlebt hatten – und was ihrer Ansicht nach hätte anders verlaufen sollen. Dann nahmen einige Freiwillige aus dem Publikum selbst eine Rolle ein, um den selbst vorgeschlagenen Ansatz auszuprobieren. Die Daten dieser Untersuchung werden derzeit ausgewertet.

JK

Agostino Mazziotta, Friederike Feuchte, Nicolay Gausel und Arie Nadler: Does remembering past ingroup harmdoing promote postwar cross-group contact? Insights from a field-experiment in Liberia. European Journal of Social Psychology, 44/1, 2014, 43–52. DOI: 10.1002/ejsp.1986 (Abstract)

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