Wenn die Sommerzeit die Woche vermiest

 27. März 2015

Wenn die Uhren beim Übergang auf die Sommerzeit um eine Stunde vorgestellt werden, sinkt die Lebenszufriedenheit der Menschen in der ersten Woche nach der Umstellung. Das belegt eine jetzt veröffentlichte Studie, die Ökonomen der Universität Erlangen-Nürnberg auf Basis von Daten einer deutschen und einer britischen Langzeitstudie erstellt haben.

„Vor allem das Wohlbefinden von Eltern kleiner Kinder leidet unter der alljährlichen Umstellung auf die Sommerzeit“, sagt Daniel Kühnle, einer der Autoren. Werden die Uhren im Herbst wieder zurückgestellt, habe das hingegen keine messbaren Auswirkungen auf die Zufriedenheit.

In Großbritannien wurde die Umstellung der Zeit bereits 1916 eingeführt. „Diese großartige Reform erhöht für Millionen Menschen in diesem Land die Chancen für ein gesundes und glückliches Leben“, sagte später Winston Churchill in einer Lobesrede auf William Willett, der in Großbritannien die Idee der Zeitumstellung aufgebracht hatte.

Tatsächlich aber wird die einst von Churchill gepriesene Chance von den „Millionen Menschen“ ganz und gar nicht so glücklich erlebt, wie nun eine für Deutschland und Großbritannien repräsentative Studie auf Basis von Daten des Sozio-oekonomischen Panels sowie der Britischen Langzeitstudie Understanding Society zeigt. Die Berechnungen der Autoren Daniel Kühnle und Christoph Wunder belegen: In beiden Ländern geht die Zufriedenheit der Befragten in der Woche nach der Zeitumstellung zurück. Besonders stark sinkt das Wohlgefühl von Eltern kleiner Kinder.

Erst in der zweiten Woche nach der Zeitumstellung erreicht die Lebenszufriedenheit wieder ihr ursprüngliches Niveau. Umgerechnet bedeutet das für Deutschland: Das Einkommen der Haushalte müsste in der ersten Woche nach der Umstellung auf die Sommerzeit um etwa zehn Prozent steigen, um den geschätzten Rückgang der Zufriedenheit zu kompensieren.

Dass die Lebensfreude nach der Zeitumstellung vorübergehend zurückgeht, erklären die Wissenschaftler nicht allein durch die körperliche Anpassung an einen neuen Tagesrhythmus. „Menschen erleben es als Belastung, wenn ihre frei verfügbare Zeit beschränkt wird“, sagt Kühnle. „Das gilt besonders für Mütter und Väter, die ohnehin wenig Zeit für sich haben.“

Dennoch verkneifen es sich die Forscher die Forderung, die Zeitumstellung einfach abzuschaffen. Sie schlagen vielmehr vor, Menschen für die im Frühjahr verlorene Stunde mit mehr Zeitsouveränität zu entschädigen. „Eine Möglichkeit wäre zum Beispiel, in der Woche nach der Zeitumstellung mehr zeitliche Flexibilität am Arbeitsplatz zu ermöglichen“, sagt Daniel Kühnle. Also etwa: ein paar Tage lang einfach später zur Arbeit zu kommen, als gelte noch die alte Zeit.

Für ihre Untersuchung hatten die Nürnberger Ökonomen die Daten von knapp 30.000 Frauen und Männern ausgewertet, die von 1984 bis 2004 in Deutschland befragt worden waren, sowie von knapp 9000 zwischen 2009 und 2012 befragten britischen Teilnehmern.

Quelle: SOEP/DIW
Originalstudie:
Daniel Kuehnle, Christoph Wunder: Using the life satisfaction approach to value daylight savings time transitions. Evidence from Britain and Germany. SOEPpaper Nr. 744

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