Gänsehaut auf Kommando

 22. Juni 2018
Hu, Gänsehaut!

Gänsehaut ist nicht für alle nur ein Reflex. Foto: Plainpicture

Gänsehaut kennt jeder. Manche Menschen können sie aber selbst erzeugen – und verfolgen damit ein nützliches Ziel.

Die Härchen stehen zu Berge, die Haut zieht sich zu kleinen Punkten zusammen: Gänsehaut taucht in vielen Situationen auf. Manchmal erscheint sie bei intensiven Empfindungen wie Staunen, Bewunderung und Genuss. Und manchmal macht sie sich bei Furcht bemerkbar. Aber fast immer entsteht sie ohne unser Zutun: Die Piloarrektion, wie Mediziner sie nennen, ist ein Reflex.

Allerdings scheinen einige wenige Menschen die Gänsehaut bewusst herbeiführen zu können. In nur drei Studien ist das Phänomen bisher psychologisch untersucht worden. Die erste stammt von 1902. Knapp 116 Jahre später erforschte nun ein internationales Team unter der Leitung des Amerikaners James Heathers die ungewöhnliche Fähigkeit.

Für intensivere Erlebnisse

Die Wissenschaftler wollten unter anderem verstehen, wann und wieso diese Gänsehautbegabten ihr ganz spezielles Talent einsetzen. Für ihre Onlinestudie rekrutierte das Team 32 Probanden, die diese Fertigkeit beherrschten. Die Teilnehmer beantworteten eine Serie von Fragebögen, unter anderem zu ihrer Persönlichkeit und zum Erleben von ästhetischen Momenten (Aesthetic Experience Scale).

„Die meisten Befragten setzen Gänsehaut beim Musikhören, Filmeschauen und Lesen ein, um die ästhetischen Erlebnisse zu intensivieren“, berichten die Forscher. „Ebenso benutzen sie die Piloarrektion, um Gefühle wie Ehrfurcht zu verstärken.“

Unbekannte Gabe

Diese Beobachtung entspricht früheren Studien, in denen Probanden künstlich Gänsehaut verursacht wurde und sie dadurch Empfindungen stärker erlebten. Was ihre Persönlichkeit anging, stachen die Teilnehmer nur in einer Eigenschaft hervor: hohe Offenheit für neue Erfahrungen.

Übrigens stellte sich heraus, dass die Auserwählten sich der Besonderheit ihrer Gabe gar nicht so recht bewusst waren: Erst die Studie führte ihnen vor Augen, dass die meisten Menschen ihre Gänsehaut nicht so steuern können wie sie selbst.

ANNA GIELAS/ EMT

DOI: 10.7287/peerj.preprints.26594v1

Dieser Beitrag ist in leicht veränderter Form in der Ausgabe 07/2018 von Psychologie Heute erschienen, Titelthema „Kann ich mich ändern?“.

Weitere Meldungen zu interessanten aktuellen Studien finden Sie im Heft unter anderem in den Rubriken Themen & Trends sowie Körper & Seele.

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