Twitter ist ein Megafon, Facebook ein Spiegel

 14. Juni 2013
Bild: Corbis

Für Narzissten sind Facebook und Twitter ideale Podien zur Selbstdarstellung. Doch die beiden Dienste haben bei dieser Inszenierung etwas unterschiedliche Funktionen: Twitter dient als Megafon zum Hinausposaunen der eigenen Ansichten und ist daher das ideale Medium für den Nachwuchsnarzissten, der gerade sein öffentliches Ego aufbaut. Facebook hingegen ist ein Spiegel. Dieses Netzwerk kommt vor allem den Bedürfnissen des erwachsenen Narzissten entgegen. Er hat sich bereits ein soziales Image aufgebaut, das es nun per Rückkopplung im Kreis der Netzwerkfreunde zu bestätigen und zu festigen gilt.

So in etwa interpretieren Elliot Panek, Yioryos Nardis und Sara Konrath die Befunde zweier Studien der University of Michigan. Die Kommunikationswissenschaftler befragten 486 junge Studenten sowie 93 Personen mittleren Alters aus der Allgemeinbevölkerung – in beiden Gruppen überwogen die weiblichen Teilnehmer – detailliert danach, wie häufig sie täglich auf Twitter und Facebook posteten und wie viel Zeit sie damit zubrachten. Außerdem füllten die Probanten einen Persönlichkeitsfragebogen aus, der verschiedene Aspekte von Narzissmus wie etwa „Exhibitionismus“ oder eine extreme Selbstwertschätzung abfragte.

Es stellte sich heraus, dass die Narzissten in den beiden Altersgruppen unterschiedliche Medien bevorzugten. Bei den jungen Leuten – Durchschnittsalter 19 Jahre – posteten diejenigen, die hoch auf der Narzissmusskala rangierten, besonders häufig auf Twitter. Ohnehin neigen junge Menschen dazu, „die Bedeutung ihrer eigenen Meinung zu überschätzen“, so Studienleiter Elliot Panek. Insbesondere die narzisstisch Veranlagten unter ihnen finden Vergnügen daran, ihre Ansichten über alles und jeden als Tweet in die Welt hinauszuzwitschern.

In der Stichprobe der Erwachsenen – Durchschnittsalter 35 Jahre – hingegen wählten die Probanden mit narzisstischer Persönlichkeit bevorzugt Facebook als Medium. In diesem Alter stehen für den Narzissten sozusagen andere Entwicklungsaufgaben an. Er oder sie hat sich bereits ein soziales Image aufgebaut. „Es geht nun darum, dieses Bild, wie man gesehen werden will, zu organisieren und zu checken, wie andere darauf reagieren“, vermutet Panek. Man festigt sein idealisiertes Selbstbild, indem man aus seinem Zirkel von Freunden Zustimmung und Bestätigung einholt.

Paneks Fazit: Narzisstische Studenten und ihre Persönlichkeitsgenossen im mittleren Alter nutzen soziale Medien in unterschiedlicher Weise, um ihr Ego zu erhöhen und um das Bild zu kontrollieren, das sich andere von ihnen machen. Die Forscher können anhand ihrer Daten allerdings nicht auseinanderhalten, ob nun Narzissmus die Nutzung sozialer Netzwerke begünstigt oder umgekehrt. Sie vermuten aber, dass diese Selbstdarstellungsmedien einen zunehmenden Narzissmus in unserer Gesellschaft spiegeln und verstärken.

Quelle: University of Michigan via EurekAlert. Die Studie wurde online in der Zeitschrift Computers in Human Behavior veröffentlicht.

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