Wenn aus Gedanken Halluzinationen werden

 17. Februar 2017

„Jetzt gerade könnte mein Haus abbrennen“: Manchmal sind Zwangsgedanken so wahrnehmungsähnlich und lebendig, als sei das alles real

„Wer Stimmen hört, ist nicht ganz dicht! Der halluziniert ja wohl!“ Wenn von Halluzinationen die Rede ist, denken die meisten an schwerwiegende Wahrnehmungsstörungen wie Schizophrenie. Vorurteile gibt es viele, doch bereits seit Längerem ist bekannt, dass auch Personen mit weniger schweren psychischen Erkrankungen und sogar gesunde Menschen derartige Illusionen erleben, beispielsweise in besonders stressvollen Situationen oder bei Schlafmangel.

Neue Studien lassen vermuten, dass es vor allem bei Zwangsstörungen zu halluzinationsartigen Empfindungen kommen kann: Vielen Patienten fehlt der Bezug zur Realität, sie können nicht unterscheiden, welche Gedanken zum Alltag und welche zur Krankheit gehören.

Um diese Vermutung zu testen, untersuchten wir am Universitätsklinikum Hamburg- Eppendorf 137 Personen mit der Diagnose einer Zwangsstörung. In einer Online- Studie befragten wir die Teilnehmer nach ihren Zwangsgedanken. 72 Prozent der Frauen und Männer berichteten, ihre Gedanken seien lebhaft und wahrnehmbar, wie es bei Halluzinationen der Fall ist. Am häufigsten waren optische, akustische und körperliche Täuschungen. So sahen Zwangspatienten zum Beispiel bildlich vor sich, wie ihr Haus abbrannte, oder sie hörten befehlende Stimmen.

Fließende Grenze zwischen Vorstellung und Wahrnehmung

Außerdem stießen wir auf einen Zusammenhang zwischen der Intensität der Zwangsgedanken und dem zwanghaften, depressiven und paranoiden Verhalten der Probanden: Je intensiver, lauter und lebhafter eine Person ihre Gedanken wahrnahm, desto mehr zwanghafte, depressive und paranoide Anteile hatte sie. Bisher ist jedoch unklar, was hier Ursache und Wirkung ist, also ob intensive Wahrnehmungen zu diesen psychischen Symptomen führen oder umgekehrt.

Fest steht, dass Betroffene mit halluzinationsartigen Zwangsgedanken einer noch größeren Belastung ausgesetzt sind als Zwangspatienten ohne Halluzinationen und dass in beiden Fällen eine psychotherapeutische und gegebenenfalls medikamentöse Behandlung ratsam ist. Es besteht aber kein Anlass, das Stigma vom halluzinierenden Psychotiker nun auch auf zwangskranke Menschen auszudehnen. Vielmehr zeigt sich, dass die Grenze zwischen leisen Gedanken bis hin zu lebhaften Halluzinationen fließender ist, als bisher angenommen.

Jana Röhlinger

Jana Röhlinger war an der geschilderten Studie als Erstautorin beteiligt (DOI: 10.1016/j.psychres.2015.10.009).

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