Mit dem Ruhestand schwindet die Schwermut

15. Juni 2012
 

Zuerst die schlechte Nachricht: Etwa zehn Prozent aller Erwachsenen in Deutschland sind depressiv, und je älter man wird, desto größer ist das Risiko. Die gute Nachricht: Mit Beginn der Rente schwindet dann häufig die Depression. Das geht aus einer Analyse von Versorgungsdaten des Zentralinstituts für die Kassenärztliche Vereinigung (ZI) hervor.

Demnach steigt die Verbreitung von Depressionen zunächst vom 18. bis zum 60. Lebensjahr fast linear an (von 1,3 auf 9,4 Prozent bei Männern und von 3,0 auf 17,9 Prozent bei Frauen), fällt dann aber mit dem Renteneintrittsalter wieder um etwa drei Prozentpunkte ab. Dies widerspricht der oft geäußerten Vermutung, dass Berufstätige mit dem Ende des Arbeitslebens in eine Sinnkrise geraten. Der Ruhestand scheint eher wie ein Antidepressivum zu wirken.

Dazu passt auch das Ergebnis einer anderen Untersuchung: An ihrem Lebensabend sind die meisten Menschen davon überzeugt, ihr Schicksal selbst in der Hand zu halten – auch wenn sie tatsächlich die Kontrolle über weite Bereich ihres Lebens zunehmend verlieren. Zu diesem Fazit kommen die Psychologen Jule Specht, Boris Egloff und Stefan Schmukle in einer Studie, die jetzt in der Zeitschrift Developmental Psychology erschienenen ist.

„Je älter Menschen werden, desto häufiger erleben sie nicht kontrollierbare Ereignisse wie zum Beispiel schwere Krankheiten“, sagt Erstautorin Jule Specht von der Universität Leipzig. „Dennoch ist der Glaube, selbst über das eigene Leben zu bestimmen, im hohen Alter noch überraschend stark ausgeprägt.“ Offenbar spielt auch da der Wegfall der Fremdbestimmung am Arbeitsplatz mit Eintritt der Rente eine Rolle: In dieser Beziehung sind Ruheständler frei und ungebunden.

Die Überzeugung eines Menschen, sein Leben im Griff zu haben, bezeichnen Psychologen als „Kontrollüberzeugung“. Wie sich diese im Laufe des Lebens ändert, haben Jule Specht und ihre beiden Kollegen anhand der Fragebogendaten von knapp 9500 Menschen ausgewertet, die im Rahmen des sozio-oekonomischen Panels (SOEP) erhoben wurden, einer großen multidisziplinären Langzeitstudie in Deutschland.

Die Daten zeigen: Bei jüngeren Menschen zwischen 20 und 40 Jahren nimmt die Kontrollüberzeugung immer mehr zu. Das Leben liegt vor einem, und beruflich wie privat geht es scheinbar stetig bergauf.

Dann aber gibt es einen Knick, und im Alter zwischen 40 und 60 Jahren sinkt das Vertrauen in die Macht über das eigene Schicksal. „Den meisten Männern und Frauen stehen in dieser Lebensphase nicht mehr alle Möglichkeiten offen“, erklärt Jule Specht. „Viele fürchten zum Beispiel, beruflich auf ein Abstellgleis zu geraten.“

Später, ab einem Alter von 60 Jahren, nimmt der Glaube, alles im Griff zu haben, jedoch wieder zu – und bleibt bis ins hohe Alter erstaunlich fest. „Wir wissen, dass diese Entwicklung für die älteren Menschen große Vorteile hat“, so Specht. „Frühere Studien haben gezeigt, dass Männer und Frauen mit einer höheren Kontrollüberzeugung zufriedener sind und länger leben.“

Männer glauben übrigens eher als Frauen, die Dinge im Griff zu haben. Neben dem Geschlecht beeinflusst in jedem Alter auch das Bildungsniveau die Kontrollüberzeugung. „Menschen mit einer höheren Bildung haben auch objektiv mehr Kontrolle über ihr Leben, zum Beispiel durch mehr Selbstbestimmung im Beruf“, sagt Jule Specht. Hier entspricht die Kontrollüberzeugung also der Realität.

Quellen: springermedizin.de, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung via idw
Diesen Artikel:

Neu im Shop

Oliver Sacks: Drachen, Doppelgänger und Dämonen

Neue, faszinierende Fallgeschichten des berühmten Neurologen. Über Menschen mit Halluzinationen. Aus dem Amerikanischen von Hainer Kober.

22,95 €inkl. 7% MwSt.
Anzeige

Aboservice

Jahres-, Studenten- oder Geschenkabo: Sie wählen Ihr Abonnement – wir bieten interessante Prämien! Zum Abo-Shop.