Ältere fahren anders – nicht schlechter
„Vorsicht: Opa am Steuer!“ Medien greifen gerne Meldungen über zum Teil spektakuläre Autounfälle auf, an denen ältere Fahrer beteiligt waren. Ebenso regelmäßig wird die Forderung erhoben, die Führerscheinprüfung ab einem gewissen Alter regelmäßig aufzufrischen, um fahruntaugliche Senioren aus dem Straßenverkehr zu ziehen.
Doch alles in allem fahren ältere Verkehrsteilnehmer gar nicht schlechter als jüngere. Reaktions- und Wahrnehmungsdefizite gleichen sie durch Erfahrung und einen defensiveren Fahrstil aus. Zu diesem Ergebnis kommt jetzt eine neue Publikation des Zentrums für Evaluation (ZEM) der Universität Bonn mit dem Titel „Ältere Verkehrsteilnehmer – Gefährdet oder gefährlich?“.
Dort fassen Psychologen, Alternsforscher, Mediziner und Städteplaner die Ergebnisse ihrer Forschungsarbeit zusammen. Das Autorenteam beleuchtet die Frage aus unterschiedlichen Perspektiven und bietet Lösungen für den Alltag älterer Menschen im Straßenverkehr an. Mitherausgeberin Kristina Kocherscheid, Psychologin vom Zentrum für Alternskulturen (ZAK), betont, dass Senioren tatsächlich viel öfter Opfer als Täter im Straßenverkehr sind. Aus diesem Grund spricht sie sich gegen starre Altersüberprüfungen aus, da der Alterungsprozess immer individuell verlaufe.
„Ohne Frage haben viele ältere Verkehrsteilnehmer altersbedingte Einbußen“, sagt Kocherscheid. Sie sehen schlechter, ihre Motorik lässt nach, und verschiedene Medikamente führen zu Nebenwirkungen, die sich auf ihre Fahrtüchtigkeit auswirken können. „Aufgrund dieser Einschränkungen werden Ältere aber oft unterschätzt“, so die Psychologin. Dabei werde übersehen, dass ältere Menschen Strategien entwickeln, um diese Einschränkungen zu kompensieren. So fahren sie lieber tags als nachts und meiden Fahrten bei schlechtem Wetter. „Sie sind sich im Klaren darüber, dass sie Schwächen haben und passen sich an.“
Ziel der Autoren ist, die Mobilität und die Selbstständigkeit von Senioren so lange wie möglich zu erhalten. Aus diesem Grund befassen sie sich mit altersgerechter Städte- und Raumplanung. Barrierefreiheit und benutzerfreundliche öffentliche Verkehrsmittel spielen dabei eine zentrale Rolle. Die Experten halten es für vordringlich, generationsübergreifende Konzepte und gleichzeitig Handlungsempfehlungen mit praktischen Tipps zu entwickeln. Dabei sollten ältere Verkehrsteilnehmer selbst in die Planung einbezogen werden, damit die Konzepte auch ihren Bedürfnissen und Wünschen gerecht werden.
Die Bonner Wissenschaftler empfehlen die Gründung von Netzwerken, bestehend aus Seniorenbüros, Fahrlehrern und Hausärzten. Sie könnten geeignete Schulungen und Trainings für Ältere durchführen und damit deren Sicherheit im Straßenverkehr erhöhen. Eine wichtige Rolle spielt der Hausarzt. Als erster Ansprechpartner trage er dazu bei, dass Tipps der Alternsforscher ankommen und auch angenommen werden. Außerdem habe er die Aufgabe, hinsichtlich der Fahrtüchtigkeit über krankheitsbedingte Gefahren und mögliche Nebenwirkungen von Medikamenten zu informieren.
Grundsätzlich, so die Autoren, können Menschen bis ins hohe Alter mobil bleiben. „Mobilität bedeutet besonders für Senioren ein hohes Maß an Lebensqualität“, sagt Kristina Kocherscheid.
Quelle: idw
Literatur:
Georg Rudinger, Kristina Kocherscheid: Ältere Verkehrsteilnehmer – Gefährdet oder gefährlich? Defizite, Kompensationsmechanismen und Präventionsmöglichkeiten. Bonn University Press bei V&R unipress, ISBN: 978-3-89971-885-0
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