Aggressiv aus Empathie

19. Februar 2015
 

Ein junger Texaner hört seine Tochter schreien. Alarmiert folgt er dem Gewimmer und überrascht einen Landarbeiter, der sich an dem Mädchen vergeht. Der Vater sieht rot, innerhalb weniger Sekunden prügelt er den Angreifer zu Tode. Diese Episode, die sich am 2. Juni 2012 zugetragen hat, stellen die Psychologen Anneke Buffone und Michael Poulin einer aktuellen Studie voran. Denn der Vater des Mädchens war zuvor nie als aggressiv aufgefallen. Offenbar hatte ihn die Liebe zu seiner Tochter dazu gebracht zu töten.

Wenn wir an uns nahestehende Menschen denken, empfinden wir in der Regel Wärme, Zärtlichkeit und Mitgefühl, kurz: Empathie. Diese Empathie motiviert uns, Leid von unseren Kindern, Geschwistern, Eltern und Freunden fernzuhalten und uns stattdessen um ihr Wohlbefinden zu bemühen. Buffone und Poulin führten nun in zwei Experimenten die Schattenseite dieser Emotion vor.

Die Wissenschaftler von der Universität in Buffalo im amerikanischen Bundesstaat New York ließen 162 Freiwillige einen kurzen Text lesen. Der Protagonist, ein junger Student, litt unter Geldsorgen. Buffone und Poulin erfragten nun, wie sehr die Probanden mit diesem armen Schlucker mitfühlten.

Unter einem Vorwand bekamen die Versuchspersonen dann die Gelegenheit, einem angeblichen Wettbewerber Schaden zuzufügen. Und tatsächlich: Je mehr Empathie sie empfanden, desto aggressiver verhielten sie sich gegenüber dem Konkurrenten – sie zwangen ihn, Unmengen scharfer Soße zu verzehren.Bemerkenswert: Der Wettbewerber war nicht für die Probleme des Protagonisten verantwortlich. Er stand nur dem Studenten, dem das allgemeine Mitgefühl galt, im Weg.

Bei ernsten Konflikten steigt die Bereitschaft einzugreifen

In einem weiteren Versuch baten Buffone und Poulin 69 Studenten, sich auf eine gedankliche Reise zu begeben. Sie sollten sich erinnern, wie ein nahestehender Mensch von einem Dritten körperlich oder seelisch verletzt wurde. Dieser nahestehende Mensch konnte ein guter Freund, ein Familienmitglied, der Partner oder das eigene Kind sein. Wer für den Konflikt verantwortlich war, wer im Recht war und wer wen provoziert hatte – danach fragten die Forscher nicht. Wie sich zeigte, hatten sich immerhin 26 Teilnehmer aktiv eingemischt. Sie hatten die andere Person mit Worten oder mit Gewalt zurückgezwungen. Die Auswertung zeigte später einen faszinierenden Zusammenhang: Empfanden die Probanden einerseits den Konflikt als ernst und zugleich eine große Empathie für den ihnen nahestehenden Menschen, stieg die Wahrscheinlichkeit zu intervenieren leicht an. Schien ihnen das alles nicht besonders ernst zu sein, sagte hohes Mitgefühl eine geringere Bereitschaft einzugreifen vorher.

Wie zudem die Auswertung von DNA-Proben aus den beiden Versuchen zeigte, scheinen Genvarianten, die für die Ausprägung von Rezeptoren für die Bindungshormone Oxytocin und Vasopressin verantwortlich sind, den Weg von Empathie zu Aggression befördern. Allerdings ist, wie die Wissenschaftler schreiben, die genaue Funktionsweise dieser Genvarianten AVPR1a und OXTR bisher nur unzureichend verstanden.

Was bedeutet das alles für unseren Alltag? Buffone und Poulin meinen, dass Aggression aus Empathie ein großes Problem mit sich bringt: Die Frage nach der Gerechtigkeit und dem moralisch richtigen Verhalten geht verloren. Ein Vater, der ausrastet, weil sein Kind auf dem Spielplatz in einen Streit verwickelt ist, hätte vielleicht besser fragen sollen, wer da wem das Förmchen weggenommen hat – statt sofort für seinen Nachwuchs Partei zu ergreifen.

Johannes Künzel

Anneke Buffone, Michael Poulin: Empathy, target distress, and neurohormone genes interact to predict aggression for others-even without provocation. Personality and Social Psychology Bulletin, 40/11, 2014, 1406–1422. DOI: 10.1177/0146167214549320 (Abstract)
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