Being Sigmund Freud: Ich als mein Therapeut

02. Oktober 2015
 

In Filmen ist es ein beliebtes Motiv, dass der Protagonist in Körper und Kopf eines anderen schlüpft. Aber warum muss es ausgerechnet John Malkovich sein? Wie wäre es stattdessen mit, sagen wir: Sigmund Freud? Diese Verwandlung wäre doch sicher nicht nur hochspannend, sondern auch praktisch, denn dann könnte man sein eigener Therapeut sein! Genau das haben spanische Forscher nun in einem Experiment mit virtueller Realität durchexerziert. Das Resultat ist vielversprechend.

Die Psychologin Sofia Adelaide Osimo und ihre Kollegen vom Event Lab der Universität von Barcelona stützten sich in ihrem High-Tech-Experiment auf eine besonders aufgefeilte Methode, Versuchspersonen mithilfe eines Headsets und Bewegungssensoren in eine virtuelle Umgebung zu versetzen. Dort fanden die Probanden einen Doppelgänger von sich selbst vor – nebst einem älteren Herrn mit Brille, weißem Bart und Weste namens Sigmund Freud.

Nun begann ein filigranes therapeutisches Rollenspiel. Die Probanden hatten schon im Vorfeld ein persönliches Problem ausgedeutet, das sie gerne mit dem berühmten Analytiker durchsprechen und klären wollten. Die Forscher achteten allerdings darauf, dass das ausgesuchte Thema die Teilnehmer zwar wirklich bewegte, ihnen aber nicht zu sehr unter die Haut ging – denn im Rahmen eines solchen Experiments einen wirklich drängenden Konflikt anzugehen, schien ihnen aus ethischen Gründen nicht ratsam.

Rollentanz im virtuellen Therapiezimmer

Nachdem sie sich mit der virtuellen Szenerie vertraut gemacht hatten, schlüpften die Teilnehmer zunächst in ihren eigenen virtuellen Körper, der nach ihrem wirklichen Aussehen modelliert worden war und alle ihre Bewegungen und Gesten mitmachte. Aus dieser Warte schildeten sie dem geduldig lauschenden Freud – er stand ihnen ausnahmsweise gegenüber und saß nicht hinter der Couch – ihr Anliegen.

Nun wechselten die Teilnehmer die Identität und bemächtigten sich des Körpers von Sigmund Freud, den sie wiederum synchron mit ihren eigenen Körperbewegungen steuern konnten. Sie sahen und vernahmen nun alles aus seiner Warte. Gleichzeitig machten sie einen Zeitsprung zurück zum Ausgangspunkt der Szene: Als Freud hörten und schauten sie sich noch einmal an, wie ihr virtuelles Selbst seinen Sorgenfall vortrug: Was sagt dieser Klient? Und wie sagt er es?

Dann sprach Freud. Das heißt, der Proband sprach in dem Körper Freuds, wobei seine Stimme technisch etwas bearbeitet wurde und tiefer klang, so wie man das bei einem weisen Ratgeber nun mal erwartet. Freud, also der Teilnehmer selbst, erläuterte nun dem Klienten, also wiederum sich selbst, wie er dessen Angelegenheit beurteilte und was getan werden könnte. Danach wechselte der Proband abermals die Rolle, begab sich wieder in seinen eigenen Avatar und lauschte den Worten des berühmten Therapeuten, mithin seinen eigenen. Er erwiderte etwas, gab sich daraufhin erneut als Freud Antwort – und so fort in abwechselnden Rollen, so lange er dies wünschte.

Ich bin gut als Selbsttherapeut, aber als Freud bin ich besser

Wie sich herausstellte, war diese Art der Selbsttherapie – zumindest kurzfristig – recht wirkungsvoll. Sowohl in einer unmittelbaren Befindlichkeitsabfrage als auch in einem anschließenden Fragebogen zeigten sich die Probanden danach rundum zufriedener und in besserer Stimmung als vor dem Experiment.

Das war zum Teil ihr eigenes Verdienst, zum Teil aber auch das spezielle Verdienst Freuds – oder besser: ihr eigenes Verdienst in der Person Freuds. Dies nämlich belegte eine Variante des Experiments: Dabei war nicht Freud der virtuelle Therapeut, sondern ein zweiter Avatar des Teilnehmers selbst fungierte als Ratgeber. Der Proband war also abwechselnd er selbst als Klient und er selbst als Therapeut. Auch dieses Procedere stellte sich als hilfreich heraus. Doch Freud war besser. „Wenn die Probanden den Wiener Psychoanalytiker verkörperten, war ihr Rat viel effektiver, als wenn sie einfach zu sich selbst sprachen“, erläutert Osimo.

Auch auf die Qualität der Simulation kam es entscheidend an: In einer Versuchsvariante, in der der virtuelle Sigmund Freud nicht synchron zu den Körperbewegungen der Probanden agierte, verpuffte der therapeutische Effekt beinahe vollständig.

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