Bewusstseinszustand: ziemlich high!

01. September 2017
 

Konsumenten psychedelischer Substanzen überhöhen ihren Drogenrausch gerne mit dem Hinweis auf einen „höheren Bewusstseinszustand“, in den sie der Trip versetze und der ihnen ein tieferes Verständnis der Dinge gewähre. Hirnphysiologisch scheint da überraschenderweise ein Körnchen Wahrheit dran zu sein. Forscher der University of Sussex haben jetzt die Daten früherer Studien erneut analysiert, in denen die Hirnaktivität von Probanden nach dem Genuss von Psilocybin, Ketamin oder LSD beobachtet worden war.

Sie stellten fest, dass bei allen drei Substanzen die neural signal diversity erhöht war. Dies ist ein mathematischer Index, der die Komplexität der Hirnaktivität und die Intensität des Bewusstseins anzeigt. In Zuständen wie Schlaf, Anästesie oder Koma liegt dieser Index niedriger als im Wachzustand – unter psychedelischen Drogen scheint er hingegen erhöht zu sein. Das heiße aber nicht, dass dieser Zustand „besser“ oder wünschenswerter sei als das normale Alltagsbewusstsein, betonen die Forscher um Michael Schartner und Anil Seth. (1)

LSD gegen Depression und Angst?

Seit einigen Jahren ist das Interesse an der Erforschung von Halluzinogenen wieder erwacht, angeregt von einer kontroversen Diskussion um einen therapeutischen Einsatz solcher psychoaktiver Substanzen, etwa bei schweren Depressionen. Wissenschaftler der Universität Basel um Felix Müller haben in einer aktuellen Studie gezeigt, dass LSD die Aktivität der Amygdala senkt, einem Angstzentrum des Gehirns. Als die Forscher ihren 20 Probanden, die 100 Mikrogramm LSD eingenommen hatten, Bilder von angstverzerrten Gesichtern zeigten, ließen diese sich von der Emotion nicht anstecken und blieben vergleichsweise kühl. (2)

Thomas Saum-Aldehoff

 

(1) Michael M. Schartner u.a.: Increased spontaneous MEG signal diversity for psychoactive doses of ketamine, LSD and psilocybin. Scientific Reports, 7, 2017, Article number: 46421. DOI: 10.1038/srep46421

(2) F. Mueller u.a.: Acute effects of LSD on amygdala activity during processing of fearful stimuli in healthy subjects. Translational Psychiatry, 7, 2017, e1084. DOI: 10.1038/tp.2017.54

 

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